Der Arzt von Stalingrad
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочее научное
Электронная книга - «Der Arzt von Stalingrad». Краткое содержание книги:
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FÜR ALLE, DIE NICHT ZURÜCKKEHRTEN FÜR ALLE, VON DEREN SCHICKSAL NIEMAND WEISS...
GEDULD IST DIE KUNST ZU HOFFEN VAUVENARGUES
»Er ist zu mir gekommen«, fuhr Worotilow fort, »weil sein einziger Sohn krank ist. Er behauptet sehr krank. Eine böse Magenkrankheit. Ißt seit Wochen kaum mehr, bricht alles.«
»Wie alt ist denn der Patient?« fragte Böhler interessiert.
»Ich glaube Anfang Zwanzig«, sagte Worotilow. »Es hat sich in Stalingrad herumgesprochen, daß wir hier gute Ärzte haben. Jetzt bittet mich Kislew, Sie für ein paar Stunden mit nach Stalingrad zu geben, damit Sie seinen Sohn untersuchen können. Was halten Sie davon?«
Böhler lächelte. »Ärzte müssen kommen, wenn man sie ruft«, sagte er verbindlich, »aber hier ist das etwas schwierig. Ich bin nicht ganz Herr meiner Entschlüsse.«
»Ich beurlaube Sie natürlich. Ich darf es zwar nicht.« Worotilow ging im Zimmer hin und her, »es ist streng verboten, daß Gefangene mit der Zivilbevölkerung Kontakt aufnehmen. Wegen Fluchtgefahr und Beihilfe. Ich vertraue Ihnen, Sie machen davon keinen Gebrauch.«
»Solange ich noch kranke Kameraden in meinem Lazarett habe, können Sie völlig unbesorgt sein.«
»Das ist gut!« Worotilow sah ihn groß an. »Ich beurlaube Sie besonders gern. Kislew vergibt auch Aufträge an die Straflager. Wenn Sie Glück haben, erfahren Sie etwas über Doktor Sellnow.«
Dr. Böhler starrte Worotilow an. Der lächelte, als habe er einen Witz gemacht.
»Das werde ich Ihnen nie vergessen, Major«, sagte Dr. Böhler mit belegter Stimme. »Sie sind ein verdammt feiner Kerl. Schade, daß wir zwei verschiedene Uniformen tragen.«
Der Major hob die Hand. »Wenn Sie mein Vaterland beleidigen, schlage ich Ihnen ins Gesicht!«
Dr. Böhler senkte lächelnd den Kopf. »Ich weiß, ich weiß - es dauert seine Zeit, bis eine Schlange sich häutet.«
Sergej Kislew rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Mit flehenden Augen sah er Worotilow an. »Was sagt er?« fragte er.
»Er will mit Ihnen gehen.« Worotilow steckte die Hände in die Taschen seiner Uniformhose. »Er will keine Bezahlung, der deutsche Arzt, er will nur wissen, ob Sie 53/4 kennen.«
Sergej Kislew schob die Unterlippe vor, sein Gesicht wurde verschlossen, steinern.
»Kenne ich nicht.«
»Nishnij Balykleij?«
»Liegt an der Wolga. Aber da ist kein Lager.«
Worotilow nickte. Er lehnte sich gegen die Kante des Schreibtisches und betrachtete Kislew gemütlich. »Natürlich - da ist kein Lager. Es gibt ja in Stalingrad auch keinen kranken Sascha Kislew.«
Sergej Kislew erbleichte. »Was soll das heißen?« stotterte er. »Sie wollen den Arzt nicht mitgeben? Der Junge stirbt mir! Er bricht schon Blut und ißt nichts mehr!«
»Dann solltet Ihr weniger fett fressen, Genosse Kislew.«
Der Bauunternehmer nickte schwach. »In Nishnij Balykleij arbeiten siebzehn Mann für mich. Sie machen Holzflöße für die Wolga.« Er sah Worotilow furchtsam an. »Aber ich darf nichts sagen, Genosse. Es kostet mich den Kopf, wenn man erfährt, daß ich etwas verraten habe!« Er erhob sich mit müden Bewegungen. »Geht der deutsche Arzt jetzt mit?«
»Ja. Sie müssen ihn aber am Abend wieder ins Lager bringen! Wenn er bei einer plötzlichen Kontrolle der Division fehlt, ist die Hölle los! Ich werde von einer >Ausleihung< nichts wissen.«
»Natürlich nicht, Major«, Sergej Kislew verbeugte sich mehrmals dankend. Die alte russische Unterwürfigkeit brach durch. »Aber wenn mein Sascha sehr krank ist.«
Worotilow wandte sich an Dr. Böhler. Er sprach jetzt wieder deutsch. »Können Sie gleich mitfahren, Doktor? Oder haben Sie dringende Fälle?« »Es geht. Dr. Schultheiß wird meine Kranken gut versorgen.«
Worotilow nickte ihm zu. »Wenn Sie Kislews Sohn retten, können Sie von ihm haben, was Sie wollen. Vor allem erträgliche Arbeitsbedingungen für Ihre Kameraden.«
»Ich werde daran denken, Major.«
Als Dr. Böhler die Kommandantur verließ, sah ihm Worotilow mit zusammengekniffenen Lippen nach. »Diese Deutschen!« knurrte er. »Man hätte sie doch ausrotten sollen!«
Dr. Böhler wurde in das Militärhospital gebracht, in dem der Kranke lag, und ohne besondere Förmlichkeiten an das Krankenbett geführt. Es erwies sich, daß die Sorge Kislews um seinen Sohn mehr als berechtigt war. Sascha, ein einundzwanzigjähriger Rotarmist, litt seit einem Jahr an Magenbeschwerden. Er wurde nie durchleuchtet, war ohne jegliche Bedenken bei den Musterungen tauglich befunden und zum Militär eingezogen worden.
Bald nachdem er seinen Dienst angetreten hatte, bekam er eines Abends Schwindel- und Übelkeitsgefühl und erbrach. Das Erbrochene war stark mit Blut durchsetzt. Er wurde plötzlich bewußtlos und mit Kollaps ins Truppenlazarett eingeliefert.
Das war vor drei Wochen gewesen.
Diesen Bericht gab ein junger russischer Assistenzarzt an Böhler. Er war wortkarg, kam aber gehorsam dem Befehl nach, dem deutschen Arzt zur Verfügung zu stehen.
»Behandlung?« fragte Böhler ebenso knapp.
»Jeden zweiten Tag Bluttransfusion, seit der Aufnahme etwa vier Liter Blut«, antwortete der Russe.
»Und bei der Aufnahme?« fragte Böhler weiter.
»Bei der Aufnahme erhielt Patient fünfhundert Kubikzentimeter gruppengleiches Blut und kam zu sich«, las der Russe vom Krankenblatt ab.
»Sonst haben Sie nichts unternommen?« erkundigte sich Böhler gewissenhaft.
»Es bestand eine innere Blutung«, sagte der russische Arzt gereizt. »Sie wurde durch Bluttransfusion gestillt. Das ist das beste Mittel.
Es hat sich tausendfach bewährt.«
»Sicherlich«, sagte Böhler beschwichtigend, »ich informiere mich nur. Wie ist denn jetzt das Blutbild?«
Der Russe sah ins Krankenblatt. »Bei der Einlieferung fünfzig Prozent Hämoglobin und zweikommaneun Millionen rote«, las er vor, »acht Tage später vierzig Prozent Hämoglobin und zweikommavier rote, acht Tage später: sechsunddreißig Prozent Hämoglobin und zwei Millionen rote. Augenblicklicher Status: Hämoglobin zwanzig, rote einskommaeins Millionen.«
Böhler sagte nichts. Er unterdrückte mit Mühe sein Entsetzen. Zwanzig Hämoglobin statt hundert, nur noch ein Fünftel des normalen Gehalts, und eine Million rote Blutkörperchen im Kubikmillimeter statt fünf Millionen ... der Kranke war praktisch völlig ausgeblutet. Und man hatte nichts unternommen.
Er wandte sich dem Kranken zu, der ihn ansah, ohne ihn zu sehen. Er war verfallen, die Gesichtsfarbe fahl wie das Leintuch, auf dem er lag, die Augäpfel gelblich verfärbt. Böhler fühlte den Puls. Er schätzte ihn auf hundertzwanzig. Der Kranke atmete nur wenig schneller als normal. Er war dazu schon zu schwach, und sog bei jedem Zug nur wenig Luft in die Lungen. Seine Lippen zeigten keinerlei Röte mehr.
Böhler ließ sich die anderen Laborbefunde vorlesen, die recht exakt und vollzählig durchgeführt waren. Eiweiß im Urin stark positiv, im Sediment rote Blutkörperchen, viele Zylinder, Nierenzellen, Teerstuhl. Dieser letzte Befund zeigte deutlich, daß eine schwere innere Blutung bestand, die offensichtlich durch die Transfusion nicht zum Stehen gekommen war. Böhler tastete den Leib des Patienten ab. Wenn er an eine bestimmte Stelle über dem Nabel geriet, stöhnte der Kranke tief auf vor Schmerz und machte schwache abwehrende Bewegungen.
Sein Schicksal ist besiegelt, dachte Böhler schematisch. Sein Lehrer fiel ihm ein, der alte Professor Sandtmann, der davor gewarnt hatte, einen Patienten mit Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür zu operieren, wenn der Sitz des Geschwürs nicht genau bekannt war
und der Patient eine schwere Blutung durchgemacht hatte.
Und dieser Kranke war noch niemals geröntgt worden. Zweifellos hatte er ein Zwölffingerdarmgeschwür.
Böhler erhob sich von der Bettkante, auf der er bei der Untersuchung gesessen hatte. Er blickte auf Sergej Kislew, der am Fußende stand und ihn gespannt anstarrte. Böhler konnte sich denken, daß die Ärzte den Vater erst rufen ließen, als sie den Kranken aufgegeben hatten. Kislew sah ihn mit brennenden Augen an. »Gutt, Gospodin Doktor?« fragte er.