Der stolze Orinoco
- Автор: Верн Жюль Габриэль
- Язык: немецкий
- Жанр: Путешествия и география
Электронная книга - «Der stolze Orinoco». Краткое содержание книги:
Da mischte sich noch Herr Miguel, der den Himmel betrachtet hatte, in das Gespräch.
»Sind Sie nicht zufrieden mit dem Wetter, Valdez? fragte er.
- Nicht so ganz, Herr Miguel. Da oben ziehen Wolken aus dem Süden herauf, und die haben nichts Gutes zu bedeuten.
- Wird der Wind sie nicht vertreiben?
- Wenn er aushält. vielleicht. doch wenn er, wie ich fürchte, abflaut oder sich ganz legt. Was da unten heraufsteigt, sind Gewitterwolken, und es ist ja nicht selten, daß solche dem Winde entgegen ziehen.«
Jacques Helloch ließ die Blicke über den Horizont schweifen und schien die Ansicht des Schiffers Valdez zu theilen.
»Nun, inzwischen, sagte er, wollen wir die Brise ausnutzen und so viel wie möglich Weg zurückzulegen suchen.
- Daran soll es nicht fehlen, Herr Helloch!« versicherte der Führer der »Gallinetta«.
Im Laufe des Vormittags erlitten die Piroguen keine nennenswerthe Verzögerung. Immer genügten die prall geschwellten Segel zur Ueberwindung der Strömung, hier übrigens einer recht schnellen, zwischen den von weiten Ilanos begrenzten Ufern und dem da und dort von einzelnen Mesas, das sind grünbedeckte Erdhaufen, durchsetzten Orinoco. Mehrere Rios, die von den letzten Regengüssen her noch reichliche Wassermassen führten, nach fünf bis sechs Wochen aber ganz versiegt sein würden, mündeten hier in den Hauptstrom ein.
Dank der Brise konnten die Fahrzeuge nach Umschiffung der Risse von Nericawa, wenn auch unter mancher Schwierigkeit und großer Anstrengung, das kleine Raudal von Aji überwinden, dessen Durchlässe zur Zeit überall noch Wassertiefe genug hatten, zwischen ihren Felsblöcken hindurchzulavieren. Eine Gefahr lag dabei nur darin, daß eine unerwarteterweise von der Strömung gepackte Pirogue gegen eine solche Klippe geschleudert würde, an der sie unfehlbar zertrümmert werden mußte.
Ein solcher Unfall wäre der »Moriche« beinahe zugestoßen. Mit ungeheurer Gewalt fortgerissen, war sie nahe daran, an die Kante eines mächtigen Felsblocks geworfen zu werden. Wäre dieses Unglück eingetroffen, so hätten die »Gallinetta« und die »Maripare« jedenfalls die Insassen und das Material der »Moriche« noch retten können. In diesem Falle hätten Jacques Helloch und sein Begleiter wohl oder übel nach einer andern Falca übersiedeln müssen, und es lag ja auf der Hand, daß dann die »Gallinetta« die beiden Landsleute an Bord aufnahm.
Das war ein möglicher Fall, der dem Sergeanten Martial -um nicht mehr zu sagen - gewiß arg gegen den Strich gegangen wäre, obwohl die den beiden Franzosen zu gewährende Gastfreundschaft voraussichtlich nur wenige Stunden dauern konnte.
Nachdem die Schiffsleute den Gefahren des Raudals von Aji entgangen waren, gelang ihnen ebenso die Passage des Raudals von Castillito, des letzten, das stromabwärts von San-Fernando die Schifffahrt erschwerte.
Nach eingenommenem Frühstück, d.h. um die Mittagszeit, erschien Jacques Helloch auf dem Vordertheil der »Moriche«, um eine Cigarre zu rauchen.
Mit lebhaftem Bedauern mußte er sich überzeugen, daß Valdez sich in seiner Voraussicht nicht getäuscht hatte.
Die Brise wurde schwächer und die schlaffen Segel vermochten kaum noch die Strömung überwinden zu helfen. Nur zuweilen noch spannte sie ein kurzer Windstoß stärker an, wobei die Piroguen ein paar Kabellängen weiter hinausgelangten.
Es lag auf der Hand, daß der Zustand der Atmosphäre in kurzer Zeit eine starke Veränderung erfahren werde. Im Süden thürmten sich bleigraue, von dunkleren Streifen wie das Fell mancher Raubthiere durchzogene Wolkenmassen auf. In der Ferne flogen auch zerfaserte Dunstsetzen schnell über den Himmel. Die Sonne, die zur Zeit ihrer Culmination im Zenith stand, mußte bald hinter dem dichten Dunstwall verschwinden.
»Desto besser! rief Germain Paterne, über dessen gebräunte Wangen große Schweißtropfen hinabrieselten.
- Nein, desto schlimmer! entgegnete Jacques Helloch. Es wäre angenehmer, sich zu Wasser aufzulösen, als auf diesem Theile des Stromes, wo ich keinen Schlupfwinkel sehe, von einem Unwetter überrascht zu werden.«
Herr Felipe äußerte eben zu seinen Collegen:
»Man kann kaum noch athmen, und wenn sich der Wind ganz legt, müssen wir ersticken.
- Wissen Sie, wieviel das Thermometer im Innern des Deckhauses zeigt? erwiderte Herr Varinas. Siebenunddreißig
Centigrade, und wenn es nur noch ein wenig steigt, sind wir in Gefahr, gesotten zu werden.
- Eine solche Hitze hab' ich auch noch nicht erlebt!« sagte Herr Miguel einfach und wischte sich gemüthsruhig die Stirn ab.
In den Deckhäusern Schutz zu suchen, war ganz unmöglich geworden. Auf dem Hintertheile der Piroguen konnte man wenigstens ein wenig Luft »schnappen« - freilich eine glühende Luft, die dem Schachte eines Hochofens zu entströmen schien. Zum weitern Unglück bewegten sich die Falcas ja mit der Brise, so daß man von dieser kaum etwas und bei dem bedrohlich zunehmenden Aussetzen derselben gar nichts verspürte.
Der »Gallinetta«, der »Maripare« und der »Moriche« gelang es indeß, gegen drei Uhr eine größere Insel anzulaufen, die man auf den Karten unter dem Namen Amananemi verzeichnet findet, eine bewaldete Insel mit dichtem Gestrüpp und steil abfallenden Ufern. Indem sie den Arm des Stromes hinausgingen, wo nur eine mäßigere Strömung stand, und sich mittelst der Espilla weiter fortarbeiteten, erreichten die Schiffsleute noch glücklich die Südspitze dieser Insel.
Die Sonne war jetzt hinter den angehäuften Dunstmassen, die sich eine über die andre hinwegzuwälzen schienen, verschwunden. Lang andauerndes Donnerrollen ertönte von Süden her. Schon zerrissen die ersten Blitze die Wolkenhaufen, die fast zu zerspringen drohten. Von Norden her wehte kein Lufthauch mehr. Das Gewitter zog herauf und breitete seine elektricitätsschwangern Fittige von Osten bis nach Westen hin aus. Daß die großartige Naturerscheinung ohne furchtbaren Aufruhr der Elemente vorübergehen könnte, war zwar nicht ausgeschlossen, doch auch der vertrauensseligste Meteorolog hätte es hier nicht zu hoffen gewagt.
Aus Vorsicht wurden die jetzt doch ganz nutzlosen Segel der Piroguen eingezogen. Die Schiffsleute legten aus demselben Grunde auch die Masten nieder und banden sie auf den Schiffen fest. Sobald die Falcas zurückzuweichen begannen, erfaßte jeder die Palaucas und arbeitete sich, mit so viel Kraft, wie ihm die erstickende Atmosphäre gerade noch übrig gelassen hatte, gegen den Strom hinaus.
Nach der Insel Amanameni erreichte man die nicht kleinere Insel Guayartivari, wo es möglich war, sich längs des abschüssigen Ufers hinzuschleppen. Die Piroguen kamen dabei schneller als durch die Palancas vorwärts und konnten unter diesen Umständen über die stromaufwärts gelegene Spitze hinausgelangen.
Während die Mannschaften, die so schwer zu schleppen gehabt hatten, ein wenig ausruhten, um nachher die Palancas mit neuer Kraft zu handhaben' näherte sich Herr Miguel der »Moriche«.
»Wie weit sind wir noch von San-Fernando? fragte er.
- Drei Kilometer, erklärte Jacques Helloch, der eben die Stromkarte eingesehen hatte.
- Nun, diese drei Kilometer müssen wir im Laufe des Nachmittags noch hinter uns bringen,« sagte Herr Miguel sehr bestimmt.
Dann wendete er sich an die Schiffsmannschaften.
»Auf, liebe Freunde, rief er mit lauter Stimme, noch eine letzte Anstrengung! Ihr sollt es nicht zu bereuen haben und werdet für Eure Mühe reichlich belohnt werden. Zwei Piaster für jeden Mann, wenn wir noch heute Abend am Quai von San-Fernando liegen!«
Die Gefährten des Herrn Miguel verpfändeten ebenfalls ihr Wort für diese Zusage. Angefeuert durch den versprochenen Preis, schienen die Mannschaften der drei Piroguen bereit, auch das Unmögliche möglich zu machen, um die Belohnung einzuheimsen. Unter den Verhältnissen freilich, unter denen man ihnen diesen Mehraufwand von Energie zumuthete, waren die zwei Piaster gewiß redlich verdient.