Im Anfang war der Mord
- Автор: Джордж Элизабет
- Год: 2005
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- ISBN: 3442459532
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Другие детективы
Электронная книга - «Im Anfang war der Mord». Краткое содержание книги:
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Im Laufe dieser Sommerferien gingen sie noch oft hinunter zum Flussbett. Sie trafen sich, kurz bevor die Dämmerung hereinbrach, was sehr schnell geht in dieser Gegend, und wenn es dann dunkel war, kehrte jeder wieder nach Hause zurück — sie zur Hütte ihrer Mutter, er zum Farmhaus —, gerade rechtzeitig zum Abendbrot. Er erzählte ihr nichts mehr über die Schule oder die Stadt. Sie fragte ihn nicht mehr danach. Er sagte ihr jedes Mal, wann sie sich wieder treffen würden. Ein- oder zweimal blieben sie bis zum frühen Morgen; das Muhen der Kühe, die zur Weide getrieben wurden, drang herüber zu ihnen, wo sie lagen, und das wortlose Erkennen dieses Klanges, das ein jeder dem anderen an den Augen ablesen konnte, trieb die eng aneinander Geschmiegten auseinander.
In der Schule war er allgemein beliebt. Er spielte erst in der zweiten, dann in der ersten Fußballmannschaft. Es hieß, die Schulsprecherin der Mädchenschule sei in ihn verknallt; er mochte sie nicht besonders, aber es gab da eine hübsche Blondine, die ihr langes Haar zu einer Art Knoten hochgesteckt trug, mit einer schwarzen Schleife drum herum, und mit ihr zusammen ging er immer ins Kino, wenn die Jungen und Mädchen Samstagnachmittags schulfrei hatten. Schon als Zehnjähriger war er auf der Farm mit Traktoren und Ähnlichem gefahren, und als er achtzehn war, machte er dann seinen Führerschein, und im letzten Schuljahr führte er in den Ferien die Nachbarstöchter aus zum Tanz oder in das Autokino, das gerade zwanzig Kilometer von der Farm entfernt aufgemacht hatte. Seine Schwestern waren bereits alle verheiratet, und wenn seine Eltern übers Wochenende die jungen Ehefrauen und die Enkelkinder besuchten, überließen sie die Farm so lange seiner Obhut.
Wenn Thebedi Samstagnachmittags sah, wie der Farmer mit seiner Frau davonfuhr, den Kofferraum des Mercedes voll beladen mit frisch geschlachtetem Geflügel und mit Gemüse aus dem Garten, dessen Pflege zur Arbeit ihres Vaters gehörte, dann wusste sie, dass sie nicht zum Flussbett, sondern zu dem Farmhaus kommen musste. Es war ein altes Gebäude, mit dicken Mauern, und innen war es düster und kühl. Die Küche war stets voller Leben, sie war der Mittelpunkt, mit ihren Dienstboten, Speisevorräten, bettelnden Katzen und Hunden, überkochenden Töpfen, frischer Wäsche, die vor dem Bügeln in der Wärme aufgehängt wurde, und der großen Kühltruhe, die die Missus hatte aus der Stadt kommen lassen, mit einem gehäkelten Deckchen obenauf und einer Vase mit Schwertlilien aus Plastik. Das Esszimmer aber, in dem der schwere Tisch mit den klobigen Beinen stand, hinter dessen Tür stets der alte, satte Geruch nach Suppe und Tomatensoße hing, war verschlossen. Im Wohnzimmer waren die Vorhänge vorgezogen, der Fernseher stand still in seiner Ecke. Die Tür zum Elternschlafzimmer war abgeschlossen, und in den Zimmern, wo früher die Töchter geschlafen hatten, waren die Betten mit Plastiktüchern abgedeckt. Dort, in einem von diesen, verbrachten sie und der Farmersohn oft die ganze Nacht — fast, denn sie musste fort, bevor die Dienstboten, die sie ja kannten, bei Tagesanbruch ins Haus kamen. Er hatte Angst, dass man sie oder Spuren von ihr entdeckte, wenn er sie mit in sein eigenes Schlafzimmer nahm, obwohl sie dort schon oft hineingeschaut hatte, wenn sie im Farmhaus aushalf, und sie kannte sie gut, die Reihe der silbernen Pokale, die er in der Schule gewonnen hatte.
Als sie achtzehn war und der Sohn des Farmers neunzehn, als er gerade seinem Vater auf der Farm aushalf, bevor er aufs College ging, um Veterinärmedizin zu studieren, hielt der junge Njabulo bei ihrem Vater um ihre Hand an. Die Eltern Njabulos trafen sich mit den ihren, und man einigte sich über die Summe Geldes, die er anstelle der Kühe zu zahlen hatte, welche man nach altem Brauch den Eltern der zukünftigen Braut geben musste.
Kühe konnte er keine bieten; er war Arbeiter auf der Eysendyck-Farm wie ihr Vater. Ein aufgeweckter Junge; der alte Eysendyck hatte ihm das Mauern beigebracht und setzte ihn bei Bauarbeiten ein, wenn es hier und dort auf der Farm etwas auszubessern gab. Sie erzählte dem Farmersohn nichts davon, dass ihre Eltern sie verheiraten wollten. Und sie sagte ihm auch nicht, dass sie ein Baby erwartete, bevor er zum ersten Semester ans College fuhr.
Zwei Monate nach ihrer Hochzeit mit Njabulo brachte sie eine Tochter zur Welt. Dies war keine Schande; bei ihrem Volk ist es Brauch, dass sich der junge Bräutigam vor der Hochzeit vergewissert, ob seine Auserwählte auch nicht unfruchtbar ist, und so hatte Njabulo damals mit ihr geschlafen. Aber das Kind hatte eine ziemlich helle Haut, die auch nicht gleich nachdunkelte, wie es sonst bei afrikanischen Babys meist der Fall ist. Schon bei seiner Geburt hatte es diesen glatten, feinen Flaum auf dem Kopf, der jenem ähnelte, den die Flugsamen eines bestimmten Unkrauts trugen, das draußen auf dem Felde wuchs. Als es seine kleinen Augen aufmachte, waren sie grau, mit gelben Flecken. Njabulos Haut hatte die matte, dunkle Farbe von Kaffeesatz, die schon immer schwarz genannt wurde; dieselbe Farbe wie auch Thebedis Beine, auf der das herabperlende Wasser bläulich schimmerte wie Austernmuscheln, wie ihr Gesicht, in dem die schwarzen Augen dominierten, mit ihrem hellen Weiß, ihrem aufgeweckten Blick.
Njabulo beklagte sich nicht. Er ging zu dem indischen Laden und kaufte für Thebedis Baby von dem Lohn, den er als Farmarbeiter bekam, eine Klarsichtpackung mit einer rosa Plastikbadewanne, sechs Windeln, ein Kärtchen Sicherheitsnadeln, ein Strickjäckchen, Mütze und Stiefelchen, ein Kleid und eine Dose Johnson’s Babypuder.
Als es zwei Wochen alt war, kam Paulus Eysendyck über die Ferien vom Veterinärcollege nach Hause. In der Küche seiner Mutter, der vertrauten Umgebung seiner Kindheit, trank er ein Glas frische, noch warme Milch, und er hörte, wie sie mit der alten Dienstmagd darüber sprach, wo man jetzt wohl eine neue Aushilfe finden konnte, nachdem Thebedi ein Baby bekommen hatte. Das erste Mal, seit er ein kleiner Junge war, ging er bis in den Kral hinein. Es war elf Uhr morgens, die Männer waren bei der Arbeit auf dem Feld. Er schaute sich suchend um; die Frauen wandten sich ab, keine von ihnen wollte nach dem Weg zu Thebedis Haus gefragt werden. Da erschien Thebedi, langsam kam sie aus der Hütte heraus, die Njabulo nach der Art des weißen Mannes erbaut hatte, mit einem Ofenrohr als Abzug und einem richtigen Glasfenster, das so gerade eingesetzt war, wie das bei einer Wand aus ungebrannten Lehmziegeln eben ging. Sie grüßte ihn mit aneinander gelegten Händen und einer symbolischen Geste, die den respektvollen Knicks andeutete, mit der sie sonst seinem Vater oder seiner Mutter gegenübertrat. Er zog den Kopf ein und trat durch den niedrigen Eingang in die Hütte. Er sagte:»Ich will es sehen. Zeig es mir.« Sie hatte das Bündel vom Rücken genommen, bevor sie hinausging ans Tageslicht, ihm gegenübertrat. Sie zwängte sich zwischen das eiserne Bettgestell, auf dem Njabulos karierte Decken lagen, und den kleinen Holztisch, auf dem die rosa Plastikbadewanne zwischen dem Essen und den Kochtöpfen stand, und hob das kleine Bündel aus dem behaglich ausgeschlagenen Pappkarton, in dem es lag. Das Kind schlief; sie entblößte sein verschlossenes, bleiches, plumpes kleines Gesicht, an dessen Mundwinkel eine Speichelblase hing; und die dünnen rosa Händchen begannen sich zu regen. Sie nahm die Wollmütze ab, und das glatte, feine Haar flog wie elektrisiert hoch, hier und da konnte man eine blonde Strähne sehen. Er sagte nichts.