Die Schiffe der Erde [The Ships of Earth - de]
- Автор: Кард Орсон Скотт
- Серия: Die Heimkehr #3
- Год: 1995
- Язык: немецкий
- Год: Bastei Lübbe
- ISBN: 3-404-24195-9
- Переводчик: Uwe Anton
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Schiffe der Erde [The Ships of Earth - de]». Краткое содержание книги:
Er taumelte aus dem Zelt. Draußen standen Issib und Mebbekew. »Wir gehen gerade zum Abendessen«, sagte Issib. »Hattest du eine gute Sitzung mit dem Index?«
»Ich habe keinen Hunger«, sagte Nafai. »Ich fühle mich nicht gut.«
Mebbekew johlte auf. In Nafais Ohren klang es fast wie das Heulen der Paviane. »Erzähl mir doch nicht, daß Nafai sich vor der Arbeit drücken will, indem er behauptet, ihm sei ständig schlecht. Aber das hat bei Luet so gut funktioniert, daß er es jetzt auch mal versucht, was?«
Nafai machte sich nicht einmal die Mühe, Meb zu antworten. Er taumelte einfach weiter zu seinem Zelt. Ich muß schlafen, dachte er. Das brauche ich jetzt, Schlaf.
Doch als er das Zelt betreten und sich aufs Bett gelegt hatte, wurde ihm klar, daß er unmöglich schlafen konnte. Er war zu aufgewühlt, zu mitgenommen, sein Kopf drehte sich, und er konnte nicht klar denken, aber auch nicht aufhören, etwas zu denken.
Dann gehe ich eben auf die Jagd, dachte Nafai. Ich suche ein hilfloses, kleines Tier, töte es, reiße ihm die Haut ab und die Eingeweide heraus, und dann fühle ich mich bestimmt besser, weil ich nun mal so ein Mensch bin. Oder mir wird vielleicht schlecht, wenn mir der Geruch der Eingeweide in die Nase steigt, und ich muß mich übergeben und fühle mich dann besser.
Niemand sah ihn, als er das Lager verließ — hätten sie ihn gesehen, unsicher schwankend und einen Pulsator in der Hand, hätten sie ihn wahrscheinlich aufgehalten. Er durchquerte den Bach und ging die Hügel auf der anderen Seite hinauf. In dieser Richtung hatten sie noch nie gejagt — dort schliefen die Paviane in Höhlen, und wenn man zu weit in diese Richtung ging, kam man den Dörfern in dem Tal namens Luzha so nah, daß man vielleicht einem ihrer Bewohner über den Weg lief. Aber Nafai konnte noch immer nicht klar denken. Er erinnerte sich nur daran, daß er einmal auf der anderen Seite des Baches gewesen und dort etwas Wunderbares geschehen war, und in diesem Augenblick wollte er unbedingt, daß etwas Wunderbares geschah. Oder er starb. Was auch immer.
Ich hätte warten sollen, sagte er sich immer und immer wieder, als er wieder klar genug denken konnte, um zu wissen, was er dachte. Hätte der Hüter der Erde mir einen Traum schicken wollen, hätte er mir einen geschickt. Und wenn nicht, hätte ich warten sollen. Es tut mir leid. Ich wollte mir nur über etwas Klarheit verschaffen, aber ich hätte warten sollen. Jetzt kann ich das Warten ertragen, aber jetzt wirst du mir keinen Traum mehr schicken, denn ich habe betrogen, genau, wie der Index es gesagt hat. Ich habe betrogen, und daher bin ich nicht berechtigt, einen Traum zu bekommen. Eigentlich bin ich jetzt sogar wertlos. Indem ich darauf bestand, daß die Überseele mir den Traum vorspielen soll, habe ich mein Gehirn ruiniert, und jetzt werde ich bis zu meinem Lebensende krank im Kopf sein, und weder du noch die Überseele, noch Luet, noch sonst jemand werden mich noch brauchen können, und ich könnte einfach irgendwo von einer Klippe springen und sterben.
Die Sonne ging gerade unter, als ihm klarwurde, daß er nicht die geringste Ahnung hatte, wo er sich befand oder wie weit er marschiert war. Er wußte nur, daß er auf einem Felsen auf der Kuppe eines Hügels saß — und kilometerweit zu sehen war, für den Fall, daß ein Räuber nach einem Opfer oder ein Jäger nach Beute Ausschau hielt. Und obwohl er den Kopf in den Händen hielt und zu Boden sah, war er sich bewußt, daß jemand ihm gegenüber saß. Jemand, der noch nichts gesagt hatte, ihn aber eindringlich musterte.
Sag etwas, dachte Nafai. Oder töte mich und bringe es hinter dich.
»Uuh. Uuh-uuh«, sagte der Fremde.
Da sah Nafai auf, denn er kannte die Stimme. »Jobar«, sagte er.
Jobar schaukelte ein wenig hin und her und heulte noch ein paarmal, offensichtlich vor Freude, erkannt worden zu sein.
»Ich habe nichts für dich zu essen«, sagte Nafai.
»Uuh«, sagte Jobar fröhlich. Weil er vom Stamm verstoßen worden war, war er wahrscheinlich schon dankbar, daß jemand ihn erkannt hatte.
Nafai hielt ihm eine Hand hin, und Jobar kam kühn vorwärts und legte eine Vorderpfote hinein.
Und in diesem Augenblick war Jobar kein Pavian mehr. Statt dessen sah Nafai ihn als Tier mit Flügeln, mit einem Gesicht, das gleichzeitig wilder und intelligenter als das eines Pavians war. Die eine Schwinge bog und streckte sich wieder, die andere aber nicht, denn sie war die Hand, die Nafai in der seinen hielt. Das schwingenbewehrte Geschöpf, das Jobars Platz eingenommen hatte, sagte etwas zu ihm, aber Nafai verstand die Sprache nicht. Das Geschöpf — der Engel, Nafai wußte, daß es sich darum handelte — sagte erneut etwas, und nun verstand Nafai verschwommen, daß es sich um eine Warnung handelte. Er befand sich in Gefahr.
»Was soll ich tun?« fragte Nafai.
Aber der Engel sah sich um und wurde immer aufgeregter. Als er es dann anscheinend gewaltig mit der Angst zu tun bekommen hatte, ließ er seine Hand los, sprang in den Himmel und flog, kreiste jedoch weiterhin über ihm.
Nafai hörte ein Geräusch. Etwas scharrte hart über Felsen. Er sah hinab und machte aus, was das Geräusch verursacht hatte. Ein halbes Dutzend größerer, wilderer Geschöpfe. Die Ratten aus den Träumen, die die anderen gehabt hatten. Sie waren schwerer und sahen stärker aus als die Paviane, und Nafai wußte aus Erzählungen anderer Wüstenreisender, daß Paviane weitaus stärker als ausgewachsene Männer waren. Ihre Zähne waren größer und schärfer, aber die Hände — denn es waren Hände, keine Klauen — sahen in der Tat schrecklich aus, denn viele davon hielten wurfbereite Steine.
Nafai dachte an seinen Pulsator. Wie viele von ihnen kann ich töten, bevor sie mich mit einem Stein treffen und zu Boden werfen? Zwei? Oder drei? Aber es war besser, kämpfend zu sterben, als sich ohne Widerstand töten zu lassen.
Besser? Warum war es besser? Es war doch schon schlimm genug, daß einer sterben mußte. Was ist damit gewonnen, wenn ich einige von ihnen töte, abgesehen davon, daß sie meinen Tod dann für um so gerechtfertigter halten?
Also legte er den Pulsator vor sich auf den Boden, verschränkte die Hände auf den Knien und wartete.
Sie warteten ebenfalls. Ihre Arme waren noch immer wurfbereit. Der Engel kreiste noch immer über ihnen, ein stummer Zeuge, von gelegentlichen hohen Schreien einmal abgesehen.
Dann merkte Nafai plötzlich, daß er etwas in der Hand hielt. Er öffnete sie und sah, daß es sich um eine Frucht handelte. Er erkannte sie augenblicklich als eine der Früchte vom Baum des Lebens. Er hob sie an die Lippen und probierte sie, und ah!, es war, wie Vater gesagt hatte: die ausgezeichnetste Wahrnehmung, die er sich nur vorstellen konnte. Doch diesmal gab es keine Ablenkung, keine Verwirrung, keine Disharmonie wie vor kurzem, als er im Traum seines Vaters von der Frucht gekostet hatte; er hatte inneren Frieden gefunden, war geheilt.
Ohne darüber nachzudenken, nahm er die Frucht von den Lippen und bot sie der Ratte direkt vor ihm an.
Die Ratte sah auf seine Hand hinab, dann wieder zu Nafais Gesicht, dann zu der Frucht.
Nafai überlegte, ob er die Frucht auf den Boden legen sollte, damit die Ratte sie selbst aufheben konnte, aber dann wurde ihm klar, es wäre falsch, daß die Frucht mit dem Boden in Berührung käme und wie verfaultes Fallobst aufgehoben würde. Man sollte sie aus der Hand entgegennehmen. Diese Frucht sollte man immer vom Baum selbst pflücken oder von der Hand eines anderen überreicht bekommen.
Die Ratte schnüffelte, kam näher und schnüffelte erneut. Und dann nahm sie Nafai die Frucht aus der Hand, nahm sie an die Lippen und biß davon ab. Saft spritzte aus der Frucht, und ein Teil davon traf Nafai ins Gesicht, doch er bekam kaum etwas davon mit, einmal davon abgesehen, daß er sich die Lippen leckte, als der Saft sie berührte. Denn er konnte den Blick nicht von der Ratte nehmen. Sie hockte wie erstarrt da, bewegte sich nicht, und der Saft der Frucht tropfte von ihren Mundwinkeln hinab. Habe ich sie vergiftet? dachte Nafai. Habe ich sie mit dieser Frucht irgendwie getötet? Das wollte ich nicht.