Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:
Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Frankreichs Farbe war Tiefblau. Ein großer Teil des Landes war von Wäldern bedeckt wie daheim. Es war ein Land mit peinlich ordentlichen Bauernhöfen, über denen sich gelegentlich eine dunkle Burg aus Stein erhob, wie sie Rob aus den ländlichen Gegenden Englands kannte. Manche Adelige lebten aber in großen Herrenhäusern aus Holz, die es in England nicht gab. Auf den Weiden gab es viel Vieh, und die Bauern säten Weizen. Rob wunderte sich. »Viele Gebäude auf euren Bauernhöfen haben gar kein Dach«, bemerkte er.
»Es gibt hier weniger Regen als in England«, erklärte ihm Charbonneau. »Einige Bauern dreschen das Getreide in offenen Scheunen.« Charbonneau ritt ein großes, friedliches Pferd, das hellgrau, fast weiß war. Seine Waffen waren abgenutzt, aber gut instand gehalten. Jeden Abend versorgte er das Pferd sorgfältig, dann säuberte und polierte er das Schwert und den Dolch. Er war am Lagerfeuer und auf der Straße ein guter Gesellschafter.
Alle Bauernhöfe waren von Obstgärten umgeben, die in voller Blüte standen. Rob hielt bei einigen an, um Alkohol zu kaufen. Er fand zwar kein Metheglin, kaufte statt dessen aber ein Fässchen Apfelschnaps, ungefähr das Getränk, das ihm in Calais so geschmeckt hatte, und er stellte fest, dass es ein noch besseres Universal-Spezifi-kutn ergab.
Wie überall waren auch hier die besten Straßen seinerzeit von den Römern für die marschierenden Heere angelegt worden: breite Landstraßen, die miteinander verbunden und so gerade waren wie Speer-schäfte.
Charbonneau meinte liebevolclass="underline" »Sie sind überall, ein Netz, das die Welt bedeckt. Wenn du wolltest, könntest du auf diesen Straßen bis nach Rom fahren.«
Dennoch lenkte Rob die Stute bei einem Wegweiser, der zu einem Dorf namens Caudry zeigte, von der römischen Straße weg. Charbonneau war dagegen. »Diese Waldwege sind gefährlich.«
»Ich muss sie benützen, wenn ich meinem Geschäft nachgehen will. Sie stellen den einzigen Zugang zu den kleineren Dörfern dar. Ich blase mein Hörn, das habe ich immer getan.« Charbonneau zuckte mit den Achseln.
Die Häuser von Caudry hatten kegelförmige Dächer aus Reisig oder Stroh. Die Frauen kochten im Freien, und neben den meisten Häusern standen in der Nähe des Feuers ein Holztisch und Bänke unter einem einfachen Sonnendach, das auf vier kräftigen, aus jungen Bäumen geschnittenen Pfosten ruhte. Man konnte Caudry nicht mit einem englischen Dorf vergleichen, aber Rob drehte bei seiner Vorstellung auf, als wäre er daheim.
Er reichte Charbonneau die Trommel und befahl ihm, sie zu schlagen. Der Franzose wirkte zunächst erheitert, doch sein Interesse erwachte, als die Stute beim Klang der Trommel zu tänzeln begann. »Heute Vorstellung!
Vorstellung!« rief Rob.
Charbonneau begriff sofort und übersetzte von nun an alles, sobald Rob es aussprach.
Die Vorstellung in Frankreich war für Rob ein komisches Erlebnis. Die Zuschauer lachten bei den gleichen Geschichten, aber an anderen Stellen, vielleicht, weil sie auf Übersetzung warten mußten. Während Rob jonglierte, sah ihm Charbonneau gebannt zu, und seine begeistert hervorgesprudelten Bemerkungen steckten die Menge an, die heftig Beifall klatschte.
Sie verkauften eine große Menge vom universellen Spezificum.
An diesem Abend bat Charbonneau am Lagerfeuer Rob immer wieder zu jonglieren, aber dieser weigerte sich.
»Du wirst noch genug davon bekommen, mir zuzusehen, keine Angst!«
»Es ist erstaunlich. Machst du es seit deiner Kindheit?«
»Ja.« Er erzählte Charbonneau, wie der Bader ihn aufgenommen hatte, nachdem seine Eltern gestorben waren.
Charbonneau nickte. »Du hast Glück gehabt. Als ich zwölf war, starb mein Vater, und mein Bruder Etienne und ich wurden auf einem Seeräuberschiff als Schiffsjungen untergebracht.«
»Hast du nicht gesagt, dass dich deine erste Reise nach London geführt hat?«
»Meine erste Reise auf einem Handeisschiff, als ich siebzehn war.
Vorher bin ich fünf Jahre lang mit Seeräubern gesegelt.«
»Mein Vater hat sich bei drei Invasionen an der Verteidigung Englands beteiligt. Zweimal, als die Dänen London besetzten, und einmal, als Seeräuber Rochester überfielen.«
»Meine Seeräuber haben London nicht angegriffen. Einmal sind wir bei Romney gelandet, haben zwei Häuser angezündet und eine Kuh mitgehen lassen, die wir geschlachtet haben, um sie zu essen.«
Sie schauten einander an.
»Es waren böse Männer. Ich tat es, um am Leben zu bleiben.«
Rob nickte. »Und Etienne? Was wurde aus Etienne?«
»Als er alt genug war, lief er ihnen davon und ging zurück in unsere Stadt, wo er Bäckerlehrling wurde. Heute ist auch er ein alter Mann, aber er bäckt ausgezeichnetes Brot.«
Rob lächelte und wünschte ihm gute Nacht.
Alle paar Tage fuhren sie auf einen anderen Dorfplatz, wo das Weitere wie gewohnt ablief: die unanständigen Lieder, die schmeichelnden Porträts, die alkoholischen Behandlungen. Zuerst übersetzte Charbonneau Robs baderchirurgische Reklamesprüche, doch bald kannte sie der Franzose so gut, dass er selbständig eine Menge anlocken konnte. Rob arbeitete hart, um seine Geldkassette zu füllen, denn er wusste, dass das Geld an fremden Orten Schutz bedeutete.
Per Juni war warm und trocken. Sie bissen kleine Stückchen von der Olive ab, die Frankreich hieß, durchquerten den Norden und fanden sich im Frühsommer beinahe an der deutschen Grenze. »Wir nähern uns Straßburg«, stellte Charbonneau eines Morgens fest. »Fahren wir hin, damit du deine Verwandten besuchen kannst.« »Wenn wir das tun, verlieren wir zwei Tage«, bemerkte der gewissenhafte Charbonneau, aber Rob hob lächelnd die Schultern, denn er konnte inzwischen den älteren Franzosen gut leiden. Die Stadt war schön, es wimmelte m ihr von Handwerkern, die eine große Kathedrale bauten, der man bereits jetzt ansah, dass sie Straß-burgs breite Straßen und stattliche Häuser an Schönheit weit übertreffen würde. Sie fuhren geradewegs zur Bäckerei, wo der redselige Etienne Charbonneau seinen Bruder in die mehligen Arme schloß. Sie verbrachten einen fröhlichen Abend mit Etiennes Kindern und deren Familien, bei dem Louis und Etienne zur allgemeinen Belustigung für Rob übersetzten. Die Kinder tanzten, die Frauen sangen, Rob jonglierte zum Dank für das Abendessen, und Etienne spielte die Rohrpfeife ebenso gut, wie er Brot buk. Als die Verwandten schließlich nach Hause gingen, küßten alle die Reisenden zum Abschied. Am Morgen zeigte der Bäcker Rob seine großen, runden Öfen, und er schenkte den beiden einen Sack voll »Hundebrot«, das zweimal gebak-ken war, so dass es hart und unverderblich war wie Schiffszwieback. Die Straßburger mussten an diesem Tag auf ihre Brotlaibe warten, denn Etienne schloss die Bäckerei und begleitete sie ein Stück. Die römische Straße führte nicht weit von Etiennes Haus zum Rhein und dann stromabwärts zu einer ein paar Meilen entfernten Furt. Die Brüder beugten sich aus ihren Sätteln und küßten einander. »Geh mit Gott!« sagte Etienne zu Rob und lenkte sein Roß nach Hause, während der Troß durch den Fluss planschte. Das wirbelnde Wasser war kalt und noch hellbraun von der Erde, die durch die Frühjahrsüberschwemmung in den Oberlauf geschwemmt worden war. Der Weg das gegenüberliegende Ufer hinauf war steil, und die Stute musste sich anstrengen, um den Wagen ins Land der Deutschen zu ziehen.
Sie befanden sich sehr bald in den Bergen und fuhren durch hohe Fichten- und Tannenwälder. Charbonneau wurde immer stiller, was Rob zuerst darauf zurückführte, dass er seine Familie und seine Heimat hatte verlassen müssen. Doch schließlich sprudelte der Franzose hervor: »Ich mag die Deutschen nicht, und ich bin auch nicht gern in ihrem Land.«
»Du bist doch aber so nahe von ihnen zur Welt gekommen.« Charbonneau runzelte die Stirn. »Ein Mensch kann am Meer leben und doch die Haie nicht lieben.«
Rob fühlte sich wohl in diesem Land. Die Luft war kalt und gut. Sie fuhren eine lange Bergstraße hinunter und sahen unten Männer und Frauen, die im Tal mähten, das Heu wendeten und das Futter heimfuhren genauso wie die Bauern in England. Sie fuhren die nächste Steigung hinauf zu kleinen Bergweiden, wo Kinder Kühe und Ziegen hüteten, die den Sommer über von den Bauernhöfen im Tal hinaufgetrieben worden waren, um dort zu grasen. Der Weg führte hoch hinauf, und sie erblickten weiter unten eine große Burg aus dunkelgrauem Stein.