Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
Ingrey ließ sich von Tesko die Stiefel ausziehen. Dann erteilte er ihm knappe Anweisungen für die frühe Morgenstunde und ließ sich aufs Bett fallen. Doch er schlief nicht ein.
Er war immer noch zu aufgedreht, um schlafen zu können, und zu betrunken, um klar denken zu können, und zu erschöpft zum Sitzen. Das Blut schien in seinen Adern zu zischen und in seinen Ohren zu fauchen. Er war sich jedes schwachen Lautes von oben eindringlich bewusst. Gingen Ijadas Atemzüge noch immer im selben Rhythmus wie die seinen? Er war aufgerüttelt und schreckte zugleich davor zurück, deswegen etwas zu unternehmen. Denn wenn sie jeden seiner Herzschläge und jede seiner Bewegungen ebenso spürte, wie er die ihren zu spüren schien …
Anscheinend steuerten sie schon seit Tagen auf diesen Augenblick der Begegnung zu. Jetzt fühlte er sich ihr verbunden, als wären sie zwei Jagdhunde, die man für die Ausbildung aneinander geleint hatte. Wer ist der Jäger? Und was ist die Beute? Das laute Einschnappen dieser Verbindung zwischen ihnen hallte ihm noch immer bis in die Knochen: Ketten, dünner als Spinnfäden und härter als Eisen und nicht so leicht zu zerreißen.
Er musste nicht das Knarren hören, wenn sie sich im Bett herumwälzte. Er wusste genau, wo sie war, so gut wie er die Lage seines eigenen Leibes in der Dunkelheit bestimmen konnte. Ingrey streckte die Hand vor sich in der Finsternis aus. Das ist nur ein Hirngespinst. Ich verliere den Verstand vor unerwidertem Begehren. Nur dass es so unerwidert nicht gewirkt hatte … Kurz huschte ein dümmliches Grinsen über seine Lippen.
Irgendwann war er wohl eingeschlafen, denn Tesko musste ihn förmlich unter der Decke hervorzerren und auf den Boden fallen lassen, damit er endlich wach wurde. Teskos ruckartige Bewegungen verrieten eine Furcht, die sich nicht recht entscheiden konnte, wo die größeren Gefahren lagen: im Umgang mit einem halb wachen Ingrey oder im Ungehorsam. Ingrey versuchte, seinen pelzigen Mund freizubekommen, und versicherte seinem Leibdiener, dass Ungehorsam schlimmer gewesen wäre. Sich aufzusetzen erwies sich als schmerzhafte Anstrengung, war aber möglich.
Er ließ sich von Tesko beim Waschen, Rasieren und Ankleiden helfen, natürlich nur, damit seine frisch angelegten Verbände keinen Schaden nahmen. Mit einem Stirnrunzeln stellte Ingrey fest, dass sie schon wieder mit bräunlichem Blut durchtränkt waren, doch ihm blieb keine Zeit, sie noch einmal wechseln zu lassen. Die verdreckte Binde am linken Handgelenk jedoch entfernte er, denn die Verletzung dort war inzwischen mehr als halb verheilt — bis auf schwärzliche Krusten, frische rosa Narben und allmählich ins Grünliche spielende Verfärbungen. Die Ärmel seiner Stadtgarderobe — in Grau und Dunkelgrau — verhüllten das gut genug. Mit Schwert und Messer und sauberen Stiefeln sah er wieder halbwegs vorzeigbar aus, sofern man die blutunterlaufenen Augen und das bleiche Gesicht außer Acht ließ.
Voll Abscheu verzichtete Ingrey auf das Brot, doch er kippte den Tee hinunter und stieg mit leisem Geklapper die Treppe hinab. Er blickte nach oben und durchdrang mit seinen Sinnen zwei undurchsichtige Zwischendecken. Ijada schläft noch. Gut.
Durch die kühle feuchte Luft im Freien sickerte gerade eben genug Licht, dass Ingrey seinen Weg durch die Straßen sehen konnte. Als er am anderen Ende der Königsstadt angelangt war, schmerzte sein Kopf noch immer, war nach dem kleinen Marsch jedoch ein bisschen klarer.
Mit dem Sonnenaufgang kehrten die Farben in die Welt zurück. Die massiven Steine in der ausladenden Fassade von Hetwars Palast nahmen einen buttergelben Ton an. Der Nachtpförtner warf einen Blick durch die Sichtluke im schweren, geschnitzten Eingangsportal und erkannte Ingrey sofort. Er machte einen Türflügel gerade weit genug auf, dass Ingrey in den stillen, düsteren Raum dahinter schlüpfen konnte. Ingrey wies einen Pagen ab, der ihn ankündigen wollte, und stieg die Treppen zur Arbeitsstube des Siegelbewahrers empor. Mehrere Diener bewegten sich lautlos durch das Gebäude, zogen Vorhänge zurück, entfachten Feuer und trugen Wasser herbei.
Ingrey zögerte, als er um eine Ecke bog und den Bannerträger von Fürstmarschall Biast, Lord Symark von Hirschendorn persönlich, vor Hetwars Gemach an der Wand lehnen sah. Symark begrüßte ihn mit einem freundlichen Nicken.
»Ist der Prinz hier?«, fragte Ingrey halblaut.
»Ja.«
»Wann seid Ihr eingetroffen?«
»Wir haben vor etwa zwei Stunden die Tore der Königsstadt erreicht. Der Prinz hat seinen Tross im Morast bei Neuentempel hinter sich gelassen. Wir sind die ganze Nacht durchgeritten.« Symark lockerte sich die Schultern und schüttelte dabei kleine Krumen getrockneten Schlamms vom Mantel.
»Seid Ihr das, Ingrey?«, erklang Hetwars Stimme hinter der Tür. »Kommt herein.«
Symark bedachte ihn mit einem Aufschlag der Augenbrauen; Ingrey schlüpfte durch die Tür. Hetwar saß hinter seinem Tisch und bedeutete ihm, die Tür wieder zu schließen.
Ingrey verneigte sich vor dem Fürstmarschall, der mit ausgestreckten Beinen gegenüber von Hetwar saß, und dann vor dem Siegelbewahrer selbst. Beide Männer erwiderten die Geste mit einem Nicken. Dann stand Ingrey da, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und wartete auf das nächste Stichwort.
Biast war genauso schlammbespritzt und müde von der Reise wie sein Bannerträger. Der Prinz war ein wenig kürzer gewachsen als sein jüngerer Bruder Boleso und nicht ganz so breit. Dennoch besaß er die athletische Gestalt und die braunen Haare der Hirschendorn-Familie, wie auch deren vorspringendes Kinn, das in seinem Fall sorgfältig rasiert war. Sein Blick wirkte ein wenig aufmerksamer, und falls er Bolesos Sinnenlust und sein aufbrausendes Wesen teilte, hielt er es besser unter Kontrolle.
Biast war erst vor drei Jahren der voraussichtliche Erbe seines Vaters geworden, nach dem vorzeitigen, krankheitsbedingten Tod des ältesten Hirschendorn-Bruders, Prinz Byza. Bevor die Bürde der Erwartungen so schwer auf seine Schultern gefallen war, hatte man den mittleren der Prinzen auf eine militärische Karriere vorbereitet, deren Disziplin ihm wenig Zeit gelassen hatte, um wie Byza einen Ruf für diplomatisches Geschick zu erwerben oder Bolesos Hang zur Genusssucht nachzueifern.
Hetwar war bereits vollständig angekleidet, allerdings nicht in seiner üblichen schmucklosen Garderobe, sondern in voller Hoftrauer. Die Amtskette ruhte schwer auf seinem pelzgesäumten Überwurf. Vermutlich wollte er gleich aufbrechen und sich Bolesos Trauerzug auf dem letzten Stück nach Ostheim anschließen.
Der Siegelbewahrer war von mittlerer Größe, mittlerem Alter und mittlerem Körperbau. Ausschweifungen aller Art zählten nicht zu Hetwars Lastern, auch wenn sich ihm hier bei Hofe genug Gelegenheiten bieten mochten. Ingrey fiel auf, dass der Gelehrte Lewko in gewisser Weise das täuschend milde Auftreten teilte, das auch Hetwar gewohnheitsmäßig an den Tag legte und hinter dem sich vielseitige Fähigkeiten verbargen. Ein beunruhigender Gedanke.
Doch weder am Siegelmeister noch beim Fürstmarschall nahmen Ingreys neu erwachte innere Sinne auch nur den geringsten Geruch des Übernatürlichen wahr. Diese Erkenntnis beruhigte ihn nicht sonderlich. Magische Kräfte mochten manchmal nützlich sein, doch weltliche Macht konnte man zu jeder Zeit nutzen. Und dieser Raum, diese beiden Männer, waren durchtränkt von Letzterem.