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Der Medicus

Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:

Noah Gordon
Der Medicus
Roman

Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon

Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
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Der Mann schloss die Augen und nickte. »Wie ist es geschehen und wann?«

»Gestern mittag. Ich stürzte von dem verdammten Dach, während ich das Schilf ausbesserte.« »Ihr werdet jetzt eine Zeitlang das Schilf nicht ausbessern können.«

Merlin blickte Rob an. »Ich werde Hilfe brauchen. Sucht eine Schiene, die etwas länger ist als sein Bein.«

»Er soll dabei keine Häuser oder Zäune einreißen«, knurrte Osbern. Rob machte sich auf die Suche. In der Scheune lagen ein Dutzend Buchen- und Eichenstämme sowie ein Stück Kiefer, das zu einer Latte geschnitten worden war. Sie war zu breit, aber das Holz war weich, und Rob brauchte nicht lange, um es mit dem Werkzeug des Bauern der Länge nach zu spalten.

Osbern blickte finster, als er die Schiene erkannte, sagte aber nichts. Merlin seufzte. »Er hat Schenkel wie ein Bulle. Uns steht Arbeit bevor, Cole.« Er ergriff das verletzte Bein am Knöchel und an der Wade und versuchte einen gleichmäßigen Druck auszuüben, während er gleichzeitig das verdrehte Glied wendete und gerade bog. Es knackte leise, als würden getrocknete Blätter zerdrückt, und Osbern stieß ein lautes Gebrüll aus.

»Es hat keinen Sinn«, stellte Merlin fest. »Seine Muskeln sind gewaltig. Sie haben sich verkrampft, um das Bein zu schützen, und ich besitze nicht genug Kraft, um ihrer Herr zu werden und den Bruch einzurichten.«

»Laßt mich es versuchen!« bat Rob.

Merlin nickte, doch zuerst gab er dem Bauern, der zitternd und infolge des qualvollen Schmerzes schluchzte, einen vollen Becher Schnaps.

»Gib mir noch einen!« keuchte Osbern.

Als er den zweiten Becher geleert hatte, ergriff Rob das Bein, wie es Merlin getan hatte. Er vermied sorgfältig einen plötzlichen Ruck, übte gleichmäßigen Druck aus, und Osberns tiefe Stimme stieg zu einem schrillen, langen Schrei an.

Merlin hatte den großen Mann unter den Armen gepackt und zog in die andere Richtung, sein Gesicht war verzerrt, und seine Augen quollen vor Anstrengung hervor.

»Wir kriegen es hin«, rief Rob, damit Merlin ihn trotz der Schmer-zensschreie hören konnte. »Es bewegt sich!«

Noch während er sprach, kratzten die Enden des gebrochenen Knochens übereinander und rasteten ein.

Der Mann im Bett war plötzlich still. Rob sah nach, ob er ohnmächtig geworden war, aber Osbern lag mit tränenüberströmtern Gesicht schlaff, doch bei vollem Bewusstsein vor ihm.

»Behaltet den Zug auf das Bein bei!« drängte Merlin. Er fertigte aus Stoffetzen eine Schlinge an und befestigte sie um Osberns Fuß und Knöchel. Nun knüpfte er das Ende eines weiteren Fetzens an die Schlinge und das andere Ende straff an den Türgriff. An dem gestreckten Bein brachte er dann die Schiene an. »Jetzt könnt Ihr ihn loslassen«, sagte er zu Rob.

Zur Sicherheit banden sie das gesunde Bein an das geschiente. Innerhalb von Minuten hatten sie den eingeschnürten, erschöpften Patienten beruhigt. Sie hinterließen seiner blassen Frau Anweisungen und verabschiedeten sich von seinem Bruder, der sich um den Hof kümmern wollte.

Draußen blieben sie stehen und sahen einander an. Ihre Hemden waren vollkommen durchgeschwitzt, und ihre Gesichter waren genauso naß wie Osberns tränenüberströmte Wangen. Der Arzt lächelte und schlug Rob auf die Schulter. »Ihr müßt jetzt mit mir nach Hause kommen und mit uns zu Abend essen«, sagte er.

»Meine Deborah«, stellte Benjamin Merlin seine Frau vor. Sie war rundlich, hatte eine Figur wie eine Taube, eine spitze, kleine Nase und sehr rote Wangen. Die Frau des Medicus war blaß geworden, als sie Rob sah, und verbeugte sich bei der Vorstellung steif. Merlin trug eine Schüssel Brunnenwasser in den Hof, damit Rob sich erfrischen konnte. Während er sich wusch, hörte er, wie die Frau im Haus ihren Mann in einer Sprache zur Rede stellte, die er noch nie gehört hatte.

Der Arzt verzog das Gesicht, als er herauskam, um sich zu waschen. »Ihr müßt ihr verzeihen. Sie hat Angst. Das Gesetz besagt, dass wir während der heiligen Feste keine Christen im Haus haben dürfen. Es handelt sich aber kaum um ein heiliges Fest. Es ist ein einfaches Abendessen.« Er blickte Rob ruhig an, während er sich abtrocknete. »Aber ich kann Euch, wenn Ihr nicht am Tisch sitzen wollt, das Essen herausbringen.«

»Ich bin dankbar, wenn ich mich zu Euch setzen darf, Meister Medicus.«

Merlin nickte.

Ein merkwürdiges Abendessen. Die Eltern und vier kleine Kinder, drei davon Söhne, saßen am Tisch. Das kleine Mädchen hieß Lea, und ihre Brüder waren Jonathan, Ruel und Zacharias. Die Jungen und ihr Vater trugen bei Tisch Käppchen. Als die Frau einen heißen Laib Brot hereinbrachte, nickte Merlin Zacharias zu, der ein Stück abbrach und in jener gutturalen Sprache zu reden begann, die Rob zuvor gehört hatte.

Sein Vater unterbrach ihn. »Heute wird die brache aus Höflichkeit unserem Gast gegenüber auf englisch gesprochen.«

»Sei gesegnet, o Herr, unser Gott, König der Welt«, begann der Junge sanft, »der das Brot aus der Erde hervorbringt.« Er reichte den Laib Rob, dem das Brot schmeckte und der ihn den anderen weitergab.

Merlin schenkte aus einer Karaffe roten Wein ein. Rob hob wie die anderen seinen Becher, als der Vater Ruel zunickte.

»Sei gesegnet, o Herr, unser Gott, König der Welt. Der Du die Frucht des Weines erschaffst.«

Die Mahlzeit bestand aus einer mit Milch gekochten Fischsuppe; sie schmeckte nicht so wie beim Bader, war aber heiß und schmackhaft.

Danach aßen sie Äpfel aus dem Obstgarten des Juden. Der jüngste Sohn, Jonathan, erzählte seinem Vater sehr empört, dass Kaninchen ihren Kohl fraßen.

»Dann müßt eben ihr die Kaninchen essen«, meinte Rob. »Ihr müsst ihnen Fallen stellen, damit eure Mutter ein wohlschmeckendes Stew bereiten kann.«

Eine merkwürdige, kurze Stille folgte, dann lächelte Merlin. »Wir essen weder Kaninchen noch Hasen, denn sie sind nicht koscher.«

Merlins Frau wirkte besorgt, als befürchte sie, dass er ihre Bräuche nicht verstehen oder nicht billigen würde.

»Es handelt sich um uralte Speisegesetze.« Merlin erklärte, dass Juden Tiere, die ihr Futter nicht wiederkäuen und nicht gespaltene Hufe haben, nicht essen dürfen. Sie können auch Fleisch nicht zusammen mit Milch essen, denn die Bibel lehrt, dass ein Lamm nicht in der Milch seiner Mutter gekocht werden darf. Und sie dürfen kein Blut trinken und kein Fleisch essen, das nicht gründlich ausgeblutet und gesalzen worden ist.

Rob erschauerte, und er sagte sich, dass Mistress Merlin recht gehabt hatte: Er konnte die Juden nicht verstehen.

Juden waren wirklich

Heiden! Sein Magen verkrampfte sich, während der Medicus Gott für das blut- und fleischlose Essen der Familie dankte.

Trotzdem fragte Rob, ob er diese Nacht in ihrem Obstgarten lagern dürfe. Benjamin Merlin bestand jedoch darauf, dass er in einem gedeckten Raum schlief: in der an das Haus angebauten Scheune. Nun lag Rob auf duftendem Stroh und lauschte durch die dünne Wand der scharfen Stimme der Frau. Er lächelte in der Dunkelheit, denn er wusste trotz der unverständlichen Sprache, worum es ging. Du kennst den jungen Rohling nicht und bringst ihn dennoch hierher. Siehst du nicht die verbogene Nase, das zerschlagene Gesicht und die teuren Waffen eines Verbrechers? Er wird uns im Bett ermorden! Dann kam Merlin mit einer großen Flasche und zwei Holzbechern in die Scheune. Er reichte Rob einen Becher und seufzte. »Sie ist sonst eine wunderbare Frau.« Er schenkte ein. »Das Leben hier ist schwer für sie, denn sie fühlt sich von vielen, die ihr teuer sind, abgeschnitten.«

Es war ein gutes, starkes Getränk. »Aus welchem Teil von Frankreich stammt Ihr?«

»Wie dieser Wein, den wir trinken, kommen meine Frau und ich aus dem Dorf Falaise, wo unsere Familien unter dem gütigen Schutz von Robert aus der Normandie leben. Mein Vater und zwei Brüder sind Weinhändler und liefern nach England.« Vor sieben Jahren, erzählte Merlin, sei er nach Falaise zurückgekehrt, nachdem er in Persien auf einer Akademie für Ärzte studiert hatte.

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