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Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]

Электронная книга - «Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]». Краткое содержание книги:

Der 3. Weltkrieg wurde mit biologischen Waffen ausgetragen. Die Fäulnis, die Menschen bei lebendigem Leib verrotten lässt, grassiert auch noch Jahrzehnte nach Kriegsende. Es gibt ein Serum, doch das ist teuer und nur den Privilegierten vorbehalten.
Die heutigen Machtblöcke der Erde sind zerstoben. Ein greiser Mongole regiert den Weltstaat, ein Tyrann, der sich für die Inkarnation Dschingis Khans und Maos zugleich hält. Sein erdumspannender Geheimdienstapparat ist allgegenwärtig; die Überwachung der Untertanen lückenlos. Er bestimmt, wer der Gnade teilhaftig wird, das Serum zu erhalten. Ein Entzug kommt dem Todesurteil gleich.
Schadrach Mordecai, ein junger Neger aus den ehemaligen USA, ist der Leibarzt des Tyrannen. Er ist persönlich für den Gesundheitszustand des Herrschers verantwortlich, dessen Körper zum größten Teil bereits aus Ersatzorganen besteht. Und Schadrach Mordecai weiß, daß bei den perfekten Sicherheitsmaßnahmen er der einzige Mensch auf der Welt ist, der Hand an das greise Monstrum legen könnte. Doch er ist auf besondere Weise mit dem Tyrannen verbunden: Die Schmerzen des Herrschers sind auch die seinen.
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27. Mai 2012

Der Sicherheitsdienst meldet mir, die Überprüfung der Tonaufzeichnungen dieser Woche habe ergeben, daß Katja Lindman Mordechai verraten hat, er sei der nächste Avatara-Spender. Diese Frauenzimmer reden zuviel. Es war nicht meine Absicht, ihn die Wahrheit darüber erfahren zu lassen, aber nun ist es geschehen. Ich werde ihn in Zukunft genauer beobachten müssen. Das Leiden der Menschheit hat mich die Regierungskunst gelehrt. Ich habe den Mitmenschen mein Leben und die Arbeitskraft von mehr als fünfundsechzig Jahren gewidmet. Ich habe mir kaum etwas gegönnt. Ich war kein Caligula, kein Nero. Das alles gibt mir ein Recht auf ein wenig Kurzweil und Erheiterung: als Ausgleich für die schwere Last der Verantwortung, die ich zu tragen habe. So bereitet es mir ein gewisses — und eingestandenermaßen unmoralisches — Vergnügen, zu beobachten, welche Auswirkungen die neue Erkenntnis auf Doktor Mordechais Verhalten zeitigt. Das Seltsame ist, daß man ihm noch nichts anmerkt. Er gibt sich völlig ruhig. Wahrscheinlich glaubt er noch nicht daran. Will nicht daran glauben. Vermutlich hält er sich für unentbehrlich. Warten wir ab. Er wird noch darauf kommen. Früher oder später wird es ihn wie ein Keulenschlag treffen.

Schadrach findet das Spiel plötzlich nicht mehr amüsant. Diese Experimente in psychologischer Perspektive sind um so weniger spaßig, je mehr die Distanz zwischen ihm selbst und seiner erfundenen Geschichte schrumpft. Und mehr noch, das Spiel ist auf einmal sehr schmerzhaft geworden, es hat einen bloßliegenden Nerv getroffen und schmerzt mit verblüffender Intensität. In den vergangenen zehn Minuten ist es ihm gelungen, seine gleichmütige Gelassenheit selbst zu unterminieren, und nun windet er sich nicht nur, er blutet. Schmerz, Furcht und Zorn überwältigen ihn. Er hat den Eindruck, alle hätten sich gegen ihn verschworen. Er, der freundliche, umgängliche, gutaussehende, humane, seiner Arbeit ergebene Schadrach Mordechai ist, wie sich herausstellt, bloß ein weiterer entbehrlicher Nigger. Wenn wahr ist, was Katja ihm erzählt hat. Wenn. Schadrach ist in größter Unruhe. Dies also ist sein Feuerofen, und er steckt schon darin. Der schwere Schatten des Vorsitzenden liegt über ihm. Eines Tages werden sie ihn holen, werden ihm die Elektroden ansetzen und sein einzigartiges und unersetzliches Selbst auslöschen, und kurz darauf werden sie die Persönlichkeit dieses schlauen alten Mongolen in seinen Schädel pumpen. Wird es wirklich dahin kommen? Katja sagt es. Aber kann er ihr glauben? Sollte er ihr glauben? Er zittert auf einmal. Das Entsetzen geht ihm wie ein Frosthauch durch alle Glieder. Er braucht Ruhe; er könnte eine Dosis vom Beruhigungsmittel des alten Teufels vertragen, eine ordentliche Ladung Pordenone 9 oder vielleicht etwas Stärkeres. Aber Schadrach hält nichts davon, sich in einer Krise unter Drogen zu setzen. Er braucht jetzt seinen klaren Verstand.

Was soll er tun?

Der erste Schritt ist einer, den er schon gestern hätte tun sollen. Er wird wieder zu Nicki Crowfoot gehen. Und ihr ein paar Fragen stellen.

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Sie sieht blaß und spitz aus, noch immer von der Krankheit gezeichnet, ist aber auf dem Wege der Besserung. Sie scheint zu ahnen, warum er gekommen ist, und es bedarf nur eines halben Dutzends rauer Worte von ihm, um die Antwort zu erhalten, die er in Wahrheit nicht hören will. Ja, es ist wahr. Ja. Ja. Schadrach hört sich ihr stammelndes Geständnis, das voller Umschweife und Ausflüchte ist, eine Weile an, dann sagt er mit ruhigem Vorwurf: »Du hättest es mir eher sagen können.« Er blickt sie dabei unverwandt an, und jetzt erwidert sie endlich seinen Blick: nun, da sie die ungeheuerliche Wahrheit zugegeben hat, ist sie imstande, ihn wieder anzusehen. »Warum hast du es mir nicht gesagt, Nicki?« fragt er.

»Ich konnte nicht. Es war nicht möglich.«

»War nicht möglich? Selbstverständlich war es möglich. Du hättest nur den Mund aufzumachen brauchen. ›Schadrach, ich glaube, ich sollte dich warnen, daß du…‹«

»Hör auf«, sagt sie. »So einfach war es für mich nicht.«

»Wann wurde die Entscheidung getroffen?«

»An dem Tag, als Buckmaster zur Organfarm geschickt wurde.«

»Warst du an meiner Auswahl beteiligt?«

»Denkst du, ich hätte daran teilnehmen können, Schadrach?«

Er sagt: »Ich habe vor langer Zeit gelernt, daß schuldige Menschen unangenehme Fragen mit Gegenfragen zu beantworten pflegen.«

Es ist ein böser Hieb, aber sie scheint davon nicht verletzt, und sofort bedauert er ihn. Sie ist eine starke Frau, ganz ruhig jetzt, da er sie demaskiert hat, und mit gefaßter Stimme antwortet sie: »Der Vorsitzende hat sich ganz allein für dich entschieden. Ich wurde nicht gefragt.«

»Verstehe.«

»Du kannst es ruhig glauben.«

Er nickt.

»Ich glaube es.«

»Also?«

»Als du erfuhrst, daß ich der neue Kandidat sei, unternahmst du da irgendeinen Versuch, ihn umzustimmen?«

»Wer hat den Vorsitzenden jemals in irgendeiner Sache umstimmen können?«

»Bemerkst du, wie du meine Frage mit einer eigenen Gegenfrage parierst?«

Diesmal tut es weh. Sie gerät ein wenig aus dem eben erst wiedergewonnenen Gleichgewicht. Ihr Blick weicht ihm aus, und sie sagt mit hohler Stimme: »Na gut. In Ordnung. Ich versuchte nicht, ihn umzustimmen, nein.«

Schadrach schweigt einen Augenblick lang. Dann sagt er: »Ich dachte, ich kennte dich ziemlich gut, Nicki, aber das war ein Irrtum.«

»Was meinst du damit?«

»Ich hielt dich für eine Person, die menschliche Wesen als Endzweck sieht, nicht als Mittel. Ich dachte nicht, du würdest einen… äh… einen engen Freund für die Müllhalde nominieren lassen und keinen Finger rühren, um ihn zu retten, und ihm nicht einmal ein Wort darüber sagen, keine Andeutung machen, was ihm bevorsteht. Ich dachte nicht, daß du ihn sogar meiden würdest, als ob du ihn vom Augenblick seiner Erwählung an als Unperson abgeschrieben hättest. Als ob du fürchtetest, sein Unglück könne ansteckend sein.«

»Warum hältst du mir eine Moralpredigt, Schadrach?«

»Das fragst du noch? Weil es mir wehgetan hat«, sagt er. »Weil jemand, den ich liebte, mich verriet. Weil ich es nicht über mich bringe, dir meinerseits im Innersten wehzutun, wie du es verdient hast.«

»Was hätte ich tun sollen.« fragt Nicki.

»Das rechte.«

»Und was wäre das gewesen?«

»Du hättest dich dem alten Mann widersetzen können. Du hättest ihm sagen können, daß du nicht bereit seist, an der Auslöschung deines Liebhabers mitzuwirken. Du hättest ihn wissen lassen können, daß eine Beziehung zwischen uns bestand, daß du dich außerstande sähest… In Gottes Namen, Nicki, es sollte wirklich nicht nötig sein, daß ich dir alles das erkläre!«

»Ich bin sicher, der Vorsitzende weiß über die Beziehung zwischen uns recht gut Bescheid.«

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