Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
Erst dachte Nill, sie dächten noch an die Erhängten vom Tag zuvor. Doch dann bemerkte sie Kavehs unsichere Blicke, die immer wieder durch die Gegend schweiften. Die Elfen hatten schon bei der Wegbiegung nach Kesselstadt nicht gewusst, welcher Richtung sie folgen mussten. Nill hatte die ganze Zeit den Verdacht, dass sie sich nicht gut auskannten – aber dass sie wirklich gar keine Ahnung hatten, war ein Schock.
Gerade als sie weiter wollten, zog Scapa ein gefaltetes Papierstück aus der Tasche und breitete es vor sich aus: Es war eine Landkarte.
»Du hast gesagt, dass du keine Karte hast!«, rief Nill und trat hinter ihn, um sich die Landkarte selbst anzusehen.
»Ich hatte keine Karte, um sie wegzugeben.«
Auch die Elfen scharten sich um das vergilbte Papier. Wälder, Berge, Moore und Küsten waren mit so feinen roten Tintenstrichen aufgezeichnet, dass Nill vom bloßen Hinsehen ganz schummrig wurde. In wundervoller geschwungener Schrift waren die Orte benannt: das Reich der Dunklen Wälder, wo sich zwischen verschnörkelten Bäumen Werwölfe, Drachen und Zentauren versteckten, aber auch die Hykadendörfer und die Plätze, an denen angeblich die Elfen zu finden waren. Die wüstengleiche Ebene zwischen den Gebirgen und den Dunklen Wäldern war verschwindend klein im Vergleich zu den Marschen, die sich dahinter erstreckten – und bei ihrem Anblick stockte Nill der Atem. Unheil versprechende Sümpfe, Nebelwälder, Treibsandmulden und messerscharfe Klippen erwachten in ihrer Fantasie zum Leben. Selbst der Schriftzug Die Marschen von Korr wirkte wie eine stumme Drohung.
»Wir sind hier«, sagte Scapa und setzte einen Finger auf die Karte, wo sich eine Gebirgskette an die Marschen schloss. Sein Finger fuhr über die Berge und über ein weites Feld verwitterter Bäume. »Hier sind die Dörfer der Moorelfen«, erklärte er und ließ die Fingerspitze von einem Schriftzug zum nächsten fahren.
Nill runzelte die Stirn. »Der Turm des Königs ist nicht eingezeichnet.«
»Die Karte ist ja auch über drei Jahre alt«, erwiderte Scapa.
Kaveh drängte sich vor und drückte Scapa zur Seite, sodass er selbst einen Finger auf die Karte setzen konnte. »Hier hat man Eisen und Erz gefunden.« Er tippte auf eine Region nahe der östlichen Küste.
»Seitdem haben sich Menschen am Meer niedergelassen und kleinere Minen betrieben. Da der König selbst ein Mensch ist, vielleicht sogar aus der Küstenregion stammt und außerdem die Eisenminen für seine Kriegsrüstung braucht, vermute ich, dass sein Turm hier errichtet wurde. An der östlichen Küste, zum offenen Meer hin.«
»Das wird ein langer Weg«, murmelte Erijel. »Wir müssen fast die ganzen Marschen durchqueren, wenn wir zum Meer wollen. Mindestens vier Tage brauchen wir für die Gebirge, und dann ...« Alle blickten fragend zu ihm auf. Erijel sah jedem einzeln ins Gesicht, ernst und besorgt. »Ich würde mit zwei Wochen rechnen. Mindestens.«
Mareju zuckte nach einem Moment mit den Schultern. »Zwei Wochen, das wird gehen. Mit unseren Vorräten kommen wir noch knapp drei Wochen aus.«
»Was ist mit dem Rückweg?«, warf Scapa mit einem kalten Lächeln ein, als sei das allein ein Problem der Elfen.
Kaveh zeigte nach einigem Zögern auf ein Dörfchen in der Wildnis. »Bei den Moorelfen können wir keine Hilfe suchen, ihre Stämme gibt es nicht mehr. Aber die Tyrmäen ...«
Arjas starrte ihn mit großen Augen an. »Tyrmäen? Tyrmäen? Du meinst die Abtrünnigen? Das können wir nicht!«
»Was sind die Tyrmäen?«, fiel Fesco ins Gespräch ein.
Kaveh sah zu Nill herüber, die ebenso fragend dreinblickte wie Fesco, dann erklärte er geduldig:
»Einige der Moorelfenstämme haben sich von den traditionellen Sitten und Bräuchen losgesagt, das ist schon ein paar Jahrhunderte her. Sie haben auch dem Kronenträger die Treue gebrochen und stehen deshalb nicht unter der Herrschaft des Königs. Tyrmäe ist ein vom Moorelfendialekt abgewandeltes Wort für Tyra – in ursprünglichem Elfisch Tyrahá – und bedeutet glaubenslos oder unwürdig. Die Stämme der Tyrmäen sind barbarisch, selbst die Moorelfen haben sie bekriegt und unterdrückt. Heute sind die Tyrmäen vielleicht die einzigen Moorelfenstämme, die noch frei leben.«
Scapa stieß ein verächtliches, kurzes Lachen aus und die Gefährten wandten sich ihm zu. »Ist das nicht eine Ironie? Die Elfen, die ihren Glauben ablegen, sind am Ende die einzigen, die überleben.« Er sah Kaveh direkt ins Gesicht. »Es scheint, als gäbe es doch ein paar kluge Köpfe unter euch.«
»Die Tyrmäen sind zu Recht geächtete Stämme, weil sie sich an den Menschen ein Vorbild genommen haben!«, erwiderte Mareju und drehte sich zu Kaveh. »Wir können nicht auf die Hilfe der Tyrmäen zählen! Ich wette, bevor die zu Freien Elfen halten, sind sie längst zum Menschenkönig übergewechselt!«
Kaveh atmete langsam aus. »Wir werden sehen. Jedenfalls ist es gut, dass wir eine Karte haben. Unser Weg führt in nordöstliche Richtung.« Und er blickte zu den Baumkronen auf, um sich an der durchblitzenden Sonne zu orientieren.
Sie machten sich schweigend auf den Weg und jeder hing seinen eigenen Sorgen und Gedanken nach.
Die Gefährten kamen gut voran, denn der Wald blieb licht und leicht zu durchqueren. Allmählich tauchten hier und da große Felsen auf, die aus dem Boden brachen wie vorgestreckte Zungen. Kleinere Steinhänge, Klamme und Felswände verrieten den Gefährten, dass sie nun das Gebirge erreicht hatten. Scapa, der in seinem Leben nichts anderes als die engen Gassen Kesselstadts erlebt hatte, schnupperte erstaunt die klare Luft und lauschte den hin- und herhallenden Stimmen des Waldes. Auch Kaveh und seine Ritter blieben aufmerksam. Hier schien alles ganz anders als in den Dunklen Wäldern: Es kam ihnen seltsam leer vor, so weit standen die Bäume voneinander entfernt, so schmal waren ihre Stämme und so geheimnislos klangen die Vogelrufe. Ganz sicher, die Wälder hier waren tot oder zumindest in einen tiefen Schlaf versunken. Kein Geist, weder in Wind noch Tau noch Bäumen offenbarte sich.
Bald schnitt ihnen eine hohe Felswand den Weg ab. Arjas und Mareju prüften, ob man daran empor klettern konnte, aber der Fels war zu glatt und viel zu hoch. Sie beschlossen, die Wand zu umgehen und wanderten an dem Steilhang entlang. Zu ihrem Verdruss wollte und wollte der sich nicht dem Boden entgegen neigen. Sie folgten ihm eine gute halbe Stunde, ehe sie erkennen mussten, dass die Felswand nicht etwa niedriger wurde, sondern noch länger. Der Hang machte einen Bogen. Die Bäume wichen zurück und vor ihnen öffnete sich ein gähnender Abgrund. Ein Tal lag unter der schroffen Felswand, nur hier und da durchzogen von Geröllbergen, die einst von oben herabgesprungen sein mussten. Ein schmaler Vorsprung führte an den Klippen entlang und verschwand hinter einer Biegung. Anfangs war der Vorsprung an den Felsen so schmal, dass Nill kaum mit beiden Füßen darauf stehen konnte. Dann wurde der Weg ein wenig breiter, und sie konnten normal gehen, ohne sich an die Felswand lehnen zu müssen. Altes Laub vom letzten Herbst bedeckte den Steinpfad, denn über ihnen beugten sich vereinzelte Buchen und Eichen über den Abgrund.
Fesco, der als Letzter hinter Scapa ging, sah sie zuerst. Sein Mund öffnete sich leicht, er zog zitternd die Luft ein und legte eine Hand über Kröte, die dicht an seiner Brust unter seinem Hemd hockte.
Versehentlich stolperte er in Scapas Rücken. Scapa verlor fast das Gleichgewicht, sein Herz zog sich zusammen – seine Nerven waren in dieser Höhe ohnehin so angespannt wie die zu straff gezogenen Saiten einer Fiedel.
»Was soll das? Willst du mich vielleicht in den Abgrund –« Scapa erstarrte. Unter ihnen, auf einem breiteren Klippenweg, ritt eine Schar Grauer Krieger.
»Graue Krieger!«, stieß Scapa aus.