Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
»In Persien?« Rob hatte keine Ahnung, wo sich Persien befand, aber er wusste, dass es weit weg war. »In welcher Richtung liegt Persien?« Merlin lächelte. »Es liegt im Osten. Weit im Osten.« »Und wie kamt Ihr nach England?«
Nachdem er als frischgebackener Arzt in die Normandie zurückgekehrt war, stellte Merlin fest, dass es innerhalb der Schutzherrschaft von Herzog Robert zu viele Ärzte gab. Außerhalb der Normandie gab es unaufhörlich Kämpfe, und die wechselnden Gefahren von Krieg und Politik, Herzog gegen Graf, Adelige gegen den König.
»In meiner Jugend war ich mit meinem Vater, dem Weinhändler, zweimal in London gewesen. Ich erinnerte mich an die Schönheiten der englischen Landschaft, und in ganz Europa war König Knuts Beständigkeit bekannt. Also beschloss ich, diese grüne, friedliche Insel aufzusuchen.«
»Und hat sich Tettenhall als gute Wahl erwiesen?« Merlin nickte. »Aber es gibt Schwierigkeiten. Ohne die Menschen unseres Glaubens können wir nicht ordentlich zu Gott beten, und es ist schwierig, die Speisegesetze einzuhalten. Wir sprechen zwar mit unseren Kindern in unserer Sprache, aber sie denken in der Sprache Englands, und trotz unserer Bemühungen kennen sie viele Bräuche ihres Volkes nicht. Ich versuche ständig, andere Juden aus Frankreich hierher zu locken.«
Er wollte wieder einschenken, doch Rob bedeckte seinen Becher mit der Hand. »Ich vertrage nicht viel und brauche einen klaren Kopf.« »Warum habt Ihr mich aufgesucht, junger Bader?« »Erzählt mir von der Schule in Persien!«
»Sie befindet sich in der Stadt Isfahan, im westlichen Teil des Landes.« »Warum seid Ihr so weit gereist?«
»Wohin denn sollte ich reisen? Meine Familie wollte mich nicht zu einem Medicus in die Lehre geben, denn es arbeiten - auch wenn mich das Eingeständnis schmerzt - in ganz Europa beinahe nur jämmerliche Schmarotzer und Spitzbuben in meinem Beruf. Es gibt ein großes Krankenhaus in Paris, das Hotel Dieu, doch dies ist nur ein Pesthaus für die Armen, in das schreiende Menschen geschleppt werden, um dort zu sterben. Dann gibt es eine medizinische Schule in Salerno; eine traurige Stätte! Durch andere jüdische Kaufleute wusste mein Vater, dass in den Ländern des Ostens die Araber aus der Wissenschaft der Medizin eine Kunst gemacht haben. Die Mohammedaner besitzen in Isfahan ein Krankenhaus, das wirklich ein Heilzentrum ist. In diesem Krankenhaus und in einer kleinen Akademie bildet Avicenna Ärzte aus.« »Wer?«
»Avicenna, der hervorragendste Arzt der Welt, dessen arabischer Name Abu Ali al-Hussein Ihn Abdullah Ibn Sina lautet.« Rob ließ Merlin den fremden, wohlklingenden Namen wiederholen, bis er ihn sich gemerkt hatte.
»Ist es schwer, nach Persien zu kommen?«
»Eine gefährliche, mehrere Jahre währende Reise. Zuerst zur See, dann zu Land über schreckliche Berge und durch ausgedehnte Wüsten.«
Merlin blickte seinen Gast scharf an. »Ihr müßt Euch die persischen Akademien aus dem Kopf schlagen. Wieviel wißt Ihr von Eurem eigenen Glauben, junger Bader? Seid Ihr mit den Problemen Eures gesalbten Papstes vertraut?«
Rob zuckte mit den Achseln. »Johannes XIX.?« Eigentlich wusste Rob außer dem Namen des Papstes und der Tatsache, dass er das Oberhaupt der heiligen Kirche war, nichts.
»Johannes XIX. Er ist ein Papst, der mit gespreizten Beinen auf zwei riesigen Kirchen steht, statt auf einer; ein Mann, der versucht, auf zwei Pferden gleichzeitig zu reiten. Die westliche Kirche ist ihm immer unverbrüchlich treu, aber in der Kirche des Ostens herrscht ständig unzufriedenes Murren. Vor zweihundert Jahren rebellierte Photius, der Patriarch der Ostkatholiken in Konstantinopel, und seither hat die Tendenz zu einem Schisma in der Kirche zugenommen. Ihr habt vielleicht im Umgang mit Priestern beobachtet, dass sie Ärzten, Chirurgen und Badern mißtrauisch und ablehnend gegenüberstehen, weil sie glauben, dass sie durch das Gebet die rechtmäßigen Hüter des Körpers und der Seele der Menschen sind.« Rob brummte.
»Die Abneigung der englischen Priester gegenüber Heilkundigen ist jedoch nichts im Vergleich zu dem Haß, den ostkatholische Priester auf die arabischen Ärzteschulen und andere mohammedanische Akademien haben.
Die Ostkirche, die mit den Mohammedanern Grenze an Grenze lebt, führt einen unaufhörlichen erbitterten Krieg gegen den Islam, um Menschen für die Gnade des einzigen wahren Glaubens zu gewinnen. Sie empfindet die arabischen Zentren der Gelehrsamkeit als Verführung zum Heidentum und als ernste Bedrohung. Vor fünfzehn Jahren erklärte Sergius II., der damalige Patriarch der Ostkirche, dass jeder Christ, der eine mohammedanische Schule östlich von seinem Patriarchat besucht, ein Frevler und Glaubensbrüchiger sei und heidnische Praktiken befolge. Er setzte den Heiligen Vater in Rom unter Druck, damit sich dieser seiner Erklärung anschloß. Benedikt VIII. hatte erst kurz zuvor den Stuhl des heiligen Petrus eingenommen und befürchtete, der Papst zu werden, unter dem die Spaltung der Kirche erfolgen würde. Um die unzufriedenen Elemente im Osten zu beruhigen, gewährte er Sergius bereitwillig seinen Wunsch. Die Strafe für heidnische Praktiken ist die Exkommunikation.«
Rob schob die Lippen vor. »Das ist eine strenge Strafe.« Der Medicus nickte. »Noch strenger, da sie schreckliche Strafen unter weltlichem Recht nach sich zieht. Die unter König Aethelred und auch unter König Knut erlassenen Gesetze bezeichneten das Heidentum als Kapitalverbrechen. Die deswegen Verurteilten sind schwer bestraft worden. Manche wurden in schwere Ketten geschmiedet und mussten jahrelang als Pilger herumwandern, bis die Fesseln verrosteten und ihnen vom Körper fielen. Etliche wurden verbrannt. Einige wurden gehängt und andere ins Gefängnis geworfen, wo sie bis heute vermodern. Die Mohammedaner ihrerseits haben keinen Grund, Mitglieder einer feindlichen, sie bedrohenden Religion auszubilden, und christliche Studenten werden seit Jahren nicht mehr an den Akademien im östlichen Kalifat zugelassen.« »Ich verstehe.«
»Vielleicht ist Spanien eine Möglichkeit für Euch. Es liegt in Europa, am äußersten weltlichen Rand des westlichen Kalifats. Dort sind beide Religionen nicht so erbittert. Es gibt in diesem Land ein paar christliche Studenten aus Frankreich. Die Mohammedaner haben in Städten wie Cordoba, Toledo und Sevilla große Universitäten errichtet. Wenn Ihr eine von diesen absolviert, werdet Ihr als Gelehrter anerkannt. Und obwohl Spanien nicht leicht zu erreichen ist, ist die Reise bei weitem nicht so schwierig wie die nach Persien.« »Warum seid Ihr nicht nach Spanien gegangen?« »Weil Juden in Persien studieren dürfen.« Merlin lächelte. »Und ich wollte den Saum von Ibn Sinas Gewand berühren.« Rob runzelte die Stirn. »Ich möchte nicht quer durch die Welt reisen, um ein Gelehrter zu werden. Ich will nur ein guter Medicus werden.« Merlin schenkte sich Wein nach. »Es erstaunt mich - Ihr seid ein junger Rehbock und tragt dennoch Kleidung aus feinem Stoff und Waffen, die ich mir nicht leisten kann. Das Leben eines Baders hat seine Annehmlichkeiten. Warum wollt Ihr dann Medicus werden, was die schwerere Arbeit und Ungewissen Gewinn bringt?«
»Ich habe gelernt, verschiedene Leiden zu behandeln. Ich kann einen zerquetschten Finger abtrennen und den Stumpf ordentlich versorgen. Aber zu mir kommen so viele Menschen, bezahlen mich, und ich weiß nicht, wie ich ihnen helfen soll. Ich bin unwissend. Ich sage mir, dass manche bestimmt gerettet werden könnten, wenn ich mehr wüßte.«
»Selbst wenn Ihr mehrere Leben lang Medizin studiert, würden Menschen zu Euch kommen, deren Krankheit ein Rätsel ist, denn die Qual, von der Ihr sprecht, gehört zu dem Beruf des Heilens, und man muss mit ihr leben.
Dennoch ist es wahr: Je besser die Ausbildung, um so rnehr Gutes kann der Arzt tun. Ihr gebt den bestmöglichen Grund für Euren Ehrgeiz an.« Merlin leerte seinen Becher nachdenklich. »Wenn die arabischen Schulen nicht für Euch zugänglich sind, müßt Ihr die Arzte Englands sichten, bis Ihr den besten Medicus unter all den gewiß nicht guten findet, und vielleicht könnt Ihr einen dazu überreden, Euch als Lehrling anzunehmen.« »Kennt Ihr einen solchen Medicus?«