Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 1979
- Язык: немецкий
- Год: Heyne Verlag
- ISBN: 3-453-30537-X
- Переводчик: Walter Brumm
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]». Краткое содержание книги:
Die heutigen Machtblöcke der Erde sind zerstoben. Ein greiser Mongole regiert den Weltstaat, ein Tyrann, der sich für die Inkarnation Dschingis Khans und Maos zugleich hält. Sein erdumspannender Geheimdienstapparat ist allgegenwärtig; die Überwachung der Untertanen lückenlos. Er bestimmt, wer der Gnade teilhaftig wird, das Serum zu erhalten. Ein Entzug kommt dem Todesurteil gleich.
Schadrach Mordecai, ein junger Neger aus den ehemaligen USA, ist der Leibarzt des Tyrannen. Er ist persönlich für den Gesundheitszustand des Herrschers verantwortlich, dessen Körper zum größten Teil bereits aus Ersatzorganen besteht. Und Schadrach Mordecai weiß, daß bei den perfekten Sicherheitsmaßnahmen er der einzige Mensch auf der Welt ist, der Hand an das greise Monstrum legen könnte. Doch er ist auf besondere Weise mit dem Tyrannen verbunden: Die Schmerzen des Herrschers sind auch die seinen.
Es gibt eine weitere, noch größere Verlockung — nicht nur eine medizinische Studie zu schreiben, sondern eine breit angelegte, alle Aspekte einbeziehende Biographie Dschingis Khans II. Mao. Abgesehen von vagen, zurechtfrisierten und allein auf Verherrlichung angelegten Lebensbeschreibungen des Vorsitzenden für den öffentlichen Gebrauch in Schulen und politischen Fortbildungskursen, in denen alle Einzelheiten über sein Privatleben fehlen, gibt es nichts, was die Bezeichnung Biographie verdiente. Es ist, als sei der alte Mann von einer abergläubischen Furcht erfüllt, daß sein wahres Selbst zutage gefördert, analysiert und auf Papier ausgebreitet werden könnte. Eben das bezweckt Schadrachs impulsive Fantasie: den alten Teufel literarisch zu beschwören und so eine Art Herrschaft über ihn zu erlangen.
Die Schwierigkeit dabei ist, daß kein Quellenmaterial zur Verfügung steht. Die Archive von Polizei und Einwohnerbehörden sind vollgestopft mit Personalakten und Unterlagen über jeden lebenden Menschen, Unterlagen, in denen alle nennenswerten Daten über jede beliebige Person festgehalten sind. Nur über Dschingis Khan II. Mao gibt es nichts. Die Fakten seines Lebens sind weitgehend unbekannt, sieht man von den elementaren Meilensteinen seines politischen Wirkens ab. Alle Detailinformationen sind unterdrückt, sogar ausgelöscht worden. Wann genau wurde er geboren? In welchem obskuren Dorf? Wie sah seine Kindheit aus, von welcher Art waren seine Jungenträume? Wie war der Name seiner Eltern? Von welcher Art war seine Erziehung und Ausbildung? Wie war das Frühstadium seiner politischen Karriere? War er jemals ins Ausland gereist, war er je verheiratet gewesen? Hatte er Kinder? Ja, das ist eine gute Frage, denkt Schadrach: gibt es irgendwo in der Mongolei oder in den Weiten Ostasiens Männer und Frauen mittleren Alters, die den Vorsitzenden zum Vater haben, und wenn es so ist, wissen sie, wer ihr Vater ist? Niemand kann diese Fragen beantworten. Der alte Mann hat seine Spuren sehr sorgfältig verwischt, so sorgfältig, daß es auf eine totale Geheimhaltung hinausläuft, die als Indiz für eine Art Geisteskrankheit angesehen werden könnte.
Aber ist jemand wirklich bereit und entschlossen, alle Spuren seiner privaten Persönlichkeit zu tilgen? Verbrecher, so heißt es, kehren zwanghaft zum Schauplatz ihres Verbrechens zurück; möglicherweise neigen auch jene, die sich gern in Geheimnistuerei hüllen, dazu, daß sie zum Ausgleich ihrer eigenen Mystifikationen der Nachwelt zuliebe einen vollständigen Bericht alles dessen vergraben, was sie ihr Leben lang zu verbergen suchten. Gibt es keinen Ort, wo der alte Mann Unterlagen über alles das verwahrt, was er der Öffentlichkeit vorenthält? Vielleicht ein Tagebuch, ein persönliches und Hintergründe enthüllendes Tagebuch, ein Zufluchtsort für die maskierte Seele eines einsamen Menschen? Schadrach stellt sich vor, wie er durch Zufall auf ein solches Dokument stößt, mit dessen Hilfe er den ersten wahrheitsgetreuen Bericht über die seltsame und düstere Gestalt verfassen wird, welche die sterbende Zivilisation des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts beherrschte.
Natürlich gibt es kein solches Tagebuch. Gewöhnliche Diebe und Gauner gefährden mit solchen sentimentalen Eitelkeiten zuweilen ihre eigene Sicherheit, aber Schadrach kennt den alten Mann gut genug, um zu wissen, daß dieser keine verborgenen Memoiren hinterlassen wird, damit andere sie finden. Er ist als Privatmann so undurchschaubar wie als Mann des öffentlichen Lebens. Aber das macht nichts. In seiner Fantasierolle als Biograph des Vorsitzenden wird Schadrach auch die Memoiren des Alten erfinden, das Quellenmaterial, das bisher nicht veröffentlicht wurde. Er schließt die Augen und läßt seiner Einbildungskraft freien Lauf. Im Schmelztiegel seines Gehirns entsteht das Tagebuch des alten Tyrannen.
11. November 2010
Mein Geburtstag. Dschingis Khan II. Mao ist heute fünfundachtzig. Nein, das ist nicht richtig. Dschingis Khan II. Mao ist — ungefähr zwanzig Jahre alt. Es ist Dashijin Choijamtse, der heute fünfundachtzig ist. Dashijin Choijamtse, den ich wie einen inneren Zwilling mit mir trage. Wer erinnert sich noch an ihn, den fetten kleinen Kerl in den Armen des stolzen Vaters? So lang ist es her, daß es einem selbst unwirklich erscheint. Im Dorf Dalan-Dsadagad, in einer schneereichen Winternacht des Jahres 1925. Dalan-Dsadagad, im Distrikt Süd-Gobi. Seit fünfzehn Jahren bin ich nicht mehr dort gewesen. Mein Heimatort, aber wer weiß das schon. Wer weiß überhaupt etwas? Nun, ich weiß es, und das genügt. Dashijin Choijamtse ist heute fünfundachtzig. Wie viele von den anderen, die am elften November 1925 geboren wurden, sind noch am Leben? Nicht viele, nein. Und jene, die wie ich überdauert haben, sind altersschwache, tapernde Wracks. Wogegen ich noch immer im besten Mannesalter bin, ich, Dashijin Choijamtse, aus DalanDsadagad, Sohn des Yumshaghijin Choijamtse, zu seiner Zeit Direktor der Kamelzuchtstation in Bogdo-Gum. O ja, ich fühle mich kräftig, robust und bei vollem Verstand. Und das nicht allein wegen der verpflanzten Organe. Es ist das Erbe, das gute alte Nomadenblut. Als der bakteriologische Krieg ausbrach, war ich beinahe siebzig, aber niemand sah es mir an, so kräftig und zäh war ich: noch alle Zähne im Mund, pechschwarzes Haar, jede Woche Zwanzigkilometermärsche. Damals hatte ich meine Organe noch alle beisammen; damals fühlte ich mich noch als Dashijin Choijamtse. Seltsame Silben, die inzwischen fremdartig klingen, obwohl sie sechzig Jahre lang mein Name gewesen sind. Und ich überlebte den Viruskrieg, unberührt von der inneren Fäulnis. Um mich her starben die Menschen wie Fliegen. Eine schreckliche Erinnerung. Die Zeit der Organverpflanzungen kam erst viel später, nachdem die Macht mir zugefallen war und die jahrzehntelangen revolutionären Kämpfe und Mühseligkeiten ihren Tribut forderten. Und nun unterstützen geschickte Ärzte meine natürliche nomadische Lebenskraft. Vielleicht werde ich weitere fünfzig Jahre leben.
Vielleicht noch viel länger.
Wie oft gedenke ich meiner Kindheit! Wie viel Schnee türmt sich in vierundachtzig Jahren auf! Ich sehe meines Vaters Gesicht vor mir, schmal und hager wie das meinige, dichte Augenbrauen, starke Backenknochen. Yumshaghijin Choijamtse von der Kamelzuchtstation in Bogdo-Gum, später Träger des Leninordens. 1939 in der Schlacht am ChalkinGöl verwundet, später Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium… siehst du, Vater, ich erinnere mich gut! 1948 kamst du bei einem Flugzeugabsturz zwischen Moskau und Ulan Bator ums Leben, auf der Heimreise von einer Weizenkonferenz. So lange her. Nun bist du schon zweiundsechzig Jahre tot, Yumshagijin Choijamtse. Kinder, die in der Nacht geboren wurden, als dein Flugzeug abstürzte, sind heute alte Männer und Frauen. Und ich bin noch immer da, Vater. Ich bin der zweite Dschingis Khan. Wie gut entsinne ich mich der Kindheitstage in der Kamelzuchtstation! Ich stehe im Neuschnee, und du hältst ein Kamel am Zaumzeug. Das Kamel ragt wie ein Berg über mir auf, ein langes, gutmütiges Gesicht, die Schnauze wie aus warmem Gummi, geduldige dunkle Augen mit einem Ausdruck feiner Geringschätzung. Das Kamel neigt den Kopf zu mir, und seine riesige Zunge streicht mir rau und feucht und mit dem sauren Geruch gegorenen Heus übers Gesicht. Du lachst, hebst mich auf, nimmst mich in die Arme und drückst mich, daß mir die Luft wegbleibt. Wie riesig du bist! Für mich größer als das Kamel. Ich bin drei, vier Jahre alt.
Und meine Mutter? Ich kannte sie nie. Draußen bei der Yakherde im Schneesturm erfroren, als ich ein Säugling war. Ich habe sogar deinen Namen vergessen, Mutter. Ich könnte nachschlagen, aber wo… wo…?
Schadrach hält inne, denkt nach, überlegt noch einmal. Ist es plausibel? Wie steht es mit der inneren Schlüssigkeit? Der Ton ist ungefähr richtig, aber was ist mit den Tatsachen? Soll er bedeutsame Einzelheiten ändern? Würde das einen Unterschied machen? Es käme auf einen Versuch an…