Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Von den anderen sagte keiner etwas. Sie betrachteten ihn genau. »Ihr seid Kaufleute?«
Meier nickte. »Früher hat unsere Familie in Deutschland, im Marktflecken Hameln gelebt. Vor zehn Jahren sind wir alle nach Angora im Byzantinischen Reich übersiedelt, von wo wir sowohl nach Osten wie nach Westen reisen, um zu kaufen und zu verkaufen.« »Was kauft und verkauft Ihr?«
Meier zuckte die Schultern. »Ein wenig von dem, ein bißchen von |enem.«
Rob gefiel die Antwort sehr. Er hatte sich stundenlang erfundene Einzelheiten ausgedacht, die er von sich erzählen wollte, und sah nun, dass es unnötig war: Geschäftsleute verrieten nicht zu viel. »Wohin reist Ihr?«
fragte der junge Mann namens Simon und überraschte damit Rob, der angenommen hatte, dass nur Meier Englisch konnte.
»Nach Persien.«
»Persien? Ausgezeichnet. Habt Ihr dort Verwandte?« »Nein. Ich will einkaufen. Verschiedene Krauter, vielleicht ein paar Medikamente.«
»Aha«, sagte Meier. Die Juden sahen einander an und akzeptierten es sofort. Dies war der richtige Moment, um sich zu verabschieden, und Rob wünschte ihnen eine gute Nacht.
Cullen hatte ständig hinübergeschaut, während Rob mit den Juden sprach, und als dieser zu seinem Lagerplatz zurückkehrte, war ein Großteil der ursprünglichen Freundlichkeit des Schotten verschwunden.
Nicht gerade begeistert stellte er seine Tochter Margaret vor, aber das Mädchen begrüßte Rob höflich. Von der Nähe sah ihr rotes Haar aus, als sei es angenehm, es zu berühren. Ihr Blick war kühl und traurig. Ihre hohen, runden Backenknochen wirkten so groß wie eine Männerfaust, Nase und Kinn waren anmutig, aber nicht zart.
Gesicht und Arme hatte sie voller Sommersprossen, und Rob war nicht daran gewöhnt, dass eine Frau so groß war.
Während er zu entscheiden versuchte, ob sie schön war, kam Fritta vorbei und sprach kurz zu Seredy.
»Er möchte, dass Master Cole heute nacht die Wache übernimmt«, sagte der Dolmetscher.
In der Dämmerung begann Rob daher, seine Runde zu machen, die bei Cullens Lager begann und acht Lager nach dem seinen aufhörte. Während er seine Runden drehte, sah er, aus was für einer merkwürdigen Mischung die Karawane bestand. Neben einem gedeckten Planenwagen stillte eine Frau mit olivenfarbiger Haut und blondem Haar ein Baby, während ihr Mann beim Feuer hockte und die Geschirre einfettete. Zwei Männer reinigten ihre Waffen. Ein Junge fütterte drei fette Hühner in einem primitiven Holzkäfig. Ein leichenblasser Mann und seine dicke Frau starrten einander an und stritten in einer Sprache, die Rob für Französisch hielt.
Beim dritten Rundgang um sein Gebiet sah er, als er beim Lager der Juden vorbeikam, dass sie beisammen standen, hin und her schwankten und etwas sangen, was offenbar ihr Abendgebet war. Der Mond stieg groß und weiß aus dem Wald hinter dem Dorf. Rob fühlte sich gut aufgehoben und selbstsicher, denn er gehörte plötzlich einer Gemeinschaft von über hundertzwanzig Männern an, und das war etwas anderes, als allein durch ein fremdes, feindseliges Land zu reisen.
Im Lauf der Nacht rief er viermal jemanden an, stellte aber jedes Mal fest, dass es nur ein Mann war, der das Lager verließ, um sein Bedürfnis zu erledigen.
Gegen Morgen, als er unerträglich schläfrig wurde, kam Cullens Tochter aus dem Zelt ihres Vaters. Sie ging nahe an ihm vorbei, ohne seine Anwesenheit zu bemerken. Er sah sie deutlich in dem weißen Mondlicht. Ihre Kleidung wirkte sehr schwarz, und ihre großen, taunassen Füße sahen besonders weiß aus.
Er ging möglichst geräuschvoll in die entgegengesetzte Richtung, doch gab er von ferne acht, bis sie unversehrt zurückkehrte, dann setzte er seine Runde fort.
Beim ersten Licht verließ er seinen Posten und verzehrte rasch zum Frühstück etwas Brot und Käse. Während er aß, versammelten sich die Juden vor ihrem Zelt zum Gebet bei Sonnenaufgang. Vielleicht würde die Nachbarschaft noch anstrengend werden, denn sie schienen außerordentlich religiöse Leute zu sein. Sie schnallten sich kleine schwarze Büchsen an die Stirn und wanden dünne Lederriemen um ihre Unterarme, bis diese den Baderpfosten auf Robs Wagen ähnelten, dann versanken sie beängstigend in Tagträume und bedeckten ihre Köpfe mit Bettüchern. Er war erleichtert, als sie fertig waren. Da er die Stute zu früh eingespannt hatte, musste er warten. Obwohl die Gruppen an der Spitze der Karawane kurz nach Tagesbeginn aufbrachen, stand die Sonne schon ziemlich hoch, als schließlich er an die Reihe kam. Cullen ritt auf einem grobknochigen Schimmel voran, gefolgt von seinem Diener Seredy auf einer schmuddeligen grauen Stute, die drei Packpferde anführte.
Warum brauchten die beiden Leute drei Packpferde? Die Tochter saß auf einem stolzen Rappen. Rob fand, dass nicht nur die Hinterbacken des Pferdes, sondern auch die der Frau großartig waren, und folgte ihnen gern.
Parsi
Alle lebten sich schnell in die Routine der Reise ein. Während der ersten drei Tage betrachteten ihn die Schotten und die Juden höflich, ließen ihn aber in Ruhe. Vielleicht beunruhigten sie sein zerschlagenes Gesicht und die merkwürdigen Bilder auf seinem Wagen. Es hatte ihn nie gestört, allein zu sein, und so gab er sich zufrieden seinen Gedanken hin.
Das Mädchen ritt ständig vor ihm, und er beobachtete sie unvermeidlich auch dann, wenn sie das Lager aufgeschlagen hatten. Sie schien zwei schwarze Kleider zu besitzen, von denen sie eines wusch, wann immer es möglich war. Sie war sichtlich ans Reisen gewöhnt und ließ sich von Unbequemlichkeiten nicht stören, aber ihrem Vater und sie umgab eine Aura von kaum unterdrückter Melancholie. Aufgrund ihrer Kleidung nahm Rob an, dass sie in Trauer waren. Manchmal sang Margaret leise. Am vierten Morgen, als die Karawane nur langsam vorankam, stieg sie ab und führte das Pferd, um sich die Füße zu vertreten. Rob sah auf sie hinunter, als sie neben seinem Wagen ging, und lächelte ihr zu. Ihre Augen schienen riesig, die Iris war tiefblau. Ihr flächiges Gesicht mit den hohen Backenknochen ließ auf Empfindsamkeit schließen. Der Mund war groß und blühend, wie alles an ihr, doch merkwürdig bewegt und ausdrucksvoll. »In welcher Sprache singt Ihr?« »In Gälisch, was wir Erse nennen.« »Das habe ich mir gedacht.« »Ach. Wie erkennt ein Sachse das Erse?« »Was ist ein Sachse?«
»Es ist unser Name für alle, die südlich von Schottland leben.« »Ich habe das Gefühl, dass das Wort kein Kompliment ist.« »Allerdings nicht«, gab sie zu, und diesmal lächelte sie. »Mary Margaret!« rief ihr Vater scharf. Sie ging sofort zu ihm, eine gehorsame Tochter. Mary Margaret!
Sie musste ungefähr in dem gleichen Alter sein wie Anne Mary, wurde ihm beklemmend klar. Doch dieses Mädchen ist nicht Anne Mary, rief er sich ins Gedächtnis. Er musste aufhören, in jeder jungen Frau seine Schwester zu sehen, denn aus dieser Marotte konnte eine Art von Wahn werden.
Ihr Vater war offenbar entschlossen, ihm in einem Gespräch noch einmal eine Chance zu geben, vielleicht weil Rob nicht wieder mit den Juden gesprochen hatte. Am fünften Abend, den sie unterwegs waren, kam James Cullen mit einem Krug Gerstenbranntwein zu Besuch, und
Rob begrüßte ihn und nahm einen freundschaftlichen Schluck aus der Flasche.
»Kennt Ihr Euch mit Schafen aus, Master Cole?« Cullen strahlte, als Rob verneinte, und war bereit, ihn aufzuklären. »Es gibt solche Schafe und solche Schafe. In Kilmarnock, dem Ort, an dem sich der Besitz der Cullens befindet, sind Mutterschafe oft nicht schwerer als zwölf Stone. Ich habe gehört, dass wir im Osten Schafe finden werden, die doppelt so schwer sind und langes Haar statt des kurzen haben - ein dichteres Vlies als die Tiere in Schottland, das so voll Fett ist, dass die Wolle, wenn sie gesponnen und zu Kleidung verarbeitet ist, den Regen abstößt.«