Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Falls Merlin die Andeutung bemerkt hatte, reagierte er nicht darauf. Er schüttelte den Kopf und stand auf. »Wir haben unsere Ruhe verdient, und morgen werden wir erholt die Frage ins Auge fassen. Ich wünsche Euch eine gute Nacht, junger Bader!« »Eine gute Nacht, Meister Medicus!«
Am Morgen aßen sie m der Küche heißen Erbsenbrei, und Rob hörte weitere Segenssprüche auf hebräisch. Die Familie frühstückte gemeinsam und beobachtete ihn heimlich, während er sie offen musterte. Mistress Merlin wirkte noch immer mürrisch, und in dem unbarmherzigen Morgenhcht sah man den schwachen, dunklen Flaum auf ihrer Oberlippe. Unter Benjamin Merlins Kittel und dem seines Sohnes Ruel schauten Fransen hervor. Der Brei aber war gut. Merlin fragte höflich, ob Rob eine gute Nacht verbracht habe. »Ich dachte noch lang über unser Gespräch nach. Leider fiel mir kein Medicus ein, den ich als Lehrer und Beispiel empfehlen könnte.«
Seine Frau brachte einen Korb mit großen Brombeeren auf den Tisch, und Merlin strahlte. »Ah, Ihr müßt diese Beeren zu Eurem Brei essen, denn sie sind sehr schmackhaft.«
Da sagte Rob: »Ich möchte, dass Ihr mich als Lehrling annehmt.« Zu seiner Enttäuschung schüttelte Merlin den Kopf. Rob erwähnte schnell, dass der Bader ihm viel beigebracht habe. »Ich konnte Euch gestern helfen. Bald könnte ich Eure Patienten bei schlechtem Wetter allein besuchen und Euch die Arbeit erleichtern.« »Nein.« "Ihr habt doch bemerkt, dass ich die Fähigkeit besitze zu heilen«, fuhr er hartnäckig fort. »Ich bin stark und könnte auch schwere Arbeit leisten, was immer notwendig ist. Eine siebenjährige Lehrzeit. Oder länger. So lange Ihr wollt.« In seiner Aufregung sprang er auf, stieß an den Tisch, und der Brei schwappte über.
»Es ist unmöglich«, wiederholte Merlin.
Rob war verblüfft. Er war so sicher gewesen, dass Merlin ihn mochte.
»Fehlt es mir an den notwendigen Eigenschaften?«
»Ihr habt ausgezeichnete Eigenschaften. Nach dem, was ich gesehen habe, würdet Ihr einen ausgezeichneten Arzt abgeben.«
»Was ist es dann?«
»In dieser christlichsten aller Nationen würde ich nicht als Euer Lehrer geduldet werden.« »Wen würde es kümmern?«
»Die Priester würde es kümmern. Sie nehmen mir schon übel, dass ich von französischen Juden abstamme und an einer mohammedanischen Akademie ausgebildet wurde, denn sie betrachten es als Zusammentreffen gefährlicher heidnischer Elemente. Sie lassen mich nicht aus den Augen. Ich fürchte den Tag, an dem meine Worte als Zauberei gedeutet werden oder an dem ich vergesse, ein Neugeborenes zu taufen.«
»Wenn Ihr mich nicht haben wollt, dann nennt mir wenigstens einen anderen Medicus, an den ich mich wenden kann.«
»Ich habe Euch gesagt, dass ich Euch niemandem empfehlen kann. Aber England ist groß, und es gibt viele Ärzte, die ich nicht kenne.«
Rob preßte die Lippen zusammen und legte die Hand auf den Griff seines Schwertes. »Gestern abend sagtet Ihr mir, ich solle den besten Medicus unter den gewiß nicht guten suchen. Wer ist der beste unter den Euch bekannten Ärzten?«
Merlin seufzte und gab nach. »Arthur Giles in St. Ives«, sagte er kalt und befaßte sich wieder mit seinem Frühstück.
Rob hatte nicht vorgehabt, das Schwert zu ziehen, aber die Augen der Frau waren auf seine Hand am Griff gerichtet. Sie zitterte und konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken, weil sie sicher war, dass nun ihre Prophezeiung in Erfüllung ging. Ruel und Jonathan blickten ihn finster an, und Zacharias begann zu weinen.
Rob schämte sich zutiefst darüber, wie er ihre Gastfreundschaft vergolten hatte. Er suchte nach einer Entschuldigung, fand aber keine, wandte sich schließlich von den französischen Hebräern ab, die ihren Brei löffelten, und verließ das Haus.
Der alte Ritter
Arthur Giles in St. Ives erwies sich als schwere Enttäuschung, obwohl Rob sich keine allzu großen Hoffnungen gemacht hatte, denn Benja-min Merlin hatte die Empfehlung nur unter Druck abgegeben. Der Medicus war ein dicker, schmutziger alter Mann, der zumindest leicht verrückt war. Er hielt Ziegen und musste sie zeitweise in seinem Haus untergebracht haben, denn dort stank es schauderhaft. »Die Aderlässe heilen, junger Fremder. Das dürft Ihr nie vergessen! Wenn sonst nichts hilft, ein guter, reinigender Aderlaß, dann noch einer und wieder einer. Das heilt die Schweinehunde«, schrie Giles. Er beantwortete alle Fragen bereitwillig, aber wenn sie über andere Behandlungsmethoden als den Aderlaß sprachen, wurde es deutlich, dass Rob eher den Alten nutzbringend unterrichten konnte als dieser ihn. Giles besaß keinerlei medizinisches Wissen, keine Kenntnisse, die er an einen Schüler weitergeben konnte. Der Medicus bot ihm eine Lehrstelle an und wurde wütend, als Rob ablehnte. Er war froh, als er St. Ives verließ, denn es war besser, Bader zu bleiben und kein solcher Mediziner zu werden wie dieser Mann.
Einige Wochen lang glaubte er, den unmöglichen Traum, Arzt zu werden, aufgeben zu müssen. Er arbeitete bei seinen Vorstellungen schwer, verkaufte eine Menge Umversal-Spezificum und wurde durch den Umfang seiner Börse belohnt. Mistress Buffington gedieh infolge seines Wohlstands, ganz wie zuvor er aus des Baders Wohlstand Nutzen gezogen hatte. Die Katze fraß leckere Überbleibsel und entwickelte sich zusehends zu ihrer vollen Größe: zu einer großen weißen Katze mit hochmütigen grünen Augen. Sie hielt sich für eine Löwin und geriet oft in Raufereien. Als sie in Rochester lagerten, verschwand sie während der Vorstellung und kam erst bei Dämmerung in Robs Lager zurück; die rechte Vorderpfote zerbissen, der größte Teil des linken Ohres fehlte, und ihr weißes Fell war blutbefleckt. Er wusch ihre Wunden und sorgte für sie wie ein Liebhaber. »Mistress, du musst lernen, Raufereien zu vermeiden, wie ich es getan habe, denn sie bringen dir nichts.« Er fütterte sie mit Milch und hielt sie vor dem Feuer auf dem Schoß.
»Wenn ich die Möglichkeit hätte, die mohammedanische Schule zu besuchen«, erklärte er der Katze, »würde ich dich in den Wagen setzen, unsere Stute nach Persien lenken, und nichts könnte uns daran hindern, schließlich diesen heidnischen Ort zu erreichen.« AbuAlial-Hussein IbnAbdullah Ihn Sina wiederholte er sehnsüchtig in Gedanken. »Zur Hölle mit dir, du Araber!« sagte er und ging zu Bett. In dieser Nacht träumte er, dass er gegen einen widerlichen alten Ritter kämpfte und sie mit Dolchen aufeinander einstachen. Der alte Ritter furzte und verhöhnte ihn. Er sah Rost und Flechten auf der schwarzen Rüstung des anderen. Ihre Köpfe waren so nahe, dass er Fäulnis und Rotz von der knochigen Nase hängen sah, in schreckliche Augen blickte und den ekelerregenden, stinkenden Atem des Ritters roch. Sie kämpften verzweifelt. Trotz seiner Jugend und Stärke wusste Rob, dass der Dolch des Gespenstes unbarmherzig und seine Rüstung undurchdringlich war. Hinter dem Ritter erblickte er dessen Opfer: Ma, Pa, den lieben Samuel, den Bader, sogar Tatus und Bartram den Bären. Sein Zorn verlieh ihm Kraft, obwohl er schon spürte, dass die unbarmherzige Klinge des Gegners in seinen Körper eindrang. Er erwachte, die Außenseite seines Gewandes war feucht vom Tau und die Innenseite naß vom Angstschweiß. Er lag in der Morgensonne, fünf Fuß von ihm sang selig ein Rotkehlchen, und er wusste, dass der Traum zwar vorbei, er aber noch nicht mit ihm fertig war. Er war außerstande, den Kampf aufzugeben.
Die dahingegangen waren, würden nicht zurückkommen, so war es eben. Aber gab es etwas Besseres, als ein Leben lang gegen den alten Ritter zu kämpfen? Das Studium der Medizin war auf seine Weise etwas, dem man sich anstelle der fehlenden Familie liebend widmen konnte. Als die Katze zu ihm kam und sich mit ihrem gesunden Ohr an ihm rieb, beschloss er, seinen Traum zu verwirklichen. Das Vorhaben war entmutigend. Er veranstaltete in Northampton, Bedford und Herford Vorstellungen, und in jeder Stadt suchte er Ärzte auf, sprach mit ihnen und stellte fest, dass ihre medizinischen Kenntnisse insgesamt geringer waren als die des Baders. In der Stadt Maldon war der Ruf des Arztes als Stümper so verheerend, dass die Leute, als Rob sich nach dem Haus des Medicus erkundigte, erblaßten und sich bekreuzigten.