Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.
- Автор: Klausner Uwe
- Серия: Tom Sydow #2
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Жанр: Политические детективы
Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:
»Glauben Sie mir, Herr Kommissar«, erriet Kuragin seine Gedanken. »Das Ganze ist ein abgekartetes Spiel. Und es trägt die Handschrift der SS. Ganz ohne jeden Zweifel. Jede Wette, dass es sich bei den drei Herren, deren Namen Sie mir partout nicht nennen wollen, um die Hauptdrahtzieher handelt. Hand aufs Herz, Herr Kommissar: Haben Sie wirklich geglaubt, beim Absturz der Skymaster und der Explosion vor dem amerikanischen Hauptquartier habe es sich um einen Zufall gehandelt?«
Sydows Kopf fuhr nach rechts. »Wenn Sie schon so schlau sind, Kuragin, warum haben Sie dann alles brühwarm ausgeplaudert?«
»Warum ich Ihnen alles erzählt habe, wollen Sie wissen? Ganz einfach: Weil ich verhindern will, dass sich Truman in einen Krieg hineinziehen lässt. Wann, wie und mit welchen Mitteln auch immer. Wer weiß, dem einen oder anderen Herrn im Pentagon käme ein Hieb mit der Atomkeule vielleicht nicht ganz ungelegen. Frei nach dem Wahlspruch: Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein. Wozu uns nicht den Gnadenstoß geben, solange wir noch am Boden liegen. Haben Sie sich schon einmal überlegt, Herr Kommissar, wie lange wir noch an dem, was uns dieser Hitler eingebrockt hat, zu kauen haben werden?«
Sydow wandte den Blick wieder ab. In der Zwischenzeit hatte es aufgehört zu regnen, und das Abendrot, das durch den Außenspiegel seines VW reflektiert wurde, blendete ihn. »Dazu gäbe es freilich eine Menge zu sagen«, flüsterte er. »Vorausgesetzt, wir hätten genug Zeit dazu.«
»Was nicht der Fall ist, ich weiß«, vollendete Kuragin todernst. »Ich weiß zwar nicht, warum ich Ihnen das jetzt erzähle, Herr Kommissar, aber was Stalin betrifft, hat er strikte Weisung erteilt, sich auf keinerlei Konflikte mit den Amerikanern einzulassen.«
Im Begriff, Kuragins Hinweis in Zweifel zu ziehen, behielt Sydow seine Skepsis für sich. »Eine Frage hätte ich allerdings noch«, richtete er das Wort an seinen Nebenmann, auf den die landläufige Vorstellung von einem MGB-Offizier allein schon aufgrund des nagelneuen Anzugs nicht so recht passen wollte. »Von wem haben Sie Ihre Informationen?«
Die fein geschnittenen Züge von Kuragin verformten sich zu einem Lächeln, und noch während sich der
MGB-Offizier eine Antwort zurechtlegte, blieb Sydows Blick wie zufällig im Rückspiegel haften. An dem Passanten, der eiligen Schrittes der Sektorengrenze zustrebte, kam ihm irgendetwas bekannt vor, und als sich dieser auf gleicher Höhe mit seinem VW befand, blieb ihm fast die Spucke weg.
Bevor Sydow die Sprache wiederfand, kam ihm Kuragin jedoch zuvor, warf einen Blick auf die Uhr und murmelte: »So ist er eben, der gute Kodak – pünktlich auf die Minute. Und absolut zuverlässig.« Schließlich wandte er sich Sydow zu und sagte: »Falls Sie mit dem Gedanken spielen, Herr Kommissar, Ihren Kollegen von der Spurensicherung an der Ausreise zu hindern, bedenken Sie bitte, mit welcherlei Informationen ich Sie in der vergangenen halben Stunde versorgt habe. Aus uneigennützigen Erwägungen heraus, wie ich wohl nicht extra hinzufügen muss.«
Auge in Auge mit Bechtel, dem Mann mit dem Heinz-Rühmann-Lächeln, wirkte Sydow wie erstarrt, und die Hand, die an das Pistolenhalfter fuhr, sank kraftlos in seinen Schoß.
»Ich sehe, Sie denken mit, Herr Kommissar«, ließ Kuragin mit unverkennbarer Befriedigung verlauten, während sich der Griff um seine Tokarew merklich entspannte. »Wenn Sie erlauben, werde ich mich jetzt um meinen Genossen kümmern.«
»Tun Sie, was Sie nicht lassen können.«
»Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, das werde ich«, antwortete Kuragin, zog zwei Passierscheine aus der Innenseite seines Jacketts und öffnete die Beifahrertür. »Für alle Fälle«, fügte er augenzwinkernd hinzu. »Damit uns die Amerikaner da vorne an ihrem Checkpoint die Biedermänner auch abkaufen. Nichts für ungut, Herr Kommissar – und viel Glück.«
»Das werde ich auch brauchen«, flüsterte Sydow mit Blick auf die beiden Männer, die sich im Licht der Abenddämmerung auf die Sektorengrenze zubewegten. »Und das nicht zu knapp.«
Dann wendete er seinen VW, bog in Richtung Humboldthafen ab und beschleunigte auf 80 Sachen. »So, mein Freund, und jetzt geht es dir an den Kragen«, knirschte er und raste in Richtung Tiergarten davon, ohne einen Blick für die untergehende Sonne, in deren Licht die Pfützen wie Blutlachen aussahen.
Amerikanisches Hauptquartier an der Saargemünder Straße | 20.12 h
»Aber Sir –«, wandte Clays Adjutant, ein 25-jähriger Harvard-Absolvent aus Indiana, konsterniert ein. »Das … das können Sie doch nicht tun.«
»Und ob ich das kann!«, polterte Clay und hieb mit der Faust so heftig auf den Tisch, dass der Hörer beinahe von der Gabel gerutscht wäre. »Oder wollen Sie, dass demnächst der Dritte Weltkrieg ausbricht?«
»Natürlich nicht«, beteuerte der schlaksige, entschieden zu blasse Adjutant, die feingliedrigen Hände an die Hosennaht gepresst. »Ich fürchte nur, wir können die Provokation der Russen nicht einfach auf sich beruhen lassen.«
»Und wer sagt Ihnen, dass es die Russen waren?«
»Bei allem schuldigen Respekt, Sir. Diesbezüglich lässt der Bericht des Wachhabenden am Checkpoint Charly an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.«
»So, lässt er das«, echote Clay und fläzte sich entnervt in seinen Ledersessel. »Was, wenn es jemand anders war?«
»Jemand anders, Sir?«
Aufs Äußerste erregt, hielt es Clay nicht mehr auf seinem Platz. »Schon gut, schon gut«, spie er die Worte förmlich aus. »Mag sein, dass ich wieder mal auf dem Holzweg bin. Eins sollte uns allen jedoch klar sein, mein Junge: Wenn ich Washington informiere, müssen wir uns warm anziehen.«
»Auf alle Fälle, Sir. Meiner Meinung nach bleibt uns jedoch keine andere Wahl.«
»Hm.« Obwohl es ihm widerstrebte, musste Clay seinem Adjutanten recht geben. Anhand der Indizien, die sich im Verlauf des Tages angehäuft hatten, konnte es bezüglich der Urheberschaft der drei Anschläge keinerlei Zweifel mehr geben. Rein theoretisch betrachtet, wohlgemerkt. Eine sowjetische 2M-3, ein Moskwitsch als Bombendepot, eine Frontalattacke am Checkpoint Charly – Krieg, was begehrst du mehr?
»Ihre Befehle, Sir?«
Die Hände in den Hosentaschen, trat Clay ans Fenster und ließ den Blick über den Innenhof wandern, wo Pioniere immer noch damit beschäftigt waren, die Spuren des Bombenanschlags zu beseitigen. »Irgendwas ist hier faul«, knurrte er. »Ich wüsste nur zu gern, was.«
»Mit Verlaub, Sir: Selbst wenn Sie recht haben, ändert dies nichts an den Fakten«, tat der promovierte Jurist mit dem Brustton der Überzeugung kund. »Allein schon aus diesem Grund wird uns nichts anderes übrig bleiben, als umgehend Verbindung mit dem Präsidenten aufzunehmen.«
»Meinetwegen«, gab sich Clay wider Willen geschlagen. »Sollen sich doch die da drüben in Washington den Kopf darüber zerbrechen.«
Dann griff er zum Hörer und begann zu wählen.
Berlin-Kreuzberg, Polizeipräsidium in der Friesenstraße
| 20.12 h
Der Schatten hinter dem Schreibtisch von Kriminalrat Erwin Hattengruber kroch unaufhaltsam nach oben, und es war eine Frage von Minuten, bis er ihn verschluckt haben würde. Der 49-jährige Leiter der Kriminalinspektion I, von seinen Untergebenen liebevoll Onkel Erwin genannt, saß da wie versteinert und rührte sich nicht vom Fleck. Fast schien es, als stecke kaum noch Leben in ihm, wovon sich Tom Sydow freilich nicht täuschen ließ. Der wachsame Blick, stechend wie der eines Habichts, verriet die Anspannung, unter der er stand, und das bedeutete, dass er sich noch nicht geschlagen gab.
»Um es kurz zu machen, Erwin«, kam Sydow ohne Umschweife zur Sache, »wo bist du am 29. September 1941 gewesen?«
»Ich glaube nicht, dass mir dein Ton gefällt, Tom«, zischte Hattengruber, aus dessen Blick ihm der blanke Hass entgegenschlug. »Meiner Ansicht nach muss ich mir das als Kriminalrat nicht gefallen lassen.«