Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 1979
- Язык: немецкий
- Год: Heyne Verlag
- ISBN: 3-453-30537-X
- Переводчик: Walter Brumm
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]». Краткое содержание книги:
Die heutigen Machtblöcke der Erde sind zerstoben. Ein greiser Mongole regiert den Weltstaat, ein Tyrann, der sich für die Inkarnation Dschingis Khans und Maos zugleich hält. Sein erdumspannender Geheimdienstapparat ist allgegenwärtig; die Überwachung der Untertanen lückenlos. Er bestimmt, wer der Gnade teilhaftig wird, das Serum zu erhalten. Ein Entzug kommt dem Todesurteil gleich.
Schadrach Mordecai, ein junger Neger aus den ehemaligen USA, ist der Leibarzt des Tyrannen. Er ist persönlich für den Gesundheitszustand des Herrschers verantwortlich, dessen Körper zum größten Teil bereits aus Ersatzorganen besteht. Und Schadrach Mordecai weiß, daß bei den perfekten Sicherheitsmaßnahmen er der einzige Mensch auf der Welt ist, der Hand an das greise Monstrum legen könnte. Doch er ist auf besondere Weise mit dem Tyrannen verbunden: Die Schmerzen des Herrschers sind auch die seinen.
Die Operation geht reibungslos vonstatten. Zwei saubere Schnitte, und der defekte Abschnitt der Bauchschlagader kommt heraus. Das Ersatzstück wird eingepaßt und sauber vernäht. Die HerzLungen-Maschine hält unterdessen den Blutkreislauf in Gang. Der Patient, bei vollem Bewußtsein, beobachtet die Vorgänge um ihn mit wachem Interesse in den glitzernden schwarzen Augen. Hin und wieder nickt er kaum merklich, wenn Warhaftig besonders geschickte und schwierige Handgriffe vornimmt. Er scheint genau zu verfolgen, was vorgeht; und Schadrach begreift, daß der alte Mann mehr Zeit damit verbracht hat, Chirurgen bei der Arbeit zuzusehen als er selbst. Wahrscheinlich hat der Vorsitzende mittlerweile soviel gelernt, daß er manchen Eingriff eigenhändig ausführen könnte. Warhaftig verschließt den Einschnitt mit der elegant anmutenden Sicherheit eines Künstlers. Die Gewebe sind roh und gerötet, da sie erst vor weniger als zwei Wochen für die Leberverpflanzung aufgeschnitten wurden, und dieser Umstand verlangt nach besonderen vorbeugenden Maßnahmen, aber der Chirurg entledigt sich auch dieser Arbeit mit gewohnter Geschicklichkeit. Als alles vorbei ist, zeigt der Patient ein anerkennendes Lächeln — zahnlos, weil man ihm vor dem Eingriff sicherheitshalber die Gebißprothese herausgenommen hat. »Gute Arbeit«, nuschelt er zu Warhaftig. »Sie haben eine Auszeichnung verdient.«
Schadrach macht sich mit der herausgenommenen Bauchschlagader des Patienten davon. Er sagt Warhaftig — nicht, daß es diesen kümmerte—, daß er das Stück genauer untersuchen wolle, aber welche Untersuchungen könnten ihm etwas über diesen müden, schlaffen Schlauch aus überaltertem Gewebe verraten, was er nicht schon weiß? Er nimmt ihn mit, weil er ein authentisches Stück aus dem Körper des authentischen Dschingis Khan II. Mao ist, und weil er eine Sammlernatur ist: dieses Stück Aorta wird sein kleines Museum medizinischer Erinnerungsstücke bereichern. Ein Relikt von einem der berühmtesten Patienten der Geschichte. Schadrach kennt eine wahrscheinlich apokryphe Geschichte, nach welcher der Arzt, der die Autopsie an Napoleons Leichnam vornahm, den kaiserlichen Penis entfernte und als ein Andenken verwahrte, um ihn schließlich einem befreundeten Arzt zu vermachen, der das seltsame Souvenir zu einem horrenden Preis verkaufte, und so weiter und so fort, bis das kostbare Stück nach langer Wanderung durch die Kollektionen verschiedener Ärzte zuletzt in den Wirren eines der Weltkriege des zwanzigsten Jahrhunderts verlorenging. Er weiß von ähnlichen, diverse Körperteile von Hitler, Stalin, Washington und Katharina der Großen betreffende Geschichten, und bedauert, daß er seinen gegenwärtigen Vertrauensposten zu spät erlangt hat, um eines der wirklich bedeutsamen Organe des Vorsitzenden für seine Sammlung zu gewinnen — vielleicht eine Niere, oder einen Lungenflügel, die Leber, die Bauchspeicheldrüse —, aber all diese Organe waren lange vor Schadrachs Zeit entnommen und durch verpflanzte Fremdorgane ersetzt worden, in einigen Fällen sogar mehrere Male. Schadrach sieht nicht viel Wert darin, des Vorsitzenden vierte Leber in seiner Kollektion aufzubewahren, wenngleich ihm klar ist, daß diese zeitweiligen Bestandteile des großen Mannes bei weitem persönlichere Erinnerungsstücke sind als etwa die Hauspantoffeln oder die Armbanduhr. Aber er zieht das echte, ursprüngliche Gewebe vor, und ein Stück authentischer Bauchschlagader ist das Beste, was er zur Zeit erlangen kann.
Da ist das Aneurysma, groß und reif, drauf und dran, die Wand der Ader zu durchbrechen. Noch ein paar Tage, und es wäre vielleicht passiert, paff!, und mit dem alten Mann wäre es aus gewesen. Dann hätten er und Mangu ein gemeinsames Staatsbegräbnis erhalten. So wäre es unweigerlich gekommen, denkt Schadrach, wenn ich nicht diese Unregelmäßigkeit in den Kreislaufsignalen gefühlt und richtig eingeschätzt hätte. Also habe ich dem Vorsitzenden das Leben gerettet, nicht zum erstenmal, und seine Gesundheit ist wiederhergestellt. Fein. Möge er fünfhundert Jahre leben, und möge ich immer sein Leibarzt bleiben!
16
Allein in seinem Arbeitszimmer, umgeben von den Schätzen seiner medizinischen Bücher und alten Instrumente, und nun diesem Stück in Spiritus eingelegter Bauchschlagader, fühlt Schadrach sich auf eine behagliche Art und Weise eingegraben und in Sicherheit. Diese Avatara-Geschichte wird vorübergehen. Der Vorsitzende ist in Fragen der persönlichen Lebensführung konservativ; er wird an seinem eigenen Mongolenkörper festhalten, so lange er kann, mag die Verlockung noch so groß sein, in Schadrachs kräftige junge Gestalt zu schlüpfen. Darum hat Schadrach kein überstürztes Ende zu befürchten, und in den kommenden Monaten oder vielleicht Jahren kann er versuchen, die Fantasien und Wunschvorstellungen des alten Mannes völlig vom Projekt Avatara abzubringen und auf das Talos-Projekt zu lenken. Das würde Nicki Crowfoots Forschung zunichte machen, aber Avatara ist ethisch ohnedies fragwürdig, und in Anbetracht aller Umstände kann er sich deswegen nicht allzu schuldig fühlen.
Er gibt dem Spiritusglas mit der Aorta einen Ehrenplatz auf seinen Regalen. In späteren Jahrhunderten wird man den weißlich-schlaffen Schlauch vielleicht wie eine Art Reliquie verehren und nicht versäumen, bei der Gelegenheit des verdienstvollen Schadrach Mordechai zu gedenken, der dafür sorgte, daß dieser Schatz der Nachwelt erhalten wurde. Wer weiß? Vor einiger Zeit gab es ein Gerücht, demzufolge verschiedene Originalorgane des Vorsitzenden an unbekanntem Ort in Tiefkühlung verwahrt werden, um später einmal zur Duplizierung des Vorsitzenden mittels Zellkernverschmelzung zu dienen. Schadrach bezweifelt es. Wäre der alte Mann ernsthaft daran interessiert, ein Duplikat von sich selbst heranzuzüchten, so hätte er längst ein entsprechendes Forschungsprogramm eingeleitet und Mittel dafür bereitgestellt; aber soweit Schadrach weiß, geht auf diesem Gebiet nicht viel vor sich.
Schadrach Mordechai hat des öfteren daran gedacht, eine wissenschaftliche Monographie über seinen Patienten zu verfassen, eine vollständige medizinische Biographie, in der alle Organverpflanzungen, Eingriffe und Behandlungen beschrieben werden, die für die Langlebigkeit und vielleicht auch für die furchterregende Vitalität des Vorsitzenden verantwortlich sind. In der ganzen Fachliteratur würde es nichts Vergleichbares geben, nicht einmal die Abhandlung Beaumonts über Alexis St. Martins Verdauungstrakt, von Lord Morans Aufzeichnungen über Churchill gar nicht zu reden: hatte es jemals ein so umfassendes und langdauerndes medizinisches Programm mit dem Ziel gegeben, einen einzelnen Menschen gesund und am Leben zu erhalten?