Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.
- Автор: Klausner Uwe
- Серия: Tom Sydow #2
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Жанр: Политические детективы
Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:
Und zusehen, dass er sich so gut wie möglich aus der Affäre zog.
Das wiederum war nicht so ohne, und als er ins Bordmikro sprach, konnte man die Anspannung, unter der Nick Sarstedt stand, buchstäblich mit Händen greifen. »Mal herhören, Männer«, verschaffte er sich Gehör, das Geräusch der vier je 2.200 PS starken Motoren im Ohr, auf die hoffentlich Verlass sein würde. Er war nun überall zu hören, unter anderem auch im hinteren Waffenstand, wo der Heckschütze gerade die 20-mm-Maschinenkanone checkte. »Zur Abwechslung haben sich die Jungs im Pentagon mal was ganz Besonderes einfallen lassen. Ich will auch nicht lange um den heißen Brei herumreden, Männer. Es geht um Berlin. Die Russen legen es offenbar darauf an, uns herauszufordern. Dem Vernehmen nach hat es dort mehrere Anschläge gegeben, sogar Tote. Vielleicht alles nur Vorgeplänkel, wer weiß. Das heißt, wir werden ihnen mal kurz auf die Finger klopfen müssen. Und das wiederum bedeutet nichts anderes, als dass der Präsident den Einsatz von Atomwaffen angeordnet hat.« Damit nicht nur die Crew, sondern auch er erst einmal Luft holen konnte, hielt Sarstedt inne und schaltete den Autopiloten ein. Dann fuhr er über die feuchten Lippen und sagte: »Ich weiß genau, was euch jetzt durch den Kopf geht, Männer. Hiroshima, Nagasaki, der Test auf dem Bikini-Atoll vor zwei Jahren. So dürft ihr aber nicht denken. Worauf wir uns in diesem Moment konzentrieren müssen, ist unser Job. Nur auf ihn, auf nichts anderes. Dazu sind wir ausgebildet worden. Wir alle, vor allem der Präsident, haben uns das, was in ein paar Stunden geschehen wird, nicht gewünscht. Erledigen müssen wir den Job aber trotzdem. Befehl ist nun einmal Befehl.« Die Luft im Cockpit, einer Druckkabine mit verglastem Bug, roch nach Schweiß, und Sarsteds Hände klebten regelrecht am Steuer. »Auf den Punkt gebracht, Männer: In knapp dreieinhalb Stunden, also kurz nach Mitternacht Berliner Zeit, werden wir über Moskau eine Atombombe abwerfen, zusehen, dass wir unsere Ärsche retten und hoffentlich wieder heil in England landen. Um zum Einsatzort zu kommen, werden wir dem 60. Breitengrad folgen, Norwegen, Schweden und die Südspitze von Finnland überqueren. Ihr könnt euch denken, dass es womöglich ein bisschen ungemütlich werden kann. Zu unserem Schutz werden kurz vor Leningrad noch ein paar Mustangs aus Ramstein zu uns stoßen. Damit wir nicht ganz allein sind. Apropos allein: Wir werden nicht die Einzigen sein, mit denen sich die Russen herumschlagen müssen. Von Italien und der Türkei aus sind mehrere B-29-Maschinen Richtung Kiew und Minsk unterwegs. Beziehungsweise Richtung Leningrad. Sämtliche US-Streitkräfte auf der Welt, vor allem in Berlin, wurden in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Das Gleiche gilt für die Briten und Franzosen, deren Flugzeugträger kurz vor dem Auslaufen sind. Ab jetzt, also 21 Uhr Berliner Zeit, herrscht DECON zwei. ›Operation Armageddon‹ kann also beginnen. Kneift die Ärsche zusammen, Jungs, in ein paar Stunden geht es los.« Sarstedt schloss die Augen und lehnte sich zurück. »Noch Fragen?«
Berlin-Kreuzberg, Polizeipräsidium in der Friesenstraße
| 21.42 h
»Scheiß Uhr, verdammte!«, fluchte Sydow, schnappte sich den Autoschlüssel und wollte ihn in Richtung Wanduhr schleudern. In seinem derzeitigen Zustand hielt er das Ticken kaum noch aus. Kein Wunder, wenn einem die Zeit zwischen den Fingern zerrann.
Viertel vor zehn. Gut zwei Stunden, und die Katastrophe, gegen die er sich mit aller Macht stemmte, würde ihren Lauf nehmen.
Unweigerlich.
Das Deprimierende daran: Er hatte keinen blassen Schimmer, wie sie noch abzuwenden sein würde. Der Anschlag am Checkpoint Charly, über den ihn ein Kollege informiert hatte, würde das Fass wahrscheinlich zum Überlaufen bringen. Um diesen Schluss zu ziehen, musste man kein Hellseher sein. Obwohl die Amerikaner auf Geheimhaltung pochten, würden sie das, was sich dort abgespielt hatte, mit Sicherheit nicht auf sich sitzen lassen. Mit dem Resultat, dass, wie von Hattengruber und Co. geplant, die Kacke nach einem weiteren Anschlag so richtig am Dampfen sein würde. Wie stark, daran wagte Sydow gar nicht erst zu denken.
Der Gedanke, er müsse mit Clay, dem Stadtkommandanten oder am besten gleich mit dem Weißen Haus Kontakt aufnehmen, lag natürlich auf der Hand. Die Frage war nur, wie die Amis darauf reagieren würden. Selbst dann, wenn sie die Ergebnisse seiner Ermittlungen für bare Münze nehmen würden, wären alle Beteiligten damit noch keinen Schritt weiter. Nicht einen lumpigen Millimeter. Und das bedeutete, dass er herauskriegen musste, wo diese Dreckskerle das nächste Mal zuschlagen würden. Wo, wann und wie. Sonst wäre die Katastrophe, auf die Berlin zusteuerte, perfekt.
Und die Stadt endgültig ein Trümmerhaufen.
Glück im Unglück, dass ihm der Polizeipräsident seine Version von Hattengrubers Tod abgekauft hatte. Onkel Erwin als lebensmüder Endvierziger, dreister ging es wirklich nicht. Nicht gerade die feine englische Art, einen auf Grimms Märchen zu machen, obendrein noch ein schwerwiegendes Dienstvergehen. Aufgrund der Erfahrungen mit Hattengruber, dem Henker im Gewand des Biedermannes, jedoch eine nur zu verständliche Reaktion. Solange der Fall nicht abgeschlossen war, würde er hier niemandem mehr über den Weg trauen.
Basta.
Als könne er es immer noch nicht glauben, knipste Sydow die Schreibtischlampe an, setzte sich und zog das vergilbte Konterfei der drei SS-Kameraden aus dem Sakko hervor. Der Mann in der Mitte, möglicherweise der Hauptdrahtzieher, war und blieb verschollen. Sydows Miene verfinsterte sich bis zu einem Punkt, an dem sie wie das Bildnis eines Rachegottes aussah. Hartmuth von der Tann, bekannt wie ein bunter Hund. Wo genau er seine Finger im Spiel hatte, war nicht bekannt. Fest stand allerdings, dass er einer derjenigen war, die im Schöneberger Rathaus den Ton angaben. Einer der Strippenzieher. Und beileibe nicht nur dort. Als gelernter Jurist und Berater des Justizsenators standen ihm die Türen für eine weitere Karriere offen, wer weiß, vielleicht auch die zu den Diensträumen des Regierenden Bürgermeisters. Dass er Reuters Vertrauen genoss, war allgemein bekannt, und es gab nicht wenige, für die nur er als Nachfolger infrage kam.
Ich krieg dich, und wenn ich ganz Berlin auf den Kopf stellen muss!, dachte Sydow und bebte dabei vor Zorn. Gerade war er von von der Tanns Schöneberger Villa zurückgekehrt und befand sich noch völlig in Rage, da ihn dort das Hausmädchen des Justizrats abgewimmelt hatte wie einen Hausierer. Der Herr Abgeordnete sei außer Haus, wo genau, könne sie beim besten Willen nicht sagen. Das zum Thema faule Ausreden, hatte sich Sydow gedacht, grollend in seinen VW verkrümelt und im Eiltempo zurück ins Präsidium begeben.
Weshalb, wusste er allerdings selbst nicht so genau. Er steckte in der Klemme, in einer Sackgasse sowieso. Wenn ihm nicht bald ein Licht aufging, konnte er einpacken.
Er und Berlin und möglicherweise sogar die ganze Welt.
Einem plötzlichen Impuls folgend, den er seit den Tagen seiner Kindheit nicht mehr verspürt hatte, knipste Sydow zuerst die Schreibtischlampe und danach das Licht in seinem Büro aus, trat ans Fenster und öffnete es. Wenn Ärger ins Haus gestanden hatte, zum Beispiel mit Vater, seiner Schwester oder seinen Lehrern, hatte er das früher genauso gemacht. Früher, in der Zeit vor 1933, als die Welt für ihn noch weitgehend in Ordnung gewesen war. Nicht selten war ihm nach einer derartigen Verdunkelungsaktion die Erleuchtung gekommen, und wenn nicht, hatte er sich hinterher wieder einigermaßen im Griff gehabt.
Das Ticken der Wanduhr im Ohr, deren Zeiger unerbittlich vorrückten, stand Sydow am Fenster und sog die vom Gewitter gereinigte Luft in die Lungen. Drunten auf der Straße, wie überhaupt in der ganzen Stadt, war es merkwürdig still, obendrein so gut wie kein Verkehr. Im Zwielicht der Laternen bewegten sich die wenigen Passanten wie Schattenwesen, als sei die bevorstehende Katastrophe schon längst Wirklichkeit geworden.