Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04
- Автор: Мартин Джордж Рэймонд Ричард
- Серия: Das Lied von Eis und Feuer #2
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Переводчик: Andreas Helweg
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04». Краткое содержание книги:
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»Jemand hat mir einmal gesagt, die Nacht sei dunkel und voller Schrecken. Und heute Nacht bin ich kein Ritter. Heute Nacht bin ich noch einmal Davos der Schmuggler. Wärt Ihr nur eine Zwiebel.«
Sie lachte. »Fürchtet Ihr mich? Oder das, was wir tun?«
»Was Ihr tut. Ich habe daran keinen Anteil.«
»Eure Hände haben das Segel gehisst. Eure Hände halten das Ruder.« Schweigend kümmerte sich Davos um seinen Kurs. Das Ufer war ein Gewirr von Felsen, deshalb steuerte er zunächst hinaus in die Bucht. Sturmkap blieb hinter ihnen zurück und wurde kleiner, doch die Rote Frau schien das nicht zu beunruhigen. »Seid Ihr ein guter Mann, Davos Seewert?«, fragte sie.
Würde ein guter Mann solche Dinge tun? »Ich bin ein Mann«, antwortete er. »Ich bin freundlich zu meinem Weib, aber ich habe auch schon andere Frauen gehabt. Ich habe versucht, als Vater für meine Söhne da zu sein, damit sie ihren Platz in dieser Welt finden. Ja, ich habe Gesetze gebrochen, aber vor heute Nacht habe ich mich niemals als schlechter Mensch gefühlt. Ich würde sagen, es hält sich die Waage, M’lady. Ich bin ein guter und ein schlechter Mann.«
»Ein grauer Mann«, sagte sie. »Weder weiß noch schwarz, doch von beidem ein bisschen. Seid Ihr das, Ser Davos?«
»Und wenn es so wäre? Mir scheint, die meisten Männer sind grau.«
»Wenn eine Zwiebel zur Hälfte schwarz gefault ist, kann man sie nur als verfaulte Zwiebel bezeichnen. Ein Mann ist entweder gut oder böse.«
Die Feuer hinter ihnen waren zu einem vagen Glühen verschmolzen, das sich gegen den schwarzen Himmel abhob, und das Land war schon fast außer Sicht. Es war Zeit zu wenden. »Passt auf Euren Kopf auf, Mylady.« Er legte das Ruder um, und das kleine Boot ließ Gischt aufspritzen, während es drehte. Melisandre duckte sich unter dem herumschwingenden Baum und legte eine Hand auf das Dollbord, so ruhig wie immer. Holz ächzte, Leinwand knatterte, Wasser spritzte so laut, dass man schwören mochte, es müsse auf der Burg zu hören sein. Davos wusste es besser. Das endlose Rauschen der Wellen auf dem Fels war das einzige Geräusch, das durch die massive seewärtige Mauer von Sturmkap drang, und auch das nur schwach.
Gekräuseltes Kielwasser blieb hinter ihnen zurück, während sie wieder auf das Ufer zufuhren. »Ihr sprecht von Zwiebeln und Männern«, sagte Davos. »Was ist mit Frauen? Gilt für sie nicht das Gleiche? Seid Ihr gut oder böse, Mylady?«
Auf die Frage hin kicherte sie. »Oh, gut. Ich bin selbst eine Art Ritter, edler Ser. Ein Streiter für Licht und Leben.«
»Dennoch beabsichtigt Ihr, heute Nacht einen Mann zu töten«, erwiderte er. »So wie Ihr schon Maester Cressen getötet habt.«
»Euer Maester hat sich selbst vergiftet. Mich wollte er ebenfalls vergiften, aber ich wurde von einer größeren Macht beschützt und er nicht.«
»Und Renly Baratheon? Wer hat ihn ermordet?«
Sie wandte den Kopf. Unter dem Schatten der Kapuze brannten ihre Augen schwach wie rote Kerzen. »Ich nicht.«
»Lügnerin.« Jetzt war sich Davos sicher.
Abermals lachte Melisandre. »Ihr habt Euch in Dunkelheit und Verwirrung verloren, Ser Davos.«
»Dennoch ist die Dunkelheit gut für uns.« Davos deutete auf die fernen Lichter, die auf den Mauern von Sturmkap flackerten. »Spürt Ihr, wie kalt der Wind ist? Die Wachen werden sich dicht an die Fackeln dort oben drängen. Ein bisschen Wärme, ein bisschen Licht bieten wenigstens einen kleinen Trost in der Nacht. Dadurch werden sie geblendet, und deshalb werden sie uns nicht sehen.« Das hoffe ich jedenfalls. »Der Gott der Dunkelheit beschützt uns heute, Mylady. Sogar Euch.«
Die Flammen ihrer Augen schienen bei diesen Worten ein wenig heller zu leuchten. »Sprecht diesen Namen nicht aus, Ser, solange Ihr sein schwarzes Auge nicht auf uns lenken wollt. Er beschützt keinen Menschen, so viel kann ich Euch versprechen. Denn er ist der Feind allen Lebens. Die Fackeln verbergen uns, Ihr habt es selbst gesagt. Feuer. Das helle Geschenk des Herrn des Lichts.«
»Wie Ihr wollt.«
»Wie Er will.«
Der Wind drehte, Davos konnte es fühlen und sah es am Kräuseln des Segeltuchs. Er griff nach den Fallen. »Helft mir, das Segel einzuholen. Den Rest des Wegs werde ich rudern.«
Gemeinsam holten sie das Segel ein, während das Boot unter ihnen schaukelte. Davos legte die Riemen ein und zog sie durch das unruhige dunkle Wasser. »Wer hat Euch zu Renly gerudert?«, fragte er.
»Das war nicht nötig«, antwortete sie. »Er war nicht geschützt. Aber hier … dieses Sturmkap ist ein alter Ort. In die Steine sind Zauber gewirkt. Dunkle Mauern, die kein Schatten passieren kann – uralt sind sie und vergessen, und doch noch immer vorhanden.«
»Schatten?« Davos spürte ein Kribbeln auf der Haut. »Ein Schatten ist ein Wesen der Dunkelheit.«
»Ihr seid unwissender als ein Kind, Ser Ritter. Im Dunkeln gibt es keine Schatten. Schatten sind die Diener des Lichts, die Kinder des Feuers. Die hellste Flamme wirft den dunkelsten Schatten.«
Stirnrunzelnd gebot ihr Davos daraufhin Schweigen. Sie näherten sich erneut der Küste, und über das Wasser hinweg trug der Klang von Stimmen weit. Er ruderte, und das leise Platschen verlor sich im Rhythmus der Wellen. Die Seeseite von Sturmkap stand auf einer weißen Klippe, der Kalkstein war anderthalbmal so hoch wie die massive äußere Mauer. In der Klippe gähnte ein Schlund, und darauf hielt Davos nun zu, genau wie vor sechzehn Jahren. Der Tunnel führte in eine Höhle unter der Burg, wo die alten Sturmlords ihre Landestelle erbaut hatten.
Die Durchfahrt war nur bei Flut passierbar und trotzdem sehr heimtückisch, doch sein Geschick als Schmuggler hatte Davos nicht verlernt. Er steuerte zwischen den zerklüfteten Felsen hindurch, bis sie den Höhleneingang erreichten und ließ sich von den Wellen hineintragen. Sie krachten um ihn herum, drängten das Boot hierhin und dorthin und durchnässten die beiden Menschen bis auf die Haut. Ein halb sichtbarer Felsen ragte plötzlich aus der Dunkelheit, und Davos konnte sie gerade noch mit einem Ruder davon fortschieben.
Dann waren sie daran vorbeigeglitten und wurden von Dunkelheit eingehüllt. Das Wasser beruhigte sich. Das kleine Boot wurde langsamer und drehte sich. Das Geräusch ihres Atmens hallte von den Wänden wider, bis sie den Eindruck hatten, es würde sie einhüllen. Solche Schwärze hatte Davos nicht erwartet. Beim letzten Mal hatten Fackeln im Tunnel gebrannt, und die Augen der hungernden Männer hatten durch die Löcher in der Decke gespäht. Das Fallgitter lag ein Stück vor ihnen, wie er wusste. Mit den Rudern verminderte Davos die Geschwindigkeit, bis sie sehr langsam dagegentrieben.
»Weiter geht es nicht, es sei denn, Ihr hättet einen Mann im Inneren, der das Tor für uns öffnet.« Sein Flüstern kroch einer Kolonne Mäusen gleich auf weichen rosa Füßen über das Wasser.
»Sind wir bereits innerhalb der Mauern?«
»Ja. Wir sind darunter hindurchgefahren. Weiter kommen wir nicht. Das Fallgitter reicht bis zum Boden. Und die Gitterstäbe sitzen zu dicht aneinander. Da käme selbst ein Kind nicht durch.«
Außer einem leisen Rascheln erhielt er keine Antwort. Dann leuchtete inmitten der Finsternis ein Licht auf.
Davos hob die Hand schützend vor die Augen. Der Atem stockte ihm. Melisandre hatte die Kapuze zurückgeworfen und ihre erdrückende Robe abgestreift. Darunter war sie nackt und hochschwanger. Die geschwollenen Brüste hingen herab, und ihr Bauch wölbte sich, als würde er im nächsten Moment platzen. »Mögen die Götter uns beschützen«, flüsterte er und hörte ihre Erwiderung, ein tiefes, kehliges Lachen. Ihre Augen funkelten wie heiße Kohlen, und der Schweiß auf ihrer Haut schien in seinem eigenen Licht zu glühen. Melisandre strahlte.
Keuchend hockte sie sich nieder und spreizte die Beine. Blut, schwarz wie Tinte, rann über ihre Schenkel. Ihr Schrei mochte den Qualen oder der Ekstase oder gar beidem entspringen. Und Davos sah die Krone des Kindskopfes, der sich den Weg aus ihr heraus bahnte. Zwei Arme befreiten sich, streckten sich, umfassten mit schwarzen Fingern Melisandres angespannte Schenkel und zogen, bis der ganze Schatten hinaus in die Welt glitt und größer wurde als Davos, hoch wie der Tunnel und bis zur Decke über dem Boot aufragte. Nur ein Augenblick blieb ihm, um ihn zu betrachten, dann war der Schatten verschwunden, hatte sich zwischen den Gitterstäben des Fallgitters hindurchgewunden und huschte über die Oberfläche des Wassers. Doch dieser kurze Augenblick hatte Davos genügt.