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Mord im Garten des Sokrates

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Mord im Garten des Sokrates
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Er fiel mir ins Wort, fast noch heftiger als gerade eben noch: «Ich möchte das nicht wissen!», brüllte er.

«Oh, das tut mir sehr leid, aber es ist wichtig», sprach ich seelenruhig weiter. Je mehr Lykon sich aufregte, desto gelassener wurde ich und desto mehr genoss ich es, ihn zu quälen.

«Wie gesagt, er ist erstickt worden. Auf ziemlich grausame Art und Weise, oder besser: auf ziemlich grausame und ungewöhnliche Art und Weise. Stell dir vor, zuerst hat man ihm fast den Schädel eingeschlagen. Mit einem schweren Stock oder einem Knüppel. Aber das brachte ihn nicht um und war dem Mörder auch nicht genug. Periander war ohnmächtig und wehrlos. Das muss dem Mörder gefallen haben, denn er hat dem armen Jungen einen Papyrus in den Rachen gestopft, ganz tief in den Rachen hinein. Hierhin bis tief in den Kehlkopf.» Ich zeigte Lykon die Stelle mit dem Finger. Seine Hände zitterten.

«Ich habe gesehen, wie Hippokrates es von dort wieder hervorgeholt hat mit einer Art feiner, langer Zange ... Dann hat der Mörder den armen Periander ganz lange festgehalten und ihm den Mund zugedrückt, bis er erstickt ist. Das muss recht lange gewesen sein. Der Papyrus war übrigens aus einem Buch - nicht aus irgendeinem Buch, wie du dir denken kannst ...»

«Es war die ΑΘΗΝΑΙΩΝ ΡΟΛΙΤΕΙΑ! Ich weiß das, und ganz Athen weiß das, weil du nämlich nicht müde geworden bist, es jedem zu erzählen», schleuderte Lykon mir ins Gesicht. «Kannst du diese alte Geschichte nicht endlich vergessen? Wem nützt es denn, wenn du wieder anfängst, deine Nase überall reinzustecken!»

Seine Stimme hatte sich überschlagen. Zwei Soldaten, die gerade an uns vorbeikamen, schüttelten die Köpfe, gingen aber weiter. Was mochten sie wohl denken, was hier vor sich ging? Ein Streit zwischen einem Freier und einem Stricher?

«Was ist das für ein Lärm!», schallte es aus einem der Häuser. Ich legte Lykon die Hand auf den Mund, damit er still blieb, aber er versuchte sofort, sich freizumachen. Irritiert hielt ich ihn nur umso stärker fest, als er mir auch schon seine Krallen in die Wange schlug. Er versuchte, mir das Gesicht zu zerkratzen wie ein bösartiges Katzentier. Ich griff seine Handgelenke und drückte ihn gegen die Hauswand. Dort standen wir Gesicht an Gesicht. Ich roch das schwere Parfüm seiner Haare. Plötzlich küsste er mich und stieß mir seine Zunge in den Mund. Angeekelt, angewidert, angezogen, all das war ich in diesem Moment. Als ich mein Gesicht wegdrehte, spuckte er mich an, und ich gab ihm eine schallende Ohrfeige. Das schien ihn halbwegs zur Besinnung zu bringen. Er rutschte vor mir auf den Boden und begann zu schluchzen wie ein Kind. Die Schrammen in meinem Gesicht brannten wie Feuer. Der kleine Teufel musste lange, scharfe Fingernägel haben.

«Ich weiß, was du über mich denkst», sagte er nach einer ganzen Weile, «und sicher hast du damit recht. Aber ich will nicht, dass dir etwas geschieht. Hör auf mit dieser alten Geschichte. Für dich ist das Ganze zu groß und zu gefährlich. Hör auf, dich in diese Dinge einzumischen. Im Moment glauben alle, du hättest deine Lektion gelernt. Deswegen lassen sie dich in Ruhe. Wenn du wieder zu schnüffeln anfängst, geht es dir am Ende wie deinem Vater.»

Ich war wie vom Donner gerührt.

«Was weißt du über meinen Vater?», fragte ich.

«Nichts», antwortete Lykon sofort und atemlos, «gar nichts, und es ist besser so, denn sonst wäre ich nicht mehr am Leben.»

«Hat Kritias irgendetwas mit dem Tod meines Vaters zu tun?», wisperte ich.

«Nein», entgegnete Lykon, sprang auf und stieß mich so heftig zurück, dass ich beinahe das Gleichgewicht verlor. Dann rannte er davon, wie nur ein Siebzehnjähriger dies kann. Ich versuchte nicht einmal, ihm zu folgen. Ich konnte ihm nur nachsehen und hörte, wie seine Schritte in den dunklen Gassen verhallten.

δ

als aspasia am nächsten morgen mein geschundenes Gesicht sah, war sie sofort misstrauisch. Sie war vor mir erwacht und weckte mich zart. Das erste Licht fiel durch das Fenster auf unser Nachtlager, da entdeckte sie die Schrammen. Ihre Augen färbten sich grün, was immer nur einen Grund haben konnte. Sofort fragte sie mich, woher ich diese Kratzer hätte, und ich zögerte die Antwort auf der Suche nach einer Ausrede einen Augenblick zu lange hinaus. Schon stand ihr die Angst, hintergangen worden zu sein, ins Gesicht geschrieben. Ich wollte sie nicht belügen, daher gestand ich, mich gestern Abend mit Lykon getroffen zu haben. Als sie den Namen hörte, fing sie an zu zittern.

«Wie kamst du nur darauf, Lykon wiederzusehen?», fragte sie mich mit einer Stimme, die zwischen Angst und Kälte schwankte. Ich richtete mich auf und fasste ihre zitternden Hände.

«Lykon kannte Kritias schon vor dem Mord», antwortete ich.

Aspasia blickt mich ungläubig an. Zuerst schien sie gar nicht zu verstehen, was ich gesagt hatte. Dann lösten sich ihre Züge, um sich gleich darauf wieder in Wut zu verhärten.

«Und er hat dich angegriffen?», fragte sie.

Ich nickte.

«Wie kamst du darauf, dass er Kritias schon kannte?»

«Es war die Art, wie sie miteinander umgingen», antwortete ich und beschrieb ihr die Blicke und Gesten, die ich schon am ersten Tag zwischen Lykon und Kritias wahrgenommen, aber erst jetzt zu deuten gewusst hatte.

«Hat er es zugegeben?», fragte sie.

«Ja, hat er», antwortete ich. «Er hat noch nicht einmal versucht, es zu leugnen ...»

«Und weiß er etwas über den Mord?»

«Ich denke ja, aber er behauptet, Kritias habe mit Perianders Tod nichts zu tun.»

«Glaubst du ihm?»

«Nein! Nach dem, was ich gestern gehört habe, bin ich nur noch sicherer, dass Kritias Periander umgebracht hat. Stell dir vor, Lykon hat mich gewarnt! Er sagte, ich würde wie mein Vater enden, wenn ich nicht aufhörte, in dieser Geschichte zu wühlen.»

«Das hat er gesagt?», fragte Aspasia, und die Sorge um ihre Familie, die in dieser Frage mitschwang, verdrängte die letzten Reste ihrer Eifersucht augenblicklich.

«Ja, ich kann mich sogar noch an die Worte erinnern: <Im Moment glauben alle, du hättest deine Lektion gelernt. Deswegen lassen sie dich in Ruhe.> Er weiß genau, wovon er spricht. Das war keine leere Drohung und keine bloße Ahnung.»

«Meinst du denn, Kritias hat etwas mit dem Angriff auf dich und deinen Vater zu tun?», fragte sie. Bisher waren wir eigentlich sicher gewesen, dass kein anderer als Anaxos hinter dem Anschlag steckte.

«Ich weiß es nicht. Ich bin sicher, dass ich den Soldaten mit der Narbe erkannt habe, und der war immer Anaxos' Mann», antwortete ich zögernd.

«Und jetzt bist du nicht mehr sicher?»

Ich zuckte mit den Schultern. «Ich glaube, ich weiß gar nichts mehr ...», stammelte ich, und unwillkürlich zog es meinen Geist in jene Nacht der unseligen Panathenäen zurück. Mein Vater war neben mir. Unsere Schritte hallten durch die Gassen, aber nicht nur unsere Schritte, nicht nur unsere. Plötzlich die Soldaten hinter uns. Ein Schwert im Licht des Mondes und das Gesicht, dieses unerträgliche Gesicht.

«Es gibt noch eine andere Möglichkeit», sagte Aspasia nach einer Weile.

«Und welche?»

«Hast du dir nie überlegt, dass Kritias und Anaxos vielleicht gemeinsame Sache machen?» fragte sie.

«Offen gestanden, nein», antwortete ich, «das konnte ich mir bisher nicht vorstellen.»

Aspasia schwieg einen Moment. Draußen hörten wir Teka und die Kinder. Unsere alte Sklavin wollte die Jungs waschen, hatte aber alle Mühe mit ihnen. Die beiden balgten herum wie junge Hunde, und Teka, die die Kinder liebte wie eine Großmutter, ließ sich langmütig auf der Nase herumtanzen.

«Ich glaube, ich muss ihr helfen», sagte Aspasia und wollte aufstehen. Ich hielt sie zurück und zog sie zu mir. Sie sah mich an. Ihre Augen waren traurig. Ich küsste sie. Aspasia ließ sich auf unsere Lager zurückfallen und drehte sich in meine Arme, aber ihr Körper blieb angespannt. Die Kratzer in meinem Gesicht brannten.

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