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Fahrstuhl zu den Sternen

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Fahrstuhl zu den Sternen
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Morgan erkannte an Changs Stimme, dass er bei allem Ärger große Bewunderung für seinen berühmten und schwierigen Fahrgast empfand. Und der Professor hatte in der Tat die Logik auf seiner Seite. Es war vernünftig, zu retten, was sich retten ließ — von den Jahren der Mühe, die er in diese unglückselige Expedition investiert hatte.

»Also schön«, sagte Morgan schließlich und fand sich mit dem Unvermeidbaren ab. »Da der Professor mir keinen Termin geben will, schildern Sie mir die Situation. Bis jetzt habe ich lediglich einen Bericht aus zweiter Hand.«

Es kam ihm jetzt zu Bewusstsein, dass Chang wahrscheinlich ohnehin ein nützlicherer Berichterstatter war als der Professor. Obwohl er von echten Raumfahrern oft ausgelacht wurde, weil er auf seinem Pilotentitel bestand, war er ein Techniker von bedeutendem Können und mit einer guten Ausbildung in Mechanik und Elektrotechnik.

»Es gibt nicht viel zu berichten. Es ging alles so schnell, dass wir nichts retten konnten — ausgenommen das verdammte Spektrometer. Ich hätte nicht gedacht, dass wir es durch die Schleuse schaffen würden. Wir haben die Kleider, die wir am Leib tragen — und das ist alles. Eine der Studentinnen bekam ihre Reisetasche zu fassen. Stellen Sie sich vor — darinnen ist der Entwurf ihrer Diplomarbeit, auf Papier geschrieben, um alles in der Welt! Noch nicht einmal feuersicher, trotz aller Vorschriften. Wenn wir uns den Sauerstoff leisten könnten, würden wir das Zeug verbrennen, um ein bisschen Wärme zu schaffen.«

Während er der Stimme aus dem Weltall zuhörte und das durchsichtige Hologramm des Turmes ansah, erlebte Morgan eine eigenartige Illusion. Er stellte sich vor, dass winzige, zehnfach verkleinerte Menschen sich dort in der Kammer bewegten und dass er nur die Hand auszustrecken brauchte, um sie in Sicherheit zu bringen …

»Neben der Kälte ist die Luftversorgung das größte Problem. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bevor die CO2-Konzentration uns umwirft — vielleicht kann auch das jemand ausrechnen. Was auch immer dabei herauskommt, wird, fürchte ich, zu optimistisch sein.« Changs Stimme wurde plötzlich viel leiser; im Tone eines Verschwörers — offenbar, um von den andern nicht gehört zu werden — fuhr er fort: »Der Professor und seine Studenten wissen davon noch nichts, aber das Schott der Südschleuse wurde bei der Explosion beschädigt. Wir haben ein Leck — man hört ein stetiges Zischen längs der Abdichtung. Wie ernsthaft es ist, lässt sich nicht sagen.« Seine Stimme wurde wieder lauter. »Das also ist die Lage. Wir warten darauf, von Ihnen zu hören.«

Und was, zum Teufel, können wir sagen?, dachte Morgan. Außer »lebt wohl?«

Krisenmanagement war eine Fähigkeit, die Morgan bewunderte, um die er indes niemand beneidete. Janos Bartok, der Sicherheitsoffizier oben in der Station Mitte, war jetzt für die Lage verantwortlich. Die Menschen im Innern des Berges, fünfundzwanzigtausend Kilometer weiter drunten und nur sechshundert Kilometer vom Unfallort entfernt, konnten sich nur die Berichte anhören, hilfreichen Rat geben und die Neugierde der Nachrichtenmedien befriedigen, so gut es eben ging.

Es versteht sich von selbst, dass Maxine Duval sich innerhalb von Minuten nach der Katastrophe gemeldet hatte.

»Kann man sie von der Station Mitte aus rechtzeitig erreichen?«

Morgan zögerte. Die wahre Antwort war ein unzweideutiges Nein. Aber es war unklug, um nicht zu sagen grausam, so früh schon alle Hoffnung aufzugeben. Immerhin: Ein glücklicher Zufall hatte sich bereits ergeben …

»Ich möchte keine falschen Hoffnungen wecken, aber es ist möglich, dass wir Mitte gar nicht brauchen. Wir haben eine Mannschaft in der 10K-Station — zehntausend Kilometer. Ihr Transporter kann den Keller in zwanzig Stunden erreichen.«

»Warum ist er dann noch nicht unterwegs?«

»Sicherheitsingenieur Bartok wird die Entscheidung in Kürze treffen. Die Mühe könnte umsonst sein. Wir rechnen uns aus, dass sie nur für die Hälfte der Zeit Atemluft haben. Und die Kälte ist ein noch ernsteres Problem.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Es ist dort droben jetzt Nacht. Es gibt keine Wärmequelle. Behalten Sie das vorerst für sich, Maxine, aber es könnte zu einem Wettrennen zwischen Erfrieren und Ersticken kommen.«

Eine Pause von mehreren Sekunden trat ein; dann sagte Maxine Duval in ungewöhnlich bescheidenem Tonfalclass="underline" »Vielleicht bin ich dumm, aber ich denke mir, dass doch gewiss die Wetterstationen mit ihren großen Infrarotlasern …«

»Ich danke Ihnen, Maxine! Nein — ich bin der Dumme. Warten Sie eine Minute, während ich mit Mitte spreche …«

Bartok war höflich, als Morgan anrief. Durch seine kurz angebundene Art machte er jedoch recht klar, was er davon hielt, durch einen Amateur in seiner Arbeit gestört zu werden.

»Tut mir leid, dass ich Sie belästigt habe«, entschuldigte sich Morgan und schaltete zu Maxine zurück. »Manchmal wissen die Experten, was sie tun«, erklärte er mit verlegenem Stolz. »Unserer jedenfalls weiß es. Er hat vor zehn Minuten die Monsun-Kontrolle angerufen. Sie sind dabei, die Strahlleistung zu berechnen — wollen natürlich nicht zu sehr auf die Tube drücken und jedermann da oben verbrennen.«

»Also hatte ich recht«, sagte Maxine zuckersüß. »Sie hätten daran denken sollen, Van. Was haben Sie sonst noch übersehen?«

Darauf gab es keine Antwort, und Morgan versuchte auch keine. Er stellte sich vor, wie Maxines computergleicher Verstand vorwärtspreschte, und versuchte, ihre nächste Frage zu erahnen. Er tippte richtig.

»Kann man die Spinnen nicht einsetzen?«

»Selbst die letzten Modelle haben Steighöhengrenzen, die Batterien schaffen es nur bis zu dreihundert Kilometern. Die Fahrzeuge sind zur Inspektion des Turmes gedacht, nachdem er in die Atmosphäre eingedrungen ist.«

»Dann bauen Sie eben größere Batterien ein!«

»In zwei Stunden? Aber das ist nicht einmal das Problem. Die einzige Einheit, die sich gegenwärtig unter Test befindet, kann keine Passagiere befördern.«

»Dann schicken Sie sie leer hinauf.«

»Tut mir leid — daran haben wir schon gedacht. Für den Anlegevorgang am Turm muss jemand an Bord sein. Und selbst wenn das nicht so wäre, dauerte es immer noch mehrere Tage, sieben Leute einen nach dem anderen zu evakuieren.«

»Aber Sie haben doch sicher irgendeinen Plan!«

»Mehrere, aber sie sind alle verrückt. Falls einer wider Erwarten doch Sinn ergibt, lasse ich Sie's wissen. In der Zwischenzeit könnten Sie uns einen Gefallen tun.«

»Welchen?«, erkundigte sich Maxine misstrauisch. »Erklären Sie Ihren Zuhörern, wie es kommt, dass ein Raumfahrzeug zwar an ein anderes anlegen kann, in sechshundert Kilometern Höhe, aber nicht an den Turm. Wenn Sie damit fertig sind, haben wir womöglich weitere Neuigkeiten für Sie.«

Als Maxines leicht verärgertes Gesicht von der Bildfläche verschwand und Morgan sich wieder dem nur scheinbar heillosen Durcheinander des Kontrollzentrums zuwandte, versuchte er, seinen Verstand von allen bisher gedachten Gedanken zu befreien und so unvoreingenommen wie nur möglich das ganze Problem noch einmal von vorne anzugehen. Trotz der höflichen Zurückweisung durch den Sicherheitsingenieur, der in der Station Mitte effizient seine Pflicht tat, gab er die Hoffnung nicht auf, dass er doch noch die eine oder andere brauchbare Idee beitragen könne. Er rechnete nicht mit einer Wunderlösung — aber immerhin kannte er den Turm besser als irgend sonst ein Mensch — vielleicht mit Ausnahme von Warren Kingsley. Warren verstand wahrscheinlich mehr von den Einzelheiten; aber Morgan hatte den klareren Überblick.

Sieben Männer und Frauen waren im Weltall gestrandet, in einer Lage, die in der gesamten Geschichte der Raumfahrttechnik einmalig war. Es musste einfach einen Weg geben, auf dem sie in Sicherheit gebracht werden konnten, bevor sie sich mit Kohlendioxyd vergifteten oder der Druck so weit absank, dass die Kammer sich in eine Grabstätte verwandelte — aufgehängt zwischen Himmel und Erde wie Mohammeds Sarg.

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