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Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]

Электронная книга - «Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]». Краткое содержание книги:

Der 3. Weltkrieg wurde mit biologischen Waffen ausgetragen. Die Fäulnis, die Menschen bei lebendigem Leib verrotten lässt, grassiert auch noch Jahrzehnte nach Kriegsende. Es gibt ein Serum, doch das ist teuer und nur den Privilegierten vorbehalten.
Die heutigen Machtblöcke der Erde sind zerstoben. Ein greiser Mongole regiert den Weltstaat, ein Tyrann, der sich für die Inkarnation Dschingis Khans und Maos zugleich hält. Sein erdumspannender Geheimdienstapparat ist allgegenwärtig; die Überwachung der Untertanen lückenlos. Er bestimmt, wer der Gnade teilhaftig wird, das Serum zu erhalten. Ein Entzug kommt dem Todesurteil gleich.
Schadrach Mordecai, ein junger Neger aus den ehemaligen USA, ist der Leibarzt des Tyrannen. Er ist persönlich für den Gesundheitszustand des Herrschers verantwortlich, dessen Körper zum größten Teil bereits aus Ersatzorganen besteht. Und Schadrach Mordecai weiß, daß bei den perfekten Sicherheitsmaßnahmen er der einzige Mensch auf der Welt ist, der Hand an das greise Monstrum legen könnte. Doch er ist auf besondere Weise mit dem Tyrannen verbunden: Die Schmerzen des Herrschers sind auch die seinen.
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Niemand spricht ihn an, niemand sieht ihn an. Keiner kümmert sich um den anderen. Wer hier eintritt, muß mit seinem Werkzeug und seinem Holz allein bleiben. Eine seltsame Feierlichkeit überkommt ihn, als er sich bereit macht, in das Eingangsstadium der Meditation einzutreten. Er legt beide Hände flach auf die Werkbank und neigt den Kopf. Er ist sich dabei der. Gegenwart vieler still und andächtig arbeitender Menschen bewußt, und in dem Maße, wie diese Atmosphäre in ihn eindringt, wird er ernst und nachdenklich.

Im Verlauf der Meditation muß man zuerst die Werkzeuge betrachten, ihre Form und ihr in Jahrtausenden herausgearbeitetes Wesen. Man muß sie betrachten und benennen: dies ist eine Ansatzsäge, dies ein Fuchsschwanz, dies ein Nagelbohrer, dies eine Bindeahle. Dann muß man sich mit ihrem Zweck beschäftigen, was erfordert, daß man sich jedes Werkzeug in Aktion vorstellt, und dies verlangt wiederum nach Vergegenwärtigung bestimmter Grundtechniken der Holzbearbeitung und Tischlerei: der Herstellung von Zapfenlöchern und Zapfen, von Gehrungen und Nuten, der Konstruktion von Rahmen, dem Aufkleben von Furnier, dem Einsetzen von Streben und Keilen. Diese Meditationsphase ist die längste und intensivste. Schadrach hat von fortgeschrittenen Meistern dieser Meditation gehört, die niemals ein Werkzeug oder Holz in die Hände nehmen, sondern einen vollauf befriedigenden Umgang allein auf der geistigen Ebene vollziehen. Bis zum heutigen Tag hat er nie begriffen, wie das geschehen kann, doch nun, wie er mit geschlossenen Augen dasitzt und im Geiste Zapfen und Zapfenloch, Nut und Falz ineinander paßt, versteht er, daß tatsächliche manuelle Arbeit für diese Erfahrung nicht unbedingt erforderlich ist, wenn es einem gelingt, sich tief genug in die meditative Phase zu steigern.

Er versteht es, geht aber nichtsdestoweniger zum letzten Abschnitt der Meditation über, der dem Holz gewidmet ist, dem Mutterstoff. Auch dies ist eine sorgfältig durchstrukturierte Übung, die man damit beginnen muß, daß man sich Bäume vorstellt, nicht bloß irgendwelche Bäume, sondern spezifische Nutzholzarten eigener Wahl, im allgemeinen Fichte, Tanne oder Kiefer, gelegentlich aber auch exotischere Hölzer wie Mahagoni, Teak und Palisander. Man muß den Baum sehen, muß sich vorstellen, wie er gefällt, zum Sägewerk transportiert und gelagert wird; man muß sich das geschnittene Brett vergegenwärtigen und seine Maserung, seine Härte, seinen Feuchtigkeitsgehalt bedenken, seine Anfälligkeit für Schrumpfung und Verwerfung, alle Eigentümlichkeiten und besonderen Schönheiten. Und erst dann, wenn man den Geschmack des Holzes auf der Zunge spürt und in Dankbarkeit und Achtung des Lebewesens Baum gedenkt, dem der Mensch soviel verdankt, erst dann steht man auf, geht zum Lager, sucht sich sein Holz aus und beginnt endlich mit der Arbeit.

Als er dieses Stadium erreicht hat, weiß Schadrach genau, wie das äußere Ergebnis seiner Meditationsübung aussehen wird. Er wird keine komplizierten Schreinerkunststücke versuchen, sondern sich eine derbe, handfeste Zimmermannsarbeit vornehmen, einfach aber rein, eine Arbeit, die zum Ursprung der Form durchstößt: er wird ein Lehrgerüst für einen Bogen aus Ziegelmauerwerk konstruieren. Es steht klar und in allen Einzelheiten vor seinem inneren Auge, komplett mit Rippen und Bindern, Keilen und Verstrebungen; er hat den Halbmesser und die Krümmung berechnet, die Höhe des Schlußsteins, die Kämpferlinie, alles in einer einzigen Vision. Und nun braucht er nur noch zu schneiden und einzupassen und zu nageln, und wenn er fertig ist, wird er alles wieder auseinandernehmen, das Sägemehl verbrennen und fortgehen, gereinigt und befreit von Spannung.

Er arbeitet rasch und zielstrebig, in völliger Konzentration auf den Gegenstand. Eine fast fieberhafte Energie ist jetzt in ihm. Er geht hin und her, sucht Holz für seine Werkstücke zusammen, sägt, hobelt und hämmert, Nägel verschiedener Länge zwischen den Lippen; er hält nicht einen Augenblick inne. Dennoch ist an seiner Arbeit nichts überstürzt. Hast und Übereilung wären töricht; hier kommt es darauf an, die innere Ruhe zu finden. Die Arbeit soll zügig vonstatten gehen, aber ohne Eile. Schadrach arbeitet in heiterer Selbstvergessenheit, wie ein spielendes Kind. Die Arbeit schließt ihren Zweck in sich ein; die aus der eigenen Handarbeit bezogene geistige Erfüllung ist der einzige unmittelbare Zweck der Übung. Sie hat noch andere, tiefer reichende Zielsetzungen erzieherischer und psychologischer Natur, aber der wichtigste Faktor ist die unmittelbare Wirkung. Man nimmt nichts von dem mit, was in der Werkstatt angefertigt worden ist, ebenso wenig wie jemand sein eigenes Werkzeug mitbringen würde. Dies ist kein Ersatz für den Arbeitsraum des Heimwerkers. Was einer hier macht, ist nur Mittel zu einem höheren Zweck und darf nicht zum Selbstzweck werden. Schadrach hat sich früher nie die Mühe gemacht, in diese Dimensionen vorzudringen; bei seinen früheren seltenen Besuchen in Werkstätten wie dieser, zu denen er mehr aus Neugier denn aus tieferem Erkenntnisdrang gekommen war, hatte ihm die körperliche Arbeit Spaß gemacht, das Hämmern, Sägen und der Schweiß, und die ästhetische Belohnung erfreute ihn. Es war ein Vergnügen, unter seinen Händen etwas Gestalt anzunehmen zu sehen, und die anschließende Zerstörung des gerade Geschaffenen hatte ihn jedes Mal geschmerzt, denn er war damals auf einer oberflächlichen Betrachtungsebene stehengeblieben; die Meditation durch Arbeit hatte ihm nichts qualitativ anderes bedeutet als Tennis oder Golf oder Radfahren, und er hatte so gut wie keine Ahnung von den tieferen geistigen Bereichen, die einem ernsten Adepten dieser Übung zugänglich werden. Nun kann er selbst in diese Bereiche vordringen, zumindest in ihre Randgebiete, und diese unerwartete Entdeckung nimmt ihn gefangen und beflügelt ihn zugleich. Er findet, daß Angst und Empörung, Verzweiflung und Selbstmitleid von ihm weichen, daß er gereinigt ist. Er begreift, daß man dieselbe innere Gelöstheit und Ruhe möglicherweise auch durch Tennis oder Golf oder Radfahren erlangen kann. Das Mittel ist unwichtig; nur der Bewußtseinszustand, auf den man hinarbeitet, ist von Bedeutung. Er sieht seinen Bogen Gestalt annehmen; es ist nicht sein Bogen, sondern der Bogen, das Urbild des Bogens, der ideale Bogen, auf dem das Himmelsgewölbe ruht, und er und der Bogen sind eins geworden, und er, Schadrach Mordechai aus Ulan Bator, trägt das ganze Gewicht des Universums und fühlt keine Bürde. Beklagt sich ein Bogen über die Last, die er zu tragen hat? Wenn er ein richtiger Bogen ist, dann gibt er das Gewicht bloß an die Erde weiter, und die Erde beklagt sich auch nicht, sondern teilt den Druck ihrer Last den Sternen mit, die ihn gleichmütig hinnehmen, denn es gibt keine Last, es gibt kein Gewicht, es gibt nur die Ebbe und Flut von Substanz zwischen den miteinander verbundenen Teilen der einen großen Einheit, welche die Matrize von allem ist; und wenn man das begriffen hat, erscheint es auf einmal nicht mehr so wichtig, daß der eigene Körper, der gegenwärtig eine Serie von Verhaltensmustern beherbergt, die sich selbst ›Schadrach Mordechai‹ nennen, demnächst eine andere Serie beherbergen mag, die auf einen anderen Namen hört. Solche Transformationen sind bedeutungslos. Es gibt keinen Wandel; es gibt nur Übertragungen, keine Verwandlungen; die einzige Wirklichkeit ist die Wirklichkeit des ewigen Fließens. Er ist von aller Zwietracht und aller Bitterkeit gereinigt.

Der Bogen ist fertig. Schadrach bewundert die Vollkommenheit der Form, dann schlägt er den Bogen seelenruhig in Stücke und trägt sie zum Abfallbehälter.

Existiert der Bogen nicht länger, nur weil er in seine Bestandteile zerlegt worden ist? Nein. Der Bogen existiert, steht so klar und leuchtend vor seinem inneren Auge, wie in dem Augenblick, als er ihn zuerst ersann. Der Bogen wird immer existieren; er ist unzerstörbar. Schadrach bringt die Werkzeuge in ihre frühere makellose Ordnung, fegt Hobelspäne und Sägemehl zusammen und verbrennt sie zeremoniell in der im Mittelgang aufgestellten Schale. Als seine Werkbank so sauber und aufgeräumt ist, wie er sie vorgefunden hat, legt er wieder die Hände darauf, neigt den Kopf und verharrt so für die Dauer einer oder zweier Minuten, vollkommen entspannt und unbesorgt, eine tabula rasa, geheilt und wiederhergestellt. Dann verläßt er die Werkstatt.

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