Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
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Der Mann blickte sie irritiert an.
»Was hat das zu bedeuten? Wo ist Gilbert?«
Sie traten zögernd ein, Greg voran, dann Pavel, dazwischen schoben sich die Soldaten, die andern drängten nach.
»Verlaßt den Raum! Wer seid ihr?«
»Verzeihen Sie«, sagte Greg. »Wir haben nichts Böses im Sinn. Nur einige Fragen!«
»Kommen Sie von der Regeneration? Es ist noch zu früh.«
»Beruhigen Sie sich«, bat Greg. »Wir …«
»Das ist eine Ungeheuerlichkeit. Verlaßt den Raum – unverzüglich!«
Seine Hand bewegte sich auf dem Manual. Den Männern wurde schwarz vor den Augen.
Als sie erwachten, lagen sie draußen auf der Terrasse, einer neben dem andern. Es war ihnen nichts geschehen. Sie wurden unvermittelt hellwach, hatten keine Kopfschmerzen, verspürten keine Müdigkeit.
»Wir sind zu plump vorgegangen«, sagte Pavel. »Wir haben ihn erschreckt.«
»Jeder hätte Angst bekommen. Für ihn sind wir Fremde.«
»Er hatte keine Angst.«
»Was dann?«
Pavel hob die Schultern. »Ärger, würde ich sagen. Empörung. Es war keine Schreckreaktion. Er fühlte sich nicht bedroht – bis auf einen Moment – als er von der Regeneration sprach, da war ein Anflug von Angst in seiner Stimme.«
»Er hat offenbar jemand anderen erwartet.«
»Ja, darum ließ sich die Tür öffnen.«
»Und die bunten Kugeln?«
»Vielleicht ein Experiment?«
»Ein Spiel.«
»Das eher.«
»Projektion – oder Fernsehen.«
»Hohe Qualität. Völlige Vortäuschung der Wirklichkeit.«
»Ich habe im ersten Moment auch geglaubt, wir befänden in luftiger Höhe.«
»Es gab keine Möglichkeit, die Täuschung festzustellen.«
»Mit etwas Logik …«
»Ins Zimmer treten …«
»Um keinen Preis wäre ich eingetreten.«
»Was nun?«
»Behutsamer vorgehen.«
»Nicht gleich mit einer ganzen Mannschaft.«
»Am besten einer allein.«
»Das Risiko …«
»Offenbar hat man nichts Böses mit uns vor, sonst hätte an uns nicht unverletzt hierhergebracht.«
»Wir können es riskieren: einer allein.«
»In Ordnung. Wer geht?«
Sie waren alle aus demselben Holz geschnitzt, hatten die gleiche Erziehung, waren zusammen geschult worden, waren aufeinander eingespielt, waren vertraut miteinander, verstanden sich ohne Worte, sprachen Zweifel freimütig aus hatten keine Geheimnisse voreinander, waren ein Team, gehörten der Elite an, waren intelligent, reagierten rasch, hatten eine gute Auffassungsgabe, waren ein wenig schwerfällig, waren kaum aus der Ruhe zu bringen, wirkten langweilig, waren es auch, wirkten beherrscht, waren schlechte Unterhalter, sahen nicht aus wie Helden, taten selten etwas Überraschendes, hatten sich unter Kontrolle, waren aneinander gewöhnt, spotteten über ihre eigenen Schwächen, hatten einander wenig zu sagen, ergänzten sich, waren gesund, waren ohne Illusionen, waren normalsichtig, benahmen sich unauffällig, hatten niedrigen Blutdruck, waren ehrgeizig, waren nicht älter als 40, hielten zusammen wie ein Mann, hatten keine besonderen Kennzeichen, waren Nichtraucher, waren psychologisch getestet, übten verschiedene Sportarten aus, arbeiteten ausdauernd, hatten denken gelernt, waren anpassungsfähig, waren nicht vorbestraft, waren das Produkt jahrelanger Planung, waren der Stolz der Akademie, waren bereit zum Gehorsam, unterschieden sich kaum voneinander, konnten sich aufeinander verlassen, hatten ähnliche Werturteile, waren farblose Übermenschen, fühlten wie andere auch, waren gelegentlich schlecht gelaunt, hatten gepflegte Zähne, waren Experten auf Spezialgebieten – aber einander so ähnlich, daß es gleichgültig war, ob der eine mit dieser, der andere mit jener Aufgabe betraut wurde (vorausgesetzt, es handelte sich um eine allgemeine Aufgabe und nicht um eine spezielle, für die jeder einzelne besonders vorbereitet worden war), in solchen Fällen also dachten sie ähnlich, verhielten sich ähnlich, handelten ähnlich, und niemand hätte sie allein aufgrund dessen, was sie dachten, wie sie sich verhielten, wie sie reagierten, unterscheiden können.
Sie waren austauschbare Größen.
Wir setzten mehrmals dazu an, in die Wohnräume der Stadtbewohner einzudringen. Meist leuchtete die rote Schrift auf, und wir versuchten es bei der nächsten Türe. War man ausdauernd genug, hatte man bestimmt früher oder später Glück. Stets ging nur einer hinein, die andern warteten draußen – das hatten wir uns zur Regel gemacht.
Wir sammelten eine Fülle von Informationen, und doch enthüllten sie, geordnet und in Zusammenhang gebracht, nur einen Teil des Bildes, gewissermaßen den vordergründigen. Aber dieser Teil ist sicherlich wesentlich, er bestimmt den Sollwert des Regelkreises, der sich hier eingespielt hatte. Natürlich besprachen wir die Ergebnisse eingehend. Wir legten möglichst präzise Gedächtnisprotokolle an, diskutierten ungewöhnliche Geschehnisse, versuchten Widersprüche aufzuklären. Viele Beobachtungen wiederholten sich, andere waren einmalig und nicht reproduzierbar.
Ich berichte – als Beispiel für viele – von einem eigenen Versuch, der gute Resultate erbrachte.
Ich fand eine Tür, die sich öffnen ließ. Nur ein Teil der Projektionswände war erleuchtet, etwa ein Drittel des Umfanges, der andere Teil halbverdunkelt. Oben, im Zentrum der Kuppel, schwebte ein Beleuchtungskörper, eine Lichtspindel, die einen weichen, gelblichen, fein gebündelten Strahl abgab. Später merkte ich, daß es nur eine Projektion war.
Das Bild auf der Sichtfläche zeigte ein kompliziertes Diagramm, farbige Linien, Pfeile, Kreise mit eingeschriebenen Ziffern, die mitunter wechselten. In einer Ecke eine Zeitanzeige, die offenbar im Zeitraffer lief.
Als ich eintrat, sah der Mann im Liegesitz kurz auf. Zur Bildfläche gewandt sagte er »Pause«. Die Zeitanzeige blieb stehen. Das Diagramm verblaßte, man sah in einen dämmrig erleuchteten Raum, es war wie ein Spiegelbild, derselbe Liegestuhl, ein Mann; zuerst meinte ich, in das Nachbarappartement zu sehen, aber es war eine Projektion, wer weiß, über welche Entfernung.
Der eine Mann sagte zum andern: »Fünf Minuten, wenn es dir recht ist?«
»In Ordnung.«
Das Bild verschwand, es wurde heller, ohne daß ich hätte sagen können, wodurch.
»Bist du einer der Fremden?«
»Ja.«
»Du hast Glück. Ich interessiere mich für Geschichte.« Er drückte eine Taste, und neben mich schob sich eine Liege.
»Bitte, setz dich. Du holst dir noch einen Muskeltremor. Ein Stärkungsbad?«
»Nein, danke.«
»Ich brauche einige historische Angaben. Die Schlacht bei Waterloo – ein Begriff?«
»Ja.«
»69052 Mann hatte Napoleon, 272 Kanonen, Blücher 74860, doch mir fehlen die Angaben über Wellington – 90000? oder 64000? Und wieviel Kanonen? 272 hatte Napoleon. Und Wellington? Kannst du die Daten besorgen?«
»Ich kann es versuchen.«
»Man hätte Wellington und Blücher den Weg abschneiden sollen. Die Geschütze auf der Hügelkette postieren. Dann wären die Verluste geringer gewesen. Ich habe es durchgerechnet. Napoleon hätte die Schlacht bei Waterloo gewinnen können. Was meinst du?«
»Ich weiß nicht recht.«
»Glaubst du mir nicht? Wollen wir wetten?«
»Nein. Ich hätte eigentlich einige Fragen …«
»Später. Zuerst ich, dann du. Schließlich bist du reingekommen – ohne zu fragen.«
»Die Tür war nicht verschlossen.«
»Wem fällt es schon ein, in fremde Appartements zu kommen, noch dazu zu Fuß.«
»Verlaßt ihr nie den Rollstuhl?«
»Ich frage zuerst: Wieviel Mann hatte Napoleon?«
»Das weiß ich nicht.«
»Aber ihr habt doch sicher Aufzeichnungen darüber. Könntest du sie nicht abrufen?«
»Ich will es gern tun, aber es geht nicht so schnell.«
»Wirst du es tun?«
»Ja. Wenn du mir meine Fragen beantwortest.«
»Jetzt?«
»Ja.«
»Dann bitte schnell. Ganz kurz.«
»Wieviel Einwohner hat die Stadt?«
»Aber das ist doch albern. Frag doch selbst ab.«
»Bei wem?«
»Bei der Zentrale selbstverständlich.«
»Ich habe kein Ein- und Ausgabegerät.«
»Es stehen genügend Appartements frei.«
»Wo?«
»Wie soll ich das wissen, ich hab’ meins.«
»Kannst du nicht nachfragen?«
»Jetzt nicht – keine Zeit!«
»Dann besorge ich dir die Daten nicht.«
»Na schön.«
Er drückte einige Tasten auf dem Manual. Auf der Projektionswand erschien ein Plan, offenbar ein Plan der Stadt. Einige Bereiche oszillierten rot.
»Zufrieden?«
»Wie ist die Orientierung?«
»Jetzt wird mir die Sache aber wirklich zu blöd. Ich muß zurück.«
Ein Griff an die Schalttafel, und die Projektionswände leuchteten auf, Klirren und Tosen erfüllte den Raum, Schreie, französisch, deutsch, englisch, flämisch. Funken stoben, Dampf stieg auf; man roch es, gedämpft, aber durchaus echt – es roch nach Pulver, nach Schweiß, nach Tierleibern. Bärenmützen, Tschakos, Reiter klammerten sich an hochgehende Pferde, Menschen in bunten Uniformen rannten gegen einen Hagel von niederprasselnden Geschossen, ein hölzerner Wagen brannte. Degenspitzen, Bajonette, Fontänen von Schlamm. Die Zeitansage lief wieder, die Ziffern schwebten frei im Raum.
»Siehst du, es geht weiter! Diesmal finde ich die richtige Strategie. Wir müssen von links angreifen, das ist die Lösung.«
Er saß wie ein Feldherr inmitten der Schlacht. Ein Knopfdruck, und das Diagramm erschien. Finger huschten über die Tasten, einige Pfeile änderten ihre Richtung. In einem blendendweißen Feld erschienen Zahlen: