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Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]

Электронная книга - «Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]». Краткое содержание книги:

Der 3. Weltkrieg wurde mit biologischen Waffen ausgetragen. Die Fäulnis, die Menschen bei lebendigem Leib verrotten lässt, grassiert auch noch Jahrzehnte nach Kriegsende. Es gibt ein Serum, doch das ist teuer und nur den Privilegierten vorbehalten.
Die heutigen Machtblöcke der Erde sind zerstoben. Ein greiser Mongole regiert den Weltstaat, ein Tyrann, der sich für die Inkarnation Dschingis Khans und Maos zugleich hält. Sein erdumspannender Geheimdienstapparat ist allgegenwärtig; die Überwachung der Untertanen lückenlos. Er bestimmt, wer der Gnade teilhaftig wird, das Serum zu erhalten. Ein Entzug kommt dem Todesurteil gleich.
Schadrach Mordecai, ein junger Neger aus den ehemaligen USA, ist der Leibarzt des Tyrannen. Er ist persönlich für den Gesundheitszustand des Herrschers verantwortlich, dessen Körper zum größten Teil bereits aus Ersatzorganen besteht. Und Schadrach Mordecai weiß, daß bei den perfekten Sicherheitsmaßnahmen er der einzige Mensch auf der Welt ist, der Hand an das greise Monstrum legen könnte. Doch er ist auf besondere Weise mit dem Tyrannen verbunden: Die Schmerzen des Herrschers sind auch die seinen.
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Die Straßen sind voller Trauerfahnen, und von allen Fassaden und von riesigen, über die Fahrbahnen gespannten Transparenten blickt Mangus kraftvolles Mongolengesicht. Auf einem Platz im Zentrum, wo drei große Boulevards zusammentreffen, errichtet eine Arbeitsbrigade Unterbau und Sockel für ein Denkmal oder eine Statue des populären Toten. Der Prozeß der Kanonisierung macht Fortschritte; Tag für Tag wird der tote Volksheld mit neuen Plakaten, Transparenten und hymnischen Lobpreisungen in den Medien der Bevölkerung nahegebracht. Und das ohne Zweifel überall auf der Erde, nicht nur in der Hauptstadt. Als Toter hat Mangu eine Macht und eine Allgegenwart erreicht, die dem Lebenden immer versagt geblieben war. Er ist in der Tat zu einem gefallenen Halbgott geworden, er ist Baidur, Adonis, Osiris, das Frühlingsschlachtopfer, an dessen Wiederauferstehung zu zweifeln nicht erlaubt ist.

Schadrach schlendert zum Fluß, gelöst und heiter, pfeift eine romantische Melodie — ein Thema von Rachmaninoff, wie er vermutet. Bald bemerkt er, daß ihm ein Mann folgt, der kurz nach ihm aus der Werkstatt gekommen ist. Es beunruhigt ihn nicht. Einstweilen beunruhigt ihn überhaupt nichts. Er ist von allem bezaubert, von der Steppe, den Hügeln, der kühlen Frühlingsluft, der Idee, daß jemand ihm folgt. Sogar die alberne Allgegenwart von Mangus Gesicht vor dem Hintergrund der mongolischen Trauerfarbe, die gelb ist und den Schaustellungen ein seltsam helles und festliches Gepräge gibt, findet er angenehm und passend, als ob in Kürze eine Parade zu Mangus Ehren stattfinden würde, gefolgt von der glorreichen Rückkehr des Stellvertreters. Schadrach lächelt. Er beugt sich über die Steinbalustrade der Uferpromenade, um das ungebärdige Rauschen und Tosen des Flusses zu bewundern, der vom Frühjahrshochwasser angeschwollen ist und wirbelnd und gischtend daherkommt. Schadrach stellt sich das Netzwerk der Rinnsale und munteren Bäche vor, die glasklar von den Gebirgshöhen zu Tal springen, sich vereinigen und dieses trockene Land durchziehen, ein riesiges Arteriensystem, das dem Leben dient, und die Vorstellung erfreut den Arzt in ihm. Wenn er genau hinhört, so sagt er sich, kann er das Atmen des Planeten hören, und sogar den Rhythmus seines Herzschlags, lub-dub, lubdub, lub-dub.

Der Mann, der ihm nachgegangen ist, erscheint jetzt auf der Uferpromenade und stellt sich neben Schadrach an die Balustrade. Seite an Seite sehen sie schweigend dem vorbeirauschenden Wasser zu. Nach einigem Zögern riskiert Schadrach einen verstohlenen Seitenblick und entdeckt, daß der Mann Franco Cifolia ist, der Kommunikationsexperte, der unter anderem Kontrollraum 1 entworfen hat. Cifolia ist ein kaum mittelgroßer, rundlicher, tüchtiger Mann von vielleicht fünfzig Jahren, normalerweise gutmütig und gesprächig, und sein gegenwärtiges uncharakteristisches Verhalten muß etwas bedeuten. Schadrach weiß nicht, ob Cifolia wie er selbst in der Werkstatt gewesen ist, denn die ungeschriebenen Regeln verlangen, daß jeder für sich bleibt und sich während der Meditation nicht um die anderen kümmert. Jetzt sind es andere Rücksichten, die ihm den Mund verschließen. In dieser fast lükkenlos überwachten Welt ist es üblich geworden, Gespräche zu führen, ohne es sich nach außen hin anmerken zu lassen. Viele Male hat Schadrach längere Konversationen mit Partnern geführt, die während des Gesprächs in eine andere Richtung blickten oder ihm sogar den Rücken zukehrten. Darum fährt er fort, sinnend den Fluß zu betrachten, ohne Cifolia auch nur zu grüßen. Er wartet.

Nach einer Weile sagt Cifolia unvermittelt und ohne Schadrach anzusehen: »Ich verstehe nicht, warum Sie noch immer hier herumhängen.«

»Wie bitte?«

»In Ulan Bator. Warum warten Sie wie ein Lamm, bis die Axt fällt? Ich an Ihrer Stelle würde mich verstecken, Mordechai.«

»Sie wissen also…?«

»Ich weiß Bescheid, ja. Mehrere Leute wissen es. Was werden Sie tun?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht unternehme ich einstweilen gar nichts und überdenke meine Lage. Es gibt eine Menge einzuschätzen und zu bewerten.«

»Zu bewerten? Was soll es da noch zu bewerten geben? Aber natürlich, es ist verständlich, daß Sie so etwas sagen!« Obwohl Cifolia offenkundig bemüht ist, unauffällig zu erscheinen, kann er seine Emotionen nicht zügeln; er hebt die Stimme und gestikuliert leidenschaftlich mit beiden Händen. »Wissen Sie, Sie haben nie in die Umgebung des alten Tyrannen gepaßt. Sie sind nicht verrückt genug, um sich in seinem Umkreis zu halten. Sie sind so ruhig, so vernünftig, immer wollen Sie alles überdenken, ja, Sie wollen noch innehalten und die Situation einschätzen, wenn man Ihnen schon das Messer an die Kehle setzt. Wie sind Sie jemals hier gelandet, Mann? Haben Sie sich schon mal gefragt, warum die Mitglieder des Revolutionsrates und die Spitzen der Regierung meistens anderswo tagen und sich beim Vorsitzenden vertreten lassen? Weil sie wissen, daß er bei all seinen unbestreitbaren Verdiensten immer stärker von seinen paranoiden Wahnvorstellungen beherrscht wird, und so sind sie bemüht, ihn mehr und mehr aus den Entscheidungen der praktischen Politik herauszuhalten. Der Regierungspalast hier ist ein Ort für Verrückte, und ich sage das im Ernst, Doktor. Der Chef der Irrenanstalt ist der verrückteste von allen, und die Leute um ihn sind entweder auch Verrückte, oder sie geben sich den Anschein. Da passen Sie einfach nicht hinein. Können Sie sich etwas Verrückteres vorstellen, als einen neunzigjährigen mongolischen Revolutionshelden, der nur noch daran denkt, wie er sein Leben verlängern kann, und zu diesem Zweck zu den haarsträubendsten Mitteln greift? Soll das Vernunft sein? Wer ihn in solchen Wahnideen noch unterstützt und bestärkt, der macht sich mitschuldig, und das gilt genauso für Sie als seinen Leibarzt, wie es für die Crowfoots und Lindmans gilt, die sich für die hirnverbrannte Unmenschlichkeit seiner Pläne hergeben. Und denken Sie an die Organfarmen? Die sind eine weitere Ausgeburt seiner Wahnidee vom ewigen Leben. Jeder, der anfängt, sich mit diesen Dingen abzufinden und sie als normale Gegebenheiten anzusehen, muß ein Verrückter sein, und seien wir ehrlich, so verhält es sich mittlerweile bei uns allen. Avogadro, Horthy, Lindman, Crowfoot, Ionigylakis, ich, die ganze Mannschaft des verrückten Alten. Sie sind die einzige Ausnahme. So ernst, so gewissenhaft. Sie tun nur ihre Arbeit, setzen dem Alten eine neue Leber und eine neue Schlagader ein, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne sich jemals an den Kopf zu fassen und zu fragen, wozu das alles gut sein soll, ohne die Verrücktheit auch nur zu erkennen, weil Sie so unerfahren und zugleich vernünftig sind. Warhaftig rechne ich nicht dazu, der ist entweder ein Roboter oder ein Wahnsinniger, aber Sie, Mordechai, voll von unheimlichen mikroelektronischen Geräten und nicht einmal davon aus der Fassung gebracht! Haben Sie nie das Bedürfnis, zu schreien und sich aufzulehnen? Müssen Sie alles akzeptieren? Akzeptieren Sie sogar die Idee, daß der verrückte Alte sich anschickt, Sie aus Ihrem eigenen Schädel zu vertreiben? Wollen Sie…« Cifolia hält plötzlich inne, atmet pustend aus und zügelt sich mit einer Serie krampfartiger Zuckungen der Gesichtsmuskeln. Dann sagt er ruhiger und in einer völlig veränderten Stimme: »Wirklich, Doktor Mordechai, Sie sind in großen Schwierigkeiten. Sie sollten verschwinden, solange Sie es noch können.«

Schadrach schüttelt den Kopf. »Verstecken ist nicht meine Art.«

»Ist es Sterben?«

»Auch nicht. Aber ich werde mich nicht verstekken. Das liegt mir nicht. Wir Schwarzen haben genug davon. Die alten Zeiten, als wir entlaufene Sklaven waren und uns verstecken mußten, sind für immer vorbei.«

»Wir Schwarzen haben genug davon«, imitiert ihn Cifolia in rau kreischendem Ton. »Du meine Güte! Vielleicht habe ich Sie unterschätzt. Vielleicht sind Sie genauso verrückt wie der Rest von uns. Der Chef hat Sie zum Untergang bestimmt, und Sie stellen Rassenstolz über Ihr eigenes Überleben. Bravo, Mordechai! Sehr edel. Sehr dumm.«

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