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Fahrstuhl zu den Sternen

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Fahrstuhl zu den Sternen
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»Nicht, wenn man zwölf ist, meine ich«, sagte Kingsley, wobei er dem dahineilenden Dev nachblickte. Sie folgten ihm langsamer und holten ihn beim Ostanker wieder ein.

Der Junge musterte, wie so viele Tausende es vor ihm getan hatten, das schmale, mattgraue Band, das sich geradewegs aus dem Boden erhob und senkrecht in den Himmel hinaufstieg. Sein Blick folgte ihm höher und immer höher, bis er den Kopf so weit in den Nacken gebeugt hatte, wie es eben ging. Morgan und Kingsley taten es ihm nicht nach, obwohl die Versuchung, selbst nach all den Jahren, noch immer groß war. Sie warnten Dev auch nicht, dass manche Besucher von solchen Verrenkungen schwindlig wurden und ohne Hilfe nicht mehr gehen konnten.

Dem Jungen aber machte das nichts aus. Er starrte fast eine Minute lang zum Zenit hinauf, als könne er jenseits des blauen Himmels die Tausende von Menschen und die Millionen Tonnen von Material sehen, die an dem Bau des Turmes beteiligt waren. Dann machte er eine Grimasse, schloss ein paar Sekunden lang die Augen, schüttelte den Kopf und blickte schließlich hinab auf seine Stiefelspitzen, um sich zu überzeugen, dass er sich nach wie vor auf der harten, zuverlässigen Oberfläche der Erde befand.

Vorsichtig streckte er die Hand aus und berührte das schmale Band, das den Planeten mit seinem neuen Satelliten verband.

»Was würde passieren, wenn es entzweirisse?«, fragte er.

Es war eine oft gestellte Frage. Die Antwort überraschte die meisten.

»So gut wie gar nichts. Es existiert praktisch keine Spannung. Wenn du es durchschnittest, würde es einfach da hängen und im Wind wehen.«

Kingsley machte ein Gesicht, als hätte er in etwas Bitteres gebissen. Sie wussten beide, dass diese Äußerung die Lage einfacher darstellte, als sie wirklich war. Gegenwärtig stand jedes der vier Bänder unter einer Belastung von einhundert Tonnen — aber das war nichts im Vergleich zu der geplanten Belastung, die sie absorbieren würden, wenn das System in Betrieb und die Bänder in die Struktur des Turmes integriert waren. Es gab allerdings wenig Anlass, den Jungen mit solchen Einzelheiten zu verwirren.

Dev dachte über das Gehörte nach; dann schnippste er den Finger gegen das Band, als erwarte er, dass es daraufhin einen klingenden Ton von sich geben werde. Das Band aber antwortete lediglich mit einem kurzen und wenig eindrucksvollen »Klick«.

»Wenn du mit einem Vorschlaghammer daraufhaust«, sagte Morgan, »und zehn Stunden lang wartest, dann kannst du das Echo von der Station Mitte hören.«

»Jetzt nicht mehr«, sagte Kingsley. »Die Dämpfung ist zu stark.«

»Verdirb uns den Spaß nicht, Warren. Komm her und sieh dir das an!«

Sie schritten bis zum Mittelpunkt der kreisförmigen Metallscheibe, die das Gipfelplateau bedeckte und den Schacht wie ein mächtiger Topfdeckel verschloss. Dort, gleich weit von den vier Bändern entfernt, deren Aufgabe es war, den Turm sicher zur Erde zu geleiten, stand eine kleine Hütte, die womöglich noch provisorischer aussah als die Oberfläche, auf der sie sich erhob. In ihr befand sich ein ausgefallen wirkendes Teleskop, das senkrecht nach oben justiert war und offenbar in keine andere Richtung geschwenkt werden konnte.

»Jetzt ist die beste Zeit zum Beobachten, kurz vor Sonnenuntergang. Da wird die Unterseite des Turmes kräftig angestrahlt.«

»Weil wir gerade von der Sonne sprechen«, sagte Kingsley: »Sieh sie dir an! Man sieht es noch deutlicher als gestern.« Es klang fast wie Furcht in seiner Stimme, als er auf die strahlende, flacher werdende Scheibe deutete, die sich im Dunst des Westens zum Untergehen anschickte. Der Nebel entlang des Horizonts hatte ihre Helligkeit so weit gedämpft, dass man sie geradewegs anblicken konnte.

Seit mehr als hundert Jahren hatte es derart massive Sonnenflecken nicht mehr gegeben. Sie erstreckten sich über die Hälfte der goldenen Scheibe und verliehen der Sonne den Anschein, als sei sie von einer gefährlichen Krankheit befallen oder von abstürzenden Planeten durchbohrt worden. Aber nicht einmal der mächtige Jupiter hätte derartige Wunden auf der Oberfläche der Sonne erzeugen können. Der größte Fleck durchmaß 250.000 Kilometer und hätte hundert Erden mühelos verschlingen können.

»Man hat für heute Nacht bedeutende Nordlichtaktivität vorausgesagt. Professor Sessui und seine tapferen Streiter haben sich die richtige Zeit ausgesucht.«

»Mal sehen, wie es ihnen geht«, sagte Morgan und nahm dabei eine Einstellung am Okular des Teleskops vor. »Schau hinauf, Dev.«

Der Junge blickte eine Zeitlang voller Spannung durch das Glas, dann sagte er: »Ich sehe die vier Bänder — bis sie verschwinden.«

»Nichts in der Mitte?«

Dev antwortete nicht sofort. »Nein. Keine Spur vom Turm.«

»Richtig! Sein unteres Ende hängt sechshundert Kilometer über uns, und das Teleskop ist auf geringste Vergrößerung eingestellt. Ich bringe dich jetzt näher heran. Sitzgurt anschnallen!«

Dev lachte über die alte Redewendung, die ihm aus historischen Dramen bekannt war. Zunächst änderte sich das Bild nicht, wenn man davon absah, dass die vier Bänder ein wenig unschärfer wurden. Er brauchte ein paar Sekunden, um zu verstehen, dass auch wirklich keine Veränderung zu erwarten war. Während sein Blickpunkt unter der Einwirkung des Zoom in die Höhe raste, bot sich ihm stets derselbe Anblick des Bänderquartetts dar.

Plötzlich aber tauchte er auf, der Turm, und sein Anblick überraschte den Jungen, obwohl er ihn erwartet hatte. Ein winziger, heller Punkt war genau in der Mitte des Blickfelds entstanden; er nahm an Ausdehnung zu, während die Vergrößerung des Teleskops kontinuierlich wuchs, und Dev hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass er sich wirklich bewege.

Ein paar Augenblicke später hatte sich der Punkt zu einem Kreis gewandelt — nein, Augen und Gehirn mussten sich erst aufeinander abstimmen: zu einem Quadrat. Dev blickte senkrecht zur Unterseite des Turmes hinauf, der längs der stützenden Bänder mit einer Geschwindigkeit von ein paar Kilometern pro Tag auf die Erde zukroch. Die Bänder waren jetzt nicht mehr sichtbar, ihr Umfang zu gering, als dass man sie aus dieser Entfernung noch hätte ausmachen können. Aber das Quadrat, das auf magische Weise inmitten des Himmels hing, fuhr fort zu wachsen, wenn auch seine Ränder unter dem Einfluss der extremen Vergrößerung allmählich unscharf wurden.

»Was siehst du?«, erkundigte sich Morgan.

»Ein helles kleines Quadrat.«

»Gut — das ist die Unterseite des Turmes, die noch voll von der Sonne angestrahlt wird. Wenn es hier unten dunkel wird, kann man das Ding noch eine Stunde lang mit unbewaffnetem Auge sehen, bis es in den Erdschatten eintritt. Was siehst du sonst noch?«

»Nichts …«, antwortete der Junge, nachdem er eine Zeitlang die Augen angestrengt hatte.

»Du solltest aber. Eine Gruppe von Wissenschaftlern befindet sich am unteren Ende des Turmes und baut dort Messgeräte auf. Sie sind gerade von der Station Mitte herabgekommen. Wenn du scharf hinsiehst, erkennst du ihren Transporter — er sitzt auf der Südspur — das wäre auf der rechten Seite des Bildes. Versuche, ob du einen hellen Fleck erkennen kannst, etwa ein Viertel so groß wie der Turm.«

»Es tut mir leid, Onkel — ich kann's nicht finden. Schau du hindurch!«

»Kann sein, dass die Sichtverhältnisse sich verschlechtert haben. Manchmal verschwindet der Turm völlig, obwohl die Atmosphäre klar …«

Noch bevor Morgan durch das Okular blicken konnte, das Dev ihm bereitwillig überließ, gab sein kleiner Empfänger zwei schrille Pfeiftöne von sich. Eine Sekunde später sprach Kingsleys Gerät auf dieselbe Weise an.

Es war das erste Mal, dass der Turm vollen Katastrophenalarm gab.

Das Ende der Strecke

Kein Wunder, dass man sie die »Transsibirische Eisenbahn« nannte: Selbst die nahezu antriebslose Abwärtsfahrt von der Station Mitte zur Basis des Turmes dauerte fünfzig Stunden.

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