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Fahrstuhl zu den Sternen

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Fahrstuhl zu den Sternen
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Einige der versammelten Ingenieure klatschten ironisch Applaus. Die meisten unter ihnen hatten bereits Spritzfahrten bis zu etlichen Kilometern Höhe unternommen. Jemand schrie: »Ignition! We have a liftup!« Indes begann die Spinne, würdevoll wie ein Messingkäfigaufzug aus der Zeit der Königin Viktoria, ihren langsamen Aufstieg.

Ungefähr so muss eine Ballonfahrt sein, dachte Maxine: erschütterungsfrei, ohne Anstrengung, ruhig. Nein — nicht ganz ruhig: Sie hörte das sanfte Schnurren des Motors, der den Radsatz antrieb, mit dessen Hilfe sich das Fahrzeug an der glatten Oberfläche des Bandes entlangbewegte. Es gab kein Schütteln, kein Zittern, wie sie es halb und halb erwartet hatte. Trotz seiner Schlankheit war das unglaubliche Band so solide wie eine Stahlstange. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie sich mühelos vorstellen, dass sie den fertiggestellten Turm hinauffuhr. Aber es war natürlich kein Gedanke daran, ausgerechnet jetzt die Augen zuzumachen. Es gab viel zu viel zu sehen. Es gab sogar etliches zu hören; sie war erstaunt, wie weit der Schall reichte, denn die Unterhaltungen, die unter ihr geführt wurden, waren durchaus hörbar.

Sie winkte Vannevar Morgan zu und hielt sodann nach Warren Kingsley Ausschau. Überraschenderweise konnte sie ihn nirgendwo finden; dabei hatte er ihr beim Einsteigen geholfen. Er war verschwunden. Dann erinnerte sie sich an sein offenes Eingeständnis — manchmal klang es sogar wie Prahlerei —, dass der beste Bauingenieur der Welt an Höhenangst litt. Jedermann hatte eine geheime — mancher eine nicht so sehr geheime — Furcht. Maxine zum Beispiel mochte Spinnen nicht und wünschte sich, dass man dem Fahrzeug einen anderen Namen gegeben hätte. Aber sie fand sich mit Spinnen ab, wenn es nötig war. Das einzige Geschöpf, das sie niemals würde berühren können, obwohl sie ihm bei ihren Tauchexpeditionen des Öfteren begegnete, war der scheue und harmlose Tintenfisch.

Jetzt war bereits der ganze Berg sichtbar. In der direkten Draufsicht ließ er nicht erkennen, wie hoch er war. Die beiden uralten Treppenfluchten, die die Bergwände emporkurvten, hätten aus Maxines Blickwinkel ebenso gut eigenartig gewundene, ebene Straßen sein können. Nirgendwo auf den endlos vielen Stufen gab es Anzeichen von Leben. Ein Treppenabschnitt war durch einen umgestürzten Baum blockiert — eine Warnung der Natur, dass sie nach dreitausend Jahren ihr Terrain zurückverlangte.

Maxine beließ Kamera Nr. 1 in abwärts gerichteter Stellung, während sie mit Nr. 2 zum Rundblick schwenkte. Felder und Wälder glitten über den Monitor, die fernen weißen Kuppeln von Ranapura, die dunkle Fläche des Binnenmeeres. Und plötzlich: Jakkagala.

Mit dem Zoom holte sie den Felsen näher heran. Das undeutliche Muster der Ruinen, die die Kuppe bedeckten, war eben sichtbar. Die Spiegelwand ebenso wie die Galerie der Prinzessinnen lagen noch im Schatten — es wäre ohnehin hoffnungslos gewesen, die Letztere aus derartiger Entfernung ausmachen zu wollen. Die weite Fläche der Lustgärten mit ihren Teichen, den Wandelpfaden und dem mächtigen sich ringsherum ziehenden Graben war voll in Sicht.

Die Kolonne winziger weißer Fontänen gab ihr eine Zeitlang zu denken, bis ihr klar wurde, dass sie eine von König Kalidasas Herausforderungen an die Götter erblickte: die Brunnen des Paradieses. Sie fragte sich, was der König wohl zu sagen haben würde, hätte er sie sehen können, wie sie sich so mühelos in den Himmel seiner neidischen Träume erhob.

Es war fast ein Jahr her, seit sie zum letzten Mal mit Botschafter Radschasinghe gesprochen hatte. Einem plötzlichen Einfall folgend, rief sie die Villa an.

»Guten Tag, Johan«, begrüßte sie ihn. »Wie gefällt Ihnen diese Aussicht auf Jakkagala?«

»Also haben Sie Morgan doch breitgeschlagen! Wie ist es dort oben?«

»Aufregend — das ist die einzig denkbare Beschreibung. Und einzigartig. Ich bin mit jedem denkbaren Fortbewegungsmittel geflogen und gefahren, aber dies fühlt sich ganz anders an.«

»›Den grausamen Himmel sicher befährst …‹«

»Wie bitte?«

»Ein englischer Dichter, frühes zwanzigstes Jahrhundert:

Ich sorge mich nicht, ob du Meere durchquerst oder den grausamen Himmel sicher befährst …«

»Im Gegensatz dazu sorge ich mich durchaus, aber ich fühle mich sicher. Ich kann jetzt die ganze Insel sehen, selbst die indische Küste. Wie hoch bin ich, Van?«

»Es geht auf zwölf Kilometer zu, Maxine. Sitzt die Sauerstoffmaske sicher?«

»Und ob. Hoffentlich verzerrt sie meine Stimme nicht.«

»Keine Sorge — sie ist unverkennbar. Sie haben noch drei Kilometer.«

»Wie viel Sauerstoff habe ich noch im Behälter?«

»Genug. Und wenn Sie versuchen, über fünfzehn hinauszusteigen, bringe ich Sie per Handschaltung nach Hause.«

»Ich denke nicht daran. Und übrigens: meinen Glückwunsch. Als Beobachtungsplattform ist dieses Ding schwer zu übertreffen. Ihre Kunden werden Schlange stehen.«

»Das ist uns in den Sinn gekommen. Die Leute von Comsat und Metsat haben bereits Angebote unterbreitet. Wir können sie mit Relais und Sensoren in jeder gewünschten Höhe ausstatten. Jeder Pfennig hilft, die Kosten zu drücken.«

»Ich kann Sie sehen!«, rief Radschasinghe plötzlich. »Habe Ihren Reflex gerade ins Glas bekommen. Jetzt winken Sie mit dem Arm. Fühlen Sie sich nicht einsam dort droben?«

Eine Zeitlang war es still — gänzlich uncharakteristisch für Maxine Duval. Dann antwortete sie mit ruhiger Stimme: »Nicht so einsam wie Juri Gagarin, noch einhundert Kilometer höher. Van, Sie haben etwas Neues in die Welt gebracht. Der Himmel mag noch immer grausam sein, aber Sie haben ihn gezähmt. Es mag Menschen geben, die diese Fahrt niemals unternehmen würden: Ich bedaure sie.«

Der Milliarden-Tonnen-Diamant

In den vergangenen sieben Jahren war viel geschehen, aber es gab noch immer eine Menge zu tun. Berge — oder zumindest Asteroiden — waren bewegt worden. Die Erde besaß jetzt einen zweiten natürlichen Mond, der sie dicht oberhalb der Synchronhöhe umlief. Er hatte einen Durchmesser von weniger als einem Kilometer und verlor rapide an Umfang, während er seiner Kohlenstoffablagerungen und anderer leichter Elemente beraubt wurde. Was übrigblieb — der eiserne Kern, Abraum und industrielle Schlacke —, würde einst das Gegengewicht bilden, durch das der Turm unter Spannung gehalten wurde. Es war der Stein in der vierzigtausend Kilometer langen Schleuder, die sich mit dem Planeten einmal alle vierundzwanzig Stunden um den Erdmittelpunkt drehte.

Fünfzig Kilometer östlich der Raumstation Ashoka schwebte der riesige Aufbereitungskomplex, der Megatonnen gewichtslosen — aber nicht masselosen — Rohmaterials verarbeitete und in Hyperdraht verwandelte. Da das Endprodukt zu mehr als neunzig Prozent aus Kohlenstoff bestand und seine Atome zu einem präzisen Kristallgitter angeordnet waren, hatte der Turm den Spitznamen »Der Milliarden-Tonnen-Diamant« erhalten. Worauf die Öffentlichkeit von der Vereinigung der Juweliere in Amsterdam darauf aufmerksam gemacht worden war, dass (a) Hyperdraht keineswegs Diamant sei und (b) wenn er es doch wäre, der Turm ein Gewicht von fünfmal zehn hoch fünfzehn Karat hätte.

Ob man nun nach Karaten oder nach Tonnen rechnete, die Erzeugung solch enormer Materialmengen hatte die Mittel der Raumkolonien und das Können der Techniker aufs äußerste beansprucht. In den Entwurf und Bau der automatischen Bergwerke, Verarbeitungsstätten und der Null-g-Endfertigungskomplexe war fast das gesamte Ingenieurwissen der Gattung Homo sapiens, mühsam erworben während zweier Jahrhunderte Raumforschung, investiert worden. In Kürze würden die Bestandteile des Turmes — eine Handvoll standardisierter Stückstypen, zu Millionen hergestellt — an einen Sammelplatz gebracht werden, um dort auf die Robotmonteure zu warten.

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