Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.
- Автор: Jeschke Wolfgang
- Год: 1996
- Язык: немецкий
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.». Краткое содержание книги:
»Was sagen Sie da?« entgegnete Algie, der Richter, mit seiner Fistelstimme.
»Die Angeklagte genießt nach eigenen Aussagen die Folterungen, die wir an ihr vornehmen!« erörterte Algie, der Staatsanwalt, mit Abscheu.
»Einspruch, Euer Ehren!« widersprach Algie, der Verteidiger, zaghaft.
»Herr Richter, ich möchte Sie bitten, sich zu beeilen«, unterbrach ihn Algie, der Staatsanwalt. Es gelang Algie, dem Verteidiger, nicht, unter der multifunktionellen Maske zum Vorschein zu kommen.
»Ruhe!« befahl Algie, der Richter, und tat so, als würde er sich erheben. »Schluß jetzt! Jeder begibt sich zurück an seinen Platz! Bis auf weiteres wird die Angeklagte von Memoschmerzen verschont. Eine Untersuchung wird Licht in diese Angelegenheit bringen.«
Der Buddha begann leicht zu schwanken, wie eine Statue, die man von ihrem Sockel losgeschraubt hat. Seine Gesichtszüge verzerrten sich, die Farben seiner Wangen wechselten zwischen Gelb und Grün. Das Programm der Gesichtsausdrücke geriet völlig durcheinander: kindliches Lächeln, obszöne Grimasse, mörderische Blicke. Der Schauspieler wußte nicht mehr, welche Figur er verkörpern sollte (es waren zuviele Facetten für eine einzige Maske!).
Seine wie in Panik kreisenden, ausgerenkten Arme fochten mit einem unsichtbaren Gegner. Seine Hände hantierten ungeschickt mit der Pfeifensammlung. Eine Pfeife zerbrach. Der Putz seiner Arme bröckelte noch ein wenig mehr ab und fiel als Staub auf den Boden der Zelle.
Memolust? Memolust statt Memoschmerzen? Die kleine Eva stellte fest, daß diese Enthüllung sie ebenso schockierte wie Algie. Sie rechnete mit dem Schlimmsten, mit einem Angriff, der die an ihn gerichtete Beleidigung rächen sollte. Da ihre Beziehungen derzeit sehr schlecht waren, fragte sie sich, ob ihre Hinrichtung bereits vorprogrammiert war.
Doch Algie faßte sich wieder. Er beruhigte sich und sein Leib eines majestätischen Gottes fand zu seiner ursprünglichen Orthogonalität zurück.
Er schwieg und starrte sie an, ohne sie zu sehen. Abwesend. Er hatte sich aus dem Gerichtssaal zurückgezogen, um nach Gegenargumenten zu suchen – die kleine Eva konnte sich nicht vorstellen, daß er die Welt verlassen hatte, denn, von der Litotes einmal abgesehen, das Schicksal der Roboter kümmerte sich nur wenig um die Konzepte, die das Schicksal der Menschen bestimmen. Algie hatte zweifellos recht, als er behauptete, er würde niemals einen Defekt erleiden (folglich war er unsterblich).
Ich bin ein Mischling, dachte sie, und mein menschlicher Teil wird schwächer werden, wird verkümmern. Ich bin nicht so zuverlässig wie Algie … Sie sah sich älter werden und sterben. Die Entropie: ihr Schicksal. Sie ging kaputt und hatte Lust, den moralischen Glauben an die Entropie, der die Menschheit am Leben erhielt, zu beschädigen, in der Absicht, sich mit sich selbst zu versöhnen. Doch es gab keine Menschen in ihrer Nähe, so daß ihr Hohn und ihr Spott letztlich vergeblich waren.
Ich habe begonnen, außer Betrieb zu sein! dachte sie.
»Genau das ist es, was im Moment geschieht!« sagte sie mit lauter Stimme. Doch sie war von ihrem Urteil nicht wirklich überzeugt.
Übrigens gab ein Impuls – ex abrupto und in genau demselben Moment – ihrem Hirn zu verstehen, daß ihre Stoffe unentwegt regeneriert wurden.
Zu ihrer Beruhigung tauchten anschließend die charakteristischen Bilder der Überlebenscodes auf, die in ihrer Psyche abgelegt waren. Sie zogen langsam durch ihr Hirn, schienen zu schweben wie eine Handvoll Blumen aus Krepp-Papier, die beim abschließenden Sambatanz aus dem Gewölbe auf eine Theaterbühne fallen – märchenhaft. Ihr Leben war wie ein Märchen, ihre Geschichte wie verzaubert! Und die so hübsch bebilderten farbigen Überlebenscodes erinnerten sich an sie, als sie ungerecht zu ihren Schöpfern war. Kostenlose Werbung.
In Gedanken entschuldigte sie sich. Sie hatte so getan, als hätte sie den Pakt vergessen, den sehr wenig gegenseitigen Vertrag, der sie an sie band – letztlich war die Unsterblichkeit, die man ihr in Aussicht gestellt hatte, ein Vertrauensmißbrauch. Denn falls das Gericht sie verurteilen konnte, so hätte sie zum Ausgleich auch das Recht haben müssen, an Altersschwäche einzugehen. Und zwar vorzeitig. Und zwar völlig überraschend.
»Bronze, ich habe Hunger …«
Ihr war nach Scherzen zumute. Sie hatte Angst vor der Einsamkeit, die das Zimmer heimgesucht hatte.
»Bronze, es sieht so aus, als würdest du an Verstopfung leiden …«
Sie begann zu lachen. Er konnte ihr nur prahlerisch antworten, der schmollende Buddha, der ulkige Buddha!
»Ich habe Hunger. Besorgen wir uns eine Kleinigkeit zu essen?«
Sie übertrieb die gewohnte Bedeutung dieser Wörter, indem sie mit dem Mund ein ordinäres Geräusch machte. Algie blieb unerschütterlich.
»Du, hast du keinen Hunger? Hast du niemals Hunger?«
Auch sie selbst hatte niemals Hunger – natürlich konnte sie, um sich etwas Abwechslung zu verschaffen, Nahrungsmittel zu sich nehmen, eine ganze Stunde lang darauf herumkauen, doch das verschaffte ihr weder Genuß noch Unbehagen. Die gefräßigen Enzyme, die an den Eingängen ihres künstlichen Magens postiert waren, verschlangen alles, was in ihre Nähe kam, verwandelten es in Pulver und führten es, auf höchst symbolische Weise, durch den dafür vorgesehenen Kanal wieder ab. Sauber. Androiden waren sauber. Gelegentlich hatte die kleine Eva während der Pseudoverdauung etwas Unübliches erlebt: und zwar durfte sie dann einen lauten, stinkenden Rülpser ausstoßen, was die Menschen, die sich im Weltraum herumtrieben, stets belustigte. Auf diese Weise wurde das gute Funktionieren des Magens kontrolliert. In jenen Momenten hatte sie den Eindruck, vor versammelter Familie auf ihrer Baßtuba zu spielen.
»Bronze, schmollst du?«
Sie bekam einen Lachanfall und wälzte sich auf dem Boden der Zelle.
»He, Eunuche! Pennst du?«
Zum Scherz verhielt sie sich aggressiv. Libido, Libido … Er interessierte sich für ihre Probleme mit der Libido: er würde sie verstehen!
»He, Eunuche, mach die Beine breit …«
Algie seufzte laut. Unterdrückte Wut ließ seine Arme knirschen.
»Hat die Künstliche Dame dich mit appetitlichen Eigenschaften ausgestattet?« fragte sie ihn lachend.
Sie öffnete und schloß ihre Beine unter seinen Augen, bot sich ihm dar wie eine Stripperin ihrem Publikum – und setzte bei dieser Gelegenheit die wenigen Verführungskünste ein, die ihre Schöpfer ihr in ihrer Naivität belassen hatten. Noch ein Beweis ihrer Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht: selbst die rekonstruierte Frau besann sich auf ihre weiblichen Reize, wenn es darum ging, einen Mann zu ködern. Algie war künstlich und asexuell, doch seine soziale Rolle war die eines Mannes. Schließlich war er der Richter, der Henker, der Rechtsanwalt, der Polizist, der Staatsanwalt, und nicht die Richterin, die Henkerin, die Rechtsanwältin, die Polizistin und die Staatsanwältin.
»Ich habe gehört, du hättest nichts in der Hose«, beharrte sie.
Vor lauter Zorn schwoll der Mund des Roboters an. Seine Arme zitterten.
»Zeig mir dein bronzenes Schwänzchen …«
Ein Blitz entfuhr dem Roboter. Die kleine Eva spürte, daß ein Pflaster ihre Lippen verklebte und zwei Nadeln in ihre Wangen eindrangen. Geknebelt. Zensiert. Algie verdammte sie zum Schweigen. Somit brauche ich bei der gerichtlichen Vernehmung nicht mehr zu antworten, dachte die kleine Eva.
Doch Algie hielt an der Vorstellung, sie zu verhören, fest.
»Kleiner Dummkopf! Glaubst du etwa, du könntest deinem Schicksal entgehen?«
Zum erstenmal hat er sie geduzt: diese Tatsache beunruhigte sie, denn sie sah darin eine Bestrafung – die Stummheit war nicht länger schmerzlos. Zudem ahnte sie, daß sie nicht lange stumm bleiben würde: die Überlebenscodes, die zu arbeiten begannen, sonderten einen ganz speziellen Speichel ab, der sich bereits in ihren Mundwinkeln ablagerte und die Klebefläche des Pflasters anzugreifen begann. Der Speichel löste den Knebel, und schon wurde ihr Mund dahinter allmählich sichtbar. Doch sie nutzte diesen Vorteil nicht, um erneut das Wort zu ergreifen. Sie war neugierig darauf zu erfahren, ob es ihr gelungen war, ihren Prozeß zu sabotieren, doch gleichzeitig fürchtete sie sich vor einem verhängnisvollen Ende.