Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.
- Автор: Klausner Uwe
- Серия: Tom Sydow #2
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Жанр: Политические детективы
Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:
So weit war es allerdings noch nicht, und als das Telefon schrillte, wandte sich Sydow um und hob ab. »Sydow?«, rief er in den Hörer, in der Hoffnung, es könne sich vielleicht um Gladys McCoy handeln.
»Ich bin’s, Herr Kommissar – Krokowski«, meldete sich stattdessen eine ihm wohlbekannte, aber durchaus auch unangenehme Stimme. »Mit Neuigkeiten, für die Sie sich bestimmt …«
»Machen Sie’s kurz, Eduard«, antwortete Sydow matt, redlich bemüht, ihn nach Möglichkeit nicht zu brüskieren. »Was gibt’s Neues?«
»Wie gewünscht«, näselte es bedrohlich nahe durch die Leitung, »habe ich mich nach getaner Arbeit näher mit der Dame des Hauses befasst.«
Sydow wandte den Blick zur Decke. So geschwollen konnte im Präsidium wirklich nur einer daherreden. »Hoffentlich nicht zu intensiv«, witzelte er, in der Hoffnung, Krokowski werde den Witz kapieren.
»Doch – wo denken Sie hin, Herr Kriminalhauptkommissar«, erwiderte Theo der Zweite todernst. »Raten Sie mal, was ich dabei herausgefunden habe.«
Dass im Keller ein Schatz vergraben ist?, wollte Sydow fragen, aber da dies des Schlechten wahrhaftig zu viel gewesen wäre, behielt er seinen Sarkasmus für sich. »Was denn?«, klang da weitaus moderater, wenngleich nicht übermäßig interessiert.
»Dass sich im Arbeitszimmer des Herrn Gemahls, zu dem ihr Verhältnis nach eigenem Bekunden ein äußerst distanziertes gewesen sein soll, ein mit Unterlagen vollgepfropfter Geheimsafe befunden hat. Respektive noch befindet.«
Krokowskis Redeschwall war noch nicht verklungen, als ein plötzlicher Ruck durch Sydow ging. »Geheimsafe?«, stieß er hervor, mit einem Mal ganz bei der Sache. »Und was war da drin?«
»Dank der Zahlenkombination, welche die Dame des Hauses mir anzuvertrauen geruhte, war es mir möglich, den Safe innerhalb kürzester Zeit …«
»Was drin war, will ich wissen, aber dalli!«
»Karten, jede Menge Skizzen, Pläne und Karten.«
»Und wovon? Mensch, Eduard, lassen Sie sich doch nicht jedes Wort aus der Nase …«
»Vom Flughafen Tempelhof«, versetzte Krokowski pikiert. »In jeder nur erdenklichen Position.«
Dass Tom Sydow »Sie sind ein Schatz, Eduard« zu ihm gesagt hatte, sollte dieser später vehement bestreiten, doch waren genau das seine Worte gewesen, bevor er den Hörer auf die Gabel knallte, auf die Uhr schaute und in halsbrecherischem Tempo die Treppe hinunter stürmte.
Zwanzig nach zehn, dachte er, in Gedanken bereits zwei Stunden voraus.
Und noch jede Menge zu tun.
Berlin-Schöneberg, Wartenburgstraße | 22.30 h
Noch 90 Minuten. Dann war es geschafft. Der Plan, mit dessen Hilfe sein Vaterland wieder zu alter Größe und Herrlichkeit emporsteigen würde, ausgeführt. Die Schmach der Niederlage von 1945, dem Tiefpunkt seines Lebens, getilgt.
Hartmuth von der Tann, 43 Jahre, ehemaliger SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei, war ein Mann, in dessen Vokabular das Wort Selbstzweifel nicht vorkam. Das galt für seine Zeit als stellvertretender Führer der Einsatzgruppe C, für die Verbrechen, an denen er beteiligt gewesen war und insbesondere für das Komplott, dessen Verwirklichung anscheinend nun nichts mehr im Wege stand. Das galt aber auch für sein Auftreten, und es gab nicht wenige, die ihn als arrogant und überheblich bezeichneten.
Von der Tann war ein Mann in mittleren Jahren, 1,87 Meter groß, schlank und bereits vollkommen grau. Dies traf nicht nur auf sein Haupthaar, sondern auch auf die nimmermüden und stets wachsamen Augen zu. Er war kein Freund großer Worte, kein Aufschneider oder jemand, der gerne im Rampenlicht stand. Gehemmt durch seine Fistelstimme, hatte er gelernt, sich mit der Rolle des Schattenmannes zu begnügen. Er war die personifizierte Zurückhaltung, genau die Eigenschaft, der er seinen kometenhaften Aufstieg verdankte. Er war selbstsicher und von dem, was er tat, zu 100 Prozent überzeugt.
Hätte ihn jemand beobachtet, wie er in seinem schwarz getäfelten Wohnzimmer saß, das Kognakglas in der Linken, die Rechte auf der Rückenlehne des Kanapees aus der Kaiserzeit, wäre er nicht auf den Gedanken gekommen, dass dies ein Mann war, der dabei war, die Welt in Brand zu stecken.
Und doch war dem so. Scheinbar ganz auf die Klänge von Wagners Walkürenritt konzentriert, die das mit dunklen Brokatvorhängen, verglasten Bücherschränken und Möbeln aus schwarz lackierter Eiche ausstaffierte Wohnzimmer durchdrangen, hatte es sich von der Tann neben dem Telefon bequem gemacht und wartete. Nicht ungeduldig, nicht nervös, sondern mit einem Gesicht, in dem sich eine an Abgestumpftheit grenzende Emotionslosigkeit widerspiegelte. Die Vorfreude auf das, worauf er seit Monaten hingearbeitet hatte, blieb in seinem Tiefinnersten verborgen.
Fünf Minuten später als erwartet war es dann so weit. Das Telefon klingelte, und mit einer Handbewegung, welche die Gelassenheit des Spitzenbeamten in der Senatsverwaltung für Justiz einmal mehr unterstrich, griffen die knochigen Finger nach dem Hörer. Es waren nur wenige Worte, die er zu hören bekam, aber kaum hatte von der Tann sie vernommen, hellte sich die unbewegte, von tiefen Falten durchzogene Miene des ehemaligen SS-Brigadeführers auf: »Wotan, wende dich her!«, klang es markig durch das Telefon, untermalt vom Klang des Grammofons, das auf einem Mahagonitisch in der Nähe des Fensters stand. Von der Tann antwortete ohne Zögern: »Weise die schrecklich heilige Schar, hierher zu horchen dem Racheschwur.«13 Dann legte er auf und gab sich ganz den Klängen hin, die ihn seit jeher in ihren Bann gezogen hatten.
In nicht ganz 90 Minuten, nach Vollendung seines Plans, würde der Tag anbrechen, auf den er wie ein Besessener hingearbeitet hatte. Um ans Ziel zu gelangen, hatte er sich von niemandem aufhalten lassen. Weder von dieser hergelaufenen Straßennutte, die es fertiggebracht hatte, sich Himmlers Geheimdossier unter den Nagel zu reißen, noch vom Widerstand aus den eigenen Reihen. Schon gar nicht durch diesen Weichling, der durch Kamerad Maschke exekutiert worden war. Leute wie er hatten in der ›Gruppe W 45‹ nichts zu suchen, auch solche nicht, die wie Ewald ins Fadenkreuz der Kripo zu geraten drohten. Den Kopf auf ein Kissen gebettet, huschte ein verstohlenes Lächeln über von der Tanns Gesicht. Hattengruber hatte wirklich ganze Arbeit geleistet, ihn stets auf dem Laufenden gehalten. Vor allem aber hatte er ihn vor diesem Sydow gewarnt, Berlins angeblich bestem Kommissar. Nun gut, um wen auch immer es sich bei diesem Anfänger handeln mochte, in die Quere würde er ihm nicht mehr kommen. ›Operation Wotan‹ würde über die Bühne gehen, so oder so.
»Noch etwas Tee, gnädiger Herr?«
Wie immer, wenn er den Klängen Wagners lauschte, nahm der Mann, dessen Weg mit Leichen gepflastert war, die Welt um sich herum nicht wahr. So auch nicht seine Haushälterin, die abwartend auf der Türschwelle seines Wohnzimmers stand. »Nein danke, Hermine«, erwiderte von der Tann knapp, um mit vielsagendem Lächeln hinzuzufügen: »Für heute wäre es das gewesen.«
»Wie Sie wünschen, Herr Justizrat«, beeilte sich die Haushälterin zu antworten, deren verhärmte Miene sich daraufhin entspannte. »Gute Nacht.«
»Gute Nacht«, erwiderte der Herr des Hauses, setzte sich jedoch plötzlich auf und fragte: »Was ist eigentlich mit diesem Kripobeamten von vorhin?«
Die Matrone undefinierbaren Alters zupfte nervös an ihrer Schürze herum. »Mit dem Kripobeamten?«, wiederholte sie. »Den habe ich wieder weggeschickt.«
»Hat er eigentlich gesagt, wie er heißt?«, wollte von der Tann wissen, um dessen Ruhe und Selbstsicherheit es bei Weitem nicht mehr so gut bestellt zu sein schien.