Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04
- Автор: Мартин Джордж Рэймонд Ричард
- Серия: Das Lied von Eis und Feuer #2
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Переводчик: Andreas Helweg
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04». Краткое содержание книги:
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Er kannte diesen Schatten. Und er kannte auch den Mann, der ihn geworfen hatte.
JON
Der Ton hallte durch die schwarze Nacht. Jon drückte sich auf einem Ellbogen hoch und griff aus reiner Gewohnheit nach Langklaue, während das Lager zum Leben erwachte. Das Horn, das die Schläfer weckt, dachte er.
Der lange tiefe Ton hielt sich am Rande des Hörbaren. Die Wachen auf der Ringmauer standen still, ihr Atem gefror zu Raureif, und ihre Köpfe waren nach Westen gewandt. Langsam ebbte der Klang des Horns ab, und nun hörte sogar der Wind auf zu wehen. Männer wälzten sich aus ihren Decken, griffen nach ihren Speeren und Schwertgurten, bewegten sich leise und lauschten. Ein Pferd wieherte und wurde von irgendjemandem beruhigt. Die Brüder der Nachtwache warteten auf einen zweiten Hornstoß, beteten, dass sie ihn nicht hören würden, und fürchteten genau dies.
Nachdem die Stille unerträglich lang angedauert hatte und die Männer wussten, dass das Horn nicht erneut ertönen würde, grinsten sie einander verlegen an, als wollten sie ihre Angst leugnen. Jon Schnee warf ein paar Stöcke ins Feuer, legte den Schwertgurt um, zog sich die Stiefel an und warf sich den Mantel um die Schultern. Neben ihm loderten die Flammen auf, und die Hitze strahlte ihm angenehm ins Gesicht, während er sich anzog. Er hörte den Lord Kommandanten, der sich im Zelt bewegte. Kurz darauf hob Mormont die Zeltklappe hoch. »Ein Ton?« Auf seiner Schulter saß still der aufgeplusterte Rabe und sah elend aus.
»Einer, Mylord«, bestätigte Jon. »Brüder, die zurückkehren. «
Mormont trat zum Feuer. »Halbhand. Wird auch Zeit.« Mit jedem Tag, den sie warteten, war Mormont nervöser geworden; viel länger hätte er das nicht mehr ausgehalten. »Kümmere dich darum, dass es für die Männer warmes Essen und für die Pferde Futter gibt. Ich will Qhorin sofort sprechen.«
»Mylord, ich werde ihn zu Euch führen.« Die Männer vom Schattenturm waren bereits vor Tagen erwartet worden. Als sie nicht auftauchten, hatten sich die Brüder Sorgen gemacht. Jon hatte am Lagerfeuer düstere Vermutungen gehört, und nicht nur vom Schwermütigen Edd. Ser Ottyn Wyters war dafür, sich so schnell wie möglich in die Schwarze Festung zurückzuziehen. Ser Mallador Locke wollte zum Schattenturm aufbrechen, weil er hoffte, dabei auf Qhorins Fährte zu stoßen und herauszufinden, was ihm zugestoßen sein mochte. Und Thoren Kleinwald wollte hinauf in die Berge ziehen. »Manke Rayder weiß, dass er gegen die Wache in die Schlacht ziehen muss«, hatte Thoren verkündet, »aber so weit nördlich wird er niemals Ausschau nach uns halten. Wenn wir den Milchwasser hinaufreiten, können wir ihn überraschen und sein Heer niedermachen, ehe er uns bemerkt hat.«
»Sie wären immer noch weit in der Überzahl«, hatte Ser Ottyn widersprochen. »Craster hat gesagt, Rayder würde ein großes Heer versammeln. Viele Tausend Kämpfer. Ohne Qhorin sind wir nur zweihundert.«
»Hetzt zweihundert Wölfe auf zehntausend Schafe, Ser, und schaut Euch an, was passiert«, meinte Kleinwald zuversichtlich.
»Unter diesen Schafen gibt es auch Ziegen, Thoren«, warnte Jarman Bockwell. »Und möglicherweise sogar ein paar Löwen. Rasselhemd, Harma Hundekopf, Alfyn Krähentöter …«
»Ich kenne sie genauso gut wie du, Bockwell«, schnappte Thoren Kleinwald zurück. »Und ich habe vor, mir ihre Köpfe zu holen, jeden einzelnen. Das sind Wildlinge. Keine Soldaten. Ein paar Hundert Helden, meist betrunken, inmitten einer riesigen Horde von Frauen, Kindern und Leibeigenen. Wir werden über sie herfallen, dass sie laut schreiend in ihre Hütten zurückrennen.«
So hatten sie stundenlang gestritten und waren zu keiner Einigung gekommen. Der Alte Bär war zu stur, um sich zurückzuziehen, gleichzeitig wollte er jedoch auch nicht überstürzt den Milchwasser hinauf in die Schlacht marschieren. Am Ende hatte man lediglich beschlossen, noch einige Tage auf die Männer vom Schattenturm zu warten und die Besprechungen fortzusetzen, wenn sie bis dahin nicht erschienen waren.
Und jetzt waren sie da, und die Entscheidung konnte nicht länger aufgeschoben werden. Jon war froh darüber. Wenn sie schon gegen Manke Rayder antreten mussten, dann am liebsten bald.
Er fand den Schwermütigen Edd am Feuer, wo der sich darüber beschwerte, wie schlecht er schlafen könne, wenn irgendwer im Wald ins Horn stoße. Jon lieferte ihm einen neuen Grund zum Klagen. Gemeinsam weckten sie Hake, der die Befehle der Lord Kommandanten unter Flüchen entgegennahm, jedoch trotzdem aufstand und bald ein Dutzend Brüder dazu gebracht hatte, Wurzeln für eine Suppe zu schneiden.
Während Jon durchs Lager ging, kam Sam schnaufend auf ihn zu. Unter der schwarzen Kapuze wirkte sein Gesicht so bleich und rund wie der Mond. »Ich habe das Horn gehört. Ist dein Onkel zurück?«
»Das sind nur die Männer vom Schattenturm.« Es wurde immer schwieriger, die Hoffnung aufrechtzuerhalten, dass Benjen Stark gesund zurückkehren würde. Der Mantel, den er unten an der Faust gefunden hatte, könnte gut seinem Onkel oder einem seiner Männer gehört haben, was sogar der Alte Bär einräumte; doch warum er dort zusammen mit dem Drachenglas vergraben worden war, wusste niemand zu sagen. »Sam, ich muss weiter.«
An der Ringmauer fand er die Wachen damit beschäftigt, die Palisade aus der halbgefrorenen Erde zu ziehen, um einen Durchgang zu öffnen. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Brüder vom Schattenturm den Hang hinaufkamen. Alle waren in Leder und Fell gekleidet, nur hier und da sah man ein Stück Stahl oder Bronze; dichte Bärte bedeckten hagere harte Gesichter und ließen sie ebenso struppig wirken wie ihre kleinen Pferde. Jon war überrascht, denn einige ritten zu zweit auf einem Tier. Als er genauer hinblickte, entdeckte er bei einigen der Männer Verwundungen. Es gab Schwierigkeiten auf dem Weg hierher.
Jon erkannte Qhorin Halbhand sofort, obwohl er ihm noch nie begegnet war. Der hochgewachsene Grenzer war eine Legende in der Nachtwache; ein Mann, der langsam sprach und rasch handelte, groß und gerade wie ein Speer, mit langen Gliedern und stets ernst. Anders als seine Männer war er glattrasiert. Sein Haar hing unter dem Helm hervor, es war mit Raureif überzogen und fiel in einem schweren Zopf auf die Schultern, und der Mantel, den er trug, war so ausgeblichen, dass er eher grau als schwarz zu nennen war. Nur Daumen und Zeigefinger waren von der Hand geblieben, die die Zügel hielt; die anderen Finger hatte er eingebüßt, als er die Axt eines Wildlings abwehrte, die ihm sonst den Schädel gespalten hätte. Es hieß, dem Axtträger hätte er die blutige Faust ins Gesicht gestoßen, sodass das Blut den Gegner geblendet habe, und hätte ihn erschlagen. Seit jenem Tag war er der erbittertste Feind der Wildlinge hinter der Mauer.
Jon grüßte ihn. »Lord Kommandant Mormont möchte Euch sofort sehen. Ich werde Euch zu seinem Zelt führen.«
Qhorin schwang sich aus dem Sattel. »Meine Männer sind hungrig, und auch um die Pferde muss sich jemand kümmern. «
»Sie werden alle versorgt werden.«
Der Grenzer überließ sein Tier der Obhut eines seiner Leute und folgte Jon. »Du bist Jon Schnee. Du hast die Augen deines Vaters.«
»Kanntet Ihr meinen Vater, Mylord?«
»Ich bin kein Lord. Nur ein Bruder der Nachtwache. Lord Eddard habe ich gekannt, ja. Und seinen Vater ebenfalls.«