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Der heisse Himmel um Mitternacht

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Der heisse Himmel um Mitternacht
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»Ein bestürzendes Gesicht. Ich möchte es gern modellieren. In Ton. Die Hände darübergleiten lassen, die Knochenstruktur darunter herausspüren. Wer ist der Mann, Marty?«

»Ein Mann namens Farkas. George Farkas, Laszlo, Alexander Farkas – ich habe den Vornamen vergessen. Ein Ungar. Die haben so etwa sechs männliche Vornamen in ihrer Sprache, diese Ungarn. Wenn sie nicht György heißen, dann bestimmt Laszlo, Gabor oder Alexander. Oder Zoltan. Er arbeitet für Kyocera-Merck. Nein, Victor, so heißt er. Victor Farkas. Die Ausnahme, die die Regel bestätigt.«

»Woher kennst du ihn?«

»Ich bin ihm einmal begegnet. Das war in … – ich weiß es nicht mehr, in Bolivien oder Venezuela, jedenfalls war es da unglaublich heiß und überall Dschungel und Lianen und Palmen, und wenn du fünf Minuten lang still da stehen geblieben wärst, hättest du grünes Moos aus deiner Haut wachsen sehen können. Er arbeitet in meiner Sparte, dieser Farkas.«

»Journalist?«

»Nein, Spion. Bei Kyocera-Merck nennen sie das ›Expediteur‹. Bei meinen Auftraggebern heißt das ›Journalist‹. Wir machen zwar das gleiche, Farkas und ich, aber er eben für die Firma Kyocera-Merck, und ich für die israelische Regierung.«

»Ich habe gedacht, du schreibst für Cosmos.«

Wieder griff er nach ihrer Hand. Ihre Titten sind grandios, dachte er, aber sie ist wirklich geistig unterbelichtet. Und vielleicht besteht da ja ein Zusammenhang, und sie ist nicht bloß metaphorisch eine dumme Kuh, sondern eine ganz echte richtige Kuh. Man hat sie mit Rindviehgenen retrofittiert, damit sie diese grandiosen Euter kriegte.

Ruhig sagte Enron: »Ich dachte, das habe ich dir alles bereits gesagt, und ich glaubte, du hast es verstanden. Die Arbeit für die Zeitschrift ist mein Coverjob, Jolanda. Aber ich bin wirklich und ehrlich ein Spion. Ich spioniere, wenn ich vorgebe, journalistisch zu arbeiten. Ist dir das jetzt klar? Würdest du es mir bitte glauben? Ich hatte gedacht, das war dir klar nach der Nacht in deinem Haus.«

»Ach, am nächsten Morgen war ich sicher, du hast nur einen Witz gemacht.«

»Aber ich bin ein Agent. Ehrlich! Als du mir von deinen Freunden in Los Angeles erzählt hast, war der Grund, weshalb ich dich bat, mit mir hier heraufzukommen und mich mit ihnen bekanntzumachen, dass ich da eine Möglichkeit sah, etwas Nützliches für mein Land zu tun, nicht für dieses Magazin. Ich arbeite für den Staat Israel. Fällt dir das so schwer zu glauben? Als ich damals nachts von dir fortging, rief ich über Scrambler eine Geheimnummer in Jerusalem an, ich benutzte Codenamen und Codewörter, ich erklärte dort, in unserem Agentenjargon, wohin ich reisen wollte, und warum, und über Spezialverbindungen wurden die Tickets für diesen Flug besorgt. Und die Visa für uns beide. Hast du denn gedacht, dass es immer so glatt geht, ein Einreisevisum zu bekommen, für einen Ort wie den hier? Aber ich habe das über Nacht geschafft, weil meine Regierung die richtigen Verbindungen für mich spielen ließ. Ich sage dir das alles, weil es mich schmerzen würde, wenn du dich irgendwelchen Illusionen über mich hingegeben hättest. Ich wirke vielleicht manchmal wie ein Bastard, Jolanda, aber ich bin ein anständiger Mensch.«

»Neulich, als ich nachts zu dir gesagt habe, dass ich noch nie mit einem Spion geschlafen habe, sagtest du, dass du einer bist. Einfach so, hast du das gesagt. Zuerst habe ich dir geglaubt, aber dann wieder nicht. Und jetzt sagst du sowas schon wieder.«

»Wenn es dir lieber ist zu glauben, dass ich für eine Zeitschrift schreibe, dann glaub das. Glaub einfach, was dich am glücklichsten macht.«

Enron sah, dass sie mit dem, was bei ihr das Gehirn ersetzte, die Sache endlos wiederkäuen würde. Schön, das passte ihm ganz gut. Sollte man sie jemals befragen, sie würde ihre Inquisitoren mit einer Flut von vagen, nutzlosen Informationen überschütten. Manchmal war es eben am besten, die Wahrheit über sich zu sagen, um einen verwirrenden Nebelschleier über das zu breiten, was man wirklich tat.

Sie fragte: »Der Mann ohne Augen, wie kann der ein Spion sein, wenn er nichts sieht?«

»Ach, er kann schon sehen. Er macht es nur anders als wir.«

»Du willst sagen, er macht das mit Psi?«

»Etwas in der Art, ja.«

»Ist er damit geboren?«

»Ja und nein«, erwiderte Enron.

»Ich verstehe nicht«, sagte Jolanda. »Was heißt das?«

»Als er noch im Mutterleib war, wurde eine Spleiß-Operation bei ihm gemacht. Ich weiß nicht, wer das tat und warum. Als wir uns trafen, erschien es mir nicht angemessen, ihn danach zu fragen.« Enron erlaubte sich einen raschen Blick zu Farkas hinüber, der mit seinem Essen beschäftigt war. Er wirkte gelassen und entspannt, ganz auf seine Mahlzeit konzentriert. Falls er Enrons Anwesenheit bemerkt hatte, so ließ er sich das nicht anmerken. Enron sagte: »Das ist ein sehr schwieriger Mensch, hochintelligent und sehr gefährlich. Ich frage mich, was er hier vorhat. – Du sagst, du findest sein Gesicht faszinierend?«

»Sehr.«

»Und du willst es modellieren? Den Knochenbau mit den Händen abtasten?«

»Ja. Das möchte ich wirklich sehr gern.«

»Ah. Ja, dann wollen wir mal sehen, wie wir das möglich machen könnten, ja?«

Kapitel 15

Vor Sonnenuntergang übergab Carpenter das Kommando über den Trawler an Hitchcock und fuhr in dem schnittigen kleinen silbrigen Kajak, das sie als Beiboot benutzten, zur Calamari Maru hinüber. Er nahm Rennett als Begleitung mit.

Der Gestank drang ihm bereits in die Nase, lange bevor er die schimmernde Monofiberleiter hinaufklettern konnte, die sie ihm über die Reling heruntergelassen hatten: ein beißender säuerlich-bitterer Gestank von dichten, fast sichtbaren Miasmen. Das Zeug einzuatmen war, wie wenn man ganz Cleveland mit einem einzigen Schnaufer einatmen würde. Carpenter wünschte, er hätte eine Atemmaske mitgenommen. Doch wer rechnete schon damit, dass man so etwas auf See brauchen könnte, wo die Luft angeblich noch sauber sein sollte?

Er wäre nicht überrascht gewesen, hätte er entdeckt, dass der Geruch von der Calamari Maru selbst ausging, dass Rumpf und Deck und Aufbauten und alles andere von hässlichen vor Fäulnis pulsierenden Eiterpusteln übersät waren. Tatsächlich aber war sonst alles in Ordnung mit dem Schiff, wenn man von der allgemeinen Vernachlässigung und Schlamperei absah: schwarze Flecken auf dem Deck, überall graue Staubablagerungen, ein paar übel aussehende rostfarbige Ozonnarben, die der Ausbesserung bedurften. Aber der Gestank rührte von den Tintenfischen selbst her.

Der Schiffskern war ein einziger großer Tank, eine große Fischverarbeitungsanlage, die das ganze Mitteldeck einnahm, Carpenter hatte solche Schiffe vor Anker im Hafen von Oakland gesehen – Samurai Industries hatte Dutzende davon laufen –, doch er hatte nie weiter darüber nachgedacht, wie es an Bord eines solchen Kahns sein musste.

In dem Tank erblickte er einen Albtraum von marinen Lebensformen, Bataillone von kräftigen vielarmigen Tintenfischen in Schwärmen, großäugige, perlenbesetzte, knochenlose Phantome, die in Formation schwammen und plötzlich und simultan die Richtung änderten, wie Kalmare das nun einmal tun. Blitzende mechanische Drehmesser bewegten sich zwischen ihnen, griffen zu und schlitzten auf, fanden geschickt das Nervenzentrum und schnitten es heraus und spülten den essbaren Rest zu der Verpackungsanlage am anderen Ende des Tanks. Der Gestank war buchstäblich atemberaubend. Das ganze Ding war eine einzige Verarbeitungsmaschine. Seit die Anbauflächen im Herzen Nordamerikas und im gemäßigten Europa sich in Wüsten verwandelt hatten und die Welternährung so stark von dem dünnen steinigen Boden in Nordkanada und Sibirien abhing, war es überlebenswichtig geworden, die Meere abzuernten. Das begriff Carpenter durchaus. Aber er hatte nicht erwartet, dass ein Kalmarschiff so grässlich riechen würde. Er hatte Mühe, sich nicht zu übergeben.

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