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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04

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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04 von George RR Martin.
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»Das mag sein, mein Lehnsherr … aber ob sie das Gerücht nun für bare Münze nehmen oder nicht, sie erzählen es mit großer Freude weiter.« An vielen Orten war es sogar bereits vor ihm eingetroffen und hatte den Brunnen für die eigentlich wahre Geschichte vergiftet.

»Robert konnte in einen Kelch pissen, und die Menschen haben es Wein genannt, aber ich reiche ihnen klares kaltes Wasser, und sie blinzeln misstrauisch in den Becher und beschweren sich über den eigenartigen Geschmack.« Stannis knirschte mit den Zähnen. »Falls jemand behaupten würde, ich hätte mich in den Eber verwandelt, der Robert getötet hat, würden die Leute das vermutlich auch glauben.«

»Man kann ihrem Geschwätz nicht Einhalt gebieten, mein Lehnsherr«, sagte Davos, »doch wenn Ihr Rache an den wahren Mördern Eurer Brüder nehmt, wird das Reich die Wahrheit von den Lügen unterscheiden können.«

Stannis schien ihn nur halb zu hören. »Ohne Zweifel hatte Cersei bei Roberts Tod die Hand im Spiel. Ich werde Gerechtigkeit für ihn fordern. Und natürlich auch für Ned Stark und Jon Arryn.«

»Und für Renly?« Davos hatte die Frage ausgesprochen, ehe er sie sich recht überlegt hatte.

Lange Zeit erwiderte der König nichts. Dann sagte er sehr leise: »Davon träume ich manchmal. Von Renlys Tod. Ein grünes Zelt, Kerzen, eine schreiende Frau. Überall Blut.« Stannis sah auf seine Hände hinab. »Ich habe noch geschlafen, als er starb. Euer Devan kann das bezeugen. Er wollte mich wecken. Der Morgen hat bereits gedämmert, und meine Lords warteten voller Sorge. Ich hätte längst gerüstet im Sattel sitzen sollen. Renly würde bei Tagesanbruch angreifen. Devan sagt, ich habe um mich geschlagen und geschrien, aber was hat das schon zu bedeuten? Es war nur ein Traum. Ich war in meinem Zelt, als Renly starb, und als ich aufwachte, waren meine Hände rein.«

Ser Davos Seewert konnte die Phantom-Fingerspitzen spüren, die ihn juckten. Irgendetwas stimmt da nicht, ging es dem einstigen Schmuggler durch den Kopf. Dennoch nickte er. »Ich verstehe.«

»Renly hat mir einen Pfirsich angeboten. Bei unserer Unterredung. Er hat mich verspottet, sich mir widersetzt, mich bedroht und mir einen Pfirsich angeboten. Ich dachte, er würde eine Waffe ziehen, als er ihn hervorgeholt hat, und habe nach meiner gegriffen. War das Absicht, damit ich meine Furcht offenbare? Oder war es nur einer seiner belanglosen Scherze? Er sagte, der Pfirsich sei sehr süß. Hatten seine Worte eine verborgene Bedeutung?« Der König schüttelte den Kopf wie ein Hund, der einem Kaninchen das Genick brechen will. »Nur Renly konnte mich mit einem Stück Obst so rasend machen. Er hat sein Schicksal durch seinen Verrat selbst entschieden, und trotzdem habe ich ihn geliebt, Davos. Das weiß ich jetzt. Ich schwöre, ich werde bis an mein Lebensende über den Pfirsich meines Bruders nachdenken.«

Inzwischen hatten sie das Lager erreicht und ritten an den ordentlichen Reihen von Zelten, den wehenden Fahnen und den Stapeln von Schilden und Speeren vorbei. Der Gestank von Pferdemist hing in der Luft und vermischte sich mit Rauch und Kochgerüchen. Stannis zügelte sein Pferd kurz, entließ schroff Lord Florent und die anderen und befahl ihnen, sich in einer Stunde zum Kriegsrat in seinem Pavillon einzufinden. Sie neigten die Köpfe und verteilten sich, während Davos und Melisandre mit Stannis zum Pavillon des Königs ritten.

Die Größe des Zeltes war notwendig, denn hier versammelten sich die Vasallen zum Rat. Prächtig konnte man es allerdings nicht nennen. Es handelte sich um ein einfaches Soldatenzelt aus schwerer Leinwand, die in einem dunklen Gelb gefärbt war, welches man in bestimmtem Licht für Gold halten mochte. Allein das königliche Banner auf dem Pfosten in der Mitte zeichnete es als Stannis’ Sitz aus. Das und die Wachen davor; Männer der Königin, die auf langen Speeren lehnten und das Wappen des flammenden Herzens über dem eigenen auf der Brust trugen.

Stallburschen liefen herbei und halfen ihnen beim Absteigen. Eine der Wachen nahm Melisandre das Banner ab und stieß es tief in den weichen Boden. Devan stand auf der einen Seite der Tür, bereit, die Zeltklappe für den König zu öffnen. Ein älterer Knappe stand an seiner Seite. Stannis nahm die Krone ab und reichte sie Devan. »Kaltes Wasser, zwei Becher. Davos, gesellt Euch zu mir. Mylady, ich lasse Euch rufen, sollte ich Euch brauchen.«

»Wie der König befiehlt.« Melisandre verneigte sich.

Nach dem hellen Morgenlicht draußen war es im Innern des Pavillons kühl und dämmerig. Stannis setzte sich auf einen einfachen Feldstuhl und bot Davos mit einer Geste einen zweiten an. »Eines Tages werde ich Euch zum Lord machen, Schmuggler. Und sei es nur, um Celtigar oder Florent zu ärgern. Ihr werdet mir dafür allerdings nicht dankbar sein, denn dann müsst Ihr alle Ratsversammlungen über Euch ergehen lassen und so tun, als würde Euch das Geschrei dieser Maultiere interessieren.«

»Warum habt Ihr den Rat, wenn er keinem Zweck dient?«

»Weil die Maultiere ihr eigenes Geschrei so gern hören, warum sonst? Und ich brauche sie, damit sie meinen Karren ziehen. Oh, gewiss, hin und wieder gibt jemand einen nützlichen Gedanken zum Besten. Aber heute nicht, glaube ich –ach, da kommt Euer Sohn mit unserem Wasser.«

Devan stellte das Tablett auf den Tisch und füllte zwei Tonbecher. Der König streute eine Prise Salz in seines; Davos trank das Wasser pur und wünschte, es wäre Wein. »Ihr spracht von Eurem Rat?«

»Ich werde Euch erzählen, wie es ablaufen wird. Lord Velaryon wird mich drängen, die Burg beim ersten Licht mit Seilen und Leitern zu erstürmen, trotz Pfeilbeschusses und siedenden Öls. Die jüngeren Maultiere werden das für eine hervorragende Idee halten. Estermont dagegen wird bevorzugen, sie auszuhungern, so, wie es Tyrell und Rothweyn einst mit mir versucht haben. Das könnte zwar ein Jahr dauern, aber die alten Maultiere sind geduldig. Und Lord Caron und die anderen, die so gern ausschlagen, werden Ser Cortnays Fehdehandschuh aufnehmen und alles auf ein Duell setzen wollen. Jeder von ihnen malt sich aus, er werde der Recke sein, der sich durch einen Sieg unsterblichen Ruhm erwirbt.« Der König trank sein Wasser aus. »Was würdet Ihr mir raten, Schmuggler?«

Davos dachte einen Augenblick nach, ehe er antwortete. »Zieht sofort nach Königsmund.«

Der König schnaubte. »Und Sturmkap soll ich nicht einnehmen? «

»Ser Cortnay hat keine Streitmacht, die Euch gefährden könnte. Die Lennisters schon. Eine Belagerung würde zu lange dauern, ein Duell ist zu riskant, und ein Angriff würde Tausende das Leben kosten, ohne eine Gewähr für Erfolg zu bieten. Und wozu überhaupt? Nachdem Ihr Joffrey entthront habt, wird die Burg doch mit allem anderen an Euch fallen. Im Lager heißt es überall, Lord Tywin Lennister wäre in Eilmärschen nach Westen unterwegs, um Lennishort vor der Rache der Nordmannen zu schützen …«

»Du hast einen überaus klugen Vater, Devan«, sagte der König zu dem Jungen, der an seiner Seite stand. »Da kommt in mir der Wunsch auf, mehr Schmuggler in meinen Diensten zu haben. Und weniger Lords. Obwohl Ihr in einer Hinsicht falsch liegt, Davos. Es gibt einen Grund. Falls ich Sturmkap nicht einnehme und in meinem Rücken zurücklasse, wird man behaupten, ich sei hier geschlagen worden. Und das darf ich nicht zulassen. Die Männer lieben mich nicht so, wie sie meine Brüder liebten. Sie folgen mir, weil sie mich fürchten … und eine Niederlage ist der Tod der Angst. Die Burg muss fallen.« Sein Unterkiefer mahlte von rechts nach links. »Ja, und zwar schnell. Doran Martell hat zu den Fahnen gerufen und die Bergpässe befestigt. Seine Dornischen stehen bereit, um in die Marschen hinunterzuziehen. Und Rosengarten ist weit davon entfernt, erschöpft zu sein. Mein Bruder hatte den größeren Teil seiner Streitmacht bei Bitterbrück gelassen, fast sechzigtausend Mann zu Fuß. Ich habe den Bruder meiner Frau, Ser Errol, mit Ser Parmen Kranich losgeschickt, um das Heer unter meinen Befehl zu stellen, aber sie sind bislang nicht zurückgekehrt. Ich fürchte, Ser Loras Tyrell hat Bitterbrück vor meinen Gesandten erreicht und sich die Armee selbst angeeignet.«

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