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Die Schiffe der Erde [The Ships of Earth - de]

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Die Schiffe der Erde [The Ships of Earth - de]
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Nein, die Ratte war von der Frucht nicht vergiftet, sondern lediglich betäubt worden. Nun knurrte sie dringlich und huschte zu ihrem nächsten Gefährten, der die Frucht mit den Zähnen aus ihrem Mund nahm. Und so wurde diese eine Frucht weitergereicht, jede Ratte nahm sie direkt aus dem Mund des Vorgängers in den eigenen, einmal im Kreis herum, bis sie wieder bei der ersten angelangte. Und die trat vor und hielt Nafai den Mund hin, in dem noch der Rest der Frucht zu sehen war.

Nafais Gesicht war keineswegs so spitz wie das der Ratten, und so mußte er die Hand ausstrecken und die Frucht damit ergreifen. Aber er steckte sie sofort in den Mund; wahrscheinlich würde sie jetzt abscheulich schmecken, doch er wußte, er mußte es tun. Zu seiner Erleichterung hatte der Geschmack der Frucht sich nicht verändert. Wenn überhaupt, dann war er jetzt süßer, weil er sie mit all den anderen geteilt hatte.

Er kaute, er schluckte. Erst da schluckten auch die Ratten den Saft und die Fruchtstücke in ihrem Mund herunter.

Sie kamen und legten die Steine, die sie als Waffen hatten benutzen wollen, vor seine Füße. Sie bildeten vor ihm eine Pyramide. Vierzehn Steine. Dann verschwanden die Ratten im Gänsemarsch zwischen den Felsen.

Augenblicklich stieß der Engel hinab. Er kreiste über ihm, zwitscherte wie verrückt und flatterte heftig, bis er dann schwer auf Nafais Schultern landete und ihn mit seinen Schwingen einhüllte.

»Hoffentlich soll das bedeuten, du bist .glücklich«, sagte Nafai.

Der Engel antwortete nicht, sondern flog davon.

Dann erhob Nafai sich und sah, daß er nicht auf der Kuppe eines felsigen Hügels stand, sondern auf einer Wiese neben einem Baum, und neben ihm war ein Fluß, und neben dem Fluß ein Weg mit einem eisernen Geländer. Er sah alles, was sein Vater gesehen hatte, einschließlich des Gebäudes auf dem anderen Flußufer.

Und dann, als er erwartete, daß der Traum endete — denn er wußte, daß es ein Traum war —, veränderte dieser sich. Er sah sich selbst, wie er inmitten einer riesigen Menge von Menschen und Engeln und Ratten stand, und sie alle beobachteten, wie ein helles Licht aus dem Himmel hinabkam. Er wußte, daß sie gewartet hatten. Sie alle hatten gewartet, und nun war er da: der Hüter der Erde.

Nafai wollte sich ihm nähern, wollte das Gesicht des Hüters der Erde sehen. Aber das Licht war zu grell. Er sah, daß er vier Gliedmaßen hatte, konnte aber nur die Gestalt erkennen, vier Gliedmaßen und einen Kopf, doch darüber hinaus blendete ihn das Licht einfach, als wäre der Hüter ein kleiner Stern, eine Sonne, die zu hell war, als daß man hineinschauen konnte, ohne sich die Augen zu verbrennen.

Schließlich “mußte Nafai die Augen schließen, sie zukneifen, weil er den Schmerz nicht mehr ertragen konnte. Aber als er sie wieder öffnete, wußte er, nun würde er nah genug sein und das Gesicht des Hüters sehen können.

»Uuh.«

Er starrte in Jobars Gesicht.

»Selber uuh«, flüsterte Nafai.

»Uuh-uuh.«

»Es ist fast dunkel«, sagte Nafai. »Aber du bist ziemlich hungrig, nicht wahr?«

Jobar setzte sich erwartungsvoll auf die Hinterbeine.

»Mal sehen, ob ich was für dich finden kann.«

Es war nicht schwer, nicht einmal im Dämmerlicht, weil die Hasen auf dieser Seite des Tals noch nicht selten geworden waren. Als die Nacht sich schließlich senkte, zerrte Jobar noch immer an dem Kadaver, verschlang jeden Fetzen davon und brach schließlich mit einem Stein den Schädel des Hasen auf, um an das weiche Gehirn heranzukommen. Jobars Hände und Gesicht waren blutverschmiert.

»Wenn du auch nur einen Funken Verstand hast«, sagte Nafai, »läufst du jetzt schnell mit dem Rest des Fleisches und all dem Blut auf dir nach Hause, damit sich irgendein Weibchen mit dir anfreundet und dich mit ihrem Baby spielen läßt, damit du dich mit ihm anfreunden kannst und ein richtiges Stammesmitglied wirst.«

Es war unwahrscheinlich, daß Jobar ihn verstand, aber das war auch gar nicht nötig. Er versuchte bereits, den Kadaver des Hasen vor Nafai zu verbergen, um davonlaufen und ihn stehlen zu können. Nafai machte es ihm ein wenig leichter, indem er sich ein paar Schritte entfernte, damit Jobar die Gelegenheit nutzen konnte. Er hörte das Scharren von Jobars Füßen und sagte stumm zu ihm: Kauf dir mit diesem Hasenblut, was du dir damit kaufen kannst, mein Freund. Ich habe das Gesicht des Hüters der Erde gesehen, und es war dein Gesicht.

Doch er bedauerte diesen respektlosen Gedanken augenblicklich und sprach stumm zum Hüter der Erde — oder zur Überseele oder zu niemandem; er wußte es nicht. Danke, daß du es mir gezeigt hast, sagte er. Danke, daß du mich hast sehen lassen, was Vater und alle anderen gesehen haben. Danke, daß ich einer derjenigen sein darf, die es wissen.

Und wenn mir nun jemand helfen könnte, den Rückweg zu finden …

Ob ihm nun die Überseele half oder lediglich sein Gedächtnis; und seine Fähigkeiten als Spurenleser, er fand im Mondschein den Weg zum Lager. Luet hatte sich Sorgen gemacht — und Mutter und Vater und die anderen auch. Sie hatten Schedemeis und Zdorabs Hochzeit verschoben, denn es wäre falsch gewesen, sie an einem Abend zu feiern, an dem Nafai vielleicht in Gefahr war. Da er nun jedoch zurück war, konnte die Hochzeit stattfinden, und niemand fragte ihn, wohin er gegangen war oder was er getan hatte, als wüßten sie, daß es zu seltsam oder wunderbar oder schrecklich war, um erzählt zu werden.

Erst später an diesem Abend, als er mit Luet im Bett lag, erzählte er es. Zuerst, daß er Jobar gefüttert hatte, und dann den Traum.

»Es hat den Anschein, als wären heute abend alle zufriedengestellt worden«, sagte Luet.

»Du auch?« fragte er.

»Du bist zu Hause«, sagte sie, »und ich bin zufrieden.«

6

Pulsatoren

Sie blieben länger als beabsichtigt in ihrem Lager in Mebbekews Tal an Elemaks Fluß. Zuerst mußten sie die Ernte abwarten. Dann war Luet aufgrund der Schwangerschaft so schwach, daß Rasa sich weigerte, die Reise zu beginnen und ihr Leben zu gefährden; und das, obwohl Schedemei vom Index erfahren hatte, welche Kräuter gegen ihre Übelkeit halfen, und man sie ihr regelmäßig verabreichte. Als Luets allmorgendliches Erbrechen dann endlich ein Ende nahm und sie wieder zu Kräften gekommen war, hatten alle drei Schwangeren — Huschidh, Kokor und Luet — so dicke Bäuche, daß das Reisen für sie sehr unbequem geworden wäre. Außerdem hatten die anderen mittlerweile nachgezogen: Sevet, Eiadh, Dol und auch Herrin Rasa waren nun ebenfalls schwanger. Keiner von ihnen ging es so schlecht, wie es Luet gegangen war, doch andererseits hatte auch keine von ihnen große Lust, ein Kamel zu besteigen, den ganzen Tag über zu reiten, abends ein Zelt aufzuschlagen und es am nächsten Morgen wieder abzubrechen, während sie nur von Zwieback, Dörrfleisch und getrockneten Melonen lebten.

Also blieben sie über ein Jahr lang in ihrem Lager, bis alle sieben Babies geboren waren. Nur zwei von ihnen bekamen Söhne. Volemak und Rasa nannten ihren Jungen Ojkib, nach Rasas Vater, und Elemak und Eiadh nannten ihren erstgeborenen Sohn Protschnu, was Ausdauer bedeutete. Eiadh ritt auf der Tatsache herum, daß lediglich ihr Gatte Elemak so männlich wie Volemak war und ihr einen Sohn geschenkt und Volemak überhaupt ja nur Söhne gezeugt hatte. Im großen und ganzen ignorierten die anderen ihre Prahlerei und erfreuten sich an ihren Töchtern.

Luet und Nafai nannten ihr kleines Mädchen Schveja, weil sie ihre beiden Eltern zu einer Seele zusammengenäht hatte. Huschidhs und Issibs Tochter war die erste der neuen Generation, und sie nannten sie einfach Dza, weil sie die Antwort auf alle Fragen ihres Lebens war. Kokor und Obring nannten ihre Tochter Krasata, ein Name, der Schönheit bedeutete und in Basilika groß in Mode gewesen war. Vas und Sevet nannten ihre Tochter Vasnaminanja, teils, weil der Name Erinnerung bedeutete, aber auch, weil er mit Vas’ Name verwandt war; sie riefen sie Vasnja. Und Mebbekew und Dol nannten ihre Tochter Basilikja, nach der Stadt, die sie beide liebten und von der sie träumten. Alle wußten, daß Meb sich für diesen Namen entschieden hatte, weil er ein ständiger Vorwurf an jene war, die ihn aus seiner rechtmäßigen Heimat verschleppt hatten, und daher griffen alle den Kosenamen auf, den Volemak sich für sie einfallen ließ, und nannten sie Sjelsika, was Mädchen vom Lande bedeutete. Dies verärgerte Meb natürlich, und er hörte nur auf, dagegen zu protestieren, als alle anderen über ihn lachten.

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