Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.
- Автор: Klausner Uwe
- Серия: Tom Sydow #2
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Жанр: Политические детективы
Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:
»Jubiläum?«
»Neun Jahre Kriegsbeginn – schon vergessen?« Mit einem Blick, in dem sich seine ganze Verachtung widerspiegelte, fuhr Sydow fort: »Dass ich dir erneut in die Quere kommen würde, konntest weder du noch dein reinrassiger Kamerad, der dabei auf der Strecke geblieben ist, ahnen.«
»Alles schön und gut, Herr von Sydow – aber die Sache hat leider einen Haken.«
»Und der wäre?«
»Dass es Ihnen bislang nicht gelungen ist, die Geheimakten aufzutreiben, von denen Sie unablässig faseln. Wer weiß, vielleicht existieren sie nur in Ihrer Fantasie.«
»Schon wieder falsch«, herrschte Sydow seinen Vorgesetzten an. »Ad eins: Mir liegt eine maschinengeschriebene Abschrift sämtlicher Akten vor, mit deren Hilfe Lilian Matuschek versucht hat, euch aufs Kreuz zu legen. Zu dumm, dass du sie bei der Durchsuchung ihrer Wohnung übersehen hast. Gängigen Vorurteilen zum Trotz handelte es sich bei ihr anscheinend um eine ziemlich ausgeschlafene Frau. Und um eine misstrauische mit dazu.« Das, was Sydow gerade von sich gegeben hatte, war der größte Bluff seit der Erfindung des Pokerspiels, so weit entfernt von den Fakten wie die Erde vom Mond. Aber es war die einzige Möglichkeit, Hattengruber aus der Reserve zu locken. Vorausgesetzt, der Mann, für den er noch gestern die Hand ins Feuer gelegt hätte, würde anbeißen. »Kurz gefasst: Besonders interessant daran erscheint mir eine Liste, auf der unter anderem du, Ewald und der Rottenführer einer sogenannten ›Gruppe W 45‹ auftauchen.« Das war einfach so dahergesagt, aber da Hattengruber sich nicht rührte, wähnte sich Sydow auf dem richtigen Weg. »Der Grund, weshalb besagte Liste auf Geheiß Himmlers zusammengestellt wurde, dürfte dir bekannt sein. Gesucht wurden von ihm besonders verlässliche und verschwiegene Kameraden, mit deren Hilfe die Stellung der Alliierten nach dem Krieg unterminiert, die SS reorganisiert und eine Reihe von Anschlägen auf alliierte Einrichtungen …«
»Genug, Tom, du hast gewonnen.« Bleich wie ein Leichnam, richtete sich Hattengruber auf, beugte sich nach vorn und klappte die Ledermappe mit dem vergoldeten Schnappverschluss zu, auf deren Vorderseite das Emblem der SS eingraviert war. Dann hob er die linke Hand und sah auf die Uhr. »Du warst schneller als erwartet, leider jedoch nicht schnell genug.«
»Zwölf Uhr, 16 Uhr, 20 Uhr – meinst du etwa, das überrascht mich, Erwin?«
»Kompliment, Tom. Mir scheint, dass du deinem Ruf als unser bester Beamter einmal mehr gerecht geworden bist.«
»Unser?«, schleuderte Sydow dem Kriminalrat entgegen. »Habe ich da eben richtig gehört? Ein Mann, hinter dem sich eine wahre Blutspur herzieht und der sich einbildet, einer von uns zu sein. Das schlägt dem Fass ja wohl den Boden aus. Weißt du, was du bist? Nein, Herr Kriminalrat – nicht etwa nur ein gewöhnlicher Krimineller. So einfach kommst du mir nicht davon. Du bist ein Massenmörder. Eine Bestie. Der Abschaum schlechthin.«
Hattengruber, von dem nur noch die Umrisse erkennbar waren, lachte spöttisch auf. »Der gute alte Tom Sydow«, lästerte er. »Rächer der Witwen und Waisen. Typisch, dass du nicht kapierst, was die Stunde geschlagen hat.« Hattengruber räusperte sich und fuhr mit vor Erregung vibrierender Stimme fort: »Die Zeit ist reif, Tom, reif für einen Neubeginn. Drei Jahre Fron haben gereicht, um unser Vaterland zugrunde zu richten. Ein Jahr mehr, und es würde aufhören zu existieren.« Die Stimme, die aus dem Halbdunkel jenseits des Schreibtisches zu Sydow herüberscholl, hatte nichts Menschliches mehr an sich. Es war die Stimme eines Mannes, von dem ein Dämon Besitz ergriffen hatte. Ein Dämon, gegen den er keine Gegenwehr leistete. »Damit, Tom, dem Niedergang unseres heiß geliebten Vaterlandes, wollen und werden meine Kameraden und ich uns nicht abfinden. Die Herrschaft des Weltjudentums und des Bolschewismus, welche die Amerikaner und Briten für ihre Zwecke missbraucht haben, kann und muss für immer gebrochen werden. Verstehst du nicht, Tom? Haben die Amerikaner das Sowjetimperium erst einmal von der Landkarte getilgt, wird unsere Stunde kommen. Und wir werden endlich emporsteigen, genau so, wie es unser heiß geliebter …«
»Und wenn die Amerikaner sich nicht provozieren lassen – was dann?«
Beim Klang von Hattengrubers Lachen, das wie ein Spuk von den Wänden widerhallte, lief es Sydow eiskalt den Rücken hinunter. »Keine Sorge, Tom«, tönte der Kriminalrat, »was unsere bisherigen Aktionen betrifft, handelte es sich lediglich um Nadelstiche. Der Hauptschlag, Herr Kriminalhauptkommissar, steht nämlich noch bevor. Spätestens dann, wenn er erfolgreich über die Bühne gegangen ist, wird den Amerikanern gar nichts anderes übrig bleiben, als dem Bolschewismus den Todesstoß zu versetzen.«
»Fazit: Um ihnen weiszumachen, dass die Russen dahinterstecken, haben sich deine Kameraden von der SS etwas ganz Besonderes einfallen lassen.« Sydow gab ein verächtliches Schnauben von sich. »So wie damals, beim Überfall auf den Sender Gleiwitz. Will sagen, damit das Ganze authentisch wirkt, bleiben am Tatort einfach ein paar Leichen zurück. Und wer, wenn nicht vier mit amerikanischen Projektilen vollgepumpte Rotarmisten, wäre besser geeignet dafür?«
»Wie ich sehe, bist du erstaunlich gut informiert, Tom.« Der Atem des Kriminalrates beschleunigte sich, und während Hattengruber um Fassung rang, machte Sydow einen Schritt nach vorn. »Komm nicht näher, Tom«, klang ihm die Stimme seines Vorgesetzten im Ohr. »Eine falsche Bewegung, und du bist tot.«
»Was habt ihr vor, Erwin? Raus mit der Sprache, oder ich lasse es darauf ankommen.«
Hattengrubers Antwort war ein hämisches Lachen. »Tu mir den Gefallen und lass deine Waffe stecken, Tom. Nichts für ungut – aber solltest du beabsichtigen, den Helden zu spielen, wirst du unweigerlich den Kürzeren ziehen.«
»Ich gebe dir zehn Sekunden, Erwin. Das ist mein letztes Wort.«
»Nur die Ruhe, Tom«, antwortete der Leiter der Kriminalinspektion I, steckte eine Giftkapsel in den Mund und presste die Walter PPK gegen die Schläfe. »Schließlich hast du ja noch gut drei Stunden Zeit.«
Dann biss der Kriegsverbrecher und Massenmörder, der mit richtigem Namen Erwin Keßler hieß, auf die Zyankali-Kapsel und drückte ab.
60° 18’ N, 1° 22’ W | 20.56 h Berliner Zeit
»Die Gurke ist heiß, Pete«, meldete der Bordingenieur, was Flight Captain Nick Sarstedt mit einem knappen Nicken quittierte. Fast gleichzeitig brachen die Gespräche im Cockpit der B-29 Superfortress der US Air Force abrupt ab, und eine bedrückende Stille machte sich breit. Nun wurde es also doch ernst, und wer geglaubt hatte, bei der Spritztour zu den Shetland-Inseln handele es sich um eine Übung, musste der Wahrheit ins Auge sehen.
Nein, dies war keine Übung. Dies war der Ernstfall. Der Fall der Fälle, mit dem die wenigsten der zwölf Besatzungsmitglieder gerechnet hatten.
»Erreichen 30.000 Fuß, Sir«, gab der Navigator bekannt, in der Absicht, die Männer ein wenig abzulenken. Doch keiner, am allerwenigsten Sarstedt, nahm die Ankündigung richtig wahr. Jeder hing seinen Gedanken nach, und was der Bordingenieur mit seiner flapsigen Durchsage bezweckt hatte, schlug ins krasse Gegenteil um. Dass die B-29 mit dem Spitznamen Skinny Minny eine Atombombe an Bord hatte, war bekannt, nicht aber, wohin die Reise ging. Sicher war nur, dass dies keine Übung war, sonst wäre der Captain auf einmal nicht so nachdenklich geworden.
Höchste Zeit, den Männern reinen Wein einzuschenken, dachte sich Nick Sarstedt, als er die fragenden Blicke der Cockpitbesatzung auf sich ruhen fühlte. Dass die Wahl ausgerechnet auf ihn gefallen war, ging ihm gewaltig auf den Keks, und er hätte alles dafür gegeben, um sich vor dieser Mission zu drücken. Da ihm der Einsatzbefehl aus dem Pentagon und die markigen Worte des Geschwaderkommandeurs jedoch keine andere Wahl gelassen hatten, musste er sich notgedrungen fügen.