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Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]

Электронная книга - «Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]». Краткое содержание книги:

Der 3. Weltkrieg wurde mit biologischen Waffen ausgetragen. Die Fäulnis, die Menschen bei lebendigem Leib verrotten lässt, grassiert auch noch Jahrzehnte nach Kriegsende. Es gibt ein Serum, doch das ist teuer und nur den Privilegierten vorbehalten.
Die heutigen Machtblöcke der Erde sind zerstoben. Ein greiser Mongole regiert den Weltstaat, ein Tyrann, der sich für die Inkarnation Dschingis Khans und Maos zugleich hält. Sein erdumspannender Geheimdienstapparat ist allgegenwärtig; die Überwachung der Untertanen lückenlos. Er bestimmt, wer der Gnade teilhaftig wird, das Serum zu erhalten. Ein Entzug kommt dem Todesurteil gleich.
Schadrach Mordecai, ein junger Neger aus den ehemaligen USA, ist der Leibarzt des Tyrannen. Er ist persönlich für den Gesundheitszustand des Herrschers verantwortlich, dessen Körper zum größten Teil bereits aus Ersatzorganen besteht. Und Schadrach Mordecai weiß, daß bei den perfekten Sicherheitsmaßnahmen er der einzige Mensch auf der Welt ist, der Hand an das greise Monstrum legen könnte. Doch er ist auf besondere Weise mit dem Tyrannen verbunden: Die Schmerzen des Herrschers sind auch die seinen.
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»Wohin könnte ich gehen? Das Überwachungssystem wird mich überall ausfindig machen. Mit Hilfe von Geräten übrigens, die Sie für den Sicherheitsdienst entwickelten, Cifolia.«

Der zuckt die Achseln. »Es gibt Mittel und Wege.«

»Soll ich mich verkleiden? Meine Haut weiß anstreichen? Eine blonde Perücke tragen?«

»Sie könnten genauso verschwinden, wie Buckmaster es tat.«

Schadrach hustet. »Mit solch krankhaftem Humor kann ich jetzt nichts anfangen, Cifolia.«

»Ich spreche nicht von Organfarmen, ich spreche von Verschwinden. Wir haben Buckmaster verschwinden lassen. Wir könnten das gleiche für Sie tun.«

»Buckmaster ist nicht tot?«

»Lebendig und wohlauf. Im Einverständnis mit Angehörigen der Revolutionsrates veränderten wir am Tag der Verurteilung das Personalregister. Die Unterlagen zeigen, daß Roger Buckmaster an dem und dem Tag zur Organfarm geschickt und dort in Nährlösung eingelegt wurde. Wenn so etwas erst im Computer eingespeichert ist, dann ist es wirklicher als wirklich. Maschinenrealität ist Realität höherer Ordnung. Wenn Buckmaster eines schönen Tages gesehen und wiedererkannt wird, dann wird der Computer die Angaben als Unsinn zurückweisen, weil Buckmaster als tot bekannt ist, und weil Tote bekanntermaßen nicht herumlaufen.«

»Wo ist er?«

»Das spielt jetzt keine Rolle. Wichtig ist allein, daß wir ihn retteten und daß wir auch Sie retten könnten.«

»Wir? Wer ist ›wir‹?«

»Das spielt jetzt auch keine Rolle. Wie ich sagte, wir haben die Unterstützung einflußreicher Mitglieder des Revolutionsrates, denen die Verrücktheiten des Vorsitzenden längst zu weit gehen.«

»Soll ich das alles wirklich glauben, Cifolia?«

»Nein, natürlich nicht. Es sind alles Lügen. In Wirklichkeit bin ich ein Agent des Vorsitzenden und versuche Sie in die Falle zu locken. Herrgott, Mordechai, gebrauchen Sie Ihren Verstand! Glauben Sie, ich versuchte Sie in Schwierigkeiten zu bringen? Sie stecken schon bis zum Hals drin. Ich riskiere hier meinen Arsch, und Sie…«

»Schon gut. Lassen Sie mich überlegen.«

»So überlegen Sie schon.«

»Sie machen Ihren Hokuspokus, und ich verschwinde. Nun bin ich ohne Identität und ohne Beruf. Kann ich Medizin praktizieren, wenn ich mich in irgendeinem Kellerloch verstecke? Ich habe immer die Berufung zum Arzt gefühlt. Vielleicht nicht zum Leibarzt des Vorsitzenden, aber zum Arzt, Cifolia. Wenn ich nicht in meinem Beruf arbeiten kann, bin ich niemand, bin ich eine Vergeudung von Talent und Geschicklichkeit. In meinen eigenen Augen werde ich eine Null sein. Hat es irgendeinen Sinn, in ein solches Leben zu verschwinden? Und wie lange würde ich im Untergrund leben müssen? Wenn ich die nächsten zwanzig Jahre meines Lebens eingeschlossen in einem Keller verbringen müßte, würde ich nicht viel schlimmer dran sein, wenn ich mich für das Avatara-Projekt gebrauchen ließe. Vielleicht besser.«

»Sie würden außer Sicht bleiben müssen, bis der Vorsitzende stirbt. Aber danach wäre alles ausgestanden.«

»Danach? Von welchem Danach reden Sie? Der alte Mann kann gut und gern noch fünfzig Jahre leben, bei dieser Betreuung. Ich nicht. Nicht im Untergrund.«

»Er auch nicht«, sagt Cifolia mit einem seltsam drohenden Unterton.

Schadrach starrt ihn verdutzt an. Er weiß nicht, ob er eine Silbe von alledem glauben soll. Buckmaster am Leben? Cifolia ein Verschwörer? Verschwörer auch im Revolutionsrat? Pläne, den Vorsitzenden zu beseitigen? Eine Unmenge von Fragen bedrängt ihn, Fragen, die nach tausend Antworten verlangen; aber aus den Augenwinkeln sieht er zwei graublau uniformierte Milizionäre, die auf ihrem Patrouillengang die Promenade daherkommen. Also wird es jetzt keine Antworten geben können. Cifolia hat sie auch gesehen, deutet ein Kopfnicken an und sagt: »Denken Sie darüber nach. Machen Sie Ihre Einschätzung und lassen Sie mich wissen, was Sie tun wollen.«

»In Ordnung.«

»Haben Sie jemals solches Hochwasser erlebt?«

»Es war ein ungewöhnlich schneereicher Winter«, sagt Schadrach, als die Milizionäre vorbeischlendern.

18

27. Mai 2012

Unruhige Träume. Der Mund voll von Spinnweben, die Finger schlagen Wurzeln. Vorahnungen des Todes. Nähert sich das Ende? Krankhafte Gedanken? Aufzuwachen und nicht dazusein. Das gewaltige Hallen der Stille. Es quält mich. Zu erwachen und nicht mehr dazusein. Anderswo zu sein. Oder nirgendwo zu sein, das große schwarze Loch. Je länger man lebt, desto verzweifelter klammert man sich ans Leben: das Leben wird zu einer Gewohnheit, die man sich schwer abgewöhnt. Wie leer würde die Welt sein, wenn ich sie verließe. Paff, kein Vorsitzender mehr. Welch ein Vakuum! Aus allen Weltteilen würden die Winde hereinströmen, um meinen Platz auszufüllen. Von Sturmesstärke.

Ach ja, ich denke gern über den Tod nach.

Sterben kann lehrreich sein. Das Sterben kann einem sehr viel über sein wahres Selbst sagen. Ich denke mir, daß Sterben sogar angenehm sein kann. Sterben als Heilserfahrung, ja: der zerschlagene und kranke alte Körper, der mit Freuden seinen Geist aufgibt! Ich kann mir denken, daß es für manche Leute die größte Ekstase ist, die sie je gekannt haben.

Aber ach! Ich fürchte es.

Wie werde ich sterben, von welcher Art wird mein Tod sein? Ich glaube, am meisten von allen fürchte ich Meuchelmörder. Die Welt der Lebenden verlassen, ist eine Sache, es ist natürlich und unausweichlich; aus ihr vertrieben zu werden, ist etwas völlig anderes, eine Beleidigung des Selbst. Ich wäre nicht imstande, das Bewußtsein einer solchen Vertreibung zu ertragen. Oder das Gefühl des Übergangs in den Augenblicken vor dem Tode, die Konfrontation mit dem Mörder, die Erkenntnis des Todes, wenn er mit dem Messer oder der Schußwaffe auf mich zukommt. Möge es eine Bombe sein, wenn es kommt. Möge es ein sofort wirkendes Gift in meiner Suppe sein. Aber es wird keine Attentäter geben. Nur noch selten verlasse ich den Palast, und hier bin ich zu gut bewacht. Der Fehler war, daß Mangu nicht den gleichen Schutz genoß. Andererseits war er nicht ich, nur der Stellvertreter; sein Verlust war für ihn nicht, was mein Verlust für mich sein wird. Der Gedanke an das Sterben ist mir fremd. Mein Geist ist zu groß, ich nehme im Bewußtsein der Menschheit einen zu großen Platz ein; die Subtraktion meiner Person von der Welt ist mehr, als die Welt hinnehmen kann. Ganz gewiß mehr, als ich hinnehmen kann.

Aber warum all diese krankhaften Gedanken? Seltsam, bedenkt man, wie gesund ich mich fühle. Eine gewaltige Aufwallung von Vitalität seit der Aortaverpflanzung. Während andere von chirurgischen Eingriffen geschwächt werden, gedeihe ich daran. Ich sollte mich jede Woche operieren lassen. Ja. Doch trotz dieses Wohlbefindens spielt der Tod mit meiner Seele, wenn ich schlafe. Manchmal denke ich, daß das Spiel mit Todesfantasien eine Unterhaltung sei, ein köstlich-schauriger Sport. Wir brauchen Spannung in unserem Leben, um dieses unerträgliche Vorrücken der Existenz zu Verfall und Tod zu ertragen. Tag folgt auf Tag, Sonnenaufgang, Mittag, Sonnenuntergang, Dunkelheit: es kann einen erdrücken, es kann einen zur Verzweiflung treiben. Daher die freudige Erleichterung, wenn man am Ende aller Wahrnehmung angelangt ist, das heißt, am Ende aller Dinge. Es kann Freude bereiten, über das Traurige nachzudenken. Besonders aber nicht ausschließlich dann, wenn es andere betrifft. Welch eine große Rolle spielt im Leben der Menschen das Vergnügen, das aus der Betrachtung fremden Unglücks bezogen wird! Man geht nicht fehl, wenn man das verflossene traurige Jahrhundert das goldene Zeitalter der Schadenfreude nennt. Wir haben die düstere Ekstase des Lebens am Ende einer Ära kennen gelernt, die rauschhafte Begeisterung an Krieg, Untergang und Zusammenbruch. Die Beschießung der Kathedralen 1914, die vielen hunderttausend Soldaten, die vor Verdun und im Schlamm von Flandern starben, die Massaker der russischen Revolution, die erste große Wirtschaftskrise, der darauffolgende Krieg, Auschwitz, Hiroshima, die Zeit der Attentate und politischen Morde, der Befreiungskriege und der sozialen Umwälzungen, der bakteriologische Krieg, die Organzersetzung… So viel gibt es, worüber man sich die Augen ausweinen möchte, obgleich es aus der Sicht des Überlebenden immer andere waren, die mehr gelitten haben als man selbst, was die Tränen ein wenig versüßt. Neun dunkle Jahrzehnte, und ich habe sie alle durchlebt und warum nicht Distanz gewinnen und das Prinzip nach innen kehren? Warum nicht über den Tod Dschingis Khans II. Mao weinen? Trauern ist genußreicher als Sterben. Laßt mich in der Fantasie mein eigenes beklagenswertes Dahinscheiden genießen! Wie sehr bedauere ich meinen Hingang! Ich bin mein eigener zutiefst betroffener Trauergast. Ich liebe diese Fantasien; sie erlauben mir eine außerordentlich intensive Form des Selbstmitleids. Aber sterbe ich tatsächlich? Ich rufe meinen Leibarzt. Er erläutert mir meine morgendlichen Ablesungen. Alles normal, alles gesund. Ich bin ein Phänomen. Ich werde heute nicht aus dieser Welt gehen. Lang lebe der Vorsitzende! Ein langes Leben dem Vater der Revolution!

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