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Die Schiffe der Erde [The Ships of Earth - de]

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Die Schiffe der Erde [The Ships of Earth - de]
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Vas war die Anomalie dieser Gemeinschaft, und das von Anfang an. Niemand haßte ihn, niemand verabscheute ihn. Aber er wurde auch von niemandem geliebt. Niemand brachte ihm große Treue entgegen, und er empfand auch keine für irgendeinen anderen. Abgesehen von der starken Verbindung zwischen ihm und Sevet und der noch seltsameren zwischen ihm und Obring. Sevet brachte ihrem Gatten Vas nur wenig Liebe oder Respekt entgegen — sie hatten nur dem Namen nach eine Ehe geführt, die ihnen beiden Vorteile gebracht hatte, und es gab keine besonderen Treuebande zwischen ihnen und auch keine große Liebe oder Freundschaft. Doch er empfand sehr stark für sie — ein Gefühl, das Huschidh nicht verstand, das sie nie zuvor gesehen hatte. Und seine Verbindung mit Obring war ganz ähnlich, nur etwas schwächer. Was eigentlich nicht der Fall hätte sein dürfen, da Vas gar keinen Grund für eine so enge Verbindung mit Obring hatte. Denn schließlich hatte man Obring mit Sevet im Bett erwischt, an jenem Abend, an dem Kokor die beiden überraschte und ihre Schwester fast getötet hätte. Warum also gab es diese starke Beziehung zwischen Vas und Obring? Ihre Stärke — die Huschidh an der Dicke des Stranges erkannte, der die beiden miteinander verband — kam der der besten Ehen in ihrer Gemeinschaft gleich, etwa der von Volemak und Rasa oder den Gefühlen, die Elemak für Eiadh hegte, oder dem wachsenden Band zwischen Huschidh selbst und ihrem geliebten Issib, ihrem hingebungsvollen und freundlichen und brillanten Issib, dessen Stimme die Musik war, die all ihre Freuden begleitete …

Dieses Gefühl — soviel wußte sie immerhin — brachte Vas weder Sevet noch Obring entgegen — und allen anderen gegenüber schien er fast nichts zu empfinden. Aber warum Sevet und Obring und sonst niemand? Nichts verband sie, abgesehen von ihrem ehemaligen Ehebruch …

War das vielleicht die Verbindung? Der Ehebruch selbst? War Vas’ starke Verflechtung mit ihnen eine Besessenheit, die mit ihrem Betrug an ihm zu tun hatte? Aber das war absurd. Er hatte die ganze Zeit über von Sevets Affären gewußt; sie hatten in dieser Hinsicht eine ungezwungene Ehe geführt. Und Huschidh hätte die Verbindung zwischen ihnen zu deuten gewußt, würde sie aus Haß oder Zorn bestehen — davon hatte sie schon genug gesehen.

Sogar jetzt, da Vas mit allen anderen durch einen Faden der Scham verbunden sein müßte, durch den Drang, Besserung zu versprechen oder ihre Zustimmung zu bekommen, konnte sie fast nichts wahrnehmen. Es war ihm völlig gleichgültig. Er wirkte sogar irgendwie zufrieden.

»Wir hätten es uns durchaus leisten können, das Fleisch zu braten«, sagte Sevet, »wenn wir noch alle vier Pulsatoren hätten.«

Es erstaunte Huschidh, daß Vas’ eigene Frau seinen Fehler zur Sprache brachte.

Aber es war keine Überraschung, als Kokor es ihrer Schwester gleichtat und noch direkter vorging. »Du hättest eben aufpassen müssen, wohin du trittst, Vas«, sagte sie.

Vas wandte sich um und betrachtete Kokor mit leichter Verachtung. »Vielleicht könnte ich lernen, vorsichtig und tüchtig vorzugehen, indem ich deinem Beispiel folge.«

Solche Streitigkeiten fingen viel zu schnell an und dauerten normalerweise viel zu lange. Man brauchte keine Entwirrerin wie Huschidh zu sein, um zu wissen, wohin dieser Zwist führen würde, wenn man zuließ, daß er sich fortsetzte. »Schluß damit«, sagte Volemak.

»Ich werde nicht die Schuld auf mich nehmen, daß wir kein gebratenes Fleisch haben«, sagte Vas sanft. »Wir haben noch drei Pulsatoren, und es ist nicht meine Schuld, daß wir kein Feuer machen können.«

Elemak legte eine Hand auf Vas’ Schulter. »Vater macht mich dafür verantwortlich, und das mit Recht. Ich habe eine falsche Entscheidung getroffen. Wir hätten nie zwei Pulsatoren mit auf die Jagd nehmen dürfen. Du würdest es schon merken, würden wir dir die Schuld dafür geben, daß wir kein Fleisch haben.«

»Ja, wir würden dich essen«, sagte Obring.

Einige lachten über den Witz, wenn auch nur, um die Spannung zu lösen; aber Vas war wütend darüber, daß die scherzhafte Bemerkung von Obring gekommen war. Huschidh sah, daß die seltsame Verbindung zwischen ihnen flackerte und dicker wurde. Sie wirkte wie eine schwarze Trosse, die Vas mit Obring vertäute.

Huschidh beobachtete sie in der Hoffnung, daß ihr Streit so lange anhalten würde, bis sie endlich verstand, welche Beziehung es zwischen ihnen gab, doch in diesem Augenblick ergriff Schedemei das Wort. »Es besteht kein Grund, das Fleisch nicht roh zu essen, falls das Tier erst vor kurzer Zeit getötet wurde und gesund war«, sagte sie. »Wir können die Oberfläche vor dem Verzehr einfach ein wenig versengen, um die Gefahr einer Infektion zu verringern, ohne dafür zuviel Energie zu verbrauchen. Und wenn jemand krank werden sollte, haben wir genug Antibiotika dabei, und selbst, wenn wir die nicht mehr hätten, könnten wir notfalls aus den zur Verfügung stehenden Kräutern welche herstellen.«

»Rohes Fleisch«, sagte Kokor voller Abscheu.

»Ich weiß nicht, ob ich das essen kann«, sagte Eiadh.

»Du mußt es einfach länger zerkauen«, sagte Schedemei. »Oder in ganz kleine Stücke schneiden.«

»Schon allein wegen des Geschmacks«, sagte Eiadh.

»Schon allein wegen der Vorstellung«, sagte Kokor erschaudernd.

»Es ist nur eine psychologische Barriere«, sagte Schedemei, »die du leicht überwinden kannst, wenn du an das Wohl deines Babies denkst.«

»Ich begreife nicht, wie eine Frau, die kein Baby hat, uns vorschreiben kann, was gut für uns ist«, schnappte Kokor.

Huschidh sah, wie sehr Kokors Worte Schedemei schmerzten. Das war eine der größten Sorgen, die Huschidh sich über ihre Gruppe machte. Schedemei isolierte sich immer mehr von den Frauen. Huschidh sprach ziemlich oft mit Luet darüber, und sie hatten versucht, eine Lösung zu finden, doch das war nicht einfach, weil Schedemei eine Barriere aufgebaut hatte — sie hatte sich eingeredet, keine Kinder haben zu wollen, doch da sie sich intensiv mit allen Babies der Gruppe beschäftigte, wußte Huschidh, daß Schedemei ihren Wert unterbewußt an der Tatsache maß, daß sie keine Kinder hatte. Und wenn ein kurzsichtiges, gefühlloses kleines Spatzenhirn wie Kokor ihr ihre Kinderlosigkeit vorwarf, sah Huschidh, daß Schedemeis Zusammenhalt mit der Gruppe fast völlig verschwand.

Und die Stille nach Kokors Bemerkung war auch nicht gerade förderlich. Die meisten von ihnen schwiegen, weil man so auf eine unaussprechliche gesellschaftliche Plumpheit reagierte — man war gerade so lange still, daß derjenige, der die beleidigende Äußerung getan hatte, das Schweigen als Tadel auffaßte, und fuhr dann fort, als wäre nichts gesagt worden. Aber Huschidh war sich nicht sicher, wie Schedja die Stille auffaßte. Schließlich kannte Schedja sich mit gesellschaftlichen Gepflogenheiten nicht besonders gut aus, und sie war sich ihrer Kinderlosigkeit unbarmherzig bewußt. So mußte die Stille für sie zweifellos bedeuten, daß alle anderen Kokor zustimmten, aber zu höflich waren, es so kraß auszudrücken. Eine weitere Verletzung, eine weitere Narbe auf Schedemeis Seele.

Gäbe es nicht die intensive Freundschaft zwischen Schedemei und Zdorab und die wesentlich geringere, die Luet und Huschidh mit Schedja gebildet hatten, und Schedjas Liebe und Respekt für Rasa, hätte die Frau gar keinen positiven Zusammenhang mit der Gruppe mehr. Dann gäbe es nur noch Neid und Groll.

Schließlich brach Luet das Schweigen. »Wenn unsere Babies Fleisch brauchen, werden wir es natürlich essen, ob nun gebraten oder gekocht. Aber ich frage mich … steht es so schlecht um unsere Vorräte, daß wir nicht mal eine Woche ohne Fleisch auskommen?«

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