Die Vereinigung jiddischer Polizisten
- Автор: Чабон Майкл
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: dtv
- ISBN: 978-3-423-13793-5
- Переводчик: Andrea Fischer
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Vereinigung jiddischer Polizisten». Краткое содержание книги:
Mit einem jüdischen Staat am Rande des ewigen Eises hat Michael Chabon ein irrwitziges literarisches Szenario für seinen packenden Whodunnit geschaffen: »Michael Chabon erzählt eine fesselnde Kriminalgeschichte und erfindet dabei augenzwinkernd die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu«, schreibt Simone von Buren in der ›NZZ am Sonntag‹.
Kitka füllt seinen Stetson mit Wasser aus einem Hahn am Ponton und lässt es in das Flugzeug klatschen, einen Hut untrinkbaren Wassers nach dem anderen. Landsman schämt sich bis auf die Knochen, diese Arbeit notwendig gemacht zu haben, aber Kitka und Kotze scheinen alte Bekannte zu sein. Der Mann büßt sein Grinsen nie ganz ein. Mit dem Rand einer laminierten Karte, die die Wal- und Fischarten Alaskas aufführt, wischt der Pilot ein Gemisch aus Vomitus und Seewasser aus der Kabinentür. Er spült die Karte ab, schüttelt sie. Dann steht er in der Tür, hängt mit einer Hand im Türbogen und schaut hinab zu Landsman auf dem Ponton. Das Meer plätschert gegen die Schwimmer der Cessna und das Pfahlwerk. Der vom Stikine River herunterwehende Wind summt in Landsmans Ohren und rüttelt an der Krempe seines Hutes. Drüben im Dorf erhebt sich die raue Stimme einer Frau, sie staucht ihr Kind oder ihren Mann zusammen. Es folgt das parodierende Kläffen eines Hundes.
»Nehme an, die wissen, dass Sie kommen«, sagt Kitka. »Die Leute da oben.« Sein Grinsen wird dümmlich, verengt sich fast zu einem Schmollmund. »Nehme an, dafür haben wir gründlich gesorgt.«
»Ich habe diese Woche schon jemandem einen Überraschungsbesuch abgestattet, der lief nicht besonders gut«, sagt Landsman. Er holt Berkos Beretta aus der Tasche, zieht den Ladestreifen heraus, prüft das Magazin. »Ich bezweifle, dass man die hier wirklich überraschen kann.«
»Wissen Sie, wer die sind?«, fragt Kitka, die Augen auf die Scholem gerichtet.
»Nein«, sagt Landsman und schiebt das Magazin wieder hinein. »Weiß ich nicht. Sie?«
»Ehrlich, Kumpel«, sagt Kitka. »Ich würd’s Ihnen sagen. Auch wenn Sie mir in die Maschine gekotzt haben.«
»Egal, wer die sind«, sagt Landsman. »Die haben vielleicht meine kleine Schwester umgebracht.«
Kitka bedenkt diese Aussage, als suche er nach Schwachpunkten oder Schlupflöchern.
»Ich muss um zehn in Freshwater sein«, sagt er mit aufgesetztem Bedauern.
»Okay«, sagt Landsman. »Verstehe ich.«
»Sonst würde ich Ihnen Rückendeckung geben, echt, Kumpel.«
»He, schon gut. Was reden Sie da? Ist doch nicht Ihr Problem.«
»Ja, aber ich meine, Naomi. Die war ein echt harter Typ.«
»Da sagen Sie was.«
»Genau genommen hat sie mich nicht besonders gern gemocht.«
»Sie konnte extrem launisch sein«, sagt Landsman und steckt die Pistole in seine Jackentasche. »Manchmal.«
»Na gut«, sagt Kitka und kickt mit der Spitze seines Roper-Stiefels einen Schwung Wasser aus dem Flugzeug. »Hey, seien Sie vorsichtig, ja?«
»Ich weiß nicht, wie man das macht«, gibt Landsman zu.
»Das hatten Sie wohl gemein«, sagt Kitka. »Sie und Ihre Schwester.«
Landsman stapft über den Ponton und versucht aus Spaß, am Knauf des Stahltors zu drehen. Dann wirft er seine Tasche auf die andere Seite, erklimmt das Gatter und schwingt sich hinüber. Dabei verfängt sich ein Fuß in den Gitterstäben. Sein Schuh fällt herunter. Landsman schlägt auf der anderen Seite mit einem fleischigen Geräusch auf. Er beißt sich auf die Zunge, schmeckt sein salziges Blut. Er staubt sich ab und schaut zurück zum Ponton, um sich zu vergewissern, dass Kitka auch alles mitbekommen hat. Landsman winkt, um ihm zu zeigen, dass alles in Ordnung ist. Nach einem Moment winkt Kitka zurück. Er schließt die Kabinentür. Klackernd erwacht der Motor zum Leben. Der Propeller verliert sich im dunklen Schimmer seiner eigenen Rotation.
Landsman beginnt den langen Anstieg die Treppe hinauf. Soweit das möglich ist, befindet er sich jetzt in einem noch schlechteren Zustand als am Freitagmorgen, als er versuchte, die Treppe im Mietshaus der Shemets’ zu erobern. In der vergangenen Nacht hat er wach auf dem harten, knirschenden Paket einer Motelmatratze gelegen. Vor zwei Tagen wurde er im Schnee angeschossen und zusammengeschlagen. Alles tut ihm weh. Er keucht. Er verspürt einen geheimnisvollen Schmerz in den Rippen und einen anderen im linken Knie. Auf halbem Wege muss er innehalten, um eine mahnende Zigarette zu rauchen. Er dreht sich um und sieht die Cessna summend in die niedrigen morgendlichen Wolken taumeln. Sie überlässt Landsman einem, wie es sich im Moment anfühlt, einsamen Schicksal.
Landsman hängt am Geländer, hoch über dem verlassenen Strand und Dorf. Tief unten auf dem krummen Holzsteg sind einige Menschen aus ihren Häusern gekommen, um seinen Aufstieg zu beobachten. Er winkt ihnen zu, höflich winken sie zurück. Dann tritt er auf das Ende seiner Papiros und stapft gleichmäßig weiter nach oben. Gesellschaft leisten ihm das Rauschen des Wassers in der Meeresbucht und das ferne Kreischen der Krähen. Dann verklingen diese Geräusche. Er hört nur noch seinen eigenen Atem, das Läuten seiner Sohlen auf den Metallstufen der Treppe und den knarzenden Riemen seiner Tasche.
Oben flattern zwei Fahnen an einem weißen Mast. Eine ist die Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika. Die andere ist eine bescheidene weiße Ausgabe, geschmückt mit einem blassblauen Davidsstern. Der Fahnenmast ragt aus einem Ring weißer Steine empor, wiederum umringt von einer Betonschürze. Auf dem Fundament des Mastes verkündet eine kleine Metalltafel FAHNENMAST GESTIFTET VON BARRY UND RHONDA GREENBAUM, BEVERLY HILLS, KALIFORNIEN. Ein Gehweg führt von der ringförmigen Schürze zum größten Gebäude, das Landsman schon aus der Luft gesehen hat. Die anderen sehen aus wie Crackerpackungen, verkleidet mit Zedernholz, aber das Hauptgebäude versucht es mit so etwas wie Stil. Das Dach aus Rippenstahl ist dunkelgrün gestrichen. Die Fenster haben Sprossen und Mittelpfosten. Eine tiefe Veranda umschließt das Gebäude von drei Seiten, sie steht auf Tannenstämmen, die noch ihre Rinde tragen. Breite Stufen führen von dem betonierten Weg hinauf zur Mitte der Veranda.
Zwei Männer stehen auf der obersten Stufe und sehen Landsman entgegen. Beide haben dicke Bärte, aber keine Schläfenlocken. Keine Strümpfe, keine schwarzen Hüte. Der linke ist jung, höchstens dreißig. Er ist groß, fast hochgewachsen, mit einer Stirn wie ein Betonbunker und einem Kiefer wie ein Fundament. Sein Bart ist renitent, neigt zu schwarzen Kringeln, jede Wange ziert ein Wirtel nackter Haut. Seine großen Hände baumeln seitlich herab, zucken wie zwei Kopffüßer. Er trägt einen großzügig geschnittenen schwarzen Anzug und eine dunkle Ripskrawatte. Landsman bemerkt ein sehnsüchtiges Zucken in den Fingern des großen Mannes und tastet mit den Augen dessen Weste nach dem Umriss einer Waffe ab. Als Landsman näher kommt, kühlen die Augen des Großen zu einem lichtlosen Schwarz ab.
Der andere Mann hat ungefähr das gleiche Alter, die gleiche Größe und Statur wie Landsman, ist schlank fast bis zur Schmächtigkeit, aber mit breiten Schultern. In der Mitte ist er weicher als Landsman, er stützt sich auf einen aus einem dunklen, glänzenden Holz gefertigten, geschwungenen Stock. Sein Bart sieht aus wie Holzkohle, gestutzt, fast lässig. Er trägt einen Tweedanzug, komplett mit Weste, und pafft nachdenklich an einer Pfeife. Er wirkt zufrieden, wenn nicht sogar erfreut, Landsman auf sich zukommen zu sehen, neugierig, ein Arzt, der eine leichte Anomalie oder einen Makel in der üblichen Präsentation erahnt. An den Füßen trägt er Mokassins, geschnürt mit Ledersenkeln.
Landsman hält auf der untersten Stufe inne und stellt seine Tasche ab. Ein Baumspecht rappelt mit seinem Knobelbecher. Einen Augenblick lang sind das und die zischend fallenden Tannennadeln die einzigen Geräusche. Sie könnten die letzten drei Männer in Südostalaska sein. Aber Landsman spürt andere Augen, die ihn durch geteilte Gardinen, durch Visiere, Periskope und Gucklöcher beobachten. Er spürt, dass das Leben dieses Ortes, die morgendlichen Übungen, das Spülen von Kaffeetassen unterbrochen wurde. Er kann in Butter angebrannte Eier riechen, getoastetes Brot.