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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Als in Dorogobusch die eskortierenden Soldaten die Gefangenen in einen Pferdestall eingeschlossen hatten und dann selbst fortgegangen waren, um ihre eigenen Magazine zu plündern, hatten mehrere von den Gefangenen die Stallwand untergraben und das Weite gesucht, waren aber von den Franzosen wieder aufgegriffen und erschossen worden.

Die frühere, beim Auszug aus Moskau eingeführte Ordnung, daß die gefangenen Offiziere von den Gemeinen gesondert gingen, war schon längst geschwunden; alle, die gehen konnten, gingen zusammen, und Pierre hatte sich schon am dritten Marschtag wieder zu Karatajew und dem bläulichgrauen Hund gesellt, der sich Karatajew zu seinem Herrn erwählt hatte.

Karatajew war am dritten Tag nach dem Auszug aus Moskau wieder von jenem Fieber befallen worden, an dem er in dem Moskauer Lazarett krank gelegen hatte, und je schwächer Karatajew wurde, um so mehr hielt sich Pierre von ihm fern. Pierre wußte nicht, wie es zuging; aber er mußte sich, seit Karatajew anfing schwach zu werden, Zwang antun, um zu ihm zu gehen. Wenn er sich ihm näherte und das leise Stöhnen hörte, mit dem Karatajew sich gewöhnlich an den Rastorten niederlegte, und den jetzt stärker werdenden Geruch spürte, den Karatajew ausströmte, dann ging Pierre oft so weit wie möglich von ihm weg und dachte nicht mehr an ihn.

In der Gefangenschaft, in der Baracke, hatte Pierre nicht sowohl mit dem Verstand, als vielmehr mit seinem ganzen Wesen und Leben erkannt, daß der Mensch geschaffen sei, um glücklich zu sein, daß das Glück in ihm selbst liege, in der Befriedigung der natürlichen menschlichen Bedürfnisse, und daß alles Unglück nicht vom Mangel, sondern vom Überfluß herkomme. Aber jetzt, in diesen drei letzten Marschwochen, hatte er noch eine neue, tröstliche Wahrheit erkannt: er hatte erkannt, daß es auf der Welt nichts Furchtbares gebe. Er hatte erkannt, daß, wie es auf der Welt keinen Zustand gebe, in dem der Mensch glücklich und vollkommen frei wäre, so es auch keinen Zustand gebe, in dem er unglücklich und unfrei wäre. Er hatte erkannt, daß eine Grenze der Leiden und eine Grenze der Freiheit vorhanden sei, und daß diese Grenze sehr nahe liege; daß der Mensch, der es als ein Leiden empfindet, wenn auf seinem Rosenbett ein einziges Blättchen umgeknickt ist, gerade ebenso leide, wie er jetzt litt, wenn er auf der nackten, feuchten Erde schlief und die eine Seite seines Körpers kalt, die andere warm war; daß, wenn er ehemals seine engen Ballschuhe anzog, er genauso gelitten habe wie jetzt, wo er bereits vollständig barfuß ging (sein Schuhzeug war längst hinüber) und seine Füße mit wunden Stellen und Schorf bedeckt waren. Er erkannte, daß er damals, als er, vermeintlich nach seinem eigenen Willen, seine Frau geheiratet hatte, nicht freier gewesen sei als jetzt, wo man ihn für die Nacht in einem Pferdestall einschloß. Von allem, was in späterer Zeit auch er selbst Leiden nannte, was er aber zur Zeit kaum empfand, waren das Schlimmste die nackten, wunden, mit Schorf überzogenen Füße. Das Pferdefleisch war schmackhaft und nahrhaft; der Salpetergeschmack des Pulvers, das statt des Salzes verwendet wurde, war sogar angenehm; die Kälte war nicht übermäßig, und bei Tag auf dem Marsch war es immer warm, und in der Nacht hatten sie die Wachfeuer; die Läuse, die an ihm fraßen, wärmten seinen Körper. Nur eins war in der ersten Zeit schwer zu ertragen: das waren die Füße.

Als Pierre am zweiten Marschtag beim Wachfeuer die Verletzungen an seinen Füßen besah, hielt er es für unmöglich, mit diesen Füßen weiterzugehen; aber als alle sich erhoben, ging auch er, nur ein wenig hinkend, und nachher, als er warm geworden war, sogar ohne Schmerz, obgleich am Abend seine Füße noch schrecklicher aussahen. Aber er sah sie gar nicht näher an und dachte an andere Dinge.

Erst jetzt begriff Pierre, welche gewaltige Lebenskraft dem Menschen innewohnt und welch ein Segen die ihm verliehene Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit abzulenken, für ihn ist, eine Fähigkeit, die dem Sicherheitsventil an Dampfkesseln gleicht, das den überflüssigen Dampf hinausläßt, sobald seine Spannung ein bestimmtes Maß übersteigt.

Er hatte weder gesehen noch gehört, wie die zurückgebliebenen Gefangenen erschossen wurden, obgleich über hundert von ihnen schon auf diese Weise umgekommen waren. Er dachte nicht an Karatajew, der von Tag zu Tag schwächer wurde und offenbar bald demselben Schicksal verfallen mußte. Noch weniger dachte Pierre an sich selbst. Je schwieriger seine Lage sich gestaltete, je schrecklicher die Zukunft war, um so weiter von seinem jetzigen Zustand abliegende Gedanken, Erinnerungen und Vorstellungen freudiger und beruhigender Art kamen ihm in den Sinn.

XIII

Am 22. Oktober ging Pierre gegen Mittag auf der schmutzigen, schlüpfrigen Landstraße bergan und blickte nach seinen Füßen und den Unebenheiten des Weges. Ab und zu betrachtete er die ihm wohlbekannte Menschenmenge, die ihn umgab; dann wandte er seinen Blick wieder seinen Füßen zu. Das eine wie das andere gehörte in gleicher Weise zu ihm und war ihm vertraut. Der bläuliche, krummbeinige Hund, der sogenannte Graue, lief fröhlich an der Seite des Weges; mitunter drückte er zum Beweis seiner Geschicklichkeit und seiner zufriedenen Stimmung die eine Hinterpfote gegen den Leib und hüpfte auf dreien und dann wieder auf allen vieren und stürzte mit Gebell auf die Krähen los, die auf den Kadavern saßen. Der Graue war vergnügter und sah glatter aus als in Moskau. Auf allen Seiten lag Fleisch von verschiedenen Wesen, vom Menschenfleisch bis zum Pferdefleisch, in verschiedenen Stadien der Zersetzung, und die Wölfe wagten sich wegen der marschierenden Menschen nicht heran, so daß der Graue fressen konnte, soviel er nur irgend mochte.

Es regnete seit dem Morgen, und jedesmal, wenn man meinte, nun sei es vorbei und der Himmel werde sich aufheitern, setzte nach einer kurzen Pause der Regen noch stärker ein. Die vom Regen durchtränkte Landstraße nahm kein Wasser mehr in sich auf, und in den Wagengeleisen rieselten kleine Bäche.

Pierre warf im Gehen mitunter einen Blick nach rechts und links, auch zählte er die Schritte, indem er nach je drei Schritten einen Finger einbog. Sich an den Regen wendend, sagte er in seinem Innern: »Nur zu, nur zu; mach’s nur immer ärger!«

Er meinte, er denke an nichts; aber seine Seele war in irgendeinem Teil ihrer fernsten Tiefe mit hehren, tröstlichen Gedanken beschäftigt. Es war dies der feinste geistige Extrakt aus seinem gestrigen Gespräch mit Karatajew.

Als Pierre tags zuvor im Nachtbiwak bei einem erlöschenden Feuer zu sehr gefroren hatte, war er aufgestanden und zu dem nächsten, besser brennenden Feuer gegangen. Bei dem Feuer, zu dem er gekommen war, saß Platon; er hatte sich mitsamt dem Kopf in einen Mantel wie in ein Meßgewand eingehüllt und erzählte den Soldaten mit seiner ausdauernden, angenehmen, aber schwachen und kränklichen Stimme eine Geschichte, die Pierre schon kannte. Es war bereits Mitternacht. Dies war die Zeit, wo Karatajew sich gewöhnlich von seinem Fieberanfall erholte und besonders lebhaft war. Als Pierre zu dem Wachfeuer kam und Platons schwache, kränkliche Stimme hörte und sein von dem Feuer hell beleuchtetes, mitleiderregendes Gesicht sah, da fühlte er eine Art von unangenehmem Stechen im Herzen. Er erschrak über sein Mitleid mit diesem Menschen und wollte wieder fortgehen; aber ein anderes Wachfeuer war nicht da, und so setzte sich denn Pierre bei diesem hin und versuchte, Platon nicht anzusehen.

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