Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Diese Räuber sind überall«, antwortete ein Offizier hinter dem Wachfeuer hervor.
Dolochow bemerkte, die Kosaken seien nur für solche Nachzügler, wie er und sein Kamerad, zu fürchten; größere Abteilungen zu überfallen würden die Kosaken ja wohl nicht wagen, fügte er in fragendem Ton hinzu. Niemand antwortete etwas darauf.
»Nun, jetzt wird er doch endlich aufbrechen«, dachte Petja, der bei dem Wachfeuer stand und das Gespräch mit anhörte, jeden Augenblick. Aber Dolochow nahm das abgebrochene Gespräch wieder auf und erkundigte sich geradezu, wieviel Mann bei ihnen in jedem Bataillon seien, wieviel Bataillone sie hätten und wieviel Gefangene. Als er nach den russischen Gefangenen fragte, die bei der Abteilung waren, sagte er:
»Ein widerwärtiges Geschäft, diese Leichname hinter sich her zu schleppen. Das beste wäre, die ganze Bande totzuschießen.« Und er schlug ein lautes, so sonderbares Gelächter auf, daß Petja meinte, die Franzosen würden nun sofort den Betrug erkennen, und unwillkürlich einen Schritt vom Wachfeuer zurücktrat.
Niemand antwortete auf Dolochows Worte und auf sein Lachen, und ein französischer Offizier, dessen Gesicht bisher nicht zu sehen gewesen war (er lag in seinen Mantel eingemummt da), richtete sich halb auf und flüsterte einem Kameraden etwas zu. Dolochow stand auf und rief den Soldaten mit den Pferden.
»Ob wohl die Pferde gebracht werden oder nicht?« dachte Petja und trat unwillkürlich näher an Dolochow heran.
Die Pferde wurden gebracht.
»Adieu, meine Herren«, sagte Dolochow.
Petja wollte gleichfalls Adieu sagen, vermochte aber keine Silbe herauszubringen. Die Offiziere sprachen flüsternd miteinander. Dolochow hatte lange damit zu tun, auf sein Pferd hinaufzukommen, das nicht stand; dann ritt er im Schritt aus dem Tor hinaus. Petja ritt hinter ihm her; gern hätte er sich umgedreht, um zu sehen, ob die Franzosen ihnen nachliefen oder nicht; aber er wagte es nicht.
Als die auf die Landstraße gekommen waren, ritt Dolochow nicht zurück aufs Feld, sondern die Straße entlang durch das Dorf. An einer Stelle hielt er an und horchte. »Hörst du?« sagte er. Petja erkannte die Klänge russischer Stimmen und erblickte neben einigen Wachfeuern die dunklen Gestalten der russischen Gefangenen. Dann ritten Dolochow und Petja zu der Brücke hinab und an der Schildwache vorüber, die, ohne ein Wort zu sagen, mürrisch auf der Brücke umherging, und gelangten in den Grund, wo die Kosaken sie erwarteten.
»Nun, jetzt lebe wohl. Bestelle an Denisow: beim Morgengrauen, beim ersten Schuß«, sagte Dolochow und wollte davonreiten; aber Petja griff mit der Hand nach ihm und hielt ihn fest.
»Nein!« rief er. »Was sind Sie für ein Held! Ach, wie prächtig, wie herrlich das alles ist! Wie liebe ich Sie!«
»Gut, gut«, sagte Dolochow.
Aber Petja ließ ihn nicht los, und Dolochow bemerkte in der Dunkelheit, daß Petja sich zu ihm hinbog. Er wollte ihn küssen. Dolochow küßte ihn, lachte auf, wandte sein Pferd und verschwand in der Dunkelheit.
X
Als Petja zu dem Wächterhäuschen zurückkam, fand er Denisow im Flur. Denisow, sehr aufgeregt, unruhig und ärgerlich über sich selbst, daß er Petja fortgelassen hatte, wartete auf ihn.
»Gott sei Dank!« rief er. »Na, Gott sei Dank!« wiederholte er, während er Petjas enthusiastischen Bericht anhörte. »Hol dich der Teufel; ich habe um deinetwillen nicht schlafen können«, fuhr er fort. »Na, Gott sei Dank; nun leg dich nur zur Ruhe. Wir wollen bis zum Morgen noch ein bißchen schlafen.«
»Ja … nein«, antwortete Petja. »Ich bin noch gar nicht schläfrig. Und dann kenne ich auch mich selbst: wenn ich erst einmal einschlafe, dann bin ich nicht so leicht wieder wach zu bekommen. Und dann bin ich auch gewohnt, vor einem Kampf nicht zu schlafen.«
Petja saß noch eine Weile in der Stube, erinnerte sich mit großer Freude an die Einzelheiten seines Rittes und malte sich lebhaft aus, was der morgige Tag bringen werde. Als er dann bemerkte, daß Denisow eingeschlafen war, stand er auf und ging hinaus.
Draußen war es noch ganz dunkel. Der Regen hatte aufgehört, aber es fielen noch Tropfen von den Bäumen. In der Nähe des Wächterhäuschens waren die schwarzen Formen der von den Kosaken errichteten Hütten und der zusammengebundenen Pferde zu erkennen. Hinter dem Häuschen hoben sich schwarz die beiden Fuhrwerke ab, bei denen ebenfalls Pferde standen, und in der Schlucht glühte rot das heruntergebrannte Feuer. Die Kosaken und Husaren schliefen nicht alle: hier und da hörte man zwischen dem Klang der fallenden Regentropfen und dem nahen Geräusch des Kauens der Pferde leise, beinahe flüsternde Stimmen.
Petja trat aus dem Flur hinaus, spähte in der Dunkelheit umher und trat zu den Fuhrwerken hin. Unter den Fuhrwerken schnarchte jemand, und um sie herum standen, ihren Hafer kauend, gesattelte Pferde. In der Dunkelheit erkannte Petja sein eigenes Pferd, das er Karabach1 nannte, obwohl es ein kleinrussisches Pferd war, und trat zu ihm hin.
»Nun, Karabach, morgen wollen wir Ehre einlegen«, sagte er, roch an den Nüstern des Tieres und küßte es.
»Sie schlafen nicht, gnädiger Herr?« sagte ein Kosak, der unter dem einen Fuhrwerk saß.
»Nein. Ah … du heißt ja wohl Lichatschow? Ich bin eben erst zurückgekommen. Wir waren zu den Franzosen geritten.«
Und nun erzählte Petja dem Kosaken ausführlich nicht nur von seinem Ritt, sondern auch warum er mitgeritten sei und warum er der Ansicht sei, daß man besser daran tue, sein Leben aufs Spiel zu setzen, als so aufs Geratewohl etwas zu unternehmen.
»Na, nun sollten Sie sich aber schlafen legen«, meinte der Kosak.
»Nein, ich bin es so gewohnt«, antwortete Petja. »Sind denn vielleicht die Feuersteine an euren Pistolen abgenutzt? Ich habe welche mitgebracht. Brauchst du welche? Du kannst von mir bekommen.«
Der Kosak schob sich ein wenig unter dem Fuhrwerk hervor, um Petja mehr aus der Nähe anzusehen.
»Das kommt daher, weil ich gewohnt bin, in allen Dingen sorgsam zu verfahren«, sagte Petja. »Manche Leute handeln unbedacht, blind drauflos, ohne Vorbereitung, und dann nachher bereuen sie es. Das liegt nicht in meinem Wesen.«
»Das ist recht«, sagte der Kosak.
»Ja, da fällt mir noch etwas ein: bitte, lieber Mann, schleife mir doch meinen Säbel; er ist nicht mehr recht …« (Aber Petja scheute sich zu lügen: der Säbel war noch nie geschliffen worden.) »Kannst du das machen?«
»Warum nicht? Das kann ich schon.«
Lichatschow stand auf, kramte in einem Bündel herum, und bald darauf hörte Petja den kriegerischen Klang von Stahl und Wetzstein. Er stieg auf das Fuhrwerk hinauf und setzte sich auf den Rand desselben. Der Kosak unter dem Fuhrwerk schliff den Säbel.
»Sage mal, schlafen die Leute?« fragte Petja.
»Manche schlafen, manche aber auch nicht.«
»Nun, und wie ist es mit dem Jungen?«
»Wessenni? Der liegt da auf dem Flur. Die Angst macht müde. Er war froh, sich hinlegen zu können.«
Darauf schwieg Petja längere Zeit und horchte auf die Geräusche, die vernehmbar waren. In der Dunkelheit ertönten Schritte, und es zeigte sich eine schwarze Gestalt.
»Was schleifst du denn da?« fragte ein Mann, der zu dem Fuhrwerk herankam.
»Ich schleife dem Herrn da seinen Säbel.«
»Das ist vernünftig«, sagte der Mann, welchen Petja für einen Husaren hielt. »Habt ihr hier einen Becher?«
»Ja, da bei dem Rad.«
Der Husar nahm den Becher.
»Es wird wohl bald hell werden«, sagte er gähnend und ging irgendwohin.
Petja hätte wissen müssen, daß er sich im Wald, bei Denisows Freischar, eine Werst von der Landstraße entfernt befand, daß er auf einem den Franzosen abgenommenen Fuhrwerk saß, um welches herum Pferde angebunden waren, daß unter ihm der Kosak Lichatschow saß und ihm den Säbel schliff, daß der große schwarze Fleck rechts ein Wächterhäuschen war und der rote, helle Fleck unten links ein niedergebranntes Wachfeuer, daß der Mensch, der herbeikam und sich einen Becher holte, ein Husar war, der trinken wollte; aber er wußte das alles nicht und wollte es nicht wissen. Er war in einem Zauberreich, in dem nichts der Wirklichkeit ähnlich war. Der große schwarze Fleck war vielleicht wirklich ein Wächterhäuschen; vielleicht aber war es auch eine Höhle, die tief in das Innere der Erde hineinführte. Der rote Fleck war vielleicht ein Feuer, vielleicht aber auch das Auge eines riesigen Ungeheuers. Vielleicht saß er jetzt wirklich auf einem Fuhrwerk; gut möglich aber auch, daß er nicht auf einem Fuhrwerk saß, sondern auf einem furchtbar hohen Turm, so hoch, daß, wenn man herunterfiel, man bis zur Erde einen ganzen Tag, einen ganzen Monat flog, immerzu flog und flog und niemals nach unten kam. Vielleicht saß unter dem Fuhrwerk einfach der Kosak Lichatschow; gut möglich aber auch, daß dies der bravste, tapferste, wunderbarste, vortrefflichste Mensch auf der Welt war, dessen Namen niemand kannte. Vielleicht war da wirklich ein Husar vorbeigekommen und in das Tal hinabgegangen, um sich Wasser zu holen; vielleicht aber auch war er, der soeben aus den Augen verschwunden war, vollständig verschwunden und existierte nicht mehr.