Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
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»Ich weiß nicht recht.«
»Glaubst du mir nicht? Wollen wir wetten?«
»Nein. Ich hätte eigentlich einige Fragen …«
»Später. Zuerst ich, dann du. Schließlich bist du reingekommen – ohne zu fragen.«
»Die Tür war nicht verschlossen.«
»Wem fällt es schon ein, in fremde Appartements zu kommen, noch dazu zu Fuß.«
»Verlaßt ihr nie den Rollstuhl?«
»Ich frage zuerst: Wieviel Mann hatte Napoleon?«
»Das weiß ich nicht.«
»Aber ihr habt doch sicher Aufzeichnungen darüber. Könntest du sie nicht abrufen?«
»Ich will es gern tun, aber es geht nicht so schnell.«
»Wirst du es tun?«
»Ja. Wenn du mir meine Fragen beantwortest.«
»Jetzt?«
»Ja.«
»Dann bitte schnell. Ganz kurz.«
»Wieviel Einwohner hat die Stadt?«
»Aber das ist doch albern. Frag doch selbst ab.«
»Bei wem?«
»Bei der Zentrale selbstverständlich.«
»Ich habe kein Ein- und Ausgabegerät.«
»Es stehen genügend Appartements frei.«
»Wo?«
»Wie soll ich das wissen, ich hab’ meins.«
»Kannst du nicht nachfragen?«
»Jetzt nicht – keine Zeit!«
»Dann besorge ich dir die Daten nicht.«
»Na schön.«
Er drückte einige Tasten auf dem Manual. Auf der Projektionswand erschien ein Plan, offenbar ein Plan der Stadt. Einige Bereiche oszillierten rot.
»Zufrieden?«
»Wie ist die Orientierung?«
»Jetzt wird mir die Sache aber wirklich zu blöd. Ich muß zurück.«
Ein Griff an die Schalttafel, und die Projektionswände leuchteten auf, Klirren und Tosen erfüllte den Raum, Schreie, französisch, deutsch, englisch, flämisch. Funken stoben, Dampf stieg auf; man roch es, gedämpft, aber durchaus echt – es roch nach Pulver, nach Schweiß, nach Tierleibern. Bärenmützen, Tschakos, Reiter klammerten sich an hochgehende Pferde, Menschen in bunten Uniformen rannten gegen einen Hagel von niederprasselnden Geschossen, ein hölzerner Wagen brannte. Degenspitzen, Bajonette, Fontänen von Schlamm. Die Zeitansage lief wieder, die Ziffern schwebten frei im Raum.
»Siehst du, es geht weiter! Diesmal finde ich die richtige Strategie. Wir müssen von links angreifen, das ist die Lösung.«
Er saß wie ein Feldherr inmitten der Schlacht. Ein Knopfdruck, und das Diagramm erschien. Finger huschten über die Tasten, einige Pfeile änderten ihre Richtung. In einem blendendweißen Feld erschienen Zahlen:
7624 (+ 316)
(– 28)
7624 (+ 288)
»Hab’ ich’s nicht gesagt – sie haben größere Verluste! Heute besiege ich Blücher. Geh jetzt, bring mir die Daten, aber geh rasch, rasch …«
Ich stand auf und ging hinaus.
Sie waren hochgewachsen, verließen ihre Räume selten, hockten vor den Projektionsschirmen, waren mit großem Ernst bei ihren Spielen, interessierten sich für alles mögliche und für nichts, fanden ihr Dasein selbstverständlich, waren nicht dumm, hatten einen guten Kern, konnten sich wirklich begeistern, ließen sich nichts entgehen, merkten nicht, daß die Zeit verstrich, vermieden jede Anstrengung, führten ein hygienisches Leben, waren manchmal unzufrieden, wollten nicht gestört werden, nützten ihre Möglichkeiten nicht aus, ergriffen selten die Gelegenheit, lebten ihr Leben, vermieden Entscheidungen, ließen sich von Robotern bedienen, wurden von UV-Strahlern gebräunt, schämten sich nie, waren Egoisten, sahen nicht über ihren Horizont hinaus, wußten nichts von Ackerbau und Viehzucht, hatten eine Leidenschaft für Sport, entwickelten sich nicht weiter, tauchten ihre Hände in destilliertes Wasser, entfalteten sich nicht, hatten eine gute Verdauung, hatten Sinn für das Schöne, waren am Ziel angelangt, lebten in einer Scheinwelt, reizten ihre Sinne mit elektrischem Strom, waren längst abgeschrieben, waren an Überwachung gewöhnt, vertrauten den Maschinen, hörten gern Musik, ließen ihre Muskeln verkümmern, hatten nie ein Stück Himmel gesehen, waren unschuldig, konnten sich nichts anderes vorstellen, waren in eingefahrene Bahnen geraten, fühlten sich ganz wohl dabei – und wenn jemand angeregt hätte, sie sollten ihre Situation überdenken, sich kritisch auseinandersetzen, von den vorgezeichneten Wegen abweichen, so hätten sie ihn nicht Verstanden, wären schockiert gewesen oder belustigt, nicht mehr bewegt als über eine Störung im Spiel, hätten sich im Recht gefühlt, und anders konnte es auch nicht sein, denn sie hatten nicht gelernt, Fragen zu stellen über Dinge, die selbstverständlich schienen, und so sahen sie nicht mehr als das, was offen vor ihnen lag, und nicht einmal das, ersparten sich Konflikte, mieden Entscheidungen und nahmen das Leben so wie es war.
Sie waren frei von Schuld, und das war ihre einzige Freiheit.
Die folgende Nacht war die letzte, die Sie im Lager verbrachten?
Wir kehrten zurück – um zu berichten und zu einer Ruhepause. Von Tag und Nacht konnte man nicht sprechen. Es war stets gleich hell, es gab keinen Wechsel der Temperaturen, keinen Wind, keine Bewegung am Himmel.
Hielten Sie den normalen Tagesrhythmus nicht ein?
Dazu bestand keine Veranlassung. Unsere Untersuchungen hielten uns mitunter länger auf, und es schien vernünftig, sie nicht zu unterbrechen.
Wie hielten es die übrigen Mannschaften?
Die feste Zeitordnung schien sich aufzulösen.
Warum achtete der Oberst nicht darauf?
Er versuchte es, aber die Leute taten nicht mit.
Er hätte Strafen verhängen können.
Strafpunkte verteilen – niemand kümmerte sich darum.
Energische Maßnahmen, Arrest …
In fremdem Territorium … nein, das konnte er nicht. Er durfte es nicht auf eine Kraftprobe ankommen lassen.
Wie erklären Sie sich den Verfall der Disziplin?
Bei Besetzungen geht es stets freier zu als in der Kaserne. Das bedeutet noch längst keine Meuterei.
Diese Aktion unterschied sich von den anderen Besetzungen.
Ja, sonst gab es Widerstand. Das stärkt den Zusammenhalt.
Sehen Sie einen Zusammenhang mit den Stimmen aus dem Radio?
Wenn Sie an eine geheimnisvolle Suggestivwirkung denken – nein.
Einige Soldaten hatten sich von der Truppe entfernt.
Ja.
Waren den Leuten die Ergebnisse Ihrer Untersuchungen bekannt? Wußten sie von den freistehenden Appartements, von den Möglichkeiten der Projektionsspiele?
Es ist möglich. Wir haben diese Dinge nicht geheimgehalten.
Dan hatte den Plan nur kurz gesehen, aber es hatte genügt, um zu erkennen, daß die unbesetzten Räume im Zentrum der Stadt lagen. Sie mußten viele Stunden fahren und nahmen ihre Ausrüstung mit, um unabhängig zu sein. Da es kein freies Gelände gab, lagerten sie mitten auf der Straße. Ein Wagen stand etwas weiter vorn, einer zurückgezogen, dazwischen stellten sie ein Zelt auf. (Eigentlich war das überflüssig, denn sie brauchten keinen Schutz gegen Regen oder Kälte, Radioaktivität oder Krankheitskeime. Längst hatten sie die schweren Schutzanzüge abgelegt und trugen die leichten, olivgrünen Kombinationen mit den aufgesteppten Taschen, die knapp geschnittenen Laufschuhe mit den Schaumgummisohlen, die Schirmkappen. Auch die Luftmatratzen lagen auf dem Boden; wer Dunkelheit zum Schlafen brauchte, zog die Decke über den Kopf. Im Zelt hatten sie einen Teil der Vorräte aufbewahrt, die Wasserkanister, die Gefrierpackungen mit Fertigmahlzeiten, die Trockenfrüchte, die Konserven, die Kraftrationen, die Konzentrate und Notvorräte, dort hatten sie auch einige Geräte bereitgestellt, und sie bewachten sie, aber niemand rechnete ernstlich damit, sie verteidigen zu müssen.)
Um die unbesetzten Räume zu finden, mußten sie sich von ihrem Standplatz entfernen, einige Soldaten kamen mit, andere blieben zurück, gelangweilt, träge oder gereizt, sie lungerten umher, saßen am Rand der Fahrbahn, lagen auf den Matratzen und starrten hinauf in die blendende Helle der schwebenden Lichter.