Im Anfang war der Mord
- Автор: Джордж Элизабет
- Год: 2005
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- ISBN: 3442459532
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Другие детективы
Электронная книга - «Im Anfang war der Mord». Краткое содержание книги:
Erstmals präsentiert sich hier Bestsellerautorin Elizabeth George,»die Meisterin des englischen Kriminalromans «als Herausgeberin: 26 spannende und raffinierte Kriminalgeschichten von den besten Autorinnen der Welt, wie Dorothy L. Sayers, Ruth Rendell, Sara Paretsky, Minette Walters, Marcia Muller, Nadine Gordimer, Joyce Carol Oates und vielen anderen. Mit einer Einführung von Elizabeth George!
Man nimmt allgemein an, dass er wahrscheinlich zu Hause in Europa ein Mädchen hat; dass er bereits einer aus seinen Kreisen versprochen ist, die man dort, wo er herkommt, für ihn ausgewählt hat. Viele dieser gebildeten Europäer haben keineswegs die Absicht, hier sesshaft zu werden; sie können sich weder für die Überbleibsel weißer Kolonialherrschaft noch für ein idealistisches Engagement für Schwarzafrika begeistern.
Einen Vorteil zumindest bietet das Leben in halb- oder unterentwickelten Ländern: Die Apartments sind bewirtschaftet. Alles, was Dr. von Leinsdorf selbst tun muss, ist Lebensmittel einkaufen und sich selbst ein Abendessen kochen, wenn er nicht ins Restaurant will.
Und dazu braucht er bloß nachmittags, wenn er von der Arbeit heimkommt, auf dem Weg zwischen Auto und Wohnung kurz auf einen Sprung in den Supermarkt gegenüber. Er fährt mit dem Einkaufswagen an den Regalen entlang, und hier findet er alles aufgereiht, was er zum täglichen Leben braucht, Päckchen und Konserven, Tuben und Flaschen, folienverpacktes Fleisch, Käse, Obst und Gemüse. An der Kasse, wo die Kunden sich sammeln und der Reihe nach anstellen müssen, stehen Regale mit allerlei kleinen Dingen, die man noch in letzter Minute kauft. Während die farbige Kassiererin die Preise in die Kasse tippt, nimmt er hier noch Zigaretten mit, ein Päckchen Salznüsse oder einen Nougatriegel. Oder Rasierklingen, wenn ihm gerade einfällt, dass sein Vorrat zu Hause zur Neige geht. An einem Abend im Winter sah er, dass der Karton mit seiner bevorzugten Klingenmarke leer im Regal stand, und er machte die Kassiererin darauf aufmerksam. Normalerweise sind diese jungen farbigen Mädchen nicht allzu hilfsbereit, sie nehmen das Geld entgegen, und die Art und Weise, wie sie die Tasten ihrer Registrierkasse drücken und mit dem Starrsinn des Halbgebildeten die Zeit totschlagen, demonstriert die Grenzen jeglicher Verantwortung dem Kunden gegenüber — doch diese hier warf einen kurzen, aufgeweckten Blick über das Rasierklingen-Sortiment, entschuldigte sich, dass sie ihren Platz an der Kasse nicht verlassen dürfe, und sagte, sie werde sich darum kümmern, dass das Regal» bis zum nächsten Mal «nachgefüllt wäre. Ein oder zwei Tage später sah sie ihn bedeutungsvoll an, als er an die Reihe kam und vor ihre Kasse trat —»Ich hab nachgefragt, aber es sind keine mehr am Lager. Sie können keine kriegen.
Ich hab mich extra erkundigt. «Er bedankte sich.
Die ganze nächste Woche war er mit dem Schürftrupp unterwegs. Freitags kam er kurz vor Einbruch der Dämmerung in die Stadt zurück, und er war gerade auf dem Weg vom Auto zur Wohnung, voll bepackt mit Aktentasche, Koffer und Reisetaschen, als ihm jemand schüchtern in den Weg trat. Er wollte sich im Gedränge des Bürgersteigs vorbeidrücken, ohne richtig hinzuschauen, da sprach sie ihn an:»Wir haben die Klingen jetzt wieder vorrätig. Ich habe Sie diese Woche nicht im Laden gesehen, aber ich hab Ihnen welche beiseite gelegt, bis Sie wiederkommen. Nun …« Jetzt erkannte er sie wieder. Er hatte sie nie zuvor aufrecht stehen sehen, und sie hatte einen Mantel an. Sie war recht klein und zierlich, für eine von ihnen. Der Mantel war ihr zu eng, doch hinten lugte kein dicker Hintern hervor. Die Kälte verlieh ihren Wangen eine warme, aprikosenfarbene Tönung; sie hatte ein sehr kleines, fein ausgeprägtes Gesicht, ihre Haut war glatt, von der gedämpften Seidenfarbe eines bestimmten gelben Holzes. Dieses krause Haar, aber zurückgekämmt zu einem kleinen Knoten, den sie unter einen der billigen Wollchignons gezwängt hatte, wie er sie zwischen den Rasierklingen im Regal des Supermarktes hatte hängen sehen. Er bedankte sich, sagte, er sei in Eile, käme gerade von einer Reise zurück — und hob zum Beweis die Lasten, die er mit sich trug.»Oh, wie schade. «Sie begriff, dass er alle Hände voll hatte.
«Aber wenn Sie wollen, kann ich schnell rein laufen und sie Ihnen holen. Wenn Sie wollen.« Er merkte sofort, dass sie nichts weiter wollte, als zurücklaufen in den Supermarkt, die Klingen kaufen und sie ihm hier heraus auf den Bürgersteig bringen, wo er gerade stand. Und es schien aus dieser Überzeugung heraus zu kommen, als er in dem freundlichen, aber bestimmenden Ton, den man gegenüber einem zuvorkommenden Untergebenen anschlägt, zu ihr sagte:
«Ich wohne dort drüben — im Atlantis — dem flachen Gebäude. Könnten Sie sie mir vorbeibringen — Nummer 718, siebter Stock …« Sie war nie zuvor in einem dieser großen, flachen Gebäude gewesen, die rings um den Supermarkt herum standen. Sie wohnte eine Bus- und Bahnfahrt entfernt im Westen der Stadt, doch diesseits der schwarzen Bezirke, in einem Viertel für Leute ihrer Hautfarbe. Am Eingang zum Atlantis war ein Teich mit echten Farnen, nicht aus Plastik, und es gab sogar einen kleinen Wasserfall, der, von einer elektrischen Pumpe betrieben, über ein paar Felsbrocken plätscherte. Sie wartete nicht auf den Lastenaufzug, sondern nahm den Lift, der für Weiße bestimmt war, und eine weiße Frau mit einem dieser fetten Köter an der Leine trat ebenfalls mit in den Aufzug, ohne Notiz von ihr zu nehmen. Die Korridore, die zu den Apartments führten, waren hübsch verglast; es zog nicht.
Er fragte sich, ob er ihr für ihre Mühe ein 20-Cent-Stück geben sollte -1 °Cents waren sonst das angemessene Trinkgeld bei einem Schwarzen; aber sie sagte:»O nein, bitte, hier …«, während sie vor seiner offenen Wohnungstür stand und ihm mit einer linkischen Handbewegung das Wechselgeld in die Hand drückte. Sie lächelte zum ersten Mal, wie sie nun würdevoll ein Trinkgeld zurückwies. Er wusste nie genau, wie er diese Leute hierzulande behandeln sollte; man wusste nie, was sie erwarteten. Trotz ihrer peinlichen Zurückweisung des Geldstücks blieb sie stehen, in aller Bescheidenheit, die Fäuste tief in den Taschen des billigen Mantels vergraben, den sie zum Schutz vor der Kälte trug, aus der sie kam; die dünnen Beine hatte sie zusammengepresst: Knie an Knie, Fessel an Fessel.»Darf ich Ihnen einen Kaffee oder sonst was anbieten?« Er konnte sie schlecht mit in sein Arbeits- und Wohnzimmer nehmen und sie zu einem Drink einladen.
Sie folgte ihm in die Küche, doch als er sah, wie sie den einzigen Stuhl hervorzog, um ihren Kaffee am Küchentisch zu trinken, sagte er:»Nein — kommen Sie doch hier herein …«, und er ging voran ins große Zimmer, wo er ganz alleine lebte zwischen all seinen Büchern und Manuskripten, seinen Ordnern mit wissenschaftlicher Korrespondenz (und den Zigarrenkisten voller Briefmarken, die er von den Umschlägen gelöst hatte), seiner Plattensammlung und den Mineralien- und Gesteinsproben.
Ihr machte es keine große Mühe; sie ersparte ihm den Gang zum Supermarkt und brachte ihm zwei- oder dreimal in der Woche seine Lebensmittel. Er brauchte bloß eine Liste und den Schlüssel unter die Fußmatte zu legen, und die holte sie in ihrer Mittagspause ab und brachte ihm dann nach Feierabend die Einkäufe in die Wohnung.
Manchmal war er zu Hause, manchmal nicht. Er kaufte eine Schachtel Pralinen und stellte sie ihr hin, mit einer kleinen Notiz; und dies fand sie offenbar ein akzeptables Zeichen seines Dankes.
Sie ließ ihre Augen über alles wandern, was es in seiner Wohnung zu sehen gab, doch mit der Haltung ihres Körpers versuchte sie das Gefühl zu vertuschen, hier fremd, gar fehl am Platz zu sein, indem sie so still wie möglich dasaß, reglos auf dem ihr angebotenen Stuhl verharrte wie der abgelegte Mantel eines Besuchers, der genau so liegen bleibt, bis ihn sein Besitzer wieder aufnimmt, wenn ergeht.»Sie sammeln?« «Nun, das sind Gesteinsproben — die brauche ich für meine Arbeit.« «Mein Bruder hat auch gesammelt. Miniaturen. Mit Brandy und Whisky drin. Von überall her, aus allen möglichen Ländern.« Als sie ihm das zweite Mal zuschaute, wie er die Kaffeebohnen mahlte für die Tasse Kaffee, die er ihr angeboten hatte, sagte sie:»Machen Sie das immer so?