Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 1979
- Язык: немецкий
- Год: Heyne Verlag
- ISBN: 3-453-30537-X
- Переводчик: Walter Brumm
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]». Краткое содержание книги:
Die heutigen Machtblöcke der Erde sind zerstoben. Ein greiser Mongole regiert den Weltstaat, ein Tyrann, der sich für die Inkarnation Dschingis Khans und Maos zugleich hält. Sein erdumspannender Geheimdienstapparat ist allgegenwärtig; die Überwachung der Untertanen lückenlos. Er bestimmt, wer der Gnade teilhaftig wird, das Serum zu erhalten. Ein Entzug kommt dem Todesurteil gleich.
Schadrach Mordecai, ein junger Neger aus den ehemaligen USA, ist der Leibarzt des Tyrannen. Er ist persönlich für den Gesundheitszustand des Herrschers verantwortlich, dessen Körper zum größten Teil bereits aus Ersatzorganen besteht. Und Schadrach Mordecai weiß, daß bei den perfekten Sicherheitsmaßnahmen er der einzige Mensch auf der Welt ist, der Hand an das greise Monstrum legen könnte. Doch er ist auf besondere Weise mit dem Tyrannen verbunden: Die Schmerzen des Herrschers sind auch die seinen.
17. Oktober 2012
Mein Geburtstag. Dschingis Khan II. Mao ist heute zweiundneunzig, obgleich mein offizielles Alter erst siebenundachtzig beträgt. Doch gibt es ma nche, die glauben, ich sei über hundert Jahre alt. Das würde bedeuten, daß ich um 1905 geboren wäre. Kann jemand im Ernst so etwas glauben? Ist 1920 nicht schon schlimm genug? Lenin, Trotzki, Sukhe Bator, Lloyd George, Clemenceau, Wilson… meine Zeitgenossen. Und ich bin noch immer am Leben, in diesem Jahr 2012, ich, der frühere Namsan Gombojab, geboren in Sain-Shanda, jüngster Sohn des Yaktreibers Khorlogijin Gombojab, der…
Nein. Die Veränderung der Einzelheiten ist trivial. Mag er ursprünglich Choijamtse, Gombojab, Ochirbal oder wie immer geheißen haben; mag er 1925, 1920, 1915 oder sogar 1910 geboren sein; mag er seine Karriere im Verteidigungsministerium, in der Behörde für die Landreform, im Kommissariat für Volksaufklärung gemacht haben: alles das macht keinen Unterschied. Die tiefwurzelnden Wesenszüge des alten Mannes, seine Ansichten und sein Weltbild sind dein Thema, Schadrach. Nicht die Belanglosigkeiten von Jahreszahlen und Orten.
14. Mai 2012
Vor kaum zwei Stunden wurde die Leberverpflanzung beendet, und hier liegt der zweite Dschingis Khan, alt und lederig, aber noch nicht tot, weit gefehlt; er ist wach, voll Energie, aufmerksam. Ich bin stolz auf ihn, auf seine unauslöschbare Lebenskraft, seine niemals erlahmende Spannkraft. Ich grüße dich, alter Freund! Ha! Ich fühle Schmerzen in meinem Leib, aber es ist nichts, worüber zu ächzen sich lohnte. Schmerz ist das Zeichen dafür, daß wir leben und Zeichen dafür, daß wir leben und fühlen, daß wir auf Reize reagieren. Die Müdigkeit und die Schwere, die mich überkamen, als die alte Leber zu versagen begann, beginnen bereits zu weichen. Ich fühle, wie mein Körper sich selbst reinigt. Mir ist, als schwebte ich zwei Meter über meinem Bett, über all den komplizierten und schönen Apparaten, die heilende und nährende Flüssigkeiten in meine irdische Hülle pumpen. Wie gesund und schön ist der Schmerz, dieses langsame, tiefe Pochen… wie eine Glocke, die im alten Körper läutet und ihn zum Weiterleben ruft. Meine geschickten Ärzte haben einen weiteren Triumph errungen.
Meine Ärzte. Warhaftig langweilt mich, aber er ist die Vollkommenheit in Person. Es beruhigt mich, wenn ich seine Hände in meiner Bauchhöhle verschwinden sehe. Dann weiß ich, daß sie irgendeinen schlaffen roten Klumpen voller Krankheit zum Vorschein bringen und beiseite werfen und an seiner Stelle ein neues, gesundes Organ einsetzen. Warhaftig versagt nie. Aber er ist ein häßlicher Mensch, mit dieser fleischigen Judennase, den Hängebacken und den genießerischen Lippen. Dazu diese leichenhaft weiße Haut! Ein Genie, aber häßlich und langweilig im Umgang. War er jemals jung? Kauerte er jemals hinter einem Busch, um nackte Frauen beim Baden im Fluß zu beobachten? Er nicht. Nein, bestimmt nicht. Ob er sich jemals ins Gras geworfen und zum blauen Himmel hinaufgelacht hat, die Lerchentriller im Ohr? Warhaftig? Niemals!
Mordechai ist interessanter. Anmutig, immer höflich, ein klarer, kühler Verstand in einem kräftigen Körper. Man sieht ihn gern um sich. Und diese schwarze Haut! Als ich vierzig war und eine Delegation aus Guinea meine Abteilung besuchte, sah ich das erste Mal in meinem Leben Schwarze. Die glänzenden Gesichter, das büschelartige, wollige Haar, die langen Gewänder. Dazu erschreckend weiße Augäpfel, rosa Handflächen wie Gorillas, tiefe Stimmen, sehr fremdartig. Sie sprachen Französisch. Mordechai ist nicht ganz wie jene Afrikaner; er ist womöglich noch schwärzer als sie, aber sehr groß und sehr zivilisiert, und vom Dschungel haftet ihm nichts mehr an. Manchmal macht er mir Vorhaltungen, als ob ich ein Kind wäre, ein ungezogener Dreikäsehoch. Und immer ist er um meine Gesundheit besorgt. Ja, ein gewissenhafter Mensch, das muß man ihm lassen, ernst und immer in Sorge wegen diesem oder jenem. Er wirkt zuweilen allzu verständig, allzu vernünftig. Man fragt sich, wo die Dämonen in ihm stecken. Niemand ist ohne Dämonen, auch Mordechai nicht. Mir gefällt, daß er jung ist, wenigstens fünfzig Jahre jünger als ich. Dennoch sind wir Zeitgenossen, Männer des gegenwärtigen Augenblicks, beide vor relativ kurzer Zeit noch unbekannt. Aber während ich lange warten mußte, um zu werden, was ich bin, hat er es schon in jungen Jahren zu etwas gebracht. Sein Lächeln ist gutmütig; der Zynismus älterer Ärzte geht ihm noch ab. Er hat den Viruskrieg und die schlimmen Zeiten danach überlebt, und alles konnte seiner inneren Ruhe nichts anhaben, er hat Vertrauen in die Zukunft, geht in seinem Heilberuf auf. Er würde sogar jene heilen, die seine Vorfahren versklavten und verschleppten. Wogegen ich mich tausendfach an den Unterdrückern rächen würde. Nun, schließlich stamme ich aus einem harten Kriegervolk, während er Abkömmling sanftmütiger Urwaldbauern und Fischer ist. Jeden Morgen sucht er den Kontrollraum auf und sieht sich die kranken und sterbenden Menschen in allen Teilen der Welt an. Denkt, ich wüßte es nicht. Aber ich beobachte ihn. Er empfindet tiefes Mitgefühl für die Leidenden. Ein mitleidiger Mensch, in ma ncher Weise wie ein Kind. Kein Heiliger, aber manchmal fühlt man, daß er das Zeug zum Märtyrer hat.
23. Januar 2012
Plenarsitzung des erweiterten Revolutionsrates. Einige der vertrauten Gesichter fehlen, lassen sich von den Untergebenen vertreten, die nun gewichtig tun und vor Stolz beinahe platzen. Horthy, Ionigylakis, Eyuboglu, Lapostolle, Farinosa, Pariatore, Blount. Lauter subalterne Bürokraten. Feine Revolutionäre! Lapostolle wirft sich in die Brust; Farinosa zuckt ständig mit seiner langen Nase; Ionigylakis kann sich nicht konzentrieren, weil er ständig auf stoßen muß. Ich hätte nicht zulassen sollen, daß Ratsmitglieder sich vertreten lassen, schon gar nicht von solchen Typen; diese weißen Ausländer haben kein Feuer. Aber ich brauche meine alten Kämpfer anderswo. Draußen schneit es wieder. Am liebsten würde ich mir ein Pferd geben lassen und ausreiten, ohne Sattel, die Hufschläge lautlos in der weißen Weite, Mann und Pferd allein über endlose Steppe, eine Brotrinde für mich, ein Ziegenfell mit vergorener Stutenmilch, um unterwegs davon zu trinken… ja, ich bin noch immer jung, ich, der vor ihnen allen war, und sie sind alte Männer! Aber mein Leibarzt würde es natürlich nicht erlauben. Ich beherrsche die Welt, er beherrscht mich. Wie, wenn ich darauf bestünde? Muß ich diese gravitätischen Esel ertragen, wenn Neuschnee auf der Steppe liegt? Ihr Ärzte könnt eine funktionsunfähige Niere ersetzen, werde ich ihm sagen; sicherlich könnt ihr dann auch die erfrorene Nase eines alten Mannes reparieren. Ja, ich werde es tun. Ich werde dieser Langeweile entfliehen.
Hatte ich vielleicht an so etwas gedacht, als ich die Zügel ergriff?
Was hatte ich mir vorgestellt? Alles fiel in Stücke, und es war meine Aufgabe, aus dem Chaos eine neue Welt zu schaffen. Ich glaube, das war es. Wie verabscheute ich die Unordnung, die Verwirrung, das Durcheinander der Nachkriegszeit! Die sterbenden Menschen, die verwüsteten, entvölkerten Länder, der Verfall der revolutionären Moral! Horden verwilderter Menschen, die plündernd und mordend das Land durchstreiften, Hungersnöte, Versorgungsschwierigkeiten und Seuchen. Dazu kam der revolutionäre Kampf in anderen Weltteilen, der unterstützt, gelenkt und zum Sieg geführt werden mußte. Alle Einfachheit schien aus der Welt verschwunden, wohin man sah, stellten sich einem unüberwindlich scheinende Probleme entgegen. Ich liebe Einfachheit, eine straff organisierte Verwaltung, harmonische und klare Strukturen, eine Nation, eine Regierung, ein Gesetzbuch. Ich war dreiundsiebzig Jahre alt und stark. Die Zivilisation war Jahrtausende alt und schwach. Ich konnte das Chaos nicht ertragen. Ich bin überzeugt, daß all jene, die in der Weltgeschichte Großes leisteten und Staaten gründeten, mehr die Unordnung und das Chaos haßten, als daß sie die Macht an sich liebten. Napoleon, Attila, Alexander der Große, Dschingis Khan, Hitler — alle strebten sie nach Einfachheit und Vereinheitlichung. Sie hatten eine Vision von Ordnung und sahen keinen anderen Weg, diese Ordnung zu erreichen, als sie der Welt aufzuzwingen. Wie wir es taten. Natürlich scheiterten die meisten von ihnen und schufen mit ihrem Scheitern mehr Chaos, als sie zuvor hatten aus der Welt schaffen können. Hitler, zum Beispiel. Ich gehöre zu den wenigen, die nicht scheiterten; dennoch ringe ich bis heute um eine einfache, klar gegliederte Verwaltung, um Einheit im Großen wie im Kleinen. Zu diesem Zweck habe ich mich selbst zum Symbol der Einheit gemacht, zum Brennpunkt der ganzen Welt, zu dem Kristall, dessen Facetten das Bild der Welt zusammenfassen. Aber ach, Vater Dschingis, diese Plenarsitzungen, diese endlosen Vorträge, diese Dungfliegen! Vater Dschingis, würdest du müßig sitzen und einem Pariatore und einem Blount zuhören, während du von einem schnellen Pferd und eisig pfeifendem Wind träumtest? Ach! War es dies, wofür ich es auf mich nahm, Ordnung in das Chaos der zerfallenden, verfaulenden Zivilisation zu bringen?