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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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Er hörte Schritte, sah aber erst auf, als Angela sich neben ihm in die Hocke sinken ließ und ihr Schatten über Reinholds Gesicht fiel.

»Warum hast du das getan?« fragte er.

Angela sah ihn stirnrunzelnd an. Sie hatte die Hand nach Reinholds Gesicht ausgestreckt, zog sie nun aber wieder zurück und fragte: »Was glaubst du, was er mit mir gemacht hätte, hätte ich ihn gelassen?«

Bremer hatte gesehen, was der Agent Angela um ein Haar angetan hätte. Sein logisches Denken sagte ihm mit einer Klarheit, die keinen Widerspruch duldete, daß Angela gar keine andere Wahl gehabt hatte. Reinhold hätte sie umgebracht, hätte sie ihm die Gelegenheit dazu geboten. Aber das war nur die eine Seite. Daneben gab es noch eine andere, die zumindest im Moment stärker war als jede Logik, die auf die zertrümmerte Maske herabsah, die einmal ein menschliches Gesicht gewesen war, und die sich vor Entsetzen zusammenzog, wenn sie an die gnadenlose Brutalität zurückdachte, mit der Angela gekämpft hatte. Sie hatte nicht gekämpft, wie ein Mensch kämpfen sollte. Sie hatte sich nicht einmal bewegt, wie sich ein Mensch bewegen sollte.

Angela schien zu spüren, daß das nicht die Antwort war, die er hatte hören wollen, denn ihr Blick wurde härter. Zwei, drei Sekunden lang sah sie ihn kalt an, dann ließ sie ihren Blick für die gleiche Zeit auf der Waffe ruhen, die er zwischen seinen Knien abgelegt hatte, und sagte ruhig: »Ich schätze, ich habe ihm das Leben gerettet.«

Bremer fand diese Antwort einfach nicht fair. Richtig, zwingend, aber einfach nicht fair.

Angela blickte ihn noch zwei oder drei Sekunden weiter auf diese schreckliche, kalte Art an, dann hob sie die Augenbrauen, als hätte sie sich selbst in Gedanken eine Frage gestellt und zugleich auch beantwortet, und wandte sich wieder dem verletzten Agenten zu. Ihre Fingerspitzen fuhren ganz sacht über Reinholds Gesicht, berührten sein Kinn, den zerbrochenen Kiefer und das Wangenbein und zogen sich wieder zurück, und etwas beinahe Unheimliches geschah: Reinhold hörte auf zu wimmern. Sein pfeifender Atem beruhigte sich, und Bremer konnte regelrecht sehen, wie die Spannung aus seinem Körper wich.

»Wie ... hast du das gemacht?« fragte er fassungslos.

»Ich habe heilende Hände«, antwortete Angela. Sie seufzte. »Mehr kann ich nicht tun. Wir rufen ihm einen Krankenwagen, sobald wir unterwegs sind. Komm jetzt.« Während sie sprach, hatte sich ihre Stimme verändert, etwas von der alten Leichtigkeit war jetzt wieder darin, auch wenn sie Bremer im Moment ziemlich unpassend erschien. Sie stand auf, und auch Bremer erhob sich und steckte in der gleichen Bewegung die Waffe ein, die er Cremer abgenommen hatte. Automatisch wollte er sich nach links wenden, wo Angelas Fiat stand, aber sie schüttelte den Kopf und deutete auf den BMW.

»Wir nehmen den«, sagte sie. »So eine Angeberkarre wollte ich immer schon mal fahren.« Sie lief um den Wagen herum, warf sich hinter das Steuer und startete den Motor, noch bevor Bremer die Beifahrertür öffnen und ebenfalls Platz nehmen konnte. Ihr Fuß spielte nervös mit dem Gas. Die ungezählten PS des BMW brüllten laut genug auf, um auch noch den letzten Schläfer im Umkreis von hundert Metern zu wecken, und Bremer beobachtete etwas, was ihm angesichts ihrer Situation einfach nur absurd vorkam: Angela hatte offensichtlich die Wahrheit gesagt, was ihre Begeisterung für diesen Wagen anging. Ihre Augen leuchteten, und ihre Hände öffneten und schlossen sich im gleichen Takt um das lederbezogene Lenkrad, in dem ihr Fuß mit dem Gas spielte. Es erschien ihm fast unglaublich, daß das die gleiche junge Frau sein sollte, die noch vor drei Minuten vor seinen Augen einen hochtrainierten Nahkampfspezialisten auseinandergenommen hatte. Was er im Moment vor sich sah, das war ein Kind, das ein neues Spielzeug bekommen hatte, und darauf brannte, es auszuprobieren. Und es tat.

Er zog die Tür hinter sich zu, und Angela trat das Gaspedal des BMW warnungslos bis zum Boden durch und ließ zugleich die Kupplung springen. Der Wagen machte einen Satz, der ihn nicht nur bis zur Mitte der Straße katapultierte, sondern Bremer auch so tief in die Sitzpolster preßte daß ihm die Luft wegblieb, und stellte sich mit durchdrehenden Hinterrädern quer. Unter seinem Heck quoll hellgrauer Qualm hervor.

»Ups!« sagte Angela lachend. »Das war vielleicht ein bißchen heftig. Großer Gott, hat die Kiste eine Power!«

Bremer arbeitete sich mühsam wieder in die Höhe und starrte sie böse an. »Willst du zu Ende bringen, was diese beiden Idioten angefangen haben?« fragte er.

»Schnall dich an«, grinste Angela - und gab Gas.

Bremer griff hastig nach dem Sicherheitsgurt, stemmte die Füße gegen das Bodenblech und hielt den Atem an, bis der Verschluß eingerastet war. Die Kirche war längst hinter ihnen zurückgefallen, und einen Kilometer vor ihnen konnte Bremer ein Stopschild im Licht des Scheinwerfers erkennen. Angela gab erbarmungslos weiter Gas. Der Motor kreischte, und die Häuser rechts und links der Straße bemühten sich, zu ineinanderfließenden Schemen zu werden. Selbst Bremer, der nichts von Autos verstand, begann sich zu fragen, was für eine Maschine unter der Haube des BMW arbeitete. Das Ding beschleunigte wie ein Flugzeug!

»Angela!« sagte er vorsichtig.

»Nimm das Handy.« Sie deutete auf den Apparat, der am Armaturenbrett befestigt war. »Ruf einen Krankenwagen für die beiden.« Bremer löste das Handy aus seiner Halterung, tippte die 110 ein und zögerte noch einmal. Das Stopschild huschte an ihnen vorbei, ohne daß Angela auch nur den Fuß vom Gas nahm. »Soll ich gleich noch einen zweiten Krankenwagen für uns bestellen?« fragte er. »Das da gerade war ein Stopschild!«

»Die gelten ab drei Uhr nachts nicht mehr«, antwortete Angela grinsend. »Ruf an. Der arme Kerl braucht dringend einen Arzt.«

Bremer drückte die Ruftaste. Als sich der Diensthabende meldete, bestellte er einen Krankenwagen an die Adresse der Straße, auf der sie gerade abgehoben hatten, ignorierte die Frage nach seinem Namen und hängte ein.

»Bitte fahr langsamer«, bat er. »Mir wird schlecht.« Das entsprach sogar der Wahrheit, hatte aber wohl weniger mit Angelas Fahrstil zu tun: Seine Nieren taten so erbärmlich weh, daß er am liebsten laut losgeheult hätte.

»Feigling!« lachte Angela. Vermutlich nur, um ihn zu ärgern, gab sie noch mehr Gas, katapultierte den Wagen mit kreischenden Reifen über eine rote Ampel und trat anschließend so hart auf die Bremse, daß Bremer in den Sicherheitsgurt geworfen wurde. Aber als er sich wieder hochrappelte, rasten sie wenigstens nicht mehr mit hundertdreißig Stundenkilometern durch das nächtliche Berlin, sondern nur noch mit siebzig, vielleicht achtzig.

»Entschuldige«, sagte Angela, »aber das habe ich jetzt gebraucht. Davon habe ich schon lange geträumt, weißt du? Diese Dinger sind unvernünftig, gefährlich und dumm - aber sie machen einfach Spaß!«

»Ach?« sagte Bremer säuerlich.

Angela warf ihm einen raschen Blick zu. Sie sagte nichts, nahm den Fuß aber weiter vom Gas, bis sie nur noch mit knapp fünfzig Stundenkilometern dahinrollten. Bremer dankte ihr in Gedanken, drehte sich im Sitz herum und sah in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren.

»Was ist mit deinem Wagen?« fragte er.

»Jemand wird ihn schon finden und abschleppen lassen«, antwortete Angela achselzuckend. »Und wenn nicht, melde ich ihn eben als gestohlen... Ich kenne da einen Polizisten, der mir bestimmt bei den Formalitäten helfen wird.«

»Ex-Polizisten«, verbesserte sie Bremer. »Jedenfalls bald.«

Angela ging vorsichtshalber nicht darauf ein. »Wie geht es deinen Nieren?« fragte sie.

Bremer fragte sich, woher sie von seinem Problem wußte. Sie war erst aufgetaucht, nachdem Cremer ihn zusammengeschlagen hatte. »Danke«, sagte er. »Sie tun ziemlich weh. Vor allem, wenn mich jemand daran erinnert.«

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