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Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.

Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:

Berlin, 31. August 1948. Die verstümmelte Leiche einer Stadtstreicherin wird in der Nähe des Lehrter Bahnhofs gefunden. Nichts Besonderes im Berlin der Nachkriegszeit und so glaubt Hauptkommissar Tom Sydow zunächst an einen Routinefall. Doch warum sammelte das Mordopfer Zeitungsausschnitte über den stadtbekannten Kriegsgewinnler, Schieber und Spekulanten Paul Mertens? Bei seinen Ermittlungen kommt Sydow einer Organisation auf die Spur, deren Verbindungen in höchste Kreise von Justiz und Politik zu reichen scheinen ...
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Eine Nachlässigkeit mit Folgen.

Begleitet von Böen, wild zuckenden Blitzen und Sturzregen, hinter dem der amerikanische Checkpoint fast verschwand, blieb der Armeejeep etwa 200 Meter von der Sektorengrenze entfernt stehen. Durch die angrenzenden Häuserschluchten, die meisten davon immer noch Ruinen, hallte der Donner, und was Pjotr betraf, hörte er sich wie ferner Geschützlärm an. Damals, bei der Eroberung von Berlin, war er erst 17 gewesen, dafür aber einer der Ersten, die den Führerbunker gestürmt hatten. Darauf war er mächtig stolz, fast ebenso sehr wie auf den Orden, den man ihm verliehen hatte. ›Held der Sowjetunion‹ – hörte sich verdammt noch mal ziemlich eindrucksvoll an.

Dass Helden mitunter auch Fehler begehen, sollte Pjotr jedoch bald zu spüren bekommen.

Am eigenen Leibe.

Mit Blick auf den amerikanischen Kontrollpunkt, keine 50 Meter von ihm entfernt, hatte sich der Held, dessen Ruhm jäh verblassen sollte, eilends in seinen Unterstand begeben. Nass bis auf die Haut hatte er dem Jeep keine Beachtung geschenkt, mit sich und seiner tropfnassen Uniform genug zu tun.

Ein Fehler, für den er mit seinem Leben bezahlen sollte. Und die drei übrigen Rotarmisten, die sich in die Baracke hinter dem Schlagbaum geflüchtet hatten, mit dazu.

Kaum war der Armeejeep zum Stehen gekommen, sprangen sechs Männer heraus. Ihrer Uniform nach zu urteilen, handelte es sich um Angehörige der Roten Armee. Hätte Pjotr einen Blick über die Schulter geworfen, wäre er eines Besseren belehrt worden. Da er es jedoch nicht tat, spürte er plötzlich diesen Schmerz in der linken Schulter, dieses Brennen, das nicht nur durch Mark und Bein ging, sondern ihn wie ein Stück trockenes Holz aufzuzehren begann.

Sekunden später war er tot.

Seinen drei Kameraden, noch immer völlig ahnungslos, erging es nicht besser. Um ihren Plan auszuführen, kam den sechs Angreifern das Gewitter wie gerufen, obendrein funktionierten die Schalldämpfer ihrer Pistolen Marke Remington perfekt. Als sie die Baracke stürmten, hatten die mit Strumpfmasken bekleideten Eindringlinge somit leichtes Spiel, und der Tod kam so schnell, dass die drei Rotarmisten nicht einmal mehr zur Waffe greifen konnten.

Kaum war der Letzte von ihnen tot, wurden die drei nach draußen geschleift, auf die Straße gelegt und dort liegen gelassen. Danach war Pjotr an der Reihe. Alles in allem hatte die Aktion knapp zwei Minuten gedauert, und nachdem sie zu Ende war, wurde die Sprengladung, die sich unter dem Rücksitz des Armeejeeps befand, per Fernzündung zur Detonation gebracht.

Erst jetzt, als die Scheiben ihrer Wachstube klirrend zu Bruch gingen und auf der russischen Seite ein riesiger Feuerball in die Höhe schoss, wachten die GIs am Checkpoint Charly auf. Viel Zeit, auf die Geschehnisse zu reagieren, blieb ihnen indes nicht. Im gleichen Moment, als sie hinaus in den Regen stürmten, blitzte unweit von ihnen das Mündungsfeuer mehrerer Kalaschnikows auf, weshalb sie sich schleunigst in Sicherheit brachten.

Was folgte, war eine wilde Schießerei, bei der keine der beiden Parteien die Oberhand gewann. Die Amerikaner feuerten, was ihre M1-Gewehre hergaben, doch ohne Erfolg. Ihre Gegner, die überall gleichzeitig zu sein schienen, bekamen sie kaum zu Gesicht. Kein Wunder, dass sie glaubten, es mit einem Gegner in Bataillonsstärke zu tun zu haben, wobei ihnen der Gedanke, hinter dem Angriff könne jemand anderes stecken, erst gar nicht kam. Die da drüben, also die Russen, die sie mit einer

MG-Garbe nach der anderen eindeckten, hatten vor, sie alle ins Jenseits zu befördern, einen groß angelegten Angriff auf die Westsektoren zu unternehmen und ganz Berlin zu okkupieren.

Das stand doch wohl einwandfrei fest, oder?

Etwa fünf Minuten nach dem Auftauchen der sechs ehemaligen Mitglieder der Waffen-SS ebbte das Bellen der Kalaschnikows plötzlich ab. So auch der Sturzregen, von dem die hinter Sandsäcken kauernden US-Boys völlig durchnässt worden waren. Da sie dem Frieden nicht trauten, gaben die GIs ihre Deckung zunächst nicht auf, was den Angreifern Gelegenheit gab, sich aus dem Staub zu machen.

Weit kam das Kommando der ›Gruppe W 45‹ jedoch nicht. Auf dem Weg Richtung Linden, in Höhe der Leipziger Straße, tauchte plötzlich eine MGB-Patrouille auf. Die SS-Kämpfer eröffneten sofort das Feuer. Die sowjetische Eliteeinheit allerdings auch. Im Gegensatz zu den vier Rotarmisten am Kontrollpunkt hatten es die SS-Leute jedoch beileibe nicht mit Anfängern zu tun. Und so dauerte das Feuergefecht inmitten von Trümmerbergen, Ruinen und Schutthalden auch nicht lange. Keine fünf Minuten waren vergangen, als der Kommandotrupp aufgerieben und nur noch ein einziger Werwolf am Leben war. Dieser wiederum, umringt von den Soldaten des MGB, biss auf eine Giftkapsel und war sofort tot.

Was blieb, waren zehn Tote, zwei Schwerverletzte, ein verdutzter Hauptmann des MGB und jede Menge Fragen. Fragen, auf die der sichtlich mitgenommene Litauer mit dem strohblonden Haar zunächst keine Antwort fand. Worauf er beschloss, seinem Vorgesetzten, Major Kuragin, umgehend Bericht zu erstatten. Sollte der sich doch mit diesem antisowjetischen Gesindel herumschlagen, das sich erdreistet hatte, die Uniform der Roten Armee zu tragen.

Doch sooft der MGB-Offizier auch versuchte, Kuragin zu erreichen, immer hatte er Pech. Die Leitung war besetzt, ausgerechnet jetzt. »Scheiße!«, fluchte der Balte halblaut vor sich hin. Wieder mal typisch. Jedes Mal, wenn man die Obrigkeit braucht, schieben die einen faulen Lenz.

Was Juri Andrejewitsch Kuragin betraf, lag der Kommandeur des MGB-Bataillons jedoch völlig falsch.

Aber das konnte er in diesem Moment noch nicht wissen.

Sektorenübergang Invalidenstraße | 19.48 h

»Und wer sagt mir, dass ich Ihnen trauen kann?«, fragte Sydow, bremste ab und sah Kuragin aus dem Augenwinkel an. Jenseits des Spandauer Kanals, hinter Sandsäcken, Betonsperren und Stacheldraht, begann Stalins Reich, und da er schon genug Ärger am Hals hatte, fuhr er lieber rechts ran. »Wer weiß, ob Sie mich nicht auf eine falsche Fährte locken wollen.«

»In diesem Punkt muss ich Ihnen recht geben, Herr Kommissar«, pflichtete Kuragin seinem Nebenmann bei, ein resigniertes Lächeln im Gesicht. »Auf einen wie mich, noch dazu einen Major des NKWD, ist ja wohl kein Verlass.«

»Jetzt nehmen Sie doch nicht gleich alles persönlich«, hielt Sydow dagegen. Das Gewitter war vorüber, und auf dem Straßenpflaster spiegelte sich das Abendrot. »An den Gedanken, mit dem MGB zusammenzuarbeiten, muss ich mich eben erst noch gewöhnen.«

Kuragin lächelte amüsiert. »Möchte wissen, was so schlimm daran ist«, versetzte er. »Verglichen mit dem, was uns blüht, sollten Ihre Bemühungen im Sand verlaufen.«

»Das werden sie nicht, keine Sorge.«

»Sicher?« Kuragin fuhr mit dem Zeigefinger über seinen Oberlippenbart. »Wenn ja, würde ich mich an Ihrer Stelle beeilen.«

Obwohl er sich nichts anmerken ließ, kam Sydow nicht umhin, dem Major des MGB insgeheim beizupflichten. »Und wo werden diese Kerle Ihrer Meinung nach zuschlagen?«

»Das freilich ist die Frage«, wich ihm Kuragin aus. »Eine Frage, auf die ich zu meinem Bedauern noch keine Antwort gefunden habe. Was ich jedoch weiß, ist, dass alles von langer Hand geplant worden ist.«

»Sieht ganz danach aus, als ob Sie recht haben.« Sydow trommelte nervös auf dem Lenkrad herum. Geklaute Uniformen, jede Menge Waffen und Sprengstoff, nicht zu vergessen eine nagelneue 2M-3, mit der diese Bastarde die Skymaster vom Himmel geholt hatten, alles, aber auch alles passte zusammen. Angefangen mit dem Verschwinden der vier Rotarmisten an der Glienicker Brücke bis hin zu der vermeintlichen Messerstecherei, die mit hoher Wahrscheinlichkeit inszeniert gewesen war. Der Bombenanschlag auf das amerikanische Hauptquartier nicht zu vergessen. Sydow machte ein nachdenkliches Gesicht. Keine Frage, Ewald und Co. hatten nichts dem Zufall überlassen.

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