Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.
- Автор: Klausner Uwe
- Серия: Tom Sydow #2
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Жанр: Политические детективы
Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:
SS-Männer sich die Sache nun wirklich nicht vorgestellt. Der Checkpoint in unmittelbarer Nähe von Turm eins war verwaist. Gähnende Leere, wohin man auch sah.
Der Gedanke, auf den der Fahrer in diesem Moment kam, war so absurd, dass es ihm die Sprache verschlug. Ihn auszusprechen blieb ihm jedoch versagt. Im Gegensatz zu ihm, der wie festgewurzelt auf seinem Sitz klebte, hatte der Rest des Kommandotrupps die vermeintliche Stunde nämlich bereits genutzt und war von der Ladefläche des LKW gesprungen. Bis das Tor aufgeknackt war, vergingen knapp zwei Minuten, bis zum Entladen der Leichen, unter ihnen die eines gewissen Sascha Kirilenko, nicht einmal halb so viel Zeit. Da jeder Quadratmeter ausspioniert, jeder Handgriff abgesprochen und der Plan bis ins Detail ausgeklügelt war, lief scheinbar alles wie am Schnürchen, so perfekt, dass sich die sechs Mitglieder des Kommandotrupps schon beinahe am Ziel wähnten. Von hier aus bis zum Tower, dem Ziel ihrer Attacke, war es nicht mehr weit, ein Katzensprung. Wer, wenn nicht sie selbst, wäre jetzt noch in der Lage, ihnen die Tour zu vermasseln?
Kein Mensch.
Mit ein wenig Instinkt freilich hätten die Werwölfe bemerken müssen, dass sie Gefahr liefen, in eine Falle zu tappen. Überheblich bis zum Äußersten, schöpften sie jedoch keinen Verdacht. Auch in dem Moment nicht, als drei von ihnen hinauf in den Tower stürmten, jeder mit einer Sprengladung unter dem Arm. Je näher sie dem Kontrollraum kamen, umso durchdringender der Klang ihrer Stiefel, umso lauter ihr Keuchen, das sich wie das Hecheln beutegieriger Wölfe anhörte.
Selbst dann, als sie die Tür zum Kontrollraum aufbrachen, bemerkten die SS-Leute ihren Irrtum noch nicht. Radar, Peilgeräte, Instrumententafeln, Monitore. Und draußen, in unmittelbarer Nähe, die Positionslichter der Rosinenbomber im Landeanflug. Das Dröhnen, das ihnen auf einmal wie Hohn vorkam.
Kaum hatten die drei den Raum betreten, war es mit ihrer Siegeszuversicht jedoch vorbei. Alles ging so schnell, dass ihnen nicht einmal Zeit blieb, ihre Tokarews zu ziehen, geschweige denn die mitgeführten Sprengladungen zu aktivieren. Die anwesenden FBI-Beamten, verstärkt durch Agenten des Secret Service, waren schneller, und bevor die drei ihre Giftkapseln schlucken konnten, lagen sie gefesselt am Boden.
Sehr zur Freude des Mannes, der bislang vor dem Radargerät gesessen, ihnen den Rücken zugedreht und beim Handgemenge, das sich nach ihrem Eindringen entspann, mit regungsloser Miene auf das Rollfeld geblickt hatte. Wie im Übrigen auch die Frau rechts neben ihm, brünett, attraktiv und eine Lancaster 9 mm Parabellum in der Hand. Und ein Lächeln im Gesicht, von dem man nicht wusste, wie es zu deuten war.
»Sydow«, sprach der Mann im abgetragenen Jackett, der so gar nichts von dem Kripobeamten an sich hatte, als der er sich im Folgenden zu erkennen gab. »Und das, meine Herren, ist meine Partnerin, Miss Gladys McCoy. Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen. Beziehungsweise Ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht zu haben.«
Bevor es jedoch ans Eingemachte ging, sprich an die Befragung der drei Männer, hallte eine Gewehrsalve durch die Nacht. Mehrere Sekunden lang herrschte Stille, begleitet vom Dröhnen der Flugzeuge, die im Begriff waren, auf dem Tempelhofer Feld zu landen. »Die Freude ist ganz auf meiner Seite«, ertönte es plötzlich vom Eingang her, im gleichen Moment, als Sydow seinen Platz wieder für den Fluglotsen geräumt hatte. »Verdammt knappe Angelegenheit, würde ich sagen.« Auf Augenhöhe mit Sydow, den eigentlich nichts mehr überraschen konnte, drückte ihm Clay die Hand. »Gut gemacht, Herr …«
»Kriminalhauptkommissar«, vollendete Sydow rasch, nur um kurz darauf auf Gladys McCoy zu deuten. »Und das hier ist meine neue Assistentin.«
Die MI6-Agentin nahm es mit einem Lächeln hin, und nachdem Clay und Sydow in Gelächter ausgebrochen waren, stimmte sie nach Kräften mit ein.
»Und was ist jetzt mit den drei Herren da?«, fragte Sydow, die Augen auf Clay gerichtet, der mit Gladys McCoy einen fragenden Blick austauschte. »Höchste Zeit, ihnen ein paar Fragen zu stellen, finden Sie nicht auch?«
Clay nickte. »Auf jeden Fall«, stimmte er Sydow mit Blick auf die anwesenden FBI-Beamten zu. »Wobei ich der Meinung bin, dass diese Herren davon wesentlich mehr verstehen als wir beide, oder?«
32
Berlin-Mitte, Brandenburger Tor | 11.55 h
»Macht eine Tapetenmark, Herr Kommissar«, witzelte Fluppen-Kalle und überreichte Sydow zwei Bouletten, bei deren Geruch ihn ein nie gekannter Heißhunger überkam. »Falls Sie momentan knapp bei Kasse sind – bei mir hamse immer Kredit.«
»Besten Dank für das Angebot, Kalle«, gab Sydow an die Adresse des Imbissbudenbesitzers zurück. »Aber ich will dich nicht in den Ruin treiben.«
»Doch nicht jetzt, wo es wieder aufwärtsgeht!«, rief der Ex-Schwarzhändler hinterher, während sich Sydow an den Tisch begab, der in unmittelbarer Nähe der Imbissbude stand. Beim Anblick der Bouletten lief Gladys das Wasser im Mund zusammen, was Sydow mit einem verschmitzten Lächeln quittierte.
»Warum so schweigsam?«, fragte die MI6-Agentin nach Beendigung des wahrhaft fürstlichen Banketts, dessen eigentlicher Höhepunkt im Konsum einer Flasche
Coca-Cola bestand. »Ist doch alles noch mal gut gegangen, oder?«
»Sieht man davon ab, dass eure amerikanischen Cousins den Fall übernommen haben, muss ich dir recht geben«, gab Sydow zurück und nippte an seiner Colaflasche. »An diese Ami-Jauche muss ich mich erst noch gewöhnen«, stellte er mit säuerlicher Miene fest. »Ein Bier wäre mir gerade lieber. Als Britin müsstest du eigentlich Verständnis für mich haben.«
Ein Lächeln im Gesicht, strich Gladys eine Haarsträhne hinters Ohr und sagte: »Erst dann, wenn du mir gesagt hast, was dir im Kopf rumgeht. Ein Bier trinken, und das auch noch im Dienst – ich muss doch sehr bitten, Herr Kommissar.«
Sydow erwiderte ihr Lächeln, und während er dies tat, wurde er auf einmal knallrot. Gegenüber Rebecca, deren Bild ihm urplötzlich vor Augen stand, kam er sich wie ein Verräter vor, wenngleich er versuchte, den leicht unterkühlten britischen Gentleman zu mimen.
»Von der Tann?«
Heilfroh, von seinen Gedanken abgelenkt zu werden, nickte Sydow zerstreut. »Erraten«, gab er anstandslos zu, das Geräusch einer sich nähernden Limousine im Ohr. »Wenn ich wüsste, wohin sich dieser Verbrecher verkrochen hat, wäre mir um einiges …«
»Leichter, Herr Kommissar, kann ich verstehen«, vollendete die weiche, mit einem Schuss Ironie durchsetzte Stimme, in der er diejenige des einstigen Rivalen erkannte. »Wo Sie doch alles getan haben, den vermeintlichen Kopf dieser Werwölfe zur Strecke zu bringen.« Kuragin gab ein verlegenes Räuspern von sich. »Wie ungehobelt von mir«, fügte er eilfertig hinzu, kaum imstande, sich vom Anblick der attraktiven, mit hautengem Kostüm und weißer Bluse bekleideten MI6-Agentin zu lösen. »Kuragin ist mein Name – Juri Andrejewitsch Kuragin.«
»Und meiner Tom«, fuhr ihm Sydow in die Parade, nachdem er sich zu dem MGB-Major umgedreht hatte, der auf dem Beifahrersitz eines schwarz lackierten Moskwitsch saß. Doch dann besann er sich und sagte: »Zunächst einmal danke, dass Sie meiner Einladung zu einem Plausch unter Freunden Folge geleistet haben, Herr Major.«
»Warum denn so förmlich, Herr Kollege?«, stichelte Kuragin, dem Sydows Eifersuchtsattacke nicht verborgen geblieben war. »Jetzt, wo sich alles wieder einigermaßen im Lot zu befinden scheint.«
»Finden Sie?«
»Falls Sie auf von der Tann anspielen, Herr von …«
»Sydow, wenn es keine allzu großen Umstände macht«, erstickte der Kripo-Beamte den Redefluss des MGB-Majors im Keim. »Um es kurz zu machen: Woher kennen Sie diesen Kerl?«
»Kennen wäre zu viel gesagt, Herr Kommissar«, antwortete Kuragin, dem es sichtlich Freude bereitete, seinen Gesprächspartner auf die Folter zu spannen. »Einen Mann wie ihn nicht zu kennen, würde allerdings bedeuten, dass ich beim MGB nichts zu suchen habe.«