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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Na, und die übrigen? Was fängst du mit denen an?« fragte Dolochow.

»Was ich mit denen anfange? Ich schicke sie mit einem zu quittierenden Begleitschein weg«, rief Denisow und wurde auf einmal ganz rot im Gesicht. »Ich kann dreist sagen, daß ich kein Menschenleben auf meinem Gewissen habe. Macht es dir denn soviel Mühe, dreißig oder dreihundert Menschen mit Eskorte nach der Stadt zu schicken, daß du lieber, ich sage es geradeheraus, die Soldatenehre befleckst?«

»Dem jungen Gräflein hier mit seinen sechzehn Jahren würde es wohl anstehen, solche humane Phrasen zu machen«, erwiderte Dolochow mit kaltem Spott. »Aber du solltest doch über dergleichen schon hinaus sein.«

»Aber ich sage ja gar nichts; ich sage nur, daß ich unter allen Umständen mit Ihnen mitreite«, bemerkte Petja schüchtern.

»Für mich und dich aber, Bruder, ist es wirklich Zeit, uns von diesem Humanitätsdusel freizumachen«, fuhr Dolochow fort, der ein besonderes Vergnügen darin zu finden schien, über diesen Gegenstand zu sprechen, über den Denisow in Aufregung geriet. »Na, und diesen hier, warum hast du den zu dir genommen?« sagte er, den Kopf hin und her wiegend. »Wohl weil er dir leid tut? Wir kennen ja deine zu quittierenden Begleitscheine. Hundert Mann schickst du ab, und dreißig kommen an. Sie sterben vor Hunger oder werden totgeschlagen. Ist es da nicht ganz dasselbe, wenn man sie gar nicht erst mitnimmt?«

Der Jesaul kniff seine hellen Augen zusammen und nickte beifällig mit dem Kopf.

»Freilich ist es dasselbe; darüber ist nicht zu streiten«, erwiderte Denisow. »Aber ich mag es nicht auf mein Gewissen nehmen. Du sagst, sie sterben. Na gut. Aber sie sollen nicht durch meine Schuld sterben.«

Dolochow lachte auf.

»Sie hätten ja auch ihrerseits mich schon zwanzigmal gefangennehmen können. Und wenn sie uns gefangennehmen, mich und dich mit deiner Ritterlichkeit, so hängen sie uns einen wie den andern ohne Unterschied auf.« Er schwieg ein Weilchen. »Aber nun müssen wir uns ans Werk machen. Schickt mir meinen Kosaken mit dem Bündel her. Ich habe zwei französische Uniformen mit. Nun, reitest du mit mir?« fragte er Petja.

»Ich? Ja, ja, unbedingt!« rief Petja tief errötend und warf dabei einen Blick nach Denisow.

Auch jetzt wieder hatte Petja, während Dolochow mit Denisow darüber stritt, was man mit den Gefangenen tun müsse, ein Gefühl der Unbehaglichkeit gehabt; aber es war ihm wieder nicht gelungen, recht zu verstehen, wovon sie sprachen. »Wenn große, angesehene Männer so denken, so wird es so wohl notwendig und gut sein«, dachte er. »Aber vor allen Dingen darf Denisow nicht zu glauben wagen, er könne mir befehlen und ich sei sein gehorsamer Untergebener. Unter allen Umständen reite ich mit Dolochow in das französische Lager. Was er kann, kann ich auch!«

Auf alle Ermahnungen Denisows, den Ritt zu unterlassen, antwortete Petja, auch er sei gewöhnt, in allem sorgsam zu verfahren und nicht so aufs Geratewohl, und denke nie an Gefahr für seine eigene Person.

»Denn das werden Sie ja selbst zugeben müssen: wenn man nicht genau weiß, wieviel da sind … Davon hängt vielleicht das Leben von Hunderten ab, und wir sind unser nur zwei. Und dann habe ich die größte Lust dazu. Und ich reite unbedingt mit, unbedingt. Suchen Sie mich nicht mehr zurückzuhalten«, sagte er, »das bestärkt mich nur in meinem Entschluß …«

IX

Mit französischen Mänteln und Tschakos ausstaffiert, ritten Dolochow und Petja nach jenem Durchhau, von welchem aus Denisow das Lager in Augenschein genommen hatte, und dann, als sie aus dem Wald herausgekommen waren, in den Grund hinunter. Unten angelangt, befahl Dolochow den Kosaken, die ihn begleiteten, dort zu warten, und ritt in starkem Trab den Weg entlang zur Brücke hin. Petja, vor Aufregung seiner selbst kaum mächtig, ritt neben ihm.

»Wenn wir gefaßt werden, so ergebe ich mich nicht lebendig; ich habe eine Pistole«, flüsterte Petja.

»Sprich nicht russisch«, flüsterte Dolochow schnell zurück, und in demselben Augenblick erscholl in der Dunkelheit der Anruf: »qui vive?«, und der Hahn eines Gewehres knackte.

Das Blut stieg Petja ins Gesicht, und er griff nach seiner Pistole.

»Lanciers vom sechsten Regiment«, antwortete Dolochow, ohne den Gang seines Pferdes zu beschleunigen oder zu verlangsamen.

Auf der Brücke stand die schwarze Gestalt einer Schildwache.

»Die Parole!«

Dolochow hielt das Pferd zurück und ritt im Schritt.

»Sagen Sie doch, ist Oberst Gérard hier?« fragte er.

»Die Parole!« sagte die Schildwache noch einmal, ohne auf die Frage zu antworten, und vertrat ihnen den Weg.

»Wenn ein Offizier seine Runde macht, fragen die Schildwachen nicht nach der Parole …«, rief Dolochow, plötzlich auffahrend, und ritt auf die Schildwache los. »Ich frage Sie, ob der Oberst hier ist.«

Und ohne die Antwort des beiseite tretenden Postens abzuwarten, ritt Dolochow im Schritt bergan.

Als er den schwarzen Schatten eines quer über den Weg gehenden Menschen bemerkte, hielt Dolochow diesen Menschen an und fragte ihn, wo der Kommandeur und die Offiziere seien. Der Mann, ein Soldat mit einem Sack auf der Schulter, blieb stehen, trat nahe an Dolochows Pferd heran, berührte es mit der Hand und erzählte schlicht und freundlich, der Kommandeur und die Offiziere seien weiter oben auf der Anhöhe, rechts, auf dem Hof der Ferme, wie er das Gutshaus nannte.

Sie verfolgten den Weg weiter, wobei sie auf beiden Seiten von den Wachfeuern her französische Gespräche hörten. Dann bog Dolochow in den Hof des Gutshauses ein. Nachdem er das Tor passiert hatte, stieg er vom Pferd und näherte sich einem großen, hell lodernden Wachfeuer, um welches herum eine Anzahl von Menschen saßen, die in lauter Unterhaltung begriffen waren. In einem Kessel kochte etwas, und ein Soldat, in einem blauen Mantel und mit einer Zipfelmütze, kniete, vom Feuer hell beleuchtet, davor und rührte darin mit einem Ladestock.

»Ach, das ist ein zähes Tier; das wird gar nicht weich zu kriegen sein«, sagte einer der Offiziere, die auf der gegenüberliegenden Seite des Wachfeuers im Schatten saßen.

»Er wird die Kaninchen schon Mores lehren« (eine französische Redensart), sagte ein anderer lachend.

Beide verstummten und spähten in die Dunkelheit hinein, als sie das Geräusch der Schritte Dolochows und Petjas vernahmen, die mit ihren Pferden auf das Wachfeuer zukamen.

»Guten Abend, meine Herren!« sagte Dolochow laut und deutlich.

Die Offiziere im Schatten hinter dem Wachfeuer kamen in Bewegung, und einer von ihnen, ein Mann von hohem Wuchs, mit langem Hals, ging um das Feuer herum und trat auf Dolochow zu.

»Sind Sie es, Clément?« fragte er. »Wo kommen Sie denn her, hol Sie …« Aber er sprach nicht zu Ende, da er seinen Irrtum gewahr wurde, begrüßte nun, leise die Stirn runzelnd, Dolochow wie einen Unbekannten und fragte ihn, womit er ihm dienen könne.

Dolochow erzählte, er und sein Kamerad suchten ihr Regiment wieder einzuholen, und fragte, indem er sich an alle zusammen wandte, ob die Offiziere nicht etwas vom sechsten Regiment wüßten. Niemand wußte etwas, und es kam Petja so vor, als ob die Offiziere anfingen ihn und Dolochow mit feindseligen, argwöhnischen Blicken zu betrachten. Einige Sekunden lang schwiegen alle.

»Wenn Sie auf die Abendsuppe gerechnet haben, so sind Sie zu spät gekommen«, sagte eine Stimme hinter dem Wachfeuer hervor mit verhaltenem Lachen.

Dolochow antwortete, sie seien satt und müßten noch in der Nacht weiterreiten. Er gab die Pferde an den Soldaten ab, der im Kessel rührte, und kauerte sich bei dem Wachfeuer neben dem Offizier mit dem langen Hals hin. Dieser Offizier blickte Dolochow unverwandt an und fragte ihn noch einmal, von welchem Regiment er wäre. Dolochow antwortete nicht, als ob er die Frage nicht gehört hätte, rauchte ein kurzes französisches Pfeifchen an, das er aus der Tasche geholt hatte, und fragte die Offiziere darüber aus, in welchem Maße die vor ihnen liegende Straße vor Kosaken sicher sei.

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