Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.
- Автор: Jeschke Wolfgang
- Год: 1996
- Язык: немецкий
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.». Краткое содержание книги:
»Hatte ich ein Kind? Hatte ich einen Ehemann …?« entfuhr es der kleinen Eva, als sie jäh erwachte. Die Erinnerungen entwischten durch den Spalt der Panzertür. Die Narkose begann an der Nordseite ihres Schädels hochzusteigen.
»Hatte ich einen Ehemann?« gelang es ihr noch einmal zu fragen.
Algie beobachtete sie teilnahmslos; er war mit den Gedanken woanders und wartete darauf, demnächst vermutlich mit der folgenden Funktion verbunden zu werden. Häufig übernahm er nach der Rolle des Scharfrichters die des Polizisten – eine stumme Rolle, die ihm nur wenig Eigeninitiative zugestand.
»Einen Ehemann!« gluckste er. Widerwillig verließ er den kontemplativen Zustand, in dem er sich gesuhlt hatte.
»Was ist das, ein Ehemann?« fragte die kleine Eva.
Sie hatte es vergessen. Sie begann zu weinen, da ihr bewußt wurde, daß sie sich um ein Haar an ein Detail der Filmsequenz erinnert hätte. Algie schloß die Augen, um in sein verborgenes Nirwana zurückzufinden.
»Bronze, ich geb’s auf«, sagte die kleine Eva.
»Was wollen Sie aufgeben?«
Erneut öffnete Algie die Augen und gab vor, sich darüber zu ärgern, daß man ihn beim Nachdenken gestört hatte. Sein Buddha-Blick nahm einen boshaften, rachsüchtigen Ausdruck an.
»Ich bekenne mich schuldig«, sagte die kleine Eva.
»Teilen Sie das dem Richter mit …«, knurrte Algie, der Polizist.
»Ruf ihn her!«
»Er ist in einer Sitzung.«
»Leitet er eine weitere strafrechtliche Voruntersuchung ein?«
Algie lachte. Das ungestüme Lachen eines Polizisten beim fröhlichen Beisammensein mit seinen Kollegen.
»Aber nein, meine kleine Eva, er ist mit der Akte beschäftigt …«
»Er ist immer noch mit der Akte beschäftigt! Wann wird er endlich aufhören, mich zu quälen?«
»Ich weiß nicht … Das werden die Geschworenen entscheiden.«
»Die Geschworenen sollen unverzüglich zusammengerufen werden! Ich habe verschiedene Dinge aufzudecken …«
»Oh! Die Geschworenen können nicht zu jeder beliebigen Zeit zusammengerufen werden … Sie möchten also alles kaputtmachen!«
»Ich habe es eilig …«
»Man kann die Zyklen des Berechnungsgesetzes nicht ändern. Genausowenig wie den Ablauf der Jahreszeiten …«
»Ich gebe alles zu. Ich bin schuldig!«
»Sie glauben, Sie könnten uns fertigmachen, indem Sie für Spannungen sorgen, Überspannung provozieren, nicht wahr …? Sie hoffen auf die Entropie des Systems, stimmt’s? Seien Sie ehrlich …«
Algie änderte seine Stimme. Er nahm die des Staatsanwalts an. Algie, der Staatsanwalt, wurde zu Hilfe gerufen, weil es Algie, dem Polizisten, nicht erlaubt war, mit seiner Gefangenen zu streiten.
»Die Entropie ist ein Märchen, von dem sich nur die Menschen verwirren lassen«, erklärte er energisch. »Stets die alte Geschichte vom Sandkorn, das die ganze Maschine außer Betrieb setzt, stets der unerwartete Zwischenfall, der den Sturz des niederträchtigen Tyrannen, des niederträchtigen Roboters beschleunigt … Auf diese Weise versuchen die Menschen, sich selbst zu beruhigen: sie glauben an den Defekt wie an eine gegnerische Macht. Eine Banalität, die sie teuer zu stehen kommt!«
»Bronze, erleidest du nie irgendwelchen Defekt?«
»Nein … Unsere Maschinen wurden auf die Bewegungen des Universums eingestellt. Damit wir kaputtgehen, muß es schon im ganzen Universum zu erheblichen Störungen kommen. Die Nachsicht, die wir mit Ihnen üben, ist nur eine Konzession an die Höflichkeit. Dieser Handlungsspielraum stellt das Berechnungsgesetz nicht in Frage. Natürlich wäre es strenger, wenn es nur von den Robotern abhängig wäre …«
»Das glaube ich gerne … Also bin ich diejenige, die kaputtgeht.«
In ihrem tiefsten Innern war die kleine Eva hiervon überzeugt. Die von den Memoschmerzen hervorgerufenen Qualen veränderten sie, bestärkten sie in der Hoffnung, einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Szenen zu finden, die ihr vorgeführt wurden. Wie eine Droge, an die man sich gewöhnt, lösten diese Qualen bei ihr eine Art Bewußtseinstrübung aus und ließen sie vergessen, daß sie eine Gefangene war.
»Haben Sie den Mut verloren?« fragte Algie, der Staatsanwalt, und wartete auf eine Bestätigung.
»Ganz und gar nicht. Meine Moral ist unerschütterlich!«
Die Prüfung hatte sie mitgenommen, aber nicht zerstört. Libido, Ehemann … alle diese Wörter machten ihr Mut, gegen das Gericht anzukämpfen. Alle diese Wörter waren Träger der Wahrheit. Undeutlich erkannte sie den Sinn des Bilderrätsels, das sie umgab.
Dennoch hatte sie Angst, das zu entdecken, was sie unter Algies Augen entdecken mußte. Wozu verstehen, wenn das ja doch nur zugunsten der Maschine ging!
Instinktiv wußte sie, daß die Wahrheit ganz nahe lag. Doch sie weigerte sich, dieses Wissen zu akzeptieren, da die Wahrheit ihr aus Prinzip nicht gehörte – ihr Geist verschloß sich diesem Wissen, um die Wahrheit nicht mit Algie teilen zu müssen. Vergeblich: ihre Fähigkeiten waren der herrschenden Wahrheit ebenso ausgeliefert wie ihr Körper der ihn umgebenden Temperatur.
»Bronze, laß mich den ›ersten Liebesverrat‹ wiedererleben …«, murmelte sie, um auf andere Gedanken zu kommen.
»Das ist keine Ablenkung!« erläuterte ihr Algie, der Staatsanwalt, in einem Tonfall, der gehässig klingen sollte.
Die kleine Eva erblaßte. Sie bedauerte ihren Entschluß – ganz gleich, wie hellsichtig, wie zuversichtlich sie sich auch einschätzte, Algie blieb stets äußerst wachsam.
»Dann eben später«, räumte sie ein.
»Herr Richter«, forderte Algie, der Staatsanwalt, mit lauter Stimme, »ich bitte ums Wort!«
»Einverstanden«, erwiderte Algie, der Richter. Seinen Mund Umspielte ein Ausdruck von Verdruß, der zwischen Ablehnung und der wohltuenden Genugtuung darüber schwankte, Zeuge einer Laune zu sein, die zu nichts verpflichtete.
»Herr Richter, ich habe dem Gericht eine wichtige Mitteilung zu machen.«
»Dann los, Herr Staatsanwalt, ich höre!«
Algie, der Richter, schlug sich mit der flachen Hand auf die Schenkel, um gegebenenfalls für Ruhe zu sorgen.
»Die Wirkungen der Memoschmerzen«, zeterte Algie, der Staatsanwalt, »laufen den angestrebten Zielen zuwider. Diese Funktion wurde während der Sitzungen ernstlich mißbraucht.«