Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
In diesem Moment tat der langhaarige Riese etwas, was ihn wirklich überraschte: Er lockerte seinen Griff gerade weit genug, daß Angela einen einzelnen, qualvollen Atemzug tun konnte, und sagte: »Gib auf, oder ich breche dich in zwei Teile!« Angela gurgelte irgendeine Antwort, die vollkommen unverständlich blieb, riß ihren rechten Arm aus Reinholds Umklammerung und schmetterte ihm die gestreckte Handfläche schräg von unten gegen die Nase.
Reinhold brüllte wie ein verwundeter Stier, taumelte zurück und lockerte seinen Griff noch weiter, und Angela nutzte ihre Chance, sich zwischen seinen Armen hinabgleiten zu lassen. Sie hatte nicht mehr die Kraft, sich abzurollen, und fiel schwer zu Boden, versuchte aber trotzdem noch im Fallen, nach ihrem Gegner zu treten. Sie verfehlte ihn allerdings, denn Reinhold taumelte weiter zurück, verlor endgültig das Gleichgewicht und landete unsanft auf dem Hintern. Heulend schlug er die Hände vors Gesicht. Zwischen seinen Fingern sprudelte hellrotes Blut hervor. Angela hatte sich auf Hände und Knie erhoben, wollte ganz aufstehen, schaffte es nicht und kroch mit hastigen, ungelenkten Bewegungen vor Reinhold davon.
Mit einemmal war Bremer klar, daß sie sich gegenseitig umbringen würden. Er mußte etwas unternehmen. Er brauchte eine Waffe! Und er wußte auch, wo er sie finden würde.
Noch immer halb blind vor Schmerz drehte er sich wieder herum, schleppte sich zu Cremer zurück und drehte ihn auf den Rücken. Cremers Waffe steckte in einem Schulterhalfter, wie erwartet, aber seine Hände waren noch immer so taub, daß er endlose Sekunden brauchte, um sie herauszuziehen. Zitternd richtete er sich auf, hielt die Waffe in beiden Händen und versuchte, seinen Daumen dazu zu zwingen, den Sicherungshebel umzulegen. Es gelang ihm erst beim dritten Anlauf.
Und es war sinnlos. Als er sich herumdrehte, hatten sich Angela und Reinhold wieder aufgerichtet. Reinhold stand sieben oder acht Meter vor ihm und Angela in gerader Linie dahinter. Wenn er daneben schoß, lief er Gefahr, sie zu treffen. Bremer fluchte lauthals. Er brauchte ein besseres Schußfeld. Mit zusammengebissenen Zähnen humpelte er los. Er versuchte, einen Blick auf Angela zu werfen und wünschte sich fast, es nicht getan zu haben.
Ihr Gesicht war schneeweiß. Ihre Lippe blutete noch heftiger, was ihr etwas von einem asymmetrisch geschminkten furchteinflößenden Clown gab, und in ihren Augen stand ein Ausdruck von großem Schmerz.
Ihr Gegner sah allerdings kaum besser aus. Auch sein Gesicht war blutüberströmt, und er schien ein bißchen Mühe zu haben, sich auf den Beinen zu halten. Der Ausdruck in seinen Augen war jedoch nicht der von Schmerz, wie Bremer bestürzt feststellte, sondern eine Mischung aus Unglauben und immer größer werdender Wut. Wenn überhaupt, dann hatte Angela vor allem seinen Stolz verletzt.
»Das war nicht nett von dir, Kleines«, sagte er, während er sich mit dem Handrücken über den Mund fuhr und anschließend stirnrunzelnd das Blut betrachtete, das auf seiner Hand glänzte.
Angela preßte die linke Hand gegen die Rippen und verzog das Gesicht. »Gib auf«, sagte sie.
Reinhold blinzelte. »Wie?!«
»Du bist zu stark für mich, als daß ich dich schonen könnte«, antwortete Angela. »Gib auf.«
Reinhold lachte. Aber nur kurz; der Laut klang eher wie ein Bellen. Dann machte sich ein Ausdruck von tödlichem Ernst auf seinem Gesicht breit. Er trat einen halben Schritt zurück, spreizte die Beine und breitete die Arme halb aus. Seine Schultern waren leicht nach vorne gebeugt, die Hände zu Fäusten geballt. »Dann zeig mal, was du kannst, Schätzchen«, sagte er.
Angela nickte sehr ernst; fast schon mit einem Ausdruck von Bedauern. Sie erblickte Bremer, schüttelte andeutungsweise den Kopf und wandte sich dann wieder ihrem Gegner zu.
Bremer ließ seine Waffe sinken. Er wunderte sich fast ein bißchen selbst über seine Entscheidung, aber er konnte gar nicht anders, als Angelas Wahl zu akzeptieren - auch wenn er wußte, daß die nächste Runde möglicherweise mit ihrem Tod enden würde. Er würde Reinhold erschießen, falls das geschah.
Angela breitete die Arme aus und hob die Hände, bis sie sich in Kopfhöhe befanden. Ihr Oberkörper begann sich langsam, aber schneller werdend, hin und her zu bewegen gleichzeitig verlagerte sie ihr Körpergewicht im gleichen Takt von einem Bein auf das andere und wieder zurück. Ihre Bewegungen hatten jetzt wieder jene unheimliche, insektenhafte Geschmeidigkeit. Was sie tat, glich viel mehr einem Tanz als der Vorbereitung für einen Angriff. Bremer hatte eine solche Art, sich zu bewegen, noch nie zuvor gesehen.
Dann begriff er, was sie tat. Sie schaukelte sich auf. Ihr Körper bewegte sich immer schneller nach rechts und links, vor und zurück, baute Muskelspannung auf eine Art auf, die Bremer bis zu diesem Moment nicht einmal für möglich gehalten hatte und bewegte sich dabei immer schneller und schneller.
Und auch Reinhold schien zumindest zu ahnen, was kam. Auf seinem blutüberströmten Gesicht erschien zuerst ein Ausdruck von Überraschung, dann von verächtlichem Triumph. Er gab seine grätschbeinige Haltung auf und streckte das linke Bein nach hinten, hob gleichzeitig die Fäuste vor die Brust, und Angela sprang.
Es war das Unglaublichste, was Bremer jemals gesehen hatte. So unglaublich, daß Bremer es nicht einmal glaubte, als er es sah.
Angela katapultierte ihren Körper nahezu senkrecht in die Höhe, drehte sich dann um zwei Achsen zugleich und lag plötzlich waagerecht in der Luft, vollführte eine unmögliche, immer schneller werdende, fünf-, sechs-, siebenfache Pirouette, während der sie sich rasend schnell auf ihren Gegner zuschraubte. Im allerletzten Moment drehte sie sich noch einmal, so daß ihre Beine nach Reinholds Gesicht stießen. Ihr rechter Fuß schmetterte seine abwehrend hochgerissenen Hände zur Seite. Der linke traf einen Sekundenbruchteil später sein Gesicht. Bremer konnte hören, wie Reinholds Kiefer brach.
Der langhaarige Agent brüllte auf, spuckte Blut und zerbrochene Zähne und wurde von den Füßen gerissen. Er flog gute zwei Meter durch die Luft, schlug mit grausamer Wucht auf dem Boden auf und blieb stöhnend liegen. Langsam hob er die Hände und bedeckte sein blutüberströmtes Gesicht. Seine Beine zuckten unkontrolliert.
Bremer humpelte auf Angela zu, die ebenfalls gestürzt war, änderte dann aber seine Richtung, als er sah, daß sie sich schon wieder auf Hände und Knie hochstemmte. So schnell er konnte, eilte er auf Reinhold zu und ließ sich neben ihm auf die Knie herabsinken. Noch vor ein paar Minuten hätte der Agent ihm ohne zu zögern den Schädel eingeschlagen, und Bremer umgekehrt ihm auch. Jetzt wollte er nichts anderes, als ihm irgendwie helfen. Seine Verwundung hatte ihn verändert; von einem Feind war er zu einem Menschen geworden, der litt, und irgendein uralter, sinnvoller Mechanismus in Bremers Seele sorgte dafür, daß der Wunsch, dieses Leiden zu beenden, zumindest für den Moment stärker war als sein Haß.
Aber es gab nicht viel, was er für ihn tun konnte. Eigentlich gar nichts.
Bremer verstand nicht allzu viel von Erste Hilfe. Die Kunden, mit denen er es normalerweise zu tun hatte, benötigten sie im allgemeinen nicht mehr. Aber man mußte auch kein ausgebildeter Rettungssanitäter sein, um zu erkennen, daß es Reinhold wirklich übel erwischt hatte. Sein Unterkiefer und möglicherweise auch ein Teil des Oberkiefers waren zertrümmert. Sein ganzes Gesicht wirkte deformiert, sein offenstehender Mund war schwarz vor Blut. Bremer konnte nicht sagen, ob er noch bei Bewußtsein war oder nicht. Er stöhnte leise, und seine Atemzüge wurden von einem schrecklichen Blubbern und Gurgeln begleitet. Bremer begriff, daß er in Gefahr war, an seinem eigenen Blut zu ersticken.
Hastig legte er die Pistole zu Boden und drehte Reinhold in eine stabile Seitenlage; alles, was er im Moment für ihn tun konnte. Reinhold wimmerte, spuckte Blut und Schleim und ballte die Hände vor dem Gesicht zu Fäusten. Wenn er bei Bewußtsein war, dann in einem Zustand, der dem Koma näher kam als irgend etwas anderes.