Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 1979
- Язык: немецкий
- Год: Heyne Verlag
- ISBN: 3-453-30537-X
- Переводчик: Walter Brumm
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]». Краткое содержание книги:
Die heutigen Machtblöcke der Erde sind zerstoben. Ein greiser Mongole regiert den Weltstaat, ein Tyrann, der sich für die Inkarnation Dschingis Khans und Maos zugleich hält. Sein erdumspannender Geheimdienstapparat ist allgegenwärtig; die Überwachung der Untertanen lückenlos. Er bestimmt, wer der Gnade teilhaftig wird, das Serum zu erhalten. Ein Entzug kommt dem Todesurteil gleich.
Schadrach Mordecai, ein junger Neger aus den ehemaligen USA, ist der Leibarzt des Tyrannen. Er ist persönlich für den Gesundheitszustand des Herrschers verantwortlich, dessen Körper zum größten Teil bereits aus Ersatzorganen besteht. Und Schadrach Mordecai weiß, daß bei den perfekten Sicherheitsmaßnahmen er der einzige Mensch auf der Welt ist, der Hand an das greise Monstrum legen könnte. Doch er ist auf besondere Weise mit dem Tyrannen verbunden: Die Schmerzen des Herrschers sind auch die seinen.
Schadrach steht auf und reckt sich. Er kann nicht länger hier herumsitzen und seinen Tagträumen nachhängen; er hat Verpflichtungen, die er nicht vernachlässigen darf. Zunächst muß er die Krankenakte des Vorsitzenden um einen präzisen Bericht über die heutige Aorta-Transplantation ergänzen, wozu er eine Unmenge gespeicherter Informationen und Daten sichten und aus dieser Masse die bedeutsamen Umrisse eines brauchbaren medizinischen Profils herausschälen muß. Also an die Arbeit. Er setzt sich an den Computeranschluß und fordert das Datenmaterial über die Operation dieses Morgens an. Doch während er arbeitet, wird sein Bewußtsein immer wieder von der aufdringlich krächzenden Stimme des alten Mannes abgelenkt, die ihm unzusammenhängende Fetzen imaginärer Memoiren diktiert.
27. Mai 1998
Die Volksrepublik ist wieder einmal führerlos, und alles spricht dafür, daß die Regierung noch am Vormittag zurücktreten wird. Schirendyb, der fünfte Ministerpräsident in den vergangenen sechs Monaten, erlag am gestrigen Abend der Organzersetzung. Politbüro und Parteipräsidium sind dezimiert; die Straßen Ulan Bators sind voll von kranken und sterbenden Flüchtlingen aus dem Umland, die mit der unbestimmten Hoffnung auf Hilfe und Heilung in die Hauptstadt gekommen sind. Nun müssen sie feststellen, daß es hier nicht besser, sondern womöglich noch schlimmer aussieht als auf dem Land. Und so sieht es überall aus. Die Pest des Viruskriegs hat drei Milliarden Menschen dahingerafft, und in den Ländern ohne straff zusammengefaßte Parteikader und Massenorganisationen brechen die bankrotten staatlichen und ökonomischen Strukturen zusammen wie morsche Gemäuer unter den Stößen eines Erdbebens. Ich werde Ulan Bator nicht verlassen. Ich glaube, unsere Zeit ist endlich angebrochen. Jetzt kommt alles darauf an, einen kühlen Kopf zu bewahren und die richtigen Entscheidungen zu treffen.
16. November 2008
Zur Feier des zehnten Jahrestags des Sieges der Weltrevolution reiste ich an der Spitze des Revolutionsrates nach Karakorum und weihte dort den neuen Vergnügungspark ein. Man lud mich ein, die bewußtseinserweiternden Erfahrungen kennenzulernen, die unter den Bezeichnungen ›Traumtod‹ und ›Transtemporalismus‹ angeboten werden. Ich entschied mich für Traumtod. Die unwiderstehliche Faszination des Morbiden. Die Sache findet in einer großen Jurte statt, die mit pseudoägyptischen Motiven vollgestopft ist. Die häßlichen alten Tiergötter starren allenthalben wie Wasserspeier von den Wänden. Man glaubt den Gestank des NilSchlamms zu riechen und das Summen ungezählter Fliegen zu hören. Das Personal trägt Masken, alles ist in blendende Helligkeit getaucht. Man machte ein großes Aufheben um mich. Natürlich war ich zu dem Zeitpunkt der einzige, der dieser drogenerzeugten Illusion teilhaftig wurde. Ich ließ mich hinter einer Phalanx ausgesuchter Sicherheitsbeamter hypnotisieren. Die erste Empfindung war die des Sterbens, sehr überzeugend, glaube ich, aber was wissen wir davon? Und dann folgte ein Traum. Aber in meinem Traum war die Welt genauso wie sie ist, wenn ich wach bin. Man hatte mir farbenprächtige Illusionen und surrealistische Fantasien versprochen. Nichts davon. Hat man mich getäuscht? Oder getraute man sich nicht, mich von der echten bewußtseinserweiternden Erfahrung kosten zu lassen?
4. Juni 2010
Heute trat der neue Leibarzt seinen Dienst an. Schadrach Mordechai. Wie kommt ein Neger zu einem jüdischen Namen? Er ist jung und nimmt sein Amt sehr ernst. Es fällt ihm schwer, die Furcht und das Entsetzen zu verbergen, die ich ihm einflöße, aber das mag vorübergehen. Wenn er in meiner Nähe ist, hält er sich stocksteif. Er hat sich auf Gerontologie spezialisiert und seit mehreren Jahren am Projekt Phönix mitgearbeitet. Als er seinen Antrittsbesuch machte, sagte ich zu ihm: »Wir treffen ein Abkommen, Sie und ich. Sie erhalten mich gesund, und ich erhalte Sie gesund. Einverstanden?« Er lächelte, aber hinter dieser Fassade blickte die nackte Angst hervor. Zu plump von mir, fürchte ich.
Irgendwie gelingt es Schadrach, das Profil herauszuarbeiten und seinen Bericht zu diktieren. Nun wendet er sich der nächsten Aufgabe zu, der Durchsicht eines Arbeitspapiers von Irina Sarafrazi. Es steht nicht viel Neues darin; das Projekt ringt nach wie vor mit dem Problem des fortschreitenden Zerfalls der Gehirnzellen, und wie Schadrach vorausgesehen hat, sind auf diesem entscheidenden Gebiet keinerlei Fortschritte erkennbar. Trotzdem muß er den Bericht durchlesen und sich einen ermutigenden Kommentar dazu ausdenken. Unterdessen meldet sich in seinem Kopf wieder die hartnäckige Geisterstimme zu Wort und versucht ihn mit sprunghaften Fantasien abzulenken. Verbissen arbeitet er weiter, bemüht, die geistigen Funkstörungen zu ignorieren.
10. Mai 2012
Eine Schreckensbotschaft! Meuchelmörder haben Mangu getötet. Gerade kommt Horthy herein und blökt hysterisch von aus dem Fenster stürzenden Körpern. Wie konnte das geschehen? Still und heimlich in Mangus Schlafzimmer, ihn überwältigen, zum Fenster schleppen und hinaus! Ich bin vor Zorn und Kummer außer mir. Was werde ich jetzt tun? Meine Pläne für Mangu sind zunichte gemacht. Mordechai erzählt mir, das Projekt Phönix sei wegen unüberwindlicher biologischer Schwierigkeiten blockiert, möglicherweise für immer. Projekt Talos kommt langsam voran, aber Talos wollte mir noch nie recht gefallen. Damit bleibt mir noch Avatara, und ohne Mangu ist es…
Ah. Ich werde Mordechai verwenden. Ein kräftiger, junger und gesunder Körper. Ich werde glücklich darin sein. Und schwarz. Eine Neuheit. Ich sollte alle Erscheinungsformen der Menschheit ausprobieren. Wenn Mordechais Körper alt geworden ist, sollte ich vielleicht in einen weißen umziehen. Vielleicht sogar in eine Frau. Oder in einen Riesen, einen Zwerg — das sind alles Möglichkeiten…
Mordechai ist ein guter Arzt und ein angenehmer Gesellschafter gewesen, ein Mann, der weiß, wann er den Mund zu halten hat. Aber es gibt andere Ärzte, und die Gesellschaft von Mitmenschen wird mir immer unwichtiger. Sollte ich ein Schuldbewußtsein entwickeln, daß ich ihn auslösche? Mag sein, daß ich eine Weile unter Gewissensbissen leiden werde, ein paar Tage vielleicht. Aber ich muß über solche Empfindungen hinauswachsen.
16. Mai 2012
Weitere Überlegungen zu der Wahl Mordechais als Ersatz für Mangu. Offenbar halten sich im Unterbewußtsein noch Reste von Schuldgefühlen. Aber warum? Ich denke ja nicht daran, ihn zu ermorden, sondern ich will ihn ehren, indem ich seinen Körper zum Träger enormer Machtvollkommenheit mache. Natürlich mag er einwenden, daß meine Pläne für ihn wenn auch nicht auf direkten Mord, so doch bestenfalls auf eine Form von Sklaverei hinauslaufen, und seinesgleichen habe genug Sklaverei ertragen. Aber nein: Mordechai ist mit seinen unglücklichen Vorfahren nicht identisch, und alle alten Schulden sind vom Viruskrieg beglichen worden, der Sklaven und Herren ohne Unterschied dahinraffte, vor Generälen sowenig haltmachte wie vor Säuglingen und die Überlebenden in einen geschichtslosen Zustand ohne Vergangenheit entließ, in eine neue Welt, worin die Geschichte jeden Tag neu geboren wird. Was haben uns Heutigen die Verbrechen der Sklaventreiber zu sagen? Die alte Gesellschaft, deren Ausbeutungscharakter unter anderem die Sklaverei als einfachste und lohnendste Aneignungsmethode hervorbrachte, besteht nicht mehr. Und ich habe meinen Teil dazu beigetragen. Ich habe es nicht nötig, mich mit der Schuld anderer zu beladen. Ich bin kein Deutscher; wenn es notwendig wird, kann ich Juden in den Verbrennungsofen schicken, ohne mich für vergangene Sünden zu entschuldigen. Ich bin kein Weißer; darum macht es mir nichts aus, einen Schwarzen zu versklaven. Die Vergangenheit ist tot. Die Geschichte besteht jetzt aus leeren Seiten. Außerdem — falls historische Imperative noch fortbestehen sollten — bin ich Mongole: meine Vorfahren unterwarfen die halbe Welt. Soll ich mich in Kleinlichkeiten verlieren? Ich werde seinen Körper haben.