Der heisse Himmel um Mitternacht
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 2014
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 978-3-641-11452-7
- Переводчик: Roland Fleissner
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Der heisse Himmel um Mitternacht». Краткое содержание книги:
Rhodes verabscheute es, wenn das Gehirn seines Wagens für ihn dachte. Doch diesmal wusste er wirklich nicht, wohin er überhaupt fuhr, nur dass der Streckenkurs H112.O3/access WR52 lautete und das Ziel irgendwo in der Gegend von Walnut Creek lag.
»Bring mich zu H112.O3/access WR52«, sagt er seinem Wagen. Und der wiederholt gehorsam die Angaben.
»Übrigens, wo liegt das?«, fragte Rhodes.
Aber das Auto konnte ihm nur den Fahrtcode noch einmal wiederholen. Für das Gehirn des Fahrzeugs war das angestrebte Ziel eben als H112.O3/access WR52 ausreichend definiert, und Punkt.
Der Wagen lag gut auf der Straße, wenn man die Geschwindigkeit des entgegenkommenden Windes berücksichtigte. Er brachte Rhodes fast ohne Schwanken durch den uralten Calbecott Tunnel und in das ausgebleichte versengt aussehende Land im Osten der Berge, wo die Temperatur stets um zwanzig Grad höher war, weil die kühle Pazifikbrise nicht so weit landeinwärts reichte, selbst an Tagen nicht, an denen keine Diablos brüllten. Und heute, bei dem heißen Ostwind, waren die Temperaturunterschiede wahrscheinlich noch viel größer: Richtige Wüstenhitze hier draußen, dachte er, Backofenglut, da brätst du in einer halben Minute durch wie ein Omelett. Aber er saß in der luftdicht versiegelten Blase seines Wagens bequem in Sicherheit und glitt rasch über den Freeway an den ehrwürdigen Hochhäusern der alten stillen Suburbia-Gemeinden vorbei, an Orinda, Lafayette, Pleasant Valley, auf die wuchernde miserable Metropole Walnut Creek zu – und dann, knapp vor dem Autobahnkreuz ein Zick und ein Zack, und der Wagen verließ die Hauptfahrbahn und schwang sich in die Berge hinauf. Hier oben war es absolut leer, erstaunlich leer, nur hin und wieder eine knorrige Eiche mitten auf dem sonnenverbrannten Gras. Der Wagen fuhr durch ein Sicherheitstor, dann durch ein zweites, dann kam ein Checkpoint, im Vergleich zu dem die ersten zwei Tore wie Filtergaze wirkten.
Leuchtendgrüne Sky-Glo-Schrift verkündete etwa zwölf Meter hoch:
KYOCERA-MERCK, LTD.
WALNUT CREEK RESEARCH CENTER
Da hatte er seine Antwort. Nicht dass er noch irgendwelche Zweifel gehegt hätte.
Der Wagen, unter dem Kommando irgendeines von Kyocera programmierten Straßenleitgehirns, glitt durch den Checkpoint, an einer Gruppe babylonisch wirkender Backsteingebäude vorbei und in eine Empfangskuppel.
Dort erwartete ihn Mr. Kurashiki; keine Simulation, sondern ein echter japanischer Mensch, mit einer gewissen reptilhaften Geschmeidigkeit. Er verbeugte sich formell auf diese japanische Art mit einem knappen ruckartigen roboterhaften Nicken. Auch das Lächeln war knapp und maschinell. Rhodes lächelte zurück, erwiderte aber die Verneigung nicht. Damit war der Höflichkeit Genüge getan, und Mr. Kurashiki brachte ihn zu einem Transportschacht, in dem er nach oben fuhr und in einem Büro landete, das – nach der behelfsmäßigen Einrichtung und dem allgemeinen Eindruck der Improvisiertheit und Kahlheit zu urteilen – offenbar ausschließlich für derartige ungeplante Besprechungen verwendet wurde.
Es war exakt zwölf Uhr.
Mr. Kurashiki verschwand wortlos. Rhodes trat vor. Ein überraschend hochgewachsener japanischer Mann erwartete ihn. Er stand exakt in der Mitte des Raums. Ein völlig anderer Typus, dieser Mann. Er sah aus wie aus grüngelbem Obsidian geschnitten: scharfe Gesichtszüge, schimmernde Hauttextur, schimmernde weit auseinanderliegende jettschwarze Augen mit einer einzigen dichten ungebrochenen Brauenlinie darüber. Starke klingenscharfe Wangenknochen.
Keine Verbeugung diesmal. Das Lächeln war dagegen beinahe menschlich.
»Guten Tag, Dr. Rhodes. Ich bin außerordentlich beglückt, dass du es möglich machen konntest, uns heute hier mit deinem Besuch zu ehren«, sagte er. »Ich bin sicher, du verzeihst uns unsere kleine Täuschung mit dem Hausmaklerangebot. So etwas ist zuweilen nötig, und ich setze voraus, du weißt das.« Die Stimme war tief und klangvoll, der Akzent unüberhörbar ausländisch: International Modern Japanese English, der schnurrende Akzent der japanischen Exilrasse, die in ihren weit über den Globus verstreuten verschiedenen Zufluchtländern begonnen hatte, eine neue eigentümliche charakteristische Art zu entwickeln, die Weltsprache zu sprechen. »Aber ich habe mich noch nicht vorgestellt. Ich bin Nakamura. Level Three Executive.« Wie durch einen Zaubertrick lag plötzlich eine Geschäftskarte in seiner Hand, elegant laminiertes Pergament mit Goldschnitt, und er überreichte Rhodes die Karte mit einer glatten gekonnten Bewegung.
Rhodes starrte auf die Karte. Die metallische Schrift glühte wie von einem zauberischen inneren Licht. Da war das Monogramm von Kyocera-Merck, und sein Name – HIDEKI NAKAMURA – dreidimensional in modernistischer Schrift blitzend, und in der einen Ecke die einfache Ziffer 3. Das Kennzeichen seines Status in der Hierarchie der Firma.
Grad Drei?
Der dritte Grad bedeutete in der Tat eine mächtige Managerqualität; es war nur eine Stufe weniger als die praktisch ›kaiserlichen‹ höchsten Ränge, die nahezu völlig von Angehörigen der allmächtigen Herrschafts-Erbclans der großen Megafirmen besetzt waren. Rhodes hatte in seiner ganzen Karriere als Angehöriger seiner Firma niemals ein Wesen von höherem als dem Vierten Rang zu Gesicht bekommen, geschweige denn mit ihm gesprochen.
Leicht verwirrt schob er die Karte in die Tasche. Nakamura streckte ihm dann wieder die Hand entgegen, diesmal nur zu einem ganz ordinären abendländischen Händedruck. Rhodes nahm die Hand. Sie fühlte sich mehr oder weniger an wie die jedes gewöhnlichen Sterblichen.
Nakamura lächelte weiterhin. Aber Rhodes glaubte hinter diesem Lächeln die eisige Wut zu spüren, von der diese hochrangigen Japaner alle beherrscht waren: Trotz all des Reichtums und der Macht und Intelligenz waren sie vom Wüten des Meeres aus ihrer Heimat vertrieben worden. Waren gezwungen, hier und dort auf der ganzen Erde ihr Leben weiterzuleben, mitten zwischen diesen behaarten, hässlichen, übelriechenden, hochnäsigen bleichen unjapanischen Barbaren. Und mussten ihnen sogar ab und zu die Hand schütteln.
Nakamura sagte: »Wenn ich dir etwas zu trinken anbieten darf, Dr. Rhodes? Ich persönlich bevorzuge Cognac. Wenn du dich mir vielleicht anschließen möchtest …«
Die haben wirklich sehr gut recherchiert, dachte Rhodes voll Bewunderung.
»Gern«, sagte er, vielleicht eine Spur zu hastig. »Aber bitte, selbstverständlich gern.«
Kapitel 14
Enron sagte: »Da ist ein Restaurant. Da drüben. Komm, gehen wir hin und essen etwas.«
»Restaurant?«, sagte Jolanda. »Ich sehe nirgendwo ein Restaurant, Marty.«
»Dort. Dort!« Enron hob ihren Arm, als wäre sie eine hölzerne Gelenkpuppe, und deutete damit in die Gegend. »Das kleine Haus da mit den Tischen davor, unter den grün-roten Markisen. Hier oben sind die Restaurants alle so im Freien. Weil man hier nämlich die Luft atmen kann, verstehst du?«
»Oh«, sagte sie verträumt. »Ooooh, ja. Ich verstehe.«
Tat sie das wirklich? Seit acht Stunden waren sie nun schon in Valparaiso Nuevo, aber sie lief noch immer herum wie eine Schlafwandlerin. Sicher, es war ihr erster Aufenthalt in einem Habitat, aber trotzdem – wirklich …