Der heisse Himmel um Mitternacht
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 2014
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 978-3-641-11452-7
- Переводчик: Roland Fleissner
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Der heisse Himmel um Mitternacht». Краткое содержание книги:
»Aber wenn du doch befürchtest, dass sie sich umbringen könnte …«
Seine Behutsamkeit schüttet nur neues Öl ins Feuer. Isabelle flammt auf wie eine Fackel. »Hör mal zu, Nick! Das ist meine Entscheidung! Hier geht es um eine Übertragung, die dich nichts angeht und die gänzlich über deine bornierte Begriffskapazität hinausgeht, eine komplizierte interpersonelle Transaktion zwischen diesem verwirrten Mädchen und dem einzigen menschlichen Wesen auf Erden, das sich ehrlich um sie sorgt, und es ist, verdammt noch mal, nicht deine Sache, deine blöde laienhafte Meinung …« Sie bricht den Satz ab, blinzelt wie jemand, der aus einer Trance erwacht, atmet in heftigen Zügen Luft ein, als wäre sogar ihr klargeworden, dass sie jetzt etwas zu weit mit ihm gegangen ist.
Ein kurzes Schweigen. Rhodes wartet.
»Ach, das ist alles ganz falsch«, sagt sie dann.
»Was ist falsch?«
»Was wir machen, du und ich. Wir sollten uns nicht über sowas streiten.« Isabelles Stimme ist jetzt angenehm weich.
»Nein.« Er ist enorm erleichtert. »Völlig richtig. Wir sollten uns überhaupt über nichts streiten, Isabelle.«
Sie scheint tatsächlich bereit, ihre Wut, ihre heftige Feindseligkeit zu bedauern. Er glaubt fast die kreisenden Rädchen in ihrem Kopf zu hören.
Er wartet, will sehen, was noch kommt.
Und dann, abrupt und ohne Vorwarnung, wechselt sie einfach das Thema.
»Lass uns von was anderem reden, ja? Weißt du, dass Jolanda sich weiter mit diesem Israeli trifft? Ich dachte, du hast sie mit deinem Freund Paul verkuppelt.«
Rhodes legt ebenfalls so rasch wie möglich einen anderen Gang ein, er ist glücklich darüber, dass er sich nicht weiter mit den Problemen der verzweifelten Angela befassen muss. »Paul wollte damals nur ein bisschen nette Gesellschaft für diese eine Nacht. Außerdem, er ist jetzt draußen auf See. Aber der Israeli – heh! Wie oft hat sie sich denn mit ihm getroffen?«
»Seit damals in Sausalito jeden zweiten Abend.«
Rhodes überdenkt das. Im Grunde ist es ihm egal, nur sind Jolanda und Isabelle eben enge Freundinnen, und damit bestand die Gefahr, dass ihm bald wieder ein weiterer unangenehmer Abend in Enrons Gesellschaft aufgezwungen werden könnte.
Isabelle sagt: »Weißt du, er hat sie zu einem Trip eingeladen.«
»Einen Trip? Wohin?«
»Irgendeins von den Raum-Habitaten. Ich weiß nicht mehr, welches.«
Rhodes lächelt. »Ein schlauer Hund, was? Jolanda gibbert seit Jahren schon danach, mal zu den L-5s zu kommen. Ich dachte, der Typ, den sie da drüben in L. A. kennt, wollte sie dorthin mitnehmen, aber da hat dieser Enron ihm offenbar die Show gestohlen. Aber – es ist natürlich nicht übermäßig schwer für einen Mann, Jolanda zu beglücken.«
»Was soll das denn heißen?«, fragt Isabelle scharf.
Oh-oh!
Plötzlich ist die eiskalte stählerne Stimme wieder da. Und der starre Basiliskenblick. Rhodes begreift, er ist schon wieder ins Fettnäpfchen gelatscht.
Er sagt zögernd: »Also – diese Jolanda ist eine gesunde kräftige Frau mit gesunden natürlichen Instinkten …«
»Ein Flittchen, willst du sagen, das gleich mit jedem ins Bett steigt?«
»Hör zu, Isabelle, ich habe mit keinem Wort …«
»Aber genau das denkst du, stimmt es nicht?« Und wieder zieht sie die gleiche Nummer ab, wild wie zuvor, mit blitzenden Augen, zerrt sich am Haar und stampft auf und ab. »Das war doch der Grund, weshalb du sie mit deinem alten Busenfreund Paul zusammengebracht hast. Ein nettes kleines Ding für Spaß und Spiel für eine Nacht.«
Nun ja, sicher. Und Isabelle weiß es ja genau. Sie sind alle erwachsene Leute, und Jolanda ist keine Nonne, und Isabelle im Übrigen auch nicht. Außerdem ist es wahrhaftig schon lange zu spät, Jolanda wegen ihrer Keuschheit zu preisen. Wenn sie sich so für ihre Freundin stark macht, sucht Isabelle nur Streit. Aber Rhodes wagt nicht, ihr das zu sagen.
Und so sagt Isabelle es statt seiner. »Sie vögelt mit jedem, hast du das nicht deinem Paul gesagt? Stimmt es?«
»Nicht gerade so direkt. Aber – um Himmels willen! – hör doch zu, Isabelle, du weißt doch ebenso gut wie ich, dass Jolanda ziemlich viel rumkommt. Ziemlich viel.«
»Hat sie mit dir auch gefickt?«
»Isabelle!«
»Also? Hat sie?«
Tatsächlich hat sie. Rhodes ist nicht sicher, ob Isabelle davon weiß. Jolanda erzählt ihr alles mögliche, hat ihr aber das vielleicht verschwiegen. Er überlegt, was er sagen soll, er möchte nicht, dass der Abend sich zu einem richtigen Furientanz ausweitet, aber er möchte sich auch nicht bei einer Lüge ertappen lassen. Er entschließt sich zu improvisieren.
»Was hat das denn damit zu tun?«, fragt er.
»Hat sie oder hat sie nicht, Nick?«
Tief Luft holen. Also schön, gib ihr, was sie haben will. »Ja. Einmal.«
»Jesus!«
»Du warst verreist. Sie schaute vorbei. Ich weiß nicht mehr, wann das war. Es war aber ein besonders heißer Tag, eine Rekordhitze, und wir fuhren zum Strand, und hinterher …«
»Es reicht. Du brauchst mir nicht das ganze Playback vorzuspielen.« Sie hat ihm jetzt den Rücken zugekehrt und steht wie eine Marmorstatue am Fenster.
»Isabelle …«
»Hau ab und besorg's dir selber!«
»Du willst, dass ich gehe?«
»Was denkst du denn?«
»Wollen wir uns etwa deswegen trennen?«
»Ich weiß nicht. Vielleicht. Vielleicht nicht.«
Er spürt ein Schwanken in ihrer Stimme, eine leichte weichere Tönung. Das altbekannte Spiel von Annäherung und Abweisung, eine von Isabelles Spezialitäten. Er tritt an die Hausbar und gießt sich einen Drink ein, einen kräftigen. Erst dann fällt ihm auf, dass er bereits ein noch halbvolles Glas auf dem Tisch stehen hat. Er nimmt einen tiefen Schluck von dem frischen Drink und stellt das Glas dann neben das erste.
»Du kannst bleiben, wenn du willst«, sagt sie gleichgültig, wie ganz weit weg, mit tonloser Stimme. »Oder nicht. Was immer du vorziehst.«
»Es tut mir leid, Isabelle.«
»Was?«
»Das mit Jolanda.«
»Vergiss es. Was macht es schon für einen Unterschied?« Einen Moment lang fürchtet er, Isabelle könnte jetzt ihrerseits mit Geständnissen herausrücken. Entweder damit er sich weniger schuldig fühle, oder um ihn zu strafen. Aber er will nichts dergleichen hören, egal, was es ist, wenn es da etwas zu hören gäbe. Und was ihn angeht, so war Jolanda sein einziger Seitensprung. Als er damals mit ihr ins Bett stieg, geschah das beinahe gedankenlos, automatisch: Jolanda hatte das Ganze anscheinend für nichts weiter gehalten als für einen netten Abschluss des Abends damals, ein lustiges freundschaftliches Gekrabbele ohne weitere Bedeutung und Konsequenzen. Und er war eben einfach mitgehüpft.
»Hör mich an, Isabelle …«
Rhodes geht zu ihr hinüber, streckt die Hände aus und legt ihr sacht die Finger auf die Schultern. Seine Hände zittern. Ihr Rücken ist ganz verspannt. Er fühlt sich an wie Gusseisen.
»Ich möchte gern bleiben«, sagt er zu ihr.
»Wie du willst.« Der gleiche abwesende Ton.
»Du hast es gewusst, ja? Das mit Jolanda und mir?«
»Ja. Selbstverständlich.«
»Aber warum dann …?«
»Ich wollte eben hören, was du dazu sagst.«
»Immerhin hätte ich dann ja ein goldenes Sternchen für meine Ehrlichkeit verdient.«
»Ja«, sagt sie. »Ich glaube, das hast du. Hör mal, ich geh jetzt wieder rüber und bringe dort zu Ende, was ich angefangen hatte. Okay?«
Und sie entzieht sich seiner Berührung. Er geht wieder in die Mitte des Raums zu seinen zwei Drinks, leert das eine Glas, dann das zweite, und nach einer Weile gießt er sich ein drittes ein. Es ist ein grässlicher Fusel; Isabelle hat eine perverse Vorliebe für die miesesten Marken. Aber er trinkt trotzdem, was sie anzubieten hat. Zweifellos ist das Zeug da aus Algenbrei destilliert; ein echter Skandal, dass sie es wagen dürfen, so etwas ›Scotch‹ zu nennen! Aber trotzdem: Wenn er vor die Wahl gestellt ist, solche Pisse zu trinken, oder gar keinen Alkohol, dann säuft er klaglos das schlechte Zeug, und in Mengen. Manchmal ist er in der letzten Zeit selbst verblüfft, welche Kapazität er entwickeln kann. Er hört, wie Isabelle sich bereitmacht, ins Bett zu gehen, und nach einer Weile geht er zu ihr hinüber. Es ist nach Mitternacht, und er ist erschöpft. Trotz der Klimaanlage hat sich die heiße Moderluft von draußen irgendwie durch die Nacht hereingeschlichen, gespenstische stinkende dünne Gasschwaden schleichen sich direkt durch die Wände und füllen jeden Raum vom Fußboden bis zur Decke mit einem dicken erstickenden Mief.