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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04

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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04 von George RR Martin.
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»Grauwacht ist zum größten Teil verfallen. Steintor würde uns bessere Dienste leisten, falls wir genug Männer haben. Eismark und Grundsee vielleicht ebenfalls. Und die Mauer dazwischen muss täglich kontrolliert werden.«

»Patrouillen, ja. Zwei Mal täglich, falls das möglich ist. Die Mauer selbst bildet ja schon ein anständiges Hindernis. Ohne Verteidiger kann sie zwar niemanden zurückhalten, aber sie würde wenigstens aufhalten und verlangsamen. Je größer das Heer, desto länger wird es brauchen. So leer wie das Land ist, beabsichtigen sie offenbar, ihre Frauen mitzunehmen. Und ihre Jungen und das Vieh ebenfalls … habt Ihr schon einmal eine Ziege gesehen, die eine Leiter hinaufklettert? Oder ein Seil? Sie müssen also eine Treppe oder eine große Rampe bauen … Das wird mindestens einen Mondwechsel dauern, vielleicht sogar länger. Manke wird wissen, dass er am besten unter der Mauer hindurchkommt. Durch ein Tor oder …«

»Eine Bresche.«

Mormont hob abrupt den Kopf. »Was?«

»Sie haben nicht vor, die Mauer zu erklimmen oder sich hindurchzugraben, Mylord. Sie wollen sie brechen.«

»Die Mauer ist über zweihundert Meter hoch und am Fundament so dick, dass hundert Mann mit Hacke und Spaten ein Jahr bräuchten, um eine Bresche zu schaffen.«

»Trotzdem.«

Mormont zupfte an seinem Bart und runzelte die Stirn. »Wie?«

»Wie denn wohl? Durch Zauberei.« Qhorin biss die Hälfte von seinem Ei ab. »Warum sonst würde Manke sein Heer in den Frostfängen versammeln? Die sind öde und hart und einen langen harten Marsch von der Mauer entfernt.«

»Ich hatte gehofft, er wäre nur in die Berge gezogen, um sich und sein Heer vor meinen Grenzern zu verbergen.«

»Vielleicht stimmt das ja«, sagte Qhorin und aß die zweite Hälfte des Eis, »aber an dieser Sache ist noch mehr dran, glaube ich. Er hat etwas gesucht an diesem kalten Ort im Gebirge. Etwas, das er braucht.«

»Etwas?« Mormonts Rabe hob den Kopf und krächzte. Der Schrei klang in der Enge des Zeltes so scharf wie ein Messer.

»Irgendeine Macht. Was auch immer es ist, unser Gefangener konnte es nicht sagen. Möglicherweise sind wir beim Verhör zu heftig vorgegangen, und er hätte uns vor seinem Tod noch einiges verraten können. Dennoch bezweifele ich, dass er darüber Bescheid wusste.«

Jon hörte den Wind von draußen. Er machte ein hohes, hohles Geräusch, wenn er durch die Steine der Ringmauer pfiff und an den Zeltleinen zerrte. Mormont rieb sich nachdenklich den Mund. »Eine Macht«, wiederholte er. »Darüber muss ich mehr erfahren.«

»Dann solltet Ihr Kundschafter in die Berge schicken.«

»Ich bin nicht willens, das Leben weiterer Männer zu riskieren. «

»Was uns erwartet, ist höchstens der Tod. Warum legen wir sonst das Schwarz an, wenn nicht, um bei der Verteidigung des Reiches zu sterben? Ich würde fünfzehn Mann entsenden, in drei Gruppen zu fünf. Eine zieht am Milchwasser hinauf, eine nimmt den Klagenden Pass, und eine erklimmt die Treppe des Riesen. Jarman Bockwell, Thoren Kleinwald und ich führen jeweils den Befehl. So erfahren wir wenigstens, was in den Bergen auf uns lauert.«

»Lauert«, kreischte der Rabe. »Lauert.«

Aus des Lord Kommandanten Brust löste sich ein tiefer Seufzer. »Ich sehe keine andere Möglichkeit«, gestand er, »doch wenn Ihr nicht zurückkehrt …«

»Irgendwer wird aus den Frostfängen herunterkommen, Mylord«, antwortete der Grenzer. »Wenn wir es sind, gut und schön. Wenn nicht, wird es Manke Rayder sein, dem Ihr mitten im Weg sitzt. Er kann nicht nach Süden weitermarschieren und Euch in seinem Rücken lassen, damit Ihr ihm folgt und ihn von hinten angreift. Er muss angreifen. Und dieser Ort ist stark befestigt.«

»So stark befestigt nun auch wieder nicht«, erwiderte Mormont.

»Möglicherweise werden wir dann alle hier sterben. Immerhin wird unser Tod unseren Brüdern auf der Mauer wertvolle Zeit verschaffen. Zeit, die leeren Burgen zu bemannen und die Tore zuzufrieren; Zeit, die Lords und Könige zu Hilfe zu rufen; Zeit, die Äxte zu schärfen und die Katapulte zu reparieren. Unsere Leben werden den Einsatz lohnen.«

»Sterben«, murmelte der Rabe und schritt auf Mormonts Schulter hin und her. »Sterben, sterben, sterben, sterben.« Der Alte Bär saß zusammengesunken und still da, als sei die Bürde des Sprechens plötzlich zu schwer für ihn geworden. Endlich sagte er: »Mögen die Götter mir vergeben. Wählt Eure Männer aus.« Qhorin Halbhand drehte den Kopf. Sein Blick suchte Jons, und der Mann starrte den Jungen lange an. »Sehr gut. Ich wähle Jon Schnee.«

Mormont blinzelte. »Der ist noch ein halber Knabe. Und außerdem mein Knappe. Nicht einmal ein Grenzer ist er.«

»Tollett kann sich ebenso gut um Euch kümmern, Mylord. « Qhorin hob die verstümmelte Hand mit den zwei Fingern. »Die alten Götter sind jenseits der Mauer immer noch mächtig. Die Götter der Ersten Menschen … und die Götter der Starks.«

Mormont schaute Jon an. »Und was sagst du dazu?«

»Ich gehe mit«, antwortete er, ohne zu zögern.

Der alte Mann lächelte traurig. »Das habe ich mir gedacht. «

Die Morgendämmerung brach an, als Jon zusammen mit Qhorin Halbhand das Zelt verließ. Der Wind umwehte sie, drückte gegen ihre schwarzen Mäntel und scheuchte rote Funken aus dem Feuer auf.

»Wir reiten gegen Mittag los«, sagte der Grenzer. »Bis dahin solltest du deinen Wolf gefunden haben.«

TYRION

»Die Königin beabsichtigt, Prinz Tommen fortzuschicken.« Sie knieten allein in der dämmerigen Stille der Septe inmitten der Schatten und flackernden Kerzen, und dennoch sprach Lancel mit gedämpfter Stimme. »Lord Gil wird ihn nach Rosby bringen und ihn dort als Page verkleidet verbergen. Dazu wollen sie ihm das Haar dunkel färben und allen erklären, er sei der Sohn irgendeines Heckenritters.«

»Fürchtet sie den Pöbel? Oder mich?«

»Beide«, erwiderte Lancel.

»Ach.« Tyrion hatte nichts von diesem Plan gewusst. Hatten Varys’ kleine Vögel dieses Mal versagt? Sogar Spinnen müssen schlafen, nahm er an … oder trieb der Eunuch ein subtileres Spiel, als er bislang angenommen hatte? »Ser, ich danke Euch.«

»Gewährt Ihr mir die Gunst, um die ich Euch gebeten habe?«

»Vielleicht.« Lancel wollte in der nächsten Schlacht sein eigenes Kommando. Eine glorreiche Art zu sterben, ehe der Flaum in seinem Gesicht durch einen richtigen Schnurrbart ersetzt war, doch junge Ritter hielten sich in der Regel für unsterblich.

Tyrion verweilte noch, nachdem sein Vetter gegangen war. Am Altar des Kriegers zündete er eine Kerze an einer anderen an. Wache über meinen Bruder, du verdammter Bastard, er ist einer von deiner Sorte. Bei dem Fremden steckte er eine Kerze für sich selbst an.

Als der Rote Bergfried in dieser Nacht dunkel geworden war, traf Bronn ein, während Tyrion gerade einen Brief versiegelte. »Bring dies zu Ser Jaslyn Amwasser.« Der Zwerg ließ goldenes Wachs auf das Pergament tröpfeln.

»Was steht darin?« Bronn konnte nicht lesen, deshalb stellte er stets dreiste Fragen.

»Dass er fünfzig seiner besten Männer nehmen und die Rosenstraße erkunden soll.« Tyrion drückte sein Siegel in das weiche Wachs.

»Stannis wird doch vermutlich eher den Königsweg heraufkommen. «

»Oh, das weiß ich. Sagt Amwasser, er soll das, was in dem Brief steht, nicht beachten und mit seinen Männern nach Norden ziehen. Er soll sich an der Straße nach Rosby auf die Lauer legen. Lord Gil wird in ein oder zwei Tagen mit einem Dutzend Soldaten, ein paar Dienern und meinem Neffen zu seiner Burg aufbrechen. Prinz Tommen ist wahrscheinlich als Page gekleidet.«

»Soll der Junge zurückgebracht werden?«

»Nein. Ich wünsche lediglich, dass er die Burg sicher erreicht. « Den Jungen aus der Stadt zu schicken, war einer der besseren Einfälle seiner Schwester gewesen, hatte Tyrion entschieden. Auf Rosby wäre Tommen sicher vor dem Mob, und wenn er von seinem Bruder getrennt war, machte dies die Sache auch für Stannis schwieriger; selbst wenn er Königsmund einnahm und Joffrey hinrichtete, gab es noch einen weiteren Lennister mit Anspruch auf den Thron. »Lord Gil ist zu krank, um zu fliehen, und ein zu großer Feigling, um zu kämpfen. Er wird seinem Kastellan befehlen, die Tore zu öffnen. Nachdem Amwasser die Burg eingenommen hat, soll er Gils Soldaten hinauswerfen und Tommen bewachen. Frag ihn, wie Lord Amwasser in seinen Ohren klingt.«

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