Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Adolescentoli neigte den Kopf. »Ich habe mir gedacht, dass Ihr deshalb hier seid, aber ich werde Euch nicht nehmen.« »Kann ich Euch nicht dazu überreden?«
»Nein. Ihr müßt einen christlichen Lehrer finden oder Bader bleiben«, erwiderte Adolescentoli nicht hart, aber entschieden. Vielleicht handelte er aus den gleichen Gründen wie Merlin, aber Rob erfuhr es nicht, denn der Medicus wollte nicht mehr sagen. Er erhob sich, ging zur Tür und nickte gleichgültig, als Rob den Behandlungsraum verließ.
Zwei Städte weiter, in Devizes, gab er eine Vorstellung und ließ zum erstenmal, seit er die Technik beherrschte, einen Ball beim Jonglieren fallen. Die Leute lachten über seine Scherze und kauften die Arznei. An diesem Abend überraschte ihn ein heftiges Gewitter mit starkem Wind und prasselndem Regen. Man zählte den zweiten Tag im September, eigentlich zu früh für einen Herbstregen, aber es war schon sehr feucht und kalt. Er fuhr zu dem einzigen Zufluchtsort, dem Gasthof in Devizes, und band die Zügel der Stute an den Ast einer großen Eiche im Hof. Als er eintrat, stellte er fest, dass schon zu viele Leute vor ihm angekommen waren. Der gesamte Fußboden war besetzt. Der Gemeinschaftsraum des Wirtshauses stank nach feuchter, wollener Kleidung und ungewaschenen Körpern, und Rob wurde bald übel. Er verließ das Gasthaus, noch bevor der Regen aufgehört hatte, und ging zu seinem Wagen und seinen Tieren hinaus. Er fuhr zu einer nahen Lichtung und spannte die Stute aus. Im Wagen hatte er trockenes Brennholz, und es gelang ihm, ein Feuer anzuzünden. Mistress Buffington rieb sich an ihm. »Wir sind ein feines, einsames Paar«, stellte er fest. Und wenn es sein ganzes Leben dauern sollte, er würde weiter suchen, bis er einen würdigen Medicus fand, dessen Schüler er werden konnte. Bisher hatte er nur mit zwei jüdischen Ärzten gesprochen. Zweifellos gab es noch andere. »Vielleicht würde mich einer als Lehrling aufnehmen, wenn ich behaupte, dass ich Jude bin«, erklärte er der Katze.
So begann es: nicht einmal als Traum, sondern als ein dahingesagtes Hirngespinst. Er wusste, dass er nicht überzeugend genug einen Juden spielen konnte, um den prüfenden Blicken eines jüdischen Lehrherrn täglich standzuhalten. So saß er vor dem Feuer, starrte in die Flammen, und die Vorstellung nahm Gestalt an.
Die Katze bot ihm ihren seidigen Bauch. »Könnte ich den Juden wenigstens so gut spielen, dass ich Mohammedaner täusche?« fragte Rob sie, sich und Gott. So gut, um bei dem größten Arzt der Welt zu studieren?
Die Ungeheuerlichkeit des Gedankens betäubte ihn, er ließ die Katze fallen, und sie sprang in den Wagen. Einen Augenblick später kam sie mit etwas zurück, das wie ein kleines Pelztier aussah. Es war der falsche Bart, den er als der »Alte« getragen hatte. Rob hob ihn auf. Wenn ich für den Bader einen alten Mann spielen konnte, fragte er sich, warum kann ich nicht einen Hebräer spielen? »Ich werde ein falscher Jude!« rief er laut.
Es ist ein Glück, dass niemand vorbeiging und hörte, wie er eindringlich und lange mit seiner Katze sprach, denn es hätte sonst geheißen, dass er ein Hexer war, der mit seinem Sukkubus sprach.
Er hatte keine Angst vor der Kirche. »Auf diese Kinder stehlenden Pfaffen scheiße ich«, sagte er zur Katze.
Er konnte sich einen vollen Judenbart wachsen lassen und ein jüdisches Glied hatte er ja schon. Er würde den Leuten erzählen, dass er wie Merlins Söhne getrennt von seinem Volk aufgewachsen sei, ohne dessen Sprache und Gebräuche zu erlernen. Und er würde nach Persien gelangen. Er würde den Saum von Ibn Sinas Gewand berühren! Er war aufgeregt und entsetzt, schämte sich, ein erwachsener Mann zu sein und so zu zittern. Es war wie der Augenblick, als er zum erstenmal über Southwark hinausgelangt war.
Angeblich gab es sie überall, Gott verdamme ihre Seelen. Auf der Reise würde er freundschaftlichen Verkehr mit ihnen suchen und ihr Verhalten erforschen. Wenn er Isfahan erreichte, würde er fähig sein, den Juden zu spielen, und Ibn Sina würde ihn aufnehmen und ihm die kostbaren Geheimnisse der arabischen Schule verraten müssen.
Zweiter Teil.
Die lange Reise
Die erste Etappe
Von London segelten mehr Schiffe nach Frankreich als von jedem anderen englischen Hafen. Deshalb begab sich Rob in seine Geburtsstadt. Unterwegs hielt er immer wieder an, um zu arbeiten, denn er wollte zu einem solchen Abenteuer mit möglichst viel Gold aufbrechen. Als er in London ankam, war die Jahreszeit für Schiffsreisen vorbei. Die Themse strotzte von den Masten der vor Anker liegenden Schiffe. König Knut hatte sich an seine dänische Herkunft erinnert und eine große Flotte von Wikingerschiffen gebaut, die wie angebundene Ungeheuer auf dem Wasser dümpelten. Auf keinem Schiff sah man Güter oder Passagiere, denn die kalten Winterstürme hatten bereits eingesetzt. Während der kommenden schlimmen sechs Monate würde morgens oft die Salzgischt im Kanal frieren, und die Seeleute wussten, dass sie den nassen Tod herausforderten, wenn sie sich dorthin wagten, wo die Nordsee mit dem Atlantik zusammentraf. Im »Herring«, einer Kneipe für Seeleute im Hafengebiet, trommelte Rob mit dem Krug, in dem heißer Apfelwein war, auf die Tischplatte. »Ich suche eine gemütliche, saubere Wohnung, bis man im Frühjahr wieder in See stechen kann«, rief er. »Ist jemand hier, der so etwas kennt?«
Ein kleiner kräftiger Mann, der wie eine Bulldogge gebaut war, betrachtete ihn, während er seinen Becher leerte, und nickte dann. »Ja. Mein Bruder Tom ist auf seiner letzten Reise gestorben. Seine Witwe Binnie ROSS ist mit zwei Kindern zurückgeblieben, die sie ernähren muß. Wenn du bereit bist, anständig zu zahlen, wird sie dich gern aufnehmen.«
Rob lud den Mann zu einem Drink ein, dann folgte er ihm ein kurzes Stück zu einem kleinen Haus am Marktplatz von Hast Chepe. Binnie ROSS war eine kleine Maus, eine junge Frau mit kummervollen blauen Augen in einem blassen Gesichtchen. Das Haus war sauber, aber sehr klein.
»Ich habe eine Katze und eine Stute«, sagte Rob. »Ach, die Katze macht mir nichts aus«, antwortete sie ängstlich. £s war klar, dass sie verzweifelt Geld brauchte.
»Ihr könntet das Pferd für den Winter einstellen«, meinte ihr Schwager, »in Egglestans Stall an der Thames Street.« Rob nickte. »Den kenne ich.«
»Sie ist trächtig«, stellte Binnie ROSS fest, als sie die Katze hochhob und streichelte.
Rob fand, dass der glatte Bauch keinerlei Rundung aufwies. »Wieso wißt Ihr das?« fragte er und war überzeugt, dass sie sich irrte. »Sie ist noch jung, sie ist erst letzten Sommer zur Welt gekommen.« Die junge Frau zuckte mit den Achseln.
Aber sie hatte recht, denn innerhalb weniger Wochen blühte Mistress Buffington förmlich auf. Rob fütterte sie mit Leckerbissen und besorgte gutes Essen für Binnie und ihren Sohn. Die kleine Tochter wurde noch von ihrer Mutter gestillt. Rob ging gern auf den Markt und kaufte für sie ein, denn er wusste noch genau, wie herrlich es ist, nach einer langen Zeit, in der der leere Magen geknurrt hat, gut zu essen.
Die Kleine hieß Aldyth und der noch nicht zwei Jahre alte Junge Edwin. Jede Nacht hörte Rob Binnie weinen. Er war noch keine vierzehn Tage im Haus, als sie im Dunkeln in sein Bett kam. Sie sagte kein Wort, sondern legte sich hin, umschlang ihn mit ihren schlanken Armen und schwieg auch während des Aktes.
Als sie fertig waren, schlüpfte sie in ihr Bett zurück, und am nächsten Tag machte sie keine Anspielung auf die Ereignisse der Nacht. »Wie ist dein Mann gestorben?« fragte er sie, als sie den Frühstücksbrei austeilte.
»Ein Sturm. Wulf - das ist sein Bruder, der dich hierher gebracht hat, hat mir erzählt, dass mein Tom weggerissen wurde. Er konnte nicht schwimmen.«
Sie benützte ihn noch einmal und drückte sich verzweifelt an ihn. Dann kam der Bruder ihres toten Mannes, der zweifellos seinen ganzen Mut zusammengerafft hatte, um sich mit ihr auszusprechen, eines Nachmittags ins Haus. Wulf kam danach jeden Tag mit kleinen Geschenken; er spielte mit seiner Nichte und seinem Neffen, aber es